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„Ausbeutung einer Nation durch die andere“

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.

Eva Priester als Zeugin des Algerienkrieges über die historische Realität des Kolonialismus

Wie ist die Persönlichkeit von Eva Priester zu verstehen?

Die aus der privilegierten Petersburger, liberal jüdischen Familie Feinstein stammende, von Berlin über Wien nach Prag und von dort nach London geflüchtete und 1946 sich in Wien niederlassende Eva Priester (1910–1982) war 1958/1959 Zeugin des algerischen Befreiungskampfes und hat darüber ein in mehrere Sprachen übersetztes Buch geschrieben.[1] Als Leitgedanken stellt sie ihrem Buch die Sentenz von Louis Aragon (1897–1982) in französischer Sprache voran: „La terre accouchera d’un soleil sans batailles / Il faut que la guerre s’en aille / Mais seulement que l’homme en sorte triomphant“.[2] Eva Priester hat diese Sentenz wahrscheinlich in Paris auf dem Umschlag der ihr bekannten Monatsschrift „Lancelot. Der Bote aus Frankreich“ gesehen, die von 1946 bis 1951 in der französischen Besatzungszone in Westdeutschland für fortschrittliche Intellektuelle erschienen ist. In Algerien kämpfte seit dem 1 November 1954 unter Führung der Nationalen Befreiungsfront (FNL) das algerische Volk bewaffnet um seine Befreiung von der französischen Kolonialherrschaft (bis zum Vertrag von Evian am 18. März 1962). 

„Nehmen wir die Welt, wie sie ist, seien wir keine Ideologen“ – so hat Karl Marx sich selbst und seine Leser aufgefordert.[3] Diese Haltung zeichnet Eva Priester aus. Ihre praktischen, von organisatorischen Verbindungen bereicherten Erfahrungen mit dem aufkommenden deutschen Faschismus waren in ihrer Jugend herausfordernd und haben ihr, die von großer psychischer Kraft war, die Richtung ihres dynamischen Weges gezeigt. Dem Dietz Verlag in Berlin (DDR) gegenüber hat sie als fast Fünfzigjährige ihre Wendepunkte im Verlauf des historischen Prozesses ihrer Zeit erfrischend resümiert (11. August 1959).[4]

