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Aus für das Wiener Dusika-Stadion

Das legendäre Ferry-Dusika-Stadion im Wiener Prater soll einem Neubau weichen. Damit verschwindet ein Stück Sporthistorie, aber endlich auch die Namensgebung nach einem Nazi.

Wien. Nun scheint es amtlich zu sein: Das Ferry-Dusika-Hallenstadion in der Wiener Leopoldstadt wird abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Damit verschwindet ein Stück österreichischer Sportgeschichte: 1968–1976 wurde die Halle anstelle der zuvor gegebenen Freiluftradrennbahn errichtet, am östlichen Rand des Praters, in Sichtweite der Donau und des „großen Bruders“ Ernst-Happel-Stadion (damals noch: Praterstadion). Das Gebäude beinhaltet v.a. eine ovale, hölzerne, geneigte Radrennbahn, weswegen die Halle auch 1984 nach dem ehemaligen Radsportler und ‑funktionär Franz „Ferry“ Dusika benannt wurde (zu diesem Herrn weiter unten). Daneben fungierte die Einrichtung vor allem als Wettkampf- und Trainingsort für Leichtathletik und Ballsportarten – und war bislang eigentlich nicht wegzudenken. Natürlich, nach heutigen Maßstäben eher von fragwürdiger Ästhetik, aber das gehörte dazu: Der Architekt Herbert Schürmann aus Münster ließ ein funktionales Gebäude errichten, das eben den damals halbfuturistischen, heute abgefuckt wirkenden Charme der 1970er Jahre verkörperte – die nie enden wollende Wiener Modernisierungswelle in der grauen Dauerschleife. Schade drum, auch sporthistorisch.

Sportliche Höhepunkte in über vier Jahrzehnten

Denn die 44 Jahre der Sportstättengeschichte weist nicht nur eine stetige und unterschiedliche Nutzung auf, sondern auch ein paar markante Ereignisse: Ein erstes Highlight war die Handball-B-WM der Männer 1977, als sich Österreich jedoch nicht für die A‑Gruppe qualifizieren konnte. Im Jahr 1987 war das Dusika-Stadion Austragungsort der Weltmeisterschaft des damals in Österreich durchaus populären Bahnradsports, wobei das legendäre Team aus „Specht“ Roland Königshofer (am Rad) und Karl Igl (am Motorrad) eine Bronzemedaille im – heute absurd anmutenden – Steherrennen gewann (später wurden sie noch zweimal Weltmeister). Ab 1989 spielten Thomas Muster, Horst Skoff und Alex Antonitsch in der Anlage einige bemerkenswerte Davis Cup-Matches, nachdem sie erstmals in die Tennis-Weltgruppe aufgestiegen waren – dass man trickreicher Weise in einer Halle einen Sandplatz baute, gehörte zu den damaligen Trümpfen der Österreicher und zog so manchen Gegnern, darunter Pat Cash und Mats Wilander, den Nerv. 1999 wurde Italien (vor Russland und Jugoslawien) im Dusika-Stadion Volleyball-Europameister bei den Männern, für das österreichische Team blieb aber nur der achte (und letzte) Platz. Im Jahr 2002 lief es besser: Bei der Hallen-EM der Leichtathletik gewannen Karin Mayr (200 m), Stephanie Graf (800 m) und Elmar Lichtenegger (60 m Hürden) jeweils eine Silbermedaille, wobei für den letztgenannten dann der persönliche Abstieg begann, als mehrfacher Dopingsünder und FPÖ/BZÖ-Parlamentarier. Die letzte Großveranstaltung im Dusika-Stadion war die Judo-EM 2010: Vor den Augen des prominenten Gastes und selbst talentierten Judokas Wladimir Putin holte das österreichische Team zwei Silber- (Sabrina Filzmoser, Ludwig Paischer) und eine Bronzemedaille (Andreas Mitterfellner).

Neue Halle – neuer Name?

Nun kommt also die Abrissbirne, da die Anlage freilich tatsächlich nicht mehr so recht am neuesten Stand ist und gegenwärtigen Anforderungen nicht mehr entspricht. Die SPÖ/NEOS-Regierung der Stadt Wien will an selbiger Stelle eine „moderne Sport-Arena“, eine Multifunktionshalle mit Schwerpunkt Ballsport errichten lassen, aber auch mit abtrennbaren Trainingsbereichen. Die Zuschauerkapazität soll bei 3.000 Personen liegen. Was man der Stadtregierung übelnehmen darf, ist die Tatsache, dass es beim Neubau keine Radrennbahn mehr geben wird – nicht, dass der Bahnradrennsport gerade ein österreichischer Schwerpunkt wäre, doch ist es symptomatisch, dass man Randsportarten immer mehr und in diesem Fall auch die letzten Möglichkeiten nimmt. Eines kann die rosa-pinke Koalition aber vielleicht schon bewerkstelligen: Die neue Halle möge tunlichst auch einen neuen Namen erhalten. Denn Ferry Dusika (1908–1984) war leider NSDAP-Mitglied (schon vor dem „Anschluss“ 1938), SA-Oberscharführer, Arisierer eines jüdischen Geschäftes in Floridsdorf und mit seiner Radsportzeitschrift in faschistische Propagandatätigkeiten involviert. Das weiß man durchaus schon länger, doch bislang sah die Wiener Sozialdemokratie keine Veranlassung, die Würdigung zu überdenken. Nun verschwindet der Name wohl indirekt mit dem alten Gebäude – und diesmal wird sich ja hoffentlich ein besserer Namenspatron als ein Nazi finden lassen. Vermutlich wird die Stadt die Namensrechte aber eh einfach an einen Sponsor aus der Finanzbranche verkaufen.

Quelle: ORF

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