HomeFeuilletonWissenschaftKakadu auf evolutionärer Überholspur

Kakadu auf evolutionärer Überholspur

Eine indonesische Papageienart zeichnet sich durch die Herstellung und den Gebrauch eines komplexen Werkzeugsets aus – eine bislang einzigartige Erscheinung abseits der irdischen Primaten.

Jakarta/Wien. Sollte die Menschheit eines schönen Tages auf dem Planeten Erde aussterben, sich selbst ausrotten, evakuiert werden müssen oder wenigstens die Position als dominante Spezies verlieren, so kursieren diesbezüglich unterschiedliche Szenarien für ihre Ersetzung oder Verdrängung: Hierzu gehören fiktiverseits die Dystopie eines Planeten der Affen, eine Borg-Assimilation oder auch die „Weiterentenwicklung“ zu menschenfressenden Morlocks. Andere sind der Meinung, die Reptiloiden seien ohnedies bereits unter uns und stünden kurz vor der offenen Machtübernahme. Etwas wissenschaftlicher sind Evolutionssimulationen, die – in zig Millionen Jahren, versteht sich – den Land-Oktopus als künftigen Herrscher über die Erde prognostizieren. Vielleicht kommt es aber auch ganz anders, denn eine indonesische Kakaduart scheint gerade große Entwicklungsfortschritte zu machen.

Goffinkakadu als Werkzeugmacher

Konkret geht es um den Goffinkakadu (Cacatua goffini), der endemisch auf den Tanimbarininseln, ganz im Südosten Indonesiens, lebt. Der weiße Papageienvogel galt schon bislang als recht schlau nach ornithologischen Maßstäben, nun haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Wiener Veterinäruniversität und indonesische Kollegen eine neue erstaunliche Erkenntnis gewonnen: Der Goffinkakadu stellt Werkzeuge her – um genau zu sein: Essbesteck. In freier Wildbahn lebende Exemplare wurden dabei beobachtet, wie sie aus Ästen und Zweigen dreierlei Instrumente produzierten und anwendeten: Da wäre zunächst ein messerartiges, dünnes und spitzes Holzstück, das zum Einsatz kommt, um Fruchthüllen, Kerne oder Nüsse zu perforieren; danach braucht es einen dickeren Keil, um den entstehenden Spalt zu öffnen; am Ende bedient sich der Goffinkakadu eines „Löffels“, mit dem die als Nahrung dienenden Pflanzensamen entnommen werden. Unterm Strich handelt es sich um ein komplexes Tool-Set, wie es zuvor nur bei Primaten bekannt war.

Insofern muss man von einer bemerkenswerten und gezielten Intelligenzleistung sprechen (und von anständigen Tischmanieren). Obwohl die Papageienart mit ihrem Schnabel sowie den Krallenfüßen ja selbst über körperliche Mittel zur Bearbeitung von Nahrungsquellen verfügt, entscheidet sich eine relevante Anzahl von Exemplaren zur Werkzeugherstellung und ‑verwendung, inklusive des Einsatzes von Hebelwirkung und Essbesteck. Dabei entwickeln die Vögel offenbar eine beachtliche Präzision und meisterhaftes Geschick, die Werkzeuge werden mit dem Schnabel bedient, während das Bearbeitungsobjekt mit einem der Füße gehalten wird (auf dem anderen Fuß balanciert man einstweilen). Die österreichisch-indonesische Forschergruppe ist jedenfalls begeistert, sie bezeichnet den Gesamtvorgang als „das raffinierteste Beispiel innovativer Technologie …, das bisher bei wilden Tieren beobachtet wurde.“

Dominante Spezies auf Ausrottungsmission

Trotzdem – um zu den eingangs skizzierten Szenarien zurückzukehren – erscheint es überaus fraglich, ob sich der Goffinkakadu absehbar zu einer derart hochentwickelten Art entwickeln kann, dass sie der Menschheit den Rang abläuft. Gezielte Werkzeugherstellung und dessen Anwendung mögen zwar intelligenter Planung und Vorgehensweise entsprechen, praktisch hat die indonesische Papageienart jedoch erhebliche Nachteile im Konkurrenzkampf mit der menschlichen Spezies: Zum einen verfügt ein Vogel schließlich über keine frei verfügbaren Hände, wenngleich der Fuß opponierbare Zehen aufweist. Zum anderen könnte es der Menschheit gelingen, den Goffinkakadu auszurotten, bevor er noch weitere Evolutionsschritte nehmen kann: Zwar gibt es noch Populationen im Ausmaß von über 300.000 Tieren, dies allerdings auf begrenztem Raum, der durch Rodungen stetig reduziert wird. Auch das Einfangen für den exotischen Tierhandel stellt ein Problem dar, womit insgesamt eine Einstufung der Art als knapp vor der Gefährdung vorliegt.

Insofern könnte der Mensch auf seinem globalen Zerstörungstrip den Goffinkakadu auch mit ins sodann paläozoologische Grab nehmen – am Ende überleben auf dem Planeten Erde vielleicht doch nur die Kakerlaken, auch wenn ihre Fähigkeiten limitiert sind: Manchmal kann dies auch ein Vorteil sein.

Quelle: Der Standard

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