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Home Feuilleton Geschichte

40 Jahre nach dem britischen Bergarbeiterstreik

5. März 2024
in Geschichte, Kommentar
40 Jahre nach dem britischen Bergarbeiterstreik

Frauendemo in Solidarität mit dem Miner's Strike, Camberwell Road, London-Southwark, 1984.

Dave Westacott, damals als kommunistischer Aktivist und Journalist in Großbritannien Zeuge der Ereignisse, heute Mitarbeiter der ZdA sowie Mitglied der Partei der Arbeit Österreichs, wirft einen Blick zurück auf den großen britischen Bergarbeiterstreik von 1984/85, der vor genau 40 Jahren begann.

Mit Menschen, die am neuntägigen Generalstreik von 1926 und dem darauffolgenden sechsmonatigen Bergarbeiterstreik teilgenommen haben, habe ich gesprochen, und sie haben mir viele Jahre später erzählt, dass es ihnen wie gestern vorkam.

Es gab ein paar Streikbrecher, aber neun Tage lang bewegte sich im Grunde kein Zug, kein Schiff wurde beladen, keine Fabrik arbeitete, die Stahlwerke waren stillgelegt. Es wurden keine nationalen Zeitungen herausgegeben, abgesehen von einem eilig produzierten Propagandablatt der Regierung. Ganze Städte wurden faktisch von den örtlichen Gewerkschaftsräten regiert, ohne deren Zustimmung nichts geschah.

Der Gewerkschaftskongress TUC kapitulierte nach nur neun Tagen, mehr aus Angst vor seinen eigenen Mitgliedern, als weil er keinen Ausweg mehr wusste.

Wenn sich die Arbeiterklasse in wirklich großem Umfang organisiert und jeden Teil des Landes, ja der Welt, betrifft, entsteht dieses Gefühl der Zeitlosigkeit.

Das Gleiche gilt für den Bergarbeiterstreik von 1984 bis 1985, den vielleicht größten und längsten Arbeitskampf der Geschichte.

Auslöser des Streiks war die Ankündigung der Schließung der Bergwerke Cortonwood in Yorkshire und 20 weiterer Zechen. In den Jahren 1972 und 1974 hatten die Bergarbeiter der Tory-Regierung schwere Niederlagen beigebracht. 

1972 belagerte tausend Bergleute aus Yorkshire ‒ die ersten „fliegenden Streikposten“ (flying pickets) ‒ unter der Führung ihres regionalen Funktionärs Arthur Scargill die Kokerei Saltley Gate in der Nähe von Birmingham, den größten Verteilerpunkt des Landes. Ihnen schlossen sich mehr als 10.000 Metallarbeiter an, vor allem aus den örtlichen Autofabriken, die von dem kommunistischen Betriebsrat Derek Robinson angeführt wurden. Der örtliche Polizeichef ordnete an, die Tore der Kokerei zu schließen.

1974 rief der Premierminister inmitten des Streiks unter dem Motto „Wer regiert Großbritannien?“ die Parlamentswahlen aus. Er bekam seine Antwort, indem seine Regierung abgewählt wurde. 

Als ich im April 1984 bei ihm zu Gast war, erzählte mir Jack Collins, der Generalsekretär der National Union of Mineworkers (NUM) in Kent, dass der Zusammenbruch des National Coal Board (NCB) – des staatlichen Kohlekonzerns – 1974 so total war, dass die NUM-Zentrale die Regionen anrief und fragte, ob sie weitere Forderungen hätten, die sie der Liste hinzufügen wollten.

Als Thatcher 1979 ins Amt kam, war sie entschlossen, sich an den Bergarbeitern zu rächen. Zunächst wurden im Februar 1981 Pläne zur Schließung von 25 Zechen angekündigt. Doch das NCB teilte der Regierung mit, dass seine Kohlevorräte nur noch für sechs Wochen reichten, Tendenz fallend. 

