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Thiem gewinnt US Open im Corona-Modus

Österreichs bester Tennisspieler, Dominic Thiem, sicherte sich den Titel beim amerikanischen Grand Slam-Turnier in Flushing Meadows. Der Bewerb wurde unter strengen Corona-Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt.

New York. Der Niederösterreicher Dominic Thiem bezwang am Sonntagabend (bzw. MEZ-bezogen schon in der Nacht auf Montag) im Finale der US Open den Deutschen Alexander Zverev mit 2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6 (8/6). Es war ein dramatisches und knappes Match, in dem Thiem zunächst ins Hintertreffen geriet, sich aber steigern konnte – doch brauchte es die volle Distanz und ein abschließendes Tiebreak, ehe die Nummer 2 der Setzliste gegen die Nummer 5 die Oberhand behielt. Damit gewann Thiem erstmals eines der vier wichtigsten und größten Tennisturniere der Welt. Die US Open bilden zusammen mit den Australian Open in Melbourne, den French Open in Paris sowie den Wimbledon Championships in London die „Grand Slam“-Reihe der Internationalen Tennisföderation (ITF), die in Form spezieller Major-Events auch in die ATP- bzw. WTA-Tour integriert ist und dort jeweils die höchste Ebene darstellt. Thiems Sieg ist erst der zweite eines Österreichers bei einem Grand Slam-Turnier im Einzel, zuvor hatte nur 1995 der Steirer Thomas Muster in Paris triumphiert – darüber hinaus stehen aber noch sechs Doppel- bzw. Mixed-Titel von Jürgen Melzer (3), Julian Knowle, Oliver Marach und Alexander Peya zu Buche. Nach insgesamt drei Finalniederlagen in Paris (2018, 2019) und Melbourne (2020) feierte Thiem nun also seine Grand Slam-Premiere als Champion. In jedem Fall handelt es sich für ihn um einen großen Schritt, um mit seinem ehemaligen Kurzzeit-Coach Muster früher oder später auch im Ranking gleichzuziehen – bei anhaltendem Erfolg könnte er der zweite Österreicher an der Spitze der Tennis-Weltrangliste werden.

Federer und Nadal abwesend, Đoković disqualifiziert

Man muss den Erfolg des aktuell Weltranglistendritten Thiem wahrlich nicht schmälern, erst recht nicht nach dem grandiosen Comebackfight im Finale. Es wird bald niemand mehr nach dem Faktum fragen, dass Thiem im Laufe des heurigen Turniers auf keinen Spieler traf, der schon einmal Weltranglistenführender war oder zu diesen Zeitpunkt im Ranking vor ihm lag. Titelverteidiger Rafael Nadal hatte aufgrund der Corona-Maßnahmen auf eine Teilnahme verzichtet und blieb lieber zu Hause auf Mallorca, Rekordsieger Roger Federer aus der Schweiz hatte seine Saison aufgrund körperlicher Probleme und einer Operation bereits beendet und Novak Đoković (international oft: Djokovic), in New York als Nummer 1 gesetzt, nahm sich selbst aus dem Bewerb: In seinem Achtelfinalspiel schoss er aus Wut einen Ball hinter sich, wobei er unbeabsichtigt eine Linienrichterin unglücklich am Hals traf – der Hauptschiedsrichter disqualifizierte den Serben daraufhin. Seit 2004 hatten die drei Genannten alle US Open-Titel bis auf vier Ausnahmen gewonnen, d.h. zusammen zwölf Turniere – und für Paris, Melbourne und Wimbledon gilt Ähnliches: Seit Federer 2003 in Wimbledon den Titel holte, gingen in Folge 56 von 67 GS-Turnieren an ihn, Nadal oder Đoković. Die Dominanz der „großen Drei“ schlägt sich auch seit über eineinhalb Jahrzehnten in der Weltrangliste der ATP (Assoziation der Tennisprofis) nieder, seit Februar 2004 ist es nur dem Schotten Andy Murray gelungen, die Abfolge der Weltranglistenersten Federer, Nadal und Đoković zu durchbrechen. Doch auch diese Spieler werden nicht jünger, und Dominic Thiem macht sich daran, in absehbarer Zeit den Thron zu besteigen: Mit den, gewissermaßen nun also papierformgemäßen, 2.000 Punkten aus New York pirscht er sich im Ranking weiter an Nadal und Đoković heran. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich der 27-jährige aus Lichtenwörth als neue Nummer 1 zum besten oder jedenfalls erfolgreichsten Spieler der Welt krönt. Allerdings hat man in New York und schon früher gesehen, dass andere jüngere Spieler, nicht zuletzt Zverev, aber auch z.B. Tsitsipas, Medwedew, Shapovalov, de Minaur oder Auger-Aliassime ernsthafte Konkurrenten sein werden. 

