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Home Feuilleton

Zum Wiener Karl Lueger-Denkmal

2. Juli 2022
in Feuilleton
Zum Wiener Karl Lueger-Denkmal

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck

I. Karl Kraus schreibt am Vorabend des ersten Massenmordens über den „Untergang der Welt durch schwarze Magie“ 

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts suchte die Habsburgermonarchie auf dem Balkan vorzudringen. Mit Franz Ferdinand (1863–1914) und Conrad von Hötzendorf (1852–1925) war der Kurs in Richtung Krieg eindeutig. Am 7. Oktober 1908 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina, die seit 1878 okkupiert waren, was den Gegensatz zwischen Serbien und Österreich-Ungarn massiv verschärfte. Mit Unterstützung Russlands koordinierten sich 1912 Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro im Balkanbund für den gemeinsamen Kampf zur Befreiung von der türkischen Herrschaft. Am 8. Oktober 1912 (bis 30. Mai 1913) begann der erste Balkankrieg, der die türkische Fremdherrschaft über die Balkanvölker beendete. War der erste Balkankrieg ein Befreiungskrieg, so ging es beim zweiten Balkankrieg (29. Juni 1913 – 10. August 1913) um die territoriale Neuaufteilung, die zu einer Vergrößerung Serbiens und zur Aufteilung von Makedonien unter die Balkanstaaten führte. 

Der erste von Europa ausgehende Weltkrieg war am Horizont. Die herrschenden Eliten der Habsburgermonarchie setzten auf den Hass gegen die Serben und überhaupt gegen die Slaven. Die Stimmungsmache übernahmen die österreichischen Medien mit ihrem Tross von Journalisten, Professoren und sonstigen Ideologen. Karl Kraus (1874–1936) hat vom „Untergang der Welt durch schwarze Magie“ geschrieben und treffend bemerkt: „Wenn der alte journalistische Typus in den Krieg zog, so log er. Aber er begnügte sich damit, unwahre Tatsachen mitzuteilen. Der neue ist dazu unfähig und stiehlt Stimmungen.“[1] Ähnlich Karl Kraus analysiert der weltbekannte Linguist Noam Chomsky (*1928), der wie Kraus jüdischer Herkunft ist: „Es ist typisch für die großen Medien und die vorgeblichen Intellektuellen bei einer Krise sich auf die Seite der Macht zu stellen und zu versuchen, die Bevölkerung mitzuziehen. Das geschah bei der Bombardierung Serbiens und auch während des Golfkrieges – und ist historisch gesehen eine ganz geläufige Taktik“.[2] Karl Kraus nennt von den Stimmungsmachern beispielhaft Außenminister Alois Lexas von Aehrenthal (1854–1912) und den Historiker Heinrich Friedjung (1851–1920), der einen deutschnationalen Bestseller geschrieben und die Kriegsvorbereitungen ideologisch begleitet hat.[3] Karl Kraus hat die professionelle Niedertracht solcher Figuren charakterisiert und prophezeit, dass diese unter denselben gesellschaftlichen Bedingungen Nachfolger haben werden. In seinem Artikel zum „Friedjung-Prozess“ schreibt Kraus: „Dieses öffentliche Leben, das auf der Grundlage der allgemeinen, gleichen und direkten Ehrlosigkeit beruht, empfindet manchmal das Bedürfnis, sich zu überzeugen, ob diese Grundlage auch sicher genug ist. Es expektoriert sich zuerst im moralischen Auswurf, und wenn es dann den Schleim vom Boden wieder aufgeleckt hat, ist die Probe gelungen. Aber ihr habt doch gestern noch – ?“.[4]