„1918 emigrierten meiner Eltern vor den >bösen Bolschewisten<, von denen sie allerdings nur eine vage Vorstellung hatten, nach Deutschland. Da ich damals sechs Jahre alt war, konnte ich nichts dagegen unternehmen und habe, sobald ich etwas älter war, begonnen, meinen privaten >Weg zurück< zu finden, ich glaube mit Erfolg – es muss ja nicht immer die USSR sein, in die man heimfindet, eine unserer Parteien tuts auch. Aufgewachsen bin ich, wie andere, schon im Schatten des kommenden Faschismus in Deutschland, man prügelte sich mit den Nazis herum, sah die schwarze Wolke immer näher und näher kommen und war entschlossen weiterzukämpfen, was immer sein möge. Beruflich war ich in den letzten Jahren zuerst eine Art Lehrling, dann redaktionelle Mitarbeiterin im >Berliner Tageblatt<, politisch flog ich bei der Spaltung der SPD [Sozialdemokratische Partei Deutschlands] mit den übrigen Genossen der späteren SAP [Sozialistische Arbeiterpartei] im hohen Bogen aus dieser erleuchten Körperschaft heraus – und so weiter. Dann kam Hitler und der Reichstagsbrand [27./28. Februar 1933], am Tage danach stellten wir fest, dass von unserer sehr starken Gruppe gerade fünf Mann übrig geblieben waren, und beschlossen nun gerade weiterzuarbeiten – fragt nicht wie! Noch heute stehen mir, wenn ich an unsere totale Ahnungslosigkeit über die Regeln der illegalen Arbeit denke, die Haare zu Berge. Als Höhepunkt meiner schriftstellerischen Karriere betrachte ich aber doch ein von mir verfasstes und von uns immerhin in 100 Exemplaren verbreitetes Flugblatt, in dem die Tatsache, dass die Kommunisten nicht den Reichstag angezündet haben, unter anderem damit erklärt wurde, dass, wenn überhaupt jemand diese Bude angezündet haben sollte, es nur ein Kunstliebhaber sein konnte, der den Anblick dieser Baulichkeit einfach nicht mehr ertragen konnte. (Wie ihr seht hatte ich damals ästhetische Ambitionen.) Nach einer Weile ging ich natürlich hoch, verbrachte einige Zeit teils bei der Gestapo KL [Konzentrationslager], teils Prinz-Albrechtstrasse, teils am Alex und dann in der Barnimstrasse und kam zu meinem eigenen Erstaunen nach einer Weile wieder heraus. Im Gefängnis gründeten wir die wahrscheinlich erste Einheitsfrontorganisation damals – eine streng überparteiliche illegale Gefängnisleitung, die sogar einen Hungerstreik führte – und gewann!! Dann war ich draussen [17. Juli 1933] und musste ein paar Wochen später wieder illegal zu arbeiten anfangen, weil einfach niemand da war. Ich habe später die gleiche Geschichte bei Willi Bredel in der >Die Prüfung< gelesen[5] und er hat recht – das ist das Schwerste, was es überhaupt gibt. 1935 ging unser Laden wieder hoch und ich verschwand via CSR. Dann Wien, Einmarsch 1938, CSR Einmarsch 1939, London, Krieg, 1945 Rückkehr nach Österreich, wo ich seit 1936, als ich in Wien war, >zuständig< wurde. Im Krieg begann ich meine >Geschichte Österreichs< zu schreiben,[6] erstens, weil es notwendig war, da es nur grossdeutsche Geschichtsdarstellungen gab, und zweitens, weil es eine Art Neuland war und mich interessierte. Zugleich produzierte ich einen Band Gedichte >Aus Krieg und Nachkrieg< – sie sind sogar gut. Beides erschien 1946 beim Globus. Nach dem Krieg Wien, zuerst Chefredakteur der >Woche<, dann Redakteur der >Volksstimme<. 1951 war ich mit der >Internationalen Frauenkommission zur Untersuchung der amerikanischen Greuel< in Korea,[7] 1956, wie ihr wisst, in Ungarn. Buchproduktion 1955 >Vom Baume der Freiheit>[8], 1957 euer Ungarnbuch[9]. Den Rest wisst ihr, übersetzt sind meine diversen Bücher ins Russische, Polnische, Ungarische, sogar Chinesische, Tschechische. Sonst noch ein paar Veröffentlichungen in historischen Zeitschriften. So, das ist alles, ich weiss, es ist keine Rede davon, dass ihr das so, wie es ist verwenden könnt, aber die Unterlagen habt ihr“. 

Die Erklärung von Eva Priester über Nation und Klasse im marxistischen und befreiungstheologischen Kontext

