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Was hat die Arbeiterschaft mit der Frage, ob der vor 550 Jahren geborene Albrecht Dürer ein Porträt von Ulrich Zwingli gemalt hat, zu tun?


Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.

Eine Antwort von Konrad Farner

Der Schweizer Marxist Konrad Farner (1903–1974) war ein herausragender Kunstexperte, dessen Werke viel zu wenig rezipiert, ja eigentlich vergessen sind.[1] Farner hat den Luzerner Hans Erni (1909–2015) viele Jahre als Mentor begleitet, schrieb Essays und eine zweibändige Monographie über Gustave Doré (1832–1883). In der National Gallery of Art ist von Albrecht Dürer (1471–1528) ein auf 1516 datiertes Portrait eines Klerikers erhalten, das mit Fragezeichen den Nürnberger Pfarrer Johann Dorsch abbildet.[2] Das Aussehen von Ulrich Zwingli (1484–1531) ist durch eine Medaille des Zürcher Medailleurs Jakob Stampfer (1505–1579) und durch zwei Ölbilder des Zürcher Malers Hans Asper (1499–1571) überliefert. 1948 entwickelte sich in der Schweiz entlang einer kleineren Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum eine Diskussion über die Frage, ob der von Dürer porträtierte Kleriker Zwingli sein könnte. Der Numismatiker des Schweizerischen Landesmuseum Dietrich W. H. Schwarz (1913–2000) hat in der „Neuen Zürcher Zeitung“ zur Überprüfung ermuntert.[3] Dass Dürer von den Reformatoren mehr als eine bloße Kirchenreform erwartet hat, war in Fachkreisen bekannt, wenn auch weniger in den Vordergrund gestellt.[4] Für Farner führten alle Überlegungen zum sehr wahrscheinlichen Ergebnis, dass Zwingli von Dürer porträtiert worden ist. Er wollte seine Einsicht möglichst breit verankern, „denn die Arbeiterschaft hat, so sie sich ein kulturelles Mitspracherecht wünscht und ein solches begehrt, das Recht und die Pflicht, an Diskussionen solcher Natur ebenfalls teilzunehmen“. [5] Als Publikationsorgan wählte Farner deshalb das Organ des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes „Der öffentliche Dienst“ (September 1948).[6]