II. Über die „Gewissheit“ der Cancel Culture

Von Voltaire (1694–1778) stammt die Weisheit: „Der Zweifel ist kein angenehmer Zustand. Gewißheit aber ist ein lächerlicher Zustand“.[5] Die Aufklärung hat Schiffbruch erlitten. Der an der Innsbrucker Universität tätige Zeit-Historiker Dirk Rupnow (*1972) hat Erfahrung, wie ein österreichisches Denkmal in der Ideologie des wieder Kriege führenden Deutschlands political correctness verfremdet werden kann.[6] Jetzt posaunt Rupnow mit deutscher „Gewissheit“, dass das Wiener Karl Lueger-Denkmal an der Ringstraße beim Stubentor entsorgt, jedenfalls in ein Museum verräumt gehört. Rupnow hat sich dafür das Einverständnis einer Internationalen Liga gegen Rassismus und Antisemitismus organisiert. Der in Wien geborene und 1939 mit seiner jüdischen Familie von dort vertriebene Eric Kandel (*1929) hat sich als „Denkmalstürmer“ einbinden lassen. In seiner Autobiografie hat sich Kandel noch eher milde an das von Lueger und seiner Partei etwas gestörte Wohlbefinden der gut situierten jüdischen Mittelschicht in Wien erinnert.[7] Nicht erinnern will sich dieser US-amerikanische Nobelpreisträger der Medizin an das ihm begegnete und überlieferte ungeheure Wiener Elend, über welches der junge jüdische Journalist Bruno Frei (1897–1988) geschrieben und von deren im von Korruption begleiteten Privateigentum liegenden Ursachen die reichen Juden ebenso wie die privilegierte bürgerliche Mittelschicht, ob jüdisch oder nicht, weggeschaut haben.[8] Kandel vergleicht das „Wien 1900“, also das Wien des Bürgermeisters Lueger (1844–1910), als „Kulturhauptstadt Europas – in gewisser Hinsicht vergleichbar mit Konstantinopel im Mittelalter und Florenz im 15. Jahrhundert“.[9]

Kurt Skalnik (1925–1997)[10] war ein Gegner der Nazis und viele Jahre verantwortlicher Presseleiter der Präsidentschaftskanzleien von Bundespräsidenten Franz Jonas (1899–1974), Rudolf Kirchschläger (1915–2000) und Kurt Waldheim (1918–2007). Gemeinsam mit Erika Weinzierl (1925–2014) hat er zur österreichischen Zeitgeschichte publiziert. Skalnik hebt die von Karl Lueger in seiner Bürgermeisterzeit (1897–1910) durchgesetzten kommunalpolitischen und durchaus vorbildhaften Pionierleistungen hervor. Diese würden die „Erinnerung an einen großen Österreicher“ Dauer geben.[11] Franz Joseph (1830–1916) wollte Lueger, der ihm ein „Marktschreier“ war, 1895 als Bürgermeister gar nicht bestätigen, 1897 musste er das nach dessen dreimaliger Wiederwahl dann doch tun. Die aus Petersburg kommende Jüdin Eva Priester (1910–1982), von der die bisher einzige materialistische Darstellung der Geschichte Österreichs stammt, schreibt über Lueger: „Er war ein organisatorisches Genie, er hatte Ideen, die Fähigkeit zu planen, die Hartnäckigkeit und den Mut, seine Pläne durchzuführen. Unter seiner Regierung veränderte sich Wien, wuchs und entwickelte es sich. Lueger baute die zweite Hochquellenleitung, die Wien mit gesundem Wasser versorgte, schuf einen Grüngürtel rings um Wien, Parks in Wien – wobei die alten Friedhöfe in Gärten umgewandelt wurden -, er baute das Versorgungshaus in Lainz, errichtete Schulen und Spitäler, schuf städtische Sparkassen und städtische Versicherungsanstalten. […] Man vergaß den antisemitischen Agitator, man sah nur den >Vater Lueger<, wie ihn viele zu nennen begannen.“[12] 