Eva Priester hat die Klassenkämpfe ihrer Zeit ohne Idealismus analysiert und von der „Ausbeutung einer Nation durch die andere“ gesprochen. Für Eva Priester war so wie für den im Auftrag der USA ermordeten Ignacio Ellacuría SJ (1930–1989) der Klassenkampf Antwort aller Unterdrückten auf die Gewalt der herrschenden Klasse Realität. Für beide war das marxistische Ziel eine Gesellschaft ohne Klassen.[10] Eva Priester weiß, dass die Avantgarde im revolutionären Kampf nicht alles ist und dass die Arbeiterklasse unter imperialistischen Bedingungen ein kompliziertes Konglomerat von verschiedenen Gruppen und unterschiedlichen Schichten mit konkurrenzierenden Lebensbedingungen ist, was die Enthumanisierung der menschlichen Gemeinschaft mit bedingt. Es war und ist für Teile der in Knechtschaft lebenden Arbeiterklasse bequemer, sich für Konsumationsmöglichkeiten aller Art zu unterwerfen als für Freiheit und Solidarität zu kämpfen. Das ist ein anthropologisches Problem, welches Papst Franziskus während seiner Reise in die Slowakei mit Rückgriff auf den russischen Poeten Fjodor Dostojewski (1821–1881) direkt angesprochen hat. „Das möge uns nicht passieren“ – so ist sein Appell.[11] Wie Papst Franziskus, der die unterdrückerische Botschaft seiner Vorgänger hinter sich lässt, ist Georg Lukács (1885–1971) von der dichterischen Gestaltung der moralischen und seelischen Deformation der Menschen durch Dostojewski beeindruckt. Das gilt für Wladimir Iljitsch Lenin (18701924) nicht, der in der zielgerichteten revolutionären Bewegung für Dostojewski keinen Platz sieht.[12] Sigmund Freud (1856–1939) stand Dostojewski so wie Lenin ablehnend gegenüber: „Dostojewski hat es versäumt, ein Lehrer und Befreier Menschen zu werden, er hat sich zu ihren Kerkermeistern gesellt“.[13] In der Befreiungstheologie, aus der Papst Franziskus kommt, ist Dostojewski mit seiner Legende vom Großinquisitor präsent. Die Gestalt des Großinquisitors hat nicht nur die Unchristlichkeit des Papsttums dargestellt, sondern insbesondere die freiwillige Unterwerfung der menschlichen Gesellschaft unter die Befehlsgewalt der herrschenden Eliten.[14]

Über Nation und Klasse haben Lenin und von Josef Stalin (1878–1953) präzise Arbeiten geschrieben, sie sind Eva Priester gegenwärtig. Stalin hat in Wien Ende 1912 bis Anfang 1913 den Artikel über „Marxismus und nationale Frage“ geschrieben und ist von den konkreten historischen Verhältnissen ausgegangen. Er charakterisiert die Haltung von Otto Bauer (1881–1938) und Karl Renner (1870–1950) zur nationalen Frage als „verfeinerte Spielart des Nationalismus“ und beendet seinen Artikel mit der Feststellung, dass sich Prinzipien nicht versöhnen lassen, dass das „Prinzip der internationalen Zusammenfassung der Arbeiter als unumgänglicher Punkt bei der Lösung der nationalen Frage“ zu gelten habe.[15] Eva Priester kannte die konkreten historischen Verhältnisse der k. u. k. Monarchie besonders gut. In ihrer Geschichte Österreichs spricht sie immer wieder von der sich schon aufgrund der Eigentumsverhältnisse resultierenden Ungleichheit der Untertanen in der Habsburgermonarchie. Friedrich Engels (1820–1895) hat auf dem „Fest der Nationen in London“ Ende 1845 festgehalten, nur „das erwachende Proletariat allein kann die verschiedenen Nationen fraternisieren lassen“.[16] Auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart (1907) benennt Lenin die Kolonialpolitik mit dem „heutigen bürgerlichen Ausplünderungs- und Gewaltregime“ als „Sklaverei“ für die Menschen in den Kolonien. Wenn Sozialisten „in gewundenen Phrasen von der Möglichkeit einer prinzipiellen Anerkennung der Kolonialpolitik“ sprechen, würde das der direkte Übergang zum bürgerlichen Standpunkt bedeuten.[17] 

