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Home Feuilleton Kultur

Zum 100. Geburtstag Gene Roddenberrys

19. August 2021
in Kultur
Zum 100. Geburtstag Gene Roddenberrys

Der vor 30 Jahren verstorbene Gene Roddenberry würde heute seinen 100. Geburtstag begehen. Er erlangte weltweite Bekanntheit als Schöpfer der Science-Fiction-Serie „Star Trek“.

Eugene Wesley „Gene“ Roddenberry wurde am 19. August 1921 im texanische El Paso geboren. Im Alter von zwei Jahren zog er mit seinen Eltern nach Los Angeles, da sein Vater dort eine Stelle beim LA Police Department erhalten hatte. Der Beruf machte auf den jungen Roddenberry Eindruck, er belegte am LACC Community College in East Hollywood Polizeiwissenschaften. Doch dann kam auch für die Vereinigten Staaten der Zweite Weltkrieg und Roddenberry wurde 1941 Pilot bei der US Air Force, für die er 89 Einsätze im Pazifikkrieg flog. Nach der Kapitulation Japans verließ er das Militär und begann als ziviler Pilot für die Linie PanAm zu arbeiten. Nach einem Absturz in der syrischen Wüste, den er nur glücklich überlebte, wechselte Roddenberry 1949 wie sein Vater zum LAPD, wo er zunächst bei der Verkehrspolizei, dann in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war.

Anfänge als Drehbuchautor

Bereits zu dieser Zeit begann er, im freien Nebenjob, als Autor für das recht neue Medium Fernsehen zu schreiben. In den folgenden Jahren verfasste er immer wieder Drehbücher für mehr als 30 TV-Serien, zwar ohne fix involviert zu werden, doch 1956 konnte er immerhin den Polizeidienst quittieren und sich vollständig dem Schreiben widmen. 1963 erhielt dann endlich ein eigenes Projekt die Zustimmung der Studiobosse: Roddenberrys NBC-Serie „The Lieutenant“ war auf einer Marinebasis angesiedelt, wurde nach einer Staffel mit 29 Episoden jedoch aufgrund des Vietnamkrieges eingestellt – denn die Ereignisse sollten Friedenszeiten darstellen. Roddenberry hatte aber schon ein Ersatzprojekt im Kopf und dieses sollte in ferner Zukunft und im Weltraum spielen. Denn bei Science-Fiction, so die Idee des Autors, würde man ihm keine politischen Vorschriften machen, und Interventionen des Pentagons – wie bei „The Lieutenant“ – sollten ausbleiben.

Raumschiff Enterprise

Daher legte Roddenberry der NBC das Konzept für „Star Trek“ vor, eine TV-Serie über ein Raumschiff von der Erde namens „USS Enterprise“, das im 23. Jahrhundert „mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ Tatsächlich gab man einen Pilotfilm in Auftrag, der im Frühjahr 1965 fertig war. Die präsentierte Folge „Der Käfig“ fand mäßigen Anklang bei den Verantwortlichen, es drohte das Scheitern des Projekts. Doch überraschender Weise wurde Roddenberry mit einem zweiten Pilot betraut, der einige Änderungen beinhaltete, u.a. wurde die Figur des Captain Pike durch James T. Kirk ersetzt. Die Episode „Das Letzte seiner Art“ wurde angenommen und feierte am 8. September 1966 seine Bildschirmpremiere. Der Publikumserfolg war quantitativ überschaubar, doch es bildete sich bald eine eingeschworene Fangemeinde. Mit deren Unterstützung wurden von „Star Trek“ (heute abgekürzt: TOS; im deutschsprachigen Raum: „Raumschiff Enterprise“) immerhin 79 Folgen in drei Staffeln produziert und gesendet, ehe die Serie 1969 eingestellt wurde.