Die eigentliche Kriegserklärung kam mit der Ernennung des Amerikaners Ian McGregor zum Leiter des NCB im Jahr 1983. 1980, als Chef von British Steel, hatte er einen 14-wöchigen Streik der Stahlarbeiter gemanagt, der mit einer Halbierung der Belegschaft endete.

1984 behauptete Scargill, die NCB habe einen Plan zur Schließung von 70 Zechen. Tatsächlich sah der Plan von McGregor die Schließung von 75 Gruben innerhalb von drei Jahren vor. Heute gibt es in Großbritannien keine Tiefbaugruben mehr, 1984 waren es noch 174.

Als der Streik am 6. März 1984 begann, gab es einige, die die Weisheit eines Streiks im Frühjahr in Frage stellten, da ein langer Sommer bevorstand und die Nachfrage nach Kohle geringer sein würde. Durch das Überstundenverbot der Bergleute waren die Kohlevorräte jedoch bereits erschöpft.

Der andere wichtige Faktor war die Solidaritätsbewegung. In jeder kleinen Stadt in Großbritannien entstanden Unterstützungsgruppen für die Bergarbeiter, die während des Streiks jede Woche auf den Hauptstraßen des Landes Geld sammelten. Sie organisierten auch Lebensmittellieferungen an die Bergbaugemeinden, in denen von den örtlichen Bergarbeitern Gemeinschaftsküchen eingerichtet wurden. Die wurden von der Sozialversicherung hart bestraft, da sie der Gewerkschaft eine vermeintliche Streikgeldzahlung abzogen, was natürlich nicht geschah.

Die Tories hofften auch, dass die Ehefrauen der Bergleute ihre Männer zur Rückkehr an die Arbeit zwingen würden. Doch unter der Führung von Betty Cook und Anne Scargill organisierten die „Women Against Pit Closures“ eine Massenbewegung von Frauen streikender Bergarbeiter, die sich an den Streikpostenketten oft mit der Polizei anlegten. 

Es wird geschätzt, dass die Bewegung der Frauen gegen die Schließung von Gruben den Streik um mindestens vier Monate verlängerte, weil sie Spendengelder sammelte und Kampagnen durchführte, anstatt die Männer zur Arbeit zu zwingen. [1]

Auch die internationale Unterstützung war massiv. Geld floss von Gewerkschaftern in Australien, wo Bergarbeiter und Seeleute beeindruckende Solidaritätsaktionen durchführten. Der NUM-Bezirk Kent pflegte seit langem Beziehungen zu Bergarbeitern in Nordfrankreich, die nicht nur ein Verbot von Kohlelieferungen nach Großbritannien verhängten, sondern auch Kohle, die in den Häfen auf ihre Verladung wartete, abkippten und Methoden der französischen Résistance anwandten, um Kohlefrachter beim Versuch, den Hafen zu verlassen, unter der Wasserlinie zu versenken. [2]

Der Streik fand in der ganzen Welt Widerhall. Der Laienpräsident der Holzarbeitergewerkschaft, Phil Davies, erzählte mir, dass die Zimmerleute in Kairo, als er mit einer Gewerkschaftsdelegation nach Ägypten reiste, nur etwas über den Bergarbeiterstreik und Arthur Scargill wissen wollten.

Die Frage der Unterstützung durch die Sowjetunion war problematischer. Im Jahr 1926 hatten die Bergarbeiter in der Sowjetunion eine Million Pfund für den Streik gesammelt. Der TUC weigerte sich aufgrund der Bedrohung durch die „Red Scare“-Taktik, diese Summe anzunehmen. Die sowjetischen Gewerkschafter schickten ihn dann direkt an die Bergarbeitergewerkschaft, die ihn dankbar annahm.

Mitte 1984 hatten der langjährige Außenminister Andrej Gromyko und der damalige Vize-Parteichef Michail Gorbatschow ein Dokument unterzeichnet, das die Überweisung von einer Million Rubel, die von den sowjetischen Bergarbeitern und anderen Gewerkschaftern gesammelt worden waren, an die Bergarbeiter in Großbritannien genehmigte. [3]

Aus verschiedenen Gründen kam das Geld erst knapp vor Ende des Streiks an, als es an einen internationalen Solidaritätsfonds überwiesen wurde, der von der International Mineworkers Organisation in Dublin verwaltet wurde. 