Farner argumentiert differenziert, er rekonstruiert mit Hilfe von Indizien das Itinerar von Zwingli und Dürer, welche persönliche Begegnungen von beiden in Basel, Zürich oder Aachen jedenfalls nicht ausschließen, und verdeutlicht die bis in das kleinste Detail gehende Übereinstimmung zwischen dem als authentisch überlieferten Zwinglibildnis von Stampfer und dem Zwingliporträt von Dürer. Dürer und Zwingli hätten die gleiche revolutionäre Geisteshaltung gehabt und deshalb sei es nicht erstaunlich, dass Dürer dann im Verlaufe der Nürnberger Reformation, die mit einem Sieg von Martin Luther (1483–1546) endete, „an der freieren, lichteren Auffassung Zwinglis festhält“. Das sei eben die Voraussetzung für eine Porträtsitzung von Zwingli bei Dürer 1515/1516 gewesen. Farner resümiert: „Unverweigerlich setzt dieses Porträt eine wesentliche Übereinstimmung von Darsteller und Dargestelltem voraus, ein Sichkennen im Innersten seelischen und geistigen Gefüge, Größe und Kraft auf beiden Seiten. Der 45jährige, im Zenit seines Könnens, malt den 32jährigen im Horizont seiner steilen, kurzen Sonnenbahn. Das, was unter Entelechie zu verstehen wäre, ist hier verdeutlicht: es ist der 32jährige Mensch am Vorabend großer Dinge; es ist der junge, gereifte und wissende Mann am Ufer wichtigen Beginnens, in Sicht des Rubicon; es ist der junge Seelsorger, erprobt in Auseinandersetzungen und Kämpfen, der gewesene Feldprediger, der angehende Staatsmann und Politiker, der bereits in die Geschicke von Heimat und Volk eingreift; es ist der Priester und Humanist, den jetzt schon seine Freunde als berufenen Vorkämpfer einer neuen, kommenden Welt betrachten, dessen Einfluss bereits über die Grenzen des Landes reicht und stetig wächst, dessen Rat sowohl vom einfachen Volk wie von der geistigen Elite erbeten, dessen Zuspruch gesucht wird. Es ist der angehende Prediger des Evangeliums, der zur entscheidenden Erkenntnis vorstößt und neues, reformatorisches Gedankengut ergreift; es ist der Reformer, der zum Reformator wird. Nichts spricht dagegen, dass Dürer hier in Meisterschaft das Bild eines solchen Mannes eingefangen hat. – Dass es der Zwingli der Jahre 1515 und 1516 ist, ist nicht ausgeschlossen“. In der „Neue Zürcher Zeitung“ hat der deutsche Kunsthistoriker Heinz Braune (1880–1957) argumentiert, dass das reformationsfreudige Nürnberg wohl das Zwingliporträt von Dürer reklamiert hätte. Farner, der als Spezialist für Handzeichnungen die Machtverhältnisse im „freien“ Handel mit engagierter Kunst selbst erfahren hat, antwortet dazu in einem Brief an die NZZ: „Die Reformationsgeschichte Nürnbergs ist die Geschichte davon, wie das anfänglich überwiegend Zwinglische Gedankengut durch die Welt Luthers machtmässig überdeckt wird – und wie die Luthersche Richtung zum Sieg kommt. – Zwinglis Anhänger werden sogar diffamiert. Gerade dieser Umstand spricht ausserordentlich für die Annahme, dass das Bildnis Zwinglis, das anfänglich vielleicht sogar dessen Namen trug, vom Besitzer, um etwaigen Misshelligkeiten vorzubeugen, in ein Porträt des >kleinen Nürnberger Pfarrers< umgewandelt worden ist“.[7] Zwinglis Porträt konnte für Deutschland nicht als Abbild eines Siegers angeboten werden, weshalb die Stadt Nürnberg keinen Ehrgeiz entwickelte, sein wahrscheinliches Porträt von Dürer für sich zu reklamieren. Schon in Dürers Zeit bestimmte der Markt das, was beachtenswert ist. Der Kunstbeauftragte im Erzbistum Berlin Georg Maria Roers SJ hat erst vor kurzem über die Zeit von Dürer geschrieben: „Gesehen und Gesehen-Werden, das galt damals schon in den Kulturmetropolen“. Der Meinung von Roers SJ, dass Dürer nur deshalb mit Luther nicht ins Geschäft gekommen sei, weil dieses Lucas Cranach (1472–1553) besorgt habe, ist mit Farner zu hinterfragen.[8] 