Durchbruch, Revival, Kinofilme

Man hätte erwarten können, dass „Star Trek“ nun in den NBC- bzw. Paramount-Archiven verstauben würde, doch aufgrund der relevanten Produktionskosten wurde die Serie landesweit an kleinere TV-Sender verkauft, die sie in den 1970er Jahren abermals ausstrahlten. Die deutschsprachige Erstausstrahlung erfolgte ab Mai 1972 im ZDF. Und ab dieser Zeit begann ein bemerkenswerter Siegeszug von „Star Trek“, die Reihe wurde weltweit populär und erlangte regelrechten Kultstatus. Dies wiederum veranlasste Paramount zunächst 1973 mit Roddenberry eine – mäßig erfolgreiche – Zeichentrickserie zu produzieren und 1975 an eine neue Realserie zu denken. Dieses Ansinnen zerschlug sich zwar, doch stattdessen begannen die Planungen für einen „Stark Trek“-Kinofilm mit der TOS-Besetzung bzw. ‑Besatzung. Und so startete das Enterprise-Team um Captain Kirk (William Shatner) und den vulkanischen Ersten Offizier Spock (Leonard Nimoy) eine zweite Karriere auf der großen Leinwand: Von 1979 bis 1991 erschienen sechs Filme, an denen Roddenberry wiederum als Produzent und kreativer Hauptverantwortlicher beteiligt war.

Nächste Generation übernimmt

In den 1980er Jahren beförderten das Revival im Kino und die ungebrochene Popularität im Fernsehen dann doch die Entwicklung einer neuen TV-Serie: „Star Trek: The Next Generation“ (TNG, „Das nächste Jahrhundert“) spielt etwa 100 Jahre nach den TOS-Ereignissen, wobei ein neues und größeres Raumschiff mit dem Namen „Enterprise“ unter dem Kommando von Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) unterwegs ist. Die US-Ausstrahlung begann 1987, im deutschsprachigen Fernsehen 1990. Roddenberry konnte auch hier seine Vorstellungen – zu diesen weiter unten – umsetzen, zumindest bis 1991, als er am 24. Oktober in Santa Monica starb. Die Serie wurde ohne seine Mitwirkung bis 1994 fortgesetzt, von 1994 bis 2002 gab es auch vier Kinofilme mit der TNG-Crew, wobei im ersten Film („Treffen der Generationen“) auch Captain Kirk und Captain Piccard zusammentreffen.

Star Trek ohne Roddenberry

Mit den weiteren „Star Trek“-Serien hatte Roddenberry dann logischerweise nichts mehr zu tun: „Deep Space Nine“ (DS9, 1993–1999), „Voyager“ (VOY, 1995–2001) und „Enterprise“ (ENT, 2001–2005) atmen aber eindeutig noch den Geist Roddenberrys, auch wenn die eine oder andere Facette dem „Star Trek“-Erfinder vielleicht nicht gefallen hätte. Gegenwärtig laufen zwei neuere „Stark Trek“-Serien, nämlich „Discovery“ (DSC, seit 2017) und „Picard“ (PIC, seit 2020). Hinzu kommen kleinere Formate wie „Short Treks“ oder die animierten „Lower Decks“, dem Vernehmen nach soll der 1966 ausrangierte Captain Pike eine eigene Serie als DSC-Spin-off erhalten. Daneben gibt es drei jüngere, durchaus passable „Enterprise“-Kinofilme (2009–2016), die mit der Original-Crew (aber natürlich anderen Schauspielern) in einer alternativen Zeitlinie angesiedelt sind – dabei hatte Nimoy einen letzten Gastauftritt.

Technik von heute und morgen

Zum einen ist „Star Trek“ gut gemachte und großteils gut durchdachte Science-Fiction. Vom seinerzeitigen Status quo ausgehend wurde ein technologischer Fortschritt der kommenden 300 Jahre, später 400 Jahre projiziert. Hierbei ist in einem belebten Weltraum freilich immer die Überwindung der Lichtgeschwindigkeit die Kernfrage, denn sonst kann es kaum regelmäßige Interaktionen mit Außerirdischen geben – dafür wurde der berühmte WARP-Antrieb erdacht. Auch weitere Dinge sind ihrer Realisierung fragwürdig, so z.B. die Teleportation von Materie („Beamen“), während anderes im Prinzip bereits vorhanden ist: Die Ähnlichkeit zwischen dem TOS-Kommunikator und einem – alten – Klapphandy ist evident, auch die verwendeten Tablets sind bereits Realität. Die Fortschritte im Virtual Reality-Bereich könnten früher oder später dem Holodeck ansatzweise naherücken, an Strahlenwaffen wird ohnedies immer gearbeitet. Und sogar dem Universalübersetzer kommen einige Computeranwendungen stetig näher. Sprachsteuerung ist ohnedies längst möglich. Dann wäre da noch der Replikator, mit dem sich fast alle Gegenstände, v.a. aber Nahrung aus Energie erschaffen lassen – womit wir bei gesellschaftlichen Fragen bezüglich Stark Trek sind.