Gorbatschow befand sich zu dieser Zeit auf einer Reise nach Großbritannien, wo er Margaret Thatcher traf, die erklärte: „Mit diesem Mann kann ich Geschäfte machen.“ Bei seinen öffentlichen Auftritten in Großbritannien erwähnte er den Bergarbeiterstreik kein einziges Mal. 

Die Lieferungen von polnischer Kohle nach Großbritannien waren noch schwieriger. 1983 hatte Scargill die Solidarnosc als eine „antisozialistische Organisation“ bezeichnet, was heute unbestreitbar scheint. Von polnischen Bergleuten oder anderen polnischen Gewerkschaftern gab es keine Anzeichen von Solidarität.

Als die NUM eine Delegation in die polnische Botschaft in London entsandte, erklärte der Botschafter: „Wir haben Verträge mit britischen Unternehmen zu erfüllen“. Scargill entgegnete: „Sie haben einen weitaus wichtigeren Vertrag mit der internationalen Arbeiterklasse“.

Zum Vergleich: Die polnische Regierung Jaruzelski stand unter ständigem Druck westlicher Banken, ihre Schulden zurückzuzahlen, und stieß auf den mürrischen Widerstand weiter Teile der eigenen Bevölkerung. [4]

Natürlich war die am häufigsten gestellte Frage, wann immer das Thema des Bergarbeiterstreiks auftauchte und während der gesamten Auseinandersetzung selbst, jene nach einer nationalen Urabstimmung. Tatsache ist, dass im Januar 1981 85 Prozent der Mitglieder für einen landesweiten Streik gestimmt hatten, wenn eine Zeche aus wirtschaftlichen Gründen von der Schließung bedroht war.

Die Region Nottinghamshire, in der die Kohle am leichtesten zu gewinnen war und die am lautesten eine landesweite Urabstimmung forderte, hatte eine frühere landesweite Urabstimmung von 1977 ignoriert, in der Prämiensysteme abgelehnt worden waren, und war daraufhin führend bei der Annahme solcher Systeme in den einzelnen Regionen.

Die NUM-Führung argumentierte, dass es keinen Grund für eine Urabstimmung gebe, wenn 80 Prozent der Bergleute streikten. Und NUM-Generalsekretär Peter Heathfield kommentierte, dass eine landesweite Urabstimmung „ein Veto wäre, um zu verhindern, dass Menschen in anderen Regionen ihre Arbeitsplätze verteidigen.“ [5]

Im Endeffekt arbeiteten die meisten Bergleute in Nottinghamshire, wie schon 1926, weiter und gründeten die inzwischen aufgelöste und in Misskredit geratene Union of Democratic Mineworkers. 

Von Anfang an waren die Bergarbeiter mit einer massiven, brutalen und koordinierten Polizeikampagne konfrontiert. Bergarbeiter aus Kent, die zur Unterstützung von Streikposten in anderen Landesteilen unterwegs waren, wurden zurückgewiesen und ihnen wurde gesagt, dass sie verhaftet würden, wenn sie die Grafschaftsgrenze überschritten.

Der größte Polizeikrawall fand jedoch am 18. Juni 1984 in der Kokerei Orgreave in South Yorkshire statt und ist heute als „Battle of Orgreave“ bekannt. Mehr als 7.000 Polizisten standen einer ähnlichen Anzahl von Streikposten der Bergarbeiter vor der Fabrik gegenüber. Berühmt ist, dass die BBC in den Abendnachrichten das Bildmaterial umdrehte, um zu zeigen, dass die Streikposten die Polizei zuerst angriffen, und damit suggerierte, dass die Polizei nur auf die Gewalt reagierte, obwohl jegliche Gewalt seitens der Streikposten nur eine Reaktion auf die brutalen Angriffe der Polizei war.

