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Streik bei Fiat in Serbien

Belegschaft fordert neuen KV und volle Bezüge nach Corona-Zwangspause. Konzern reagiert mit Aussperrungen, Kommunistinnen und Kommunisten mit Solidarität.

Kragujevac. Bei „Fijat Plastik“ in der serbischen Auto-Stadt Kragujevac geht ein wilder Streik in die elfte Woche. Der Ausstand betrifft den Erhalt des Urlaubsgelds und anderer bezahlter Freizeit auf Niveau des Gesamtkonzerns Stellantis Serbia. So dürfe das Urlaubsgeld nicht weniger als die Hälfte des Bruttolohns betragen. Die Sonderzahlungen sollen wieder von 60 auf 65 Prozent steigen.

Das Management begründet die jüngsten Kürzungen mit Zwangspausen im vergangenen Jahr. Aufgrund hoher Corona-Zahlen standen die Werke immer wieder wochenlang still. Bei „Fijat Plastik“ tun sie das neuerlich – nicht wegen der Pandemie, sondern aus der Not. Daher können seit Wochen keine Fiat 500L ausgeliefert werden, denn ihnen allen fehlen Stoßdämpfer, wie ihn die Kolleginnen und Kollegen bei „Fijat Plastik“ fertigen. Stellantis Serbia kann das auch nicht kompensieren, denn der 500L ist das einzige Auto, das hier gebaut wird.

KV „verfassungswidrig“

Der Streik in Kragujevac wird von einem Basiskomitee geführt, das sich auch gegen den Betriebsrat wendet. Das ist für das postsozialistische Serbien nicht ungewöhnlich: Etablierte, institutionelle Gewerkschaften werden oft als inkompetent und unterwürfig empfunden. Oft sind es aber genau sie, die Kollektivverträge (KV) aushandeln. KV, wie sie etwa bei „Fijat Plastik“ verhandelt werden.

Dieser ist laut Streikkomitee aber „verfassungswidrig“. Somit seien auch die erwähnten Kürzungen widerrechtlich, erklärte Komitee-Chef Zoran Miljković. Das Komitee von „Fijat Plastik“ fordert nun die Absetzung des Managements, eine Untersuchung durch das Arbeitsinspektorat und einen neuen, rechtskonformen KV. Das Pikante daran: Der Konzern ist ein Joint Venture, das 2008 aus Fiat und dem staatlichen serbischen Autobauer Zastava hervorging.

Aussperrung wegen Essens

Erschwerend kommt hinzu, dass es für die verschiedenen Tochterfirmen von Stellantis Serbia keinen Gesamtbetriebsrat gibt. Die Kolleginnen und Kollegen bei „Fijat Plastik“ wehren sich nämlich auch gegen einen Verzicht aufs Streikrecht. Diesen hatte die Konzernführung in den KV geschrieben, da die Werke in Kragujevac seit der Fusion immer wieder bestreikt werden.

Stellantis reagierte auf den Ausstand kurz mit Aussperrungen. Kolleginnen und Kollegen, die am Frauentag zum Streik in den Betrieb wollten, wurde von der Sicherheit der Zugang verwehrt, wenn sie Essen dabei hatten. Das lag aber daran, dass die Firmenkantine zum Streikbeginn die Preise ums Dreifache erhöhte. Der Konzern gab nach Protesten der Gewerkschaft eines Schwesterwerks nach und ließ die Kolleginnen und Kollegen mit Essen passieren.

Solidarität

Dann wurde allen Kolleginnen und Kollegen in Kragujevac angeboten, ein Jahr für Stellantis in Trnava am Peugot 208 und Citroën C3 mit zu bauen. Laut Gewerkschaft „Nezavisnost“ (Unabhängigkeit) meldete sich niemand. Die Konzernleitung verstehe nicht, dass man an Haus und Familie gebunden sei. „Man bot einen Monatslohn von 850 Euro. Aber auch für 2000 wäre keiner gefahren“, glaubt ein „Nazavisnost“-Vertreter. Das Problem sei nicht der Lohn, sondern, dass dem Management eine Vision für den Standort Kragujevac fehle. Der 500L stagniere seit Jahren am Markt und daran sei auch der Teilhaber Staat schuld: „Die Republik will einfach nicht in ein neues Modell investieren, dass den veralteten 500L ersetzen könnte.“ Unterdessen will das Basiskomitee um Miljković Straßendemos organisieren, „sobald es die Pandemie zulässt“. Dem dürften sich andere Werke anschließen.

Der Kommunistische Jugendverband Jugoslawiens (SKOJ) und seine Mutterpartei NKPJ erklärten ihre volle Solidarität mit dem Streik. Sie halten die angekündigte Radikalisierung und Fortführung der Proteste auf der Straße für den einzig logischen und gerechtfertigten Schluss.

Als „Heuchelei“ und „Frechheit“ bezeichnete Aleksandar Đenić (Erster Sekretär, SKOJ) das Angebot des Managements. Dem Großkapital und ausländischen Investoren gehe es nur darum, das serbische Volk auszubeuten. Das Verhalten von „Fijat Plastik“ zeige, dass der Kapitalismus die Pandemie sei und Corona das Virus.

Quellen: N1/Radio Free Europe/NKPJ/SKOJ auf Facebook

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