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Home Feuilleton Kultur

Richard Zach: Die Ballade vom Februar 1934

12. Feber 2024
in Kultur
Richard Zach: Die Ballade vom Februar 1934

Unter dem Eindruck der Februarkämpfe von 1934, als revolutionäre Arbeiter im kurzen österreichischen Bürgerkrieg dem Austrofaschismus mit der Waffe gegenübertraten, verfasste der kommunistische Widerstandskämpfer und Schriftsteller Richard Zach (1919–1943) die „Ballade vom Februar 1934“. Er schildert darin die damaligen Ereignisse rund um die „Konsum“-Bäckerei in Graz-Eggenberg, liefert aber gleichzeitig indirekt allgemeingültige Betrachtungen zum antifaschistischen Kampf, zur Niederlage, zum Unterschied zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten sowie zum faschistischen Charakter.

Die Ballade vom Februar 1934

Weil ein weißes Hemd gehisst worden war,

konnten sie den Fabriksbau stürmen.

In die rauchige Wand hatte ein MG

in einem schönen Bogen Löcher gespritzt.

Und in einem großen Loch am Dach 

fiel die Sonne hinein.

Über ein umgelegtes Tor

sprangen sie furchtlos

mit gefälltem Bajonett ein.

(Die anderen hatten nämlich

keine Patronen mehr.) 

Ganz rückwärts ging ein Leutnant

- man konnte nie wissen -,

ein junger. Herr

Leutnant, sagte der Soldat 

zu ihm. Bauerngesicht, rot und

stiernackig wie die anderen. „Herr

Leutnant. Melde gehorsamst…“

Und in seinen Augen 

spiegelte sich ein brauner Acker

und die Zigarette,

die der Herr Leutnant rauchte, der Herr.

Er war Akademiker und

hatte einen wirklichen Schmiss.

Dann stieß

er mit dem Fuß einen Stein weg, 

einen kleinen, eckigen.

(Er war nämlich auch Fußballer

und überhaupt ein fortschrittlicher Mensch.)

Und ließ sich

vom Fabriksschatten zurückschieben.

Es war nämlich

schmutzig und stank nach Maschinenöl. 

Und der junge Kerl mit

dem breiten Bauerngesicht meldete,

dass

dreiundzwanzig Tote gefunden seien,

- nämlich

von den anderen -

und sechs Gefangene.

Und, ja, er

melde das gehorsamst, Herr…

Und er befahl, sie

abzuführen ins Direktionsgebäude, wo 

er sein Quartier aufgeschlagen hatte, weil

es ihm kalt wurde.

Es lag

ein zerschossener Treibriemen neben ihm.

Und er wartete. 

Und als sie vorbeigingen, die sechs,

(gebunden, selbstverständlich)

ließ er den beiden letzten

eins in den Rücken hauen, weil 

sie die Köpfe hängen ließen,

diese Schurken,

und trat

ihnen mit der Stiefelspitze in den Hintern.

Die beiden hatten nämlich 

gegen „Ergeben“ gestimmt früher. Aber

nicht deshalb trat er.

Er war ja ein gerechter Mensch und

wusste es auch nicht. 

Er war nämlich

auch Fußballer.

Es war schon ziemlich dunkel,

aber, wie gesagt,

er war ein gerechter Mensch und

ließ ihnen noch eine halbe Stunde

Zeit, den sechs.

Dann nahm

er sich noch eine Zigarette,

eine Liebesgabenzigarette,

und ließ sich von dem jungen Kerl

mit dem Bauerngesicht

melden, dass

die sechs an die Wand

des Magazinschuppens gestellt seien

(gehorsamst selbstverständlich). 

Er ging die zwanzig Schritte hinüber,

und bevor er die Hand

hob und befahl,

blickte er nochmals die sechs an, 

ganz gedankenlos,

bloß

so aus Neugierde.

Und in den zwölf Augen

sah er die zerschossene Fabrik hinten.

Und eine gewisse Bürde 

drückte allen die Stirne nieder. 

Nur die beiden letzten -

sie sahen aus, wie echte Banditen,

dachte er, weil

er einmal Philosophie studiert hatte -

die beiden letzten

standen ganz gerade.

(Die glaubten nämlich nie

an Amnestie,

aber das wusste er nicht.)

Dann

bemerkte er noch zufällig

die schmutzigen, klobigen Hände,

vorne gebunden

und zerschunden

im Schatten der Wände. 

Und er sah, dass auch seine Soldaten

klobige Hände hatten,

nur etwas röter

neben dem Stahl.

Dann zündete er eine Zigarette 

an, eine Liebesgabenzigarette,

und schrieb mit einem Rotstift,

dass im Objekt acht

nur zehn Tote gefunden seien.

Rief den jungen Kerl 

und schickte ihn

mit einem schönen Gruß und

dem Blatt zum Oberst hinüber.

(Der Oberst war nämlich

auch sein Papa, doch er dachte darüber

nur nach, wenn er

Geld brauchte.)

Er selbst ging

zum Direktionsgebäude

und steckte beide

Hände ein. 

Nur unterwegs stieß

er einen Stein

mit dem Fuß weg, einen

kleinen, eckigen.

(Er war nämlich 

Fußballer, wie gesagt.)

Und dabei

fiel ihm ein Schlager ein,

der englische, den 

die kleine Blonde immer sang

von unten, wenn

es besonders toll wurde.

(Übrigens

hatte der Junge

die gleichen blonden Haare

gehabt wie die Kleine,

nur mehr schmutzig, der Junge von

den Sechsen drüben.) 

„Melde gehorsamst, Herr“,

hatte der junge Kerl gesagt

mit dem Bauerngesicht,

„Herr Oberst“, und in seinen Augen 

glänzte ein brauner Acker und

die Gewissheit, dass

er Zugsführer wurde nachher.

„Melde gehorsamst‘“, und 

er gab das Blatt.

(Nun glänzte auch

in seinen Augen etwas matt

der Stern des Oberst mit, Herrn

Oberst.) 

Und der Oberst zündete sieb eine

Zigarette an, eine

Liebesgabenzigarette,

und las: Objekt … zehn 

Tote gefunden …,

und sagte: „Ab!“

Dann

nahm er einen Rotstift

(er war nämlich

der Papa, wie gesagt), dann

nahm er einen Rotstift

und strich die Null weg

von zehn. 

Die Null! 

Quelle: Christian Hawle, Richard Zach – „Gelebt habe ich doch!“, Wien 1989, S. 43–48.

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Bildquelle: PicturePrince, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons
Schlagworte: 12. FebruarAustrofaschismusBürgerkriegDie Ballade vom Februar 1934Februarkämpfe 1934GedichtLyrikRichard Zach

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