Die Polizei ging fast mittelalterlich vor und griff die Streikposten in der gewalttätigsten physischen Konfrontation der Nachkriegsgeschichte auch zu Pferde an. 

Viele Bergleute wurden schwer verletzt, 39 wurden angeklagt. Der Prozess im Jahr 1985 scheiterte jedoch, und die Bergarbeiter verklagten die Polizei wegen Körperverletzung, widerrechtlicher Verhaftung, böswilliger Strafverfolgung und falscher Inhaftierung. Im Jahr 1991 zahlte die Polizei von South Yorkshire eine halbe Million Pfund Schadensersatz an die 39 Bergleute. [6]

Anfang 1985 wurde der Streik beendet. Die Regierung war entschlossen, dass die Bergarbeiter ohne eine Vereinbarung zurückkehren sollten. Es gab keinen Spielraum für Kompromisse; es ging um Sieg oder Niederlage. Aber wie Norman Tebbit, ein Mitglied der harten Rechten in der Thatcher-Regierung, es ausdrückte: „Es war eine knappe Angelegenheit“.

In den meisten Zechen marschierten die Bergleute gemeinsam zurück, mit wehenden Bannern und oft hinter Blaskapellen. Natürlich war der Streik nicht zu Ende, die NCB verfolgte jeden Bergarbeiter, der auch nur wegen eines Bagatelldelikts verhaftet worden war, und die Kampagne „Gerechtigkeit für die Bergarbeiter“ wurde noch mindestens ein Jahr lang fortgesetzt.

Die Auswirkungen auf die Bergbaugemeinden waren verheerend. Ganze Städte und Dörfer wurden über Nacht ausgehöhlt. Die Arbeit im Bergwerk war zwar gefährlich, aber sie bot zumindest Arbeit, Solidarität und eine Gemeinschaft. Der Grund für die extreme Solidarität der Bergleute war einfach, dass bei der Arbeit in einer Grube das Leben und die Sicherheit von den Kumpeln abhängt, die neben einem arbeiten. Das ist nun vorbei. 

Heute sind diese Städte und Grubendörfer Opfer einer grassierenden Drogensucht geworden, und die einzigen Arbeitsplätze, die es gibt, sind unsichere Jobs als Nachtwächter oder Arbeiter in der Gig Economy.  

Die Regierung hat ihr Ziel erreicht: Die Gewerkschaftsbewegung wurde ihrer kämpferischsten Organisation beraubt und erlitt einen Rückschlag, der Jahrzehnte dauerte.

Doch in den letzten zwei Jahren haben die Gewerkschaften mit Bahnstreiks, Krankenschwesternstreiks und Streiks von Assistenzärzten, die oft mit einem Sieg endeten, gezeigt, dass sie wieder da sind. Die Gewerkschaft Unite, Nachfolgerin der Metallarbeitergewerkschaft, hat in den letzten Jahren Hunderte von Siegen für ihre Mitglieder errungen.

Der Beginn des Bergarbeiterstreiks wird landauf, landab mit Veranstaltungen gefeiert. Eine davon findet in Durham im Nordosten statt, wo sich Veteranen der Bewegung „Women Against Pit Closures“ mit ihren Schwestern aus den Vereinigten Staaten, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden treffen werden. [7]

Verweise:

[1] Peter Lazenby, Morning Star, 29. Februar 2024.

[2] Seumas Milne, The Enemy Within: The Secret War Against the Miners, 1994, S. 294.

[3] Milne, S. 250 ff.

[4] Milne, S. 297.

[5] Milne, S. 19-29.

[6] Milne, S. 24.

[7] Heather Wood, Morning Star, 2. März 2024.

 

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Bildquelle: sludgegulper, CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons
Schlagworte: Arthur ScargillBattle of OrgreaveBergarbeiterstreikFlying PicketsGewerkschaftGroßbritannienKentKohleminenNUMPolizeigewaltSolidaritätStreikThatcherYorkshire

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