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Blutige Nase für Rentier Rudolf

Die Erderwärmung bedroht weltweit das Überleben der Rentierherden, die seit Jahren schrumpfen – ein Problem für die Tiere selbst, aber auch für indigene Völker sowie natürlich für Santa Claus.

Moskau/Nordpol. Wie die russische Abteilung des WWF passenderweise rund um Weihnachten bekanntgab, wird der Klimawandel immer mehr zum Problem für die rund sieben Millionen Rentiere auf der Welt. Zwar ist das Ren (Rangifer tarandus) noch nicht akut bedroht, doch die Erwärmung der arktischen und borealen Zonen gestaltet das Überleben der nordischen Hirschart zunehmend schwierig. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen fällt vermehrt Regen statt Schnee, was das (ohnedies etwas karge) Nahrungsangebot reduziert: Gras, Flechten und Moose können die Tiere auch durch eine Schneedecke freilegen, doch wenn am Boden gefrierender Regen eine Eisschicht bildet, dann kommen Rentiernasen und Hufe nicht mehr hindurch. Andererseits führen steigende Temperaturen dazu, dass viele Flüsse und Seen nicht mehr zufrieren, was die ausgedehnten Wanderungen behindert und zu Todesfällen bei Überquerungen beiträgt. Dies trifft insbesondere geschwächte, trächtige und Jungtiere, die außerdem auch eine leichtere Beute für natürliche Feinde (Wolf, Bär) sowie illegale Bejagung darstellen. Gleichzeitig setzen Hitzewellen und Brände den Populationen zu. 

Am russischen Nordpolarmeer haben sich daher laut WWF die Bestände in den letzten zehn Jahren auf 400.000 Tiere halbiert. Ähnliche Entwicklungen sind auch im nördlichen Skandinavien sowie in Kanada und Alaska zu beobachten, während die Rentier- bzw. Karibuzahlen in Grönland, den USA (ohne Alaska) oder der Mongolei schon länger massiv abnehmen. Besonders betroffen sind die wilden Rentierherden, die in Westrussland und Sibirien, wie in ganz Eurasien, ohnedies den geringeren Anteil ausmachen – hier überwiegen die domestizierten und halbdomestizierten Tiere, die seit Jahrtausenden von indigenen Völkern als existenziell nötige Nutztiere begleitet werden. Wilde Rentiere kommen anteilsmäßig häufiger in Nordamerika vor, und auch in Kanada gibt es hier in den letzten 30 bis 40 Jahren einen Schwund von bis zu 90 Prozent der Population. Es erscheint notwendig, einerseits die Wilderei besser zu unterbinden, in deren Gefolge die Rentiere oft nicht direkt getötet werden, sondern qualvoll verenden, nachdem ihnen bei (halb-)lebendigem Leibe das Geweih als Trophäe abgesägt wurde. Andererseits zeigt sich auch in der Tundra und Taiga, dass der Klimawandel nicht nur Ökosysteme zerstört, sondern damit auch die nachhaltige Lebensgrundlage vieler Menschen. Und nicht zu vergessen: Ohne Rentiere vor seinem Schlitten wird der Weihnachtsmann nur schwer zur Geschenkeverteilung abheben können.

Quelle: Der Standard

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