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Artmann-Preis für Gerhard Ruiss

Der H. C. Artmann-Preis der Stadt Wien geht heuer an Gerhard Ruiss. Mit dieser biennal verliehenen Auszeichnung werden herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik bedacht. Ruiss ist in der Tat vor allem für seine Gedichte und Liedtexte sowie Nachdichtungen bekannt, in der Öffentlichkeit jedoch auch als langjähriger Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren.

Wien. Seit 2004 vergibt die Stadt Wien den H. C. Artmann-Preis in Erinnerung an den zur Jahrtausendwende verstorbenen namensgebenden Schriftsteller. Mit einer gewissen Folgerichtigkeit wird den Preisträgern unterstellt, allenfalls einen „intensiven Wienbezug oder eine Verbindung mit dem Werk H. C. Artmanns“ aufzuweisen. Im Falle Gerhard Ruiss‘ ist zweifellos beides gegeben. Die dreiköpfige Fachjury formulierte in ihrer Begründung der diesjährigen Verleihung: „In präziser Wahrnehmung und Äußerung geht die Dichtung von Gerhard Ruiss auf soziale Zustände ein, auf Beziehungen zwischen Privatem und Politischem, auf Sprachmasken. In konsequenter Manier findet Ruiss adäquate Klang-Formen der Verknappung und Rhythmisierung, auch im Dialekt. Seine vielschichtigen Gedichte spielen mit Sprachebenen, reißen Phrasen auf, transponieren (im Wolkenstein-Projekt) Früheres ins Heute. So hat Gerhard Ruiss über mehr als drei Jahrzehnte poetische Gesellschaftsbilder geschaffen, ein originelles lyrisches Werk, das (wie die Kanzlergedichte) auch politisch zu denken zu geben vermag.“

Man ist geneigt, angesichts dessen auch die Jury für einen Preis vorzuschlagen, vielleicht bedarf es aber auch ein wenig der Transkription. Gewiss, Ruiss wäre selbst der erste, der insistierend hervorheben wollte, dass Literaturpreise eben für Literatur vergeben werden, also für künstlerisches Schaffen, nicht für Haltungen. Und für das künstlerische Werk ist der Preis allemal verdient. Doch Kunst erschöpft sich freilich nicht in hübschen Hüllen und originellen Silhouetten, sondern ist immer auch Transportmittel des Substanziellen – gerade für Ruiss trifft dies trotz knapper Formen zu. Von daher muss man schon betonen – und auch die Jury tut dies auf mehr oder minder subtile Weise –, dass Haltung etwas ist, das Ruiss‘ Werk und Wirken zusätzlich auszeichnet. Es ist schon ein politischer und parteiischer – kein parteipolitischer – Blick, den er auf Gesellschaft, Politik und deren Geschichte wirft und – zumeist in sehr persönlicher, ja privater Reflexion – zurückwerfen lässt. Und doch formuliert er selbst, dass seine Lyrik beabsichtigt, „weder Einblicke zu geben, noch Aussichten zu eröffnen“, seine Gedichte „verlangen nach Anwendung“. Wenn Unterwürfigkeit, Kleingeistigkeit oder Verlorenheit von unten auf ursächliche Zwänge von oben treffen, dann fordert die theoretische Analyse des Bedingten auch im übertragenen Sinn Praxis – nämlich die des Widerstandes. Die tatsächliche „Anwendung“ von Lyrik muss wiederum ins befreite Leben führen. Ob nun immer explizit so benannt oder nicht, Ruiss thematisiert durchaus Bedingungen, die auf verschiedenen Ebenen dem Kapitalismus und Imperialismus entspringen, dem Militarismus und (Neo-)Faschismus, dem Konservatismus und Autoritarismus.

In aller Konsequenz steht Ruiss dann auch in quasi-syndikalistischer Organisierung der „Interessengemeinschaft Autorinnen Autoren“ für einen streitbaren, ja kämpferischen Verfechter der nicht zuletzt auch sozialen Bedürfnisse der (nicht privilegierten, man könnte auch sagen: proletarisierten) Literaturschaffenden in Österreich. Damit wird Ruiss den politischen, medialen und ökonomischen Verhältnissen mitunter recht unbequem – und das ist gut so. Diese Tatsache mag nun wahrlich nicht gerade direkter Ausdruck der Preiszuerkennung sein, diese möge aber umgekehrt als Bestärkung dienen, sich weiterhin kein Blatt vor den Mund zu nehmen – poetisch und interessenspolitisch.

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