Am 28. September 1959 erläutert Eva Priester dem Cheflektor des Dietz Verlages in Berlin Johannes Puhlmann (1897–1975) die vom Führungsgremium des Verlags beeinspruchten Passagen ihres Buchtyposkripts über den Algerienkrieg. Lektor Puhlmann war 1931 bis 1933 für den Verlag der „Roten Fahne“ in Berlin tätig gewesen, seit 1937 war er als Häftling von den deutschen Faschisten inhaftiert, hat als solcher gerade noch überlebt und war seit 1946 für die SED tätig. Eva Priester legt dar, wie einige Schichten der französischen Arbeiterklassen sich von der französischen Kolonialpolitik als deren Nutznießer korrumpieren ließen. Die Unternehmer wie die Inhaber der französischen Rüstungswerken haben ihre im Produktionsprozess stehenden hochqualifizierten Arbeiter gut verdienen lassen und förderten deren individuelle Vorlieben in der Konsumgesellschaft. Die Vermögenden selbst nahmen unter sich im Abwickeln ihrer Kolonialgeschäfte gegenseitig Rücksicht. Die von Eva Priester geschilderten Kausalzusammenhänge waren als historische Prozesse erkennbar. Auf die deutsche Kolonialpolitik in Ostafrika ist Eva Priester nur mit Nebensatz eingegangen, auf die 1939 einsetzenden deutschen Eroberungsfeldzüge in Richtung Osten mit dem Ziel, diese Länder zu Kolonien der deutschen Rasse zu gestalten waren, überhaupt nicht, weil sie sich eben auf die französische Kolonialpolitik in Algerien konzentrierte. Zudem war seit 1945 Westdeutschland eine vom Finanzkapital der USA kontrollierte Kolonie, wie das Jürgen Kuczynski (1904–1997) beschrieben hat.[18] Über die Kolonialkriege im Nahen Osten hat Eva Priester an anderer Stelle öfters publiziert.[19] Eva Priester war eine moderne Marxistin, für sie war der Marxismus keine totale Weltanschauung mit letztgültigen Erklärungsprinzipien, sondern eine nicht übertroffene Erkenntnismethode. 

Eva Priester an Johannes Puhlmann am 28. September 1959 aus Wien. Maschineschrift eigenhändige Unterschrift. Bundesarchiv Berlin. Unterlagen Dietz Verlag.[20]