Sozialistische Aspekte bei Star Trek

Der Replikator löst im Prinzip jedes Versorgungsproblem, fast könnte man sagen: Jedem nach seinen Bedürfnissen. Zwar gibt es persönliche Kontingentlimits, doch diese sind großzügig bemessen. Was es auf der Erde des 23. Jahrhunderts (und ihren Raumschiffen) nicht gibt, ist Geld, somit auch keine darauf basierende Warendistribution. Das lässt die Diskussion zu, ob die Gesellschaft, die „Stark Trek“ zugrunde liegt, etwa eine kommunistische ist. Dafür spricht neben der Abschaffung des Geldes, dass es – zumindest im Bereich der Menschheit – kein privatkapitalistisches Eigentum zu geben scheint, keine Konzerne und natürlich keine Banken. Wir haben es mit globalem gesellschaftlichem Eigentum zu tun, womit zumindest die sozialistische Richtung eingeschlagen ist. Gearbeitet wird natürlich trotzdem, die Gesellschaft benötigt immense Mengen an Energie sowie an Rohstoffen, die nicht repliziert werden können. Auch hier erwerben die Arbeiter „Credits“, die zur Teilhabe berechtigen. Insofern handelt es sich keinesfalls um Kapitalismus – und ein anderes historisches System als der Sozialismus-Kommunismus kann auf ihn nicht folgen. Das mag Roddenberry vielleicht nicht bewusst gewesen sein – denn er war wohl kaum im Marxismus geschult –, doch in seinem Gesellschaftsentwurf sind überall sozialistische oder sogar kommunistische Facetten zu erkennen. Explizit wäre es in den 1960er Jahren in den USA freilich sowieso gänzlich undenkbar gewesen, in einer TV-Serie eine sozialistische Zukunft der Erde darzustellen.

Gesellschaftliche Impulse Roddenberrys

Im Konkreten hat sich Roddenberry zweifellos weit aus dem Fenster gelehnt – gerade zu diesem Zweck verlegte er seine Handlung ja in eine ferne utopische Zukunft. Akute gesellschaftliche und politische Probleme der Welt des 20. Jahrhunderts sind schon bei TOS überwunden: Die Crew ist international, am Steuer der Enterprise sitzen ein Russe und ein Japaner. Auch die Kontrolle der gesamten Kommunikation durch eine Afroamerikanerin war für das US-amerikanische Fernsehen damals etwas überaus Gewagtes. Doch nicht nur Internationalismus und Antirassismus waren für den erklärten Humanisten Roddenberry wichtig, sondern auch der Antimilitarismus: Für ihn war entscheidend, dass die Sternenflotte keinen militärischen Zweck verfolgt, sondern primär der Forschung und Wissenschaft dient. Die Erde hat sich erst nach einem verheerenden Dritten Weltkrieg geeinigt. Der intergalaktische Frieden hat aber seine Grenzen: Die Föderation hat sich zusammengefunden, andere Planetensysteme sind jedoch kriegerisch, radikal-kapitalistisch oder feudal.

Trotzdem bemüht sich die gesellschaftlich hochentwickelte Menschheit und mit ihr die Föderation um Verständigung und Integration, schließlich kommt es – und dies ist Roddenberrys Vermächtnis mit seinem letzten Film 1991 – sogar zum Friedensabkommen mit den Klingonen. Dies wurde und wird gerne als Metapher für das Ende des „Kalten Krieges“ gelesen, wobei die Föderation mit den USA und die Klingonen mit der UdSSR identifiziert werden. Das allerdings dürfte falsch sein: Denn in den Kinofilmen wird die Stadt Leningrad erwähnt – und wenn es diese im 23. Jahrhundert noch gibt, dann würde das wiederum eher implizieren, dass in der „Star-Trek“-Zukunft die UdSSR und der Sozialismus den Systemstreit gewonnen haben.

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Bildquelle: The Shuttle Enterprise - GPN-2000-001363.jpg: NASAderivative work: Nesnad, Public domain, via Wikimedia Commons
Schlagworte: 100. GeburtstagFernsehserieGene RoddenberryKinoKirkPicardRaumschiff EnterpriseScience-FictionSozialismusStar TrekTNGTOS

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