Start Feuilleton Geschichte Rezension: Leo Stern – Ein Leben für Solidarität, Freiheit und Frieden

Rezension: Leo Stern – Ein Leben für Solidarität, Freiheit und Frieden

Der folgende Beitrag von Lukas Haslwanter erschien zuerst in der 8. Ausgabe der “Einheit und Widerspruch – Theorie- und Diskussionsorgan der PdA”. Die gesamte Ausgabe kann via E‑Mail mit Name und Adresse bei der Partei der Arbeit bestellt werden.

Mit dem vorliegenden Werk leisten die Autoren Gerhard Oberkofler und Manfred Stern gleichermaßen einen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und zur Erforschung der Geschichte der kommunistischen Bewegung Österreichs und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) sowie zu ihrer Verstrickung miteinander.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Überblick über die Lebenssituation für JüdInnen in der damals noch österreichischen Bukowina (heute Ukraine). Dort wird Leo Stern, als Jonas Leib Stern, in eine jüdische Familie geboren. Leo Stern kommt 1916 mit seiner Mutter, die mit ihm und ihren beiden Töchtern vor der zaristischen Armee und der Angst vor Pogromen flüchtet, nach Salzburg. Dort schließt er das Gymnasium
ab. Weiter geht es über verschiedene Zwischenstopps nach Wien. Hier studiert Leo Stern Staatswissenschaften, kommt mit dem Austromarxismus in Berührung und organisiert sich in der Sozialdemokratie. Mit der Ausschaltung des Parlaments 1933, den Februarkämpfen 1934 und der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaates nähert sich Leo Stern immer weiter der Kommunistischen Partei Österreichs an. Ausführlich schildern die Autoren Leo Sterns Entwicklung vom Austromarxisten
zum Kommunisten anhand der sich verändernden politischen Lage in Österreich und der Politik der Sozialdemokratie.

Die nächste größere Etappe in Leo Sterns Leben ist das Exil. Über Prag geht es in die Sowjetunion und von dort in den spanischen Krieg, an dem er teilnimmt. Sein Bruder Manfred Stern wurde berühmt im spanischen Krieg unter dem Namen General Kleber als „Retter Madrids“. Er rettete gemeinsam mit der XII. Interbrigade das bereits aufgegebene Madrid vor dem Zugriff der Franco-Faschisten. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion ist in verschiedenen Positionen tätig, unter anderem ist er Professor an einer Moskauer Hochschule und Offizier in der Roten Armee. In dieser Funktion nimmt er auch an der Befreiung Wiens im April 1945 teil. Nach 1945 strebt Leo Stern
eine Wissenschaftskarriere in Wien an, dies wird ihm aber massiv erschwert. Man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil der Eliten an den Universitäten den Faschismus unterstützt hatte und unter ihnen viele glühende Antisemiten und Antikommunisten waren. 1950 folgt Leo Stern schließlich mit seiner neugegründeten Familie dem Ruf in
die Deutsche Demokratische Republik an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Neben der äußerst plastischen Darstellung der unterschiedlichen Lebensstationen Leo Sterns und der Beschreibung seines Beitrages zum Aufbau einer marxistischen Geschichtswissenschaft in der DDR, besticht das Buch auch durch den Abdruck verschiedener Texte Leo Sterns. So enthält das Buch Auszüge von Texten und Reden, beispielsweise zum spanischen Krieg von 1936–39, über Marx und den
historischen Materialismus und weiteren Themen. Die Autoren und Herausgeber Oberkofler und Stern haben dies in einer sehr schönen Form gestaltet, indem sie Originaltexte und Reden von Leo Stern in seine Biographie verwoben. Die Texte sind in die Biographie quasi eingearbeitet, sie sind als Entstehungsdokumente der biographischen Entwicklung in den jeweiligen Jahren immer wieder eingefügt. Es
entsteht ein vollständiges Bild aus der Darstellung durch Manfred Stern und Gerhard Oberkofler und den Zeitdokumenten von Leo Stern selbst, was dem Leser und der Leserin eine ganz besondere Perspektive verschafft. Das gelungene und empfehlenswerte Gesamtbild wird durch eine teilweise undifferenziert/inkonsistente Perspektive auf die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit nicht gemindert. Das
Buch ist ein Zeitzeugnis, das nicht nur einen biographischen Einblick in das Leben und Schaffen Leo Sterns gibt, sondern auch für eine breite LeserInnenschaft – auch abseits der HistorikerInnen – spannend ist, da es die bewegte internationale Geschichte der ArbeiterInnenbewegung greifbar macht.

***

Leo (Jonas Leib) Stern – Ein Leben für Solidarität, Freiheit und Frieden
Oberkofler, Gerhard; Stern, Manfred
Studienverlag, Innsbruck 2019
292 Seiten, 29,90 Euro
ISBN: 978–3‑7065–5973‑7

Autoren:

Gerhard Oberkofler, Univ. Prof. i. R., war lange als Universitätsprofessor
an der Universität Innsbruck und des dortigen Universitätsarchivs
tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wissenschaftsgeschichte, Geschichte
der ArbeiterInnenbewegung und Befreiungstheologie.

Manfred Stern, Mathematiker und Fachbuchübersetzer (Ungarisch,
Finnisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Amerikanisch), ist der
Sohn von Leo Stern.

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