[…] Ich bin mit eurem Vorschlag in Bezug auf die >Ausbeutung einer Nation durch die andere< einverstanden – und überhaupt ist bei Meinungsverschiedenheiten Streichen immer besser als Ändern. Aber darf ich bei dieser Gelegenheit etwas Grundsätzliches sagen? Meine ursprüngliche Formulierung ist nicht so unvorstellbar, wie du den Eindruck hast und ich glaube auch nicht theoretisch falsch. Dass sich die Arbeiterklasse eines kolonialen Herrscherlandes direkt oder indirekt an der Ausbeutung des Beherrschten beteiligt, ist keineswegs eine unvorstellbare Sache. Diese Beteiligung an der Ausbeutung geschieht erstens in der Form der kolonialen Extraprofite, und zwar ist häufig die Zahl der Arbeiter, die an ihr profitieren, keineswegs eine kleine und zweitens indirekt dadurch, dass die Bourgeoisie einen Teil der Profite, die sie aus den Kolonien zieht, dazu verwendet, gewisse allgemeine soziale und kulturelle Verbesserungen im Mutterland durchzuführen, die auch der Arbeiterschaft zugutekommen. Ein klassisches Beispiel dafür war die alte k. u. k. Monarchie, genau gesagt Wien, wo die berühmte Luegerschen Reformen[21]der Jahrhundertwende, die natürlich auch den Arbeitern zugutekamen, wie etwa Hochquellleitung, Modernisierung der Kanalisation, Modernisierung des Verkehrs, des Wohnbaus, gute Dotierung der Schulen und zwar gerade der Grundschulen, eine gewisse Sozialfürsorge, höchst eindeutig vor allem von den Mitteln finanziert wurden, die man Lemberg und Zagreb, Triest und Budapest, Prag und Košice fortnahm. Mit anderen Worten, dafür, dass der Wiener – und auch der Wiener Arbeiter ein sauberes und gesundes Wasser bekam, zahlte nicht die Bourgeoisie, sondern der Arbeiter aus Polen, Slowenien, Kroatien, Ungarn dadurch, dass er weiter verseuchtes Brunnenwasser trinken musste. (Und gerade in Frankreich gibt es eine ganze Reihe von Parallelen dazu – noch mehr natürlich im klassischen Land der kolonialen Ausbeutung England.) Dieser ganze Fragenkomplex ist auch gar nicht neu, sowohl Lenin als auch Stalin haben ihn grundsätzlich und sehr ausführlich in ihren Arbeiten zur kolonialen und nationalen Frage behandelt – und wenn du die von ihnen kritisierte nationale Fragestellung der österreichischen Sozialdemokratie, vor allem Otto Bauer und Karl Renner anschaust, so ist die soziale Basis dieser Haltung selbstverständlich in erster Linie die Mitbeteiligung an der kolonialen Ausbeutung. Sicherlich kann man nicht sagen, dass jeder Arbeiter an den kolonialen Extraprofiten mitprofitiert, aber erstens ist gerade in Frankreich heute die Zahl sicher nicht klein (allerdings fressen in Frankreich jetzt die Kriegskosten die Sache wieder auf), zweitens sind die meisten, ohne es zu wissen, wenigstens Nutzniesser der indirekten Vorteile durch die Ausbeutung (siehe oben) und drittens ist dann eben die Bourgeoisie und ihre Sozialdemokratie imstande, einem noch viel grösseren Teil von Arbeitern einzureden, dass diese Zustände gut sind und dass man ihre Verewigung anstreben muss – denn wie wird man sonst leben können! (Was heute in Frankreich leider noch immer eine grosse Rolle spielt.) Es hat doch keinen Sinn, vor dieser unangenehmen Tatsache die Augen zu verschliessen – denn sonst ist es unmöglich die nationale Politik der französischen Sozialdemokratie zu verstehen, die Tatsache, dass sie in die Frage noch immer Massen beeinflussen kann – was sich in der Zeit des Mai 1958 zeigte[22] – und den ungeheuer schweren Stand, den unsere Partei weit über die Reihen der SP hinaus in der gesamten Arbeiterschaft gerade in dieser Frage hat – bis in die Reihen von Menschen hinein, die sonst in allen Punkten mit uns einverstanden sind – nur in diesem nicht. Im übrigen (das soll natürlich kein Argument, sondern nur informativ sein) ist diese Frage der Teilnahme an der Ausbeutung der unterdrückten Völker in meiner >Geschichte Österreichs< (für Österreich-Ungarn) geradezu ein Kernstück – und niemand hat international etwas dagegen gehabt und in unseren internationalen Konferenzen zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie in Prag usw. ist diese theoretische Analyse der Rolle der österreichischen Arbeiterklasse in der Monarchie auch von allen Beteiligten vertreten oder wenigstens akzeptiert worden – einschliesslich der Historiker aus der DDR. Nun könnte man natürlich die Frage stellen, ob das für Frankreich heute auch zutrifft – ich glaube aber das war ja nicht deine Fragestellung, du hast es prinzipiell gestellt