Oskar Farner wusste als Zwingli-Spezialist die Bedeutung der Stellungnahme von Konrad Farner zu würdigen. Er schreibt ihm (19. September 1948): „Sehr geehrter Herr Doktor! Haben Sie vielen herzlichen Dank für die liebenswürdige Zustellung Ihres vortrefflichen Artikels zum Dürer-Zwinglibild. Ich finde ihn ganz famos; er ist jedenfalls das Gründlichste, was mir seit den Darlegungen von Prof. [Hans] Hoffmann [(1888–1955)] zu Gesichte gekommen ist. Dass mich Ihre Schlussfolgerungen höchlich erfreuen, können Sie sich ja denken. Ich komme immer mehr – und seitdem ich Ihre profunden Darlegungen gelesen habe, nun erst recht – zur Überzeugung, dass es uns geschenkt worden ist, einem Zwingliportrait von Dürers Meisterhand auf die Spur zu kommen. Sehr gerne würde ich mich darüber mit Ihnen mündlich aussprechen; vielleicht läuten Sie mir an, damit wir eine Stunde vereinbaren können. Hochachtend aufs freundlichste grüssend Ihr O. Farner m. p.“ Der wegen seiner religionsgeschichtlichen Essays viel beachtetete schweizerische Schriftsteller und reformierte Pfarrer in Dällikon Walter Nigg (1903–1988) dankt Farner (23. September 1948) für die Zusendung des „schönen Aufsatzes“: „Ich habe ihn gleich gelesen (und aufbehalten!) und bin all Ihren Ausführungen mit Interesse gefolgt, da sie mir den Eindruck von wohlerwogener Überlegtheit machten. Sehr schön ist es auch, dass >Der öffentliche Dienst< einer solchen Studie soviel Raum zur Verfügung stellte – ein erfreuliches Zeichen, auch in diesen Kreisen die Leute für solche Fragen zu interessieren. Wir haben noch lange über Ihren Besuch bei uns gesprochen und hoffen auf eine gelegentliche Wiederholung! Mit freundlichen Grüssen Ihr Walter Nigg m. p.“ Für Farner war Nigg „einer der interessantesten Apologeten eines aufgeschlossenen Christentums“.[9] Dietrich W. H. Schwarz schreibt Farner (30. September 1948), dass er sich freue, „dass unsere kleine Ausstellung und mein bescheidener, hinweisender Artikel ein so volles Echo gefunden haben“.


[1] Vgl. Gerhard Oberkofler: Konrad Farner. Vom Denken und Handeln des Schweizer Marxisten. StudienVerlag Innsbruck 2015; dazu Herbert Hörz: Gedanken eines Marxisten zu Freiheit und Frieden. Rezension. Leibniz Online, Nr. 21 (2016).

[2] Portrait of a Clergyman (Johann Dorsch?) (nga​.gov)

[3] Über Schwarz vgl. Hans-Ulrich Geiger, Schweizerische numismatische Rundschau 79 (2000), S. 5 f.: file:///C:/Users/Acer/Downloads/Nachruf_Schwarz_SNR.pdf. Freundliche Übermittlung von Christian Weiss (Schweizerisches Nationalmuseum).

[4] Vgl. Ernst Ullmann: Albrecht Dürer und das Menschenbild der frühbürgerlichen Revolution in der bildenden Kunst, in: 450 Jahre Reformation, S.248–261.

[5] Der Öffentliche Dienst. Schweizerischer Verband des Personals Öffentlicher Dienste. No. 38, 17. September 1948; wiederabgedruckt in: Daniel Bodmer (Hg.), Zürich – Aspekte eines Kantons Zürich 1972, S. 146–152. Aus der Spezialliteratur vgl. Hans Hofmann: Ein mutmaßliches Bildnis Huldrych Zwinglis. Zwingliana VIII (1948), Heft 9, S. 497–501 [1332-Article Text-1242–1‑10–20091129.pdf ]; Niklaus Peter: Zwingli und unsere Zwinglibilder. Fabrikzeitung 9. Januar 2017 [Zwingli und unsere Zwinglibilder – Fabrikzeitung ]. 

[6] Monica Seidler-Hux von der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich war auch diesmal so freundlich, mir die Unterlagen aus dem Nachlass von Konrad Farner herauszusuchen und zu übermitteln – Danke! Sylvia Farner hat mir die Erlaubnis zur Benützung des von ihr katalogisierten Nachlasses Ihres Vaters erlaubt – wie immer vielen herzlichen Dank!

[7] Durchschlag des maschinegeschriebenen Briefes an die NZZ vom 7. Dezember 1948, Nachlass Farner, ZBZ.

[8] Georg Maria Roers SJ: Dürers gezeichnete Selfies. Vom Kopieren der Schöpfung. Stimmen der Zeit 8 (2021), S. 599 – 611.

[9] Konrad Farner: Theologie des Kommunismus? Stimme Verlag Frankfurt a. M. 1969, S. 350.

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