Die in der Monarchie lebenden Nationen waren für Karl Lueger gleichberechtigt, die Juden waren keine eigene Nation, was die Vertreter der jüdischen Emanzipation auch so gesehen haben. Vom gemeinsamen geistigen Erbe von Juden und Christen war in der Katholischen Kirche noch lange nicht die Rede. Kaiser Leopold I. (1640–1705), eine besonders grausame und frömmelnde Gestalt aus der Habsburgerdynastie, hat 1670 die Juden als „Feinde Christi“ aus Wien vertrieben.[13] Soweit bekannt wird von den Tophistorikern nicht daran gedacht, den nach Leopold I. benannten Leopoldtrakt der Wiener Hofburg, wo der Bundespräsident der demokratischen Republik Österreich residiert, abzureißen oder in ein Museum mit Kontextualisierung umzugestalten. Nebstbei erzählt hat Leopold I. 1669, in welchem Jahr er die Verordnung zur Vertreibung der Juden unterzeichnet hat, auch die Gründung der Universität in Innsbruck unterzeichnet. Diese wurde 1826 nach ihrer 1810 erfolgten Aufhebung von Kaiser Franz II. (I.) (1768–1835) wieder gegründet. Diese Persönlichkeit aus der habsburgischen Räuberdynastie verlangte Demokraten zu köpfen, was auch geschehen ist, und forcierte einen Feldzug des Staatsapparats gegen die ganze Intelligenz. Überhaupt keinen Aufwand würde es bedeuten, die goldenen Lettern „Universitas Leopoldino-Fransciscea“ über dem Portal des Hauptgebäudes der Innsbrucker Universität zu kontextualisieren. Eine Initiative dazu von Rupnow und seiner deutsch-österreichischen Gilde ist nicht bekannt.

Als historisches Faktum bleibt, dass die von Lueger formell 1893 gegründete christlich-sozialen Partei eine antisemitische Agitation betrieben hat, die nicht nur den Führer der deutschen Faschisten Adolf Hitler (1889–1945) in seiner Jugend nachhaltig beeinflusste.[14] Als Bürgermeister hat Lueger Juden in verschiedenen Bereichen diskriminiert, an der Zusammenarbeit mit Juden war er nicht interessiert. Nach Meinung von Bruno Kreisky (1911–1990) war es der „genialste Schurkenstreich“ von Lueger und seiner Partei, den Antisemitismus politisch zu instrumentalisieren.[15] Man dürfe aber nicht vergessen, so Kreisky über die Zeit von Lueger, dass die meisten armen Leute, die sich etwas zum Anziehen kaufen mussten, das bei einem jüdischen Trödler in Raten machten und diesem dann für die Eintreibung der Raten die Schuld gaben.[16] Besonders der Wiener Antisemitismus unter Lueger war für den ungarischen Juden und „Vater des Zionismus“ Theodor Herzl (1860–1904) Inspiration für seine Auffassung, dass Juden und Nichtjuden immer wieder auf ihre Herkunft festgelegt werden würden und deshalb für Juden eine eigene Gesellschaft in einem eigenen Land der notwendige Ausweg sei.[17]

1926 hat der sozialdemokratische Wiener Bürgermeister Karl Seitz (1869–1950), der wegen seiner humanen Haltung ein Opfer der österreichischen und deutschen Faschisten wurde, zugestimmt, dass das von einem privaten Komitee in Auftrag gegebene und vom österreichischen Bildhauer Josef Müllner (1879–1968) geschaffene Karl Lueger-Denkmal am Stubentor seinen Platz finden kann. Seit 2016 steht an der Seite des Monuments eine von Oliver Rathkolb sympathisch nüchtern formulierte Zusatztafel,[18] die auf den Antisemitismus von Lueger hinweist und Anstoß zum Nachdenken über den historischen Prozess in Wien geben kann. Das ist für die Ideologie der Herrschaftsmedien mit ihrer vorgegaukelten Pressefreiheit zu wenig. Karl Lueger wird als Sündenbock aus der österreichischen Geschichte geholt, um die Bevölkerung von den Problemen der Gegenwart mit ihrer ungeheuren Kluft zwischen Reichen und Armen und zwischen Herrschenden und Beherrschten, mit ihren Kriegen und Opfern und hungernden Kindern abzulenken.

Der Antisemitismus eines Karl Lueger und seiner Wiener ist wie Auschwitz Vergangenheit. In der Gegenwart stellen die Optionen der NATO als weltweit operierende Interventionsallianz des Imperialismus eine Gefahr für die ganze Menschheit dar. Die vom deutschen Zentrum der Europäischen Union ausgehenden Aggressionskriege, die gigantischen Aufrüstungen und Waffenlieferungen oder die anhaltende brutale Gewalt Israels in den okkupierten palästinensischen Gebieten werden nicht in Frage gestellt. Die destruktive Kraft der bürgerlich imperialistischen Mainstream-Medien samt ihren Journalisten und HistorikerInnen hat sich seit Karl Kraus nicht geändert. Ganz allgemein kann zu diesem ganzen „Dreck“ mit Karl Marx (1818–1883) bekannt werden, dass eine Revolution „nicht nur nötig [ist], weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden“.[19] 


[1] Z. B. Karl Kraus: Schriften. Hg. von Christian Wagenknecht. Band 4 (= Untergang der Welt durch schwarze Magie. suhrkamp taschenbuch 1314) 1. A. 1989, S. 424–454, hier S. 427. 

[2] Noam Chomsky: The Attack. Hintergründe und Folgen. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt. Europa Verlag Hamburg Wien 2001, S. 19. 

[3] https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Geschichte/Friedjung%2C_Heinrich;

[4] Karl Kraus, Schriften, S. 21–37; dazu Gerald Lind: Satiriker kontrollieren den Geschichtsforscher. Karl Kraus und Heinrich Friedjung. MIÖG 114 (2006), S. 381–403. 

[5] Weisheiten. Zeugnisse philosophischer Weisheit aus zweieinhalb Jahrtausenden. Hg. von Manfred Buhr. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, S. 70.

[6] Gerhard Oberkofler: Verstörende Verfremdung – Kommentare der anderen – derStandard​.at › Diskurs

[7] Eric R. Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Siedler Verlag München 2006, S. 38 f.

[8] Gerhard Oberkofler: Mit der Ethik der Väter (Pirkey Aboth) zum Denken und Handeln für eine geschwisterliche Welt – Teil 1 – Zeitung der Arbeit; Mit der Ethik der Väter (Pirkey Aboth) zum Denken und Handeln für eine geschwisterliche Welt – Teil 2 – Zeitung der Arbeit

[9] Eric Kandel: Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute. Aus dem amerikanischen Englisch von Martina Wiese. Siedler Verlag München 2012, S. 26.

[10] Kurt Skalnik – Wien Geschichte Wiki

[11] Kurt Skalnik: Dr. Karl Lueger. Der Mann zwischen den Zeiten. Wien, Herold Verlag 1. A. 1948; Artikel in: Grosse Österreicher. XII. Band. Amalthea Verlag Zürich-Leipzig-Wien 1957, S. 107–116. 

[12] Eva Priester: Kurze Geschichte Österreichs. Globus Verlag Wien 1949, S. 465 f.; vgl. Gerhard Oberkofler: Eva Priester. Eine jüdische Frau im Kampf für eine gerechte Menschheit. Mit Originaltexten aus ihrem poetischen und essayistischen Werk. StudienVerlag Innsbruck 2022.

[13] Vgl. dazu H. H. Ben-Sasson: Geschichte des jüdischen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C. H. Beck 6. A. München 2018, S. 923; dazu auch Hannes Leidinger / Verena Moritz / Berndt Schippler: Schwarzbuch der Habsburger. Die unrühmliche Geschichte eines Herrscherhauses. Mit Vorbemerkungen von Gerhard Jagschitz und Karl Vocelka. HAYMON tb 22. Innsbruck / Wien 2010, S. 95–103. 

[14] Adolf Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe. Zentralverlag der NSDASP. München 1939 (434.–443. Auflage), S. 59 f.

[15] Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten. Bruno Kreisky. Siedler Verlag und Kremayr & Scheriau Berlin 1986, S. 262.

[16] Kreisky, S. 263.

[17] Z. B. Lexikon des Judentums. Chefredakteur John F. Oppenheimer, New York. C. Bertelsmann Verlag 1967, Sp. 286 f.

[18] Zusatztafel für Karl-Lueger-Denkmal – wien​.ORF​.at

[19] MEW 3 (1969), S. 70.

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Bildquelle: Bwag, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons
Schlagworte: ÖsterreichWien

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