Trotzdem bin ich, wie gesagt, für die Streichung, denn wenn dir die Fragestellung so ausgefallen scheint, wird sie der Mehrzahl der Leser der DDR schon gar ausgefallen scheinen und es hat keinen Sinn, um eine Formulierung eine lange theoretische Diskussion zu beginnen. Übrigens ist es verständlich, dass den deutschen oder vielen deutschen Genossen die Frage nicht sehr vertraut ist. Da bei uns die nationale Frage in unserer Geschichte und auch im ganzen Kampf der Partei eine entscheidende Rolle spielte, kennen die meisten von uns gerade diese Probleme und die Arbeiten unserer Klassiker dazu vorwärts und rückwärts auswendig und haben geradezu bedingte Reflexe (was sicher für Arbeiten über koloniale Probleme eine Hilfe ist.) Bei euch dagegen haben diese Fragen mit Ausnahme einiger kurzen historischen Perioden kaum eine Rolle gespielt und sind vielen Genossen zwar theoretisch bekannt, aber doch nicht ständig so gegenwärtig und deswegen kann ich mir vorstellen, dass eine Feststellung über die Mitbeteiligung der Arbeiterklasse an einer kolonialen Ausbeutung – oder Teile der Arbeiterklasse – die bei uns niemanden verwundern würde (übrigens auch in der CSR und anderen ehemals unterdrückten Staaten nicht) bei euch wie ein Schlag wirkt. Also streichen wir halt – aber unmarxistisches Denken lasse ich mir doch nicht vorwerfen, daher die theoretische Abhandlung.

[…] 


[1] In Algerien sprechen die Gewehre. Dietz Verlag Berlin 1959. 270 S.; Ill., Faks.; der Karlsruher Virtuelle Katalog ermöglicht die Feststellung von Übersetzungen in den Bibliotheken der ehemals sozialistischen Länder. Vgl. Heide Maria Holzknecht: Eva Priester. Journalistin / Schriftstellerin / Historikerin. Diplomarbeit aus Geschichte. Eingereicht bei Gerhard Oberkofler. Innsbruck 1986. 

[2] „Die Erde wird eine Sonne ohne Schlachten entbinden / Der Krieg muss endlich entschwinden / Wenn aus ihm nur der Mensch sieghaft aufersteht“. Lancelot. Der Bote aus Frankreich. Monatsschrift 1 (1947), Rückseite des Umschlags (ohne Nennung des Übersetzers)

[3] MEW 1 (1972), S. 158.

[4] Bundesarchiv Berlin, Akten Dietz Verlag. Für sehr freundlich entgegenkommende Betreuung danke ich Frau Brigitte Fischer vom Bundesarchiv Berlin sehr herzlich!

[5] 1934 ist das von Willi Bredel in Prag geschriebene Buch als erste Auflage im Malik-Verlag, London, erschienen und war nach 1945 weltweit in vielen Auflagen verbreitet.

[6] Eva Priester: Kurze Geschichte Österreichs: 1: Entstehung eines Staates. Globus Verlag Wien 1946, 211. S.; 2: Aufstieg und Untergang des Habsburgerreiches. Globus Verlag Wien 1949, 620 S.

[7] Eva Priester: Korea. Ein Augenzeugenbericht vom modernen Vernichtungskrieg. 31 S., Bund demokratischer Frauen Österreichs. Wien 1951; dazu Gerhard Oberkofler: Vor 70 Jahren: Krieg gegen Korea – Zeitung der Arbeit [27. September 2021]

[8] Eva Priester: Vom Baume der Freiheit. Sechs historische Erzählungen. Globus Verlag Wien 1955, 391 S.

[9] Eva Priester: Was war in Ungarn wirklich los? Bericht einer Augenzeugin. Dietz Verlag Berlin1957, 123. S. Dazu Gerhard Oberkofler: Welche Funktion haben „Minutenmenschen“? – Zeitung der Arbeit [27. September 2021]

[10] Ignacio Ellacuría: „Bei alldem muss darauf bestanden werden, dass Marx und der Marxismus eine Gesellschaft ohne Klassen wollen und dass der Klassenkampf nichts anderes ist als die Antwort der ausgebeuteten Klasse auf die Gewalt der ausbeutenden Klasse“. Ignacio Ellacuría: Theologie der Befreiung und Marximus. Grundlegende Reflexionen. In: Peter Rottländer (Hg.), Theologie der Befreiung und Marxismus. edition liberación Münster 1987, S. 77–115, hier S. 80; vgl. Jürgen Kuczynski: Klassen und Klassenkämpfe im imperialistischen Deutschland und