Strenge Corona-Maßnahmen während des Turniers

Doch auch abgesehen von der Abwesenheit von Nadal und Federer sowie vom frühen Zwangsaus für Đoković handelte es sich bei den US Open 2020 um ein außergewöhnliches Turnier, das unter den Bedingungen strenger Corona-Maßnahmen stattfand (der Austragungsort befindet sich übrigens – kein Witz – im „Corona Park“ von Flushing Meadows): Dies bedeutete, dass in den riesigen Tennisstadien, deren größte nach Arthur Ashe und Louis Armstrong benannt sind, diesmal keine Zuschauer zugelassen waren (normalerweise kommen über 700.000), dass die Betreuerteams reduziert wurden und dass die Spieler und Spielerinnen unter strenger Absonderung, also vorsorglicher Quarantäne standen. Jeder Außenkontakt abseits des Billie Jean King National Tennis Centers und der isolierten Hotelbereiche war verboten. In den Doppelbewerben wurde das Teilnehmerfeld halbiert, das Mixed- sowie die Nachwuchsturniere wurden komplett gestrichen. Dies hätte auch für die gleichzeitigen Rollstuhltennisbewerbe gelten sollen, aber nach Intervention u.a. von Federer und Murray fanden diese doch statt. Und natürlich wurde fleißig getestet – und tatsächlich, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, lieferte der Franzose Benoît Paire vor Turnierbeginn einen positiven Sars-CoV-2-Test ab, woraufhin er nicht spielen durfte. Seine Landsleute Kristina Mladenovic und Adrian Mannarino mussten als Kontaktpersonen nochmals verschärfte Einschränkungen hinnehmen, konnten aber antreten. Diese Tatsachen führten auch zu erheblicher Kritik: Die geschaffene „Blase“ gleiche eher einem Hochsicherheitsgefängnis, hieß es. Generell wurden die Bedingungen der heurigen US Open von vielen als übertrieben angesehen, was letztlich auch der Grund war, warum etwa Rafael Nadal nicht in die USA reiste, um seinen Vorjahrestitel zu verteidigen. Das musste er aber auch nicht, denn die ATP hat die Berechnungen der Weltrangliste aufgrund der zahlreichen Turnierabsagen so adaptiert, dass bei allen nun durchgeführten Turnieren nur die Punkte des besseren der beiden Ergebnisse aus 2019 und 2020 zählen – normalerweise ist es natürlich nur das aktuellere Resultat, das in die Wertung kommt.

BLM-Protest und GS-Fortsetzung in Paris

Wie dem auch sei – das zweiwöchige Hartplatz-Turnier in New York ist nun über die Bühne gegangen und brachte Ergebnisse, was natürlich nicht zuletzt für ITF, ATP, WTA, Sponsoren und Medien wichtig war, denn natürlich geht es hier in jeder Hinsicht um (zu) viel Geld. Neben Thiem im Männereinzel gewann beim parallelen WTA-Turnier der Frauen, im Rahmen des Erwartungshorizonts, die Japanerin Naomi Osaka, während Serena Williams im Semifinale ausgeschieden war. Das Endspiel gegen die ungesetzte, aber wiedererstarkte frühere Weltranglistenerste Viktoria Asarenka aus Weißrussland ging über drei Sätze. Interessanterweise hätte es genau dieselbe Paarung schon vor zwei Wochen im Finale des Vorbereitungsturniers „von Cincinnati“, das heuer aus Corona-Sicherheitsgründen ebenfalls in New York durchgeführt wurde, geben sollen, doch da konnte Osaka verletzt nicht mehr antreten. Während des GS-Turniers sorgte Osaka für Aufsehen, da sie einerseits die Bedingungen in Zweifel zog, andererseits wusste sie diese für engagierte BLM-Botschaften zu verwenden: Bei jedem öffentlichen Auftritt war ihre MNS-Maske mit den Namen von Opfern rassistischer Polizeigewalt bedruckt (Osaka ist zwar in – ja, wirklich – Osaka geboren, hat aber einen haitianischen Vater und ist Großteils in den USA aufgewachsen). – In den Doppelbewerben siegten einerseits Laura Siegemund und Vera Swonarewa in vorbildhafter deutsch-russischer Freundschaft, andererseits Mate Pavić und Bruno Soares (Kroatien/Brasilien). Für die Spitzenspielerinnen und ‑spieler stehen als nächstes Großevent die French Open in Paris auf dem Programm: Ab 27. September wird in der Anlage von Roland Garros und auf Sand um den dritten Grand Slam-Titel des Jahres gespielt (Wimbledon fiel 2020 komplett aus, Melbourne war vor der CoViD-19-Pandemie). Das Turnier in Frankreich findet normalerweise freilich immer im Frühsommer statt, wurde aber Corona-bedingt auf Herbst verschoben, was nun ein dichtes Programm ergibt. Im Vorjahr stand Dominic Thiem wie schon 2018 in Paris im Finale, unterlag dort aber zum zweiten Mal in Folge gegen Nadal. Sollte heuer endlich der Turniersieg auf seinem Lieblingsbelag gelingen, so würde er den Spanier, ungeachtet dessen Antretens, in der Weltrangliste überholen und bereits auf Platz 2 vorstoßen. Ob die French Open aber tatsächlich stattfinden können – und unter welchen konkreten Bedingungen –, wird sich erst in den kommenden beiden Wochen endgültig entscheiden.

Quelle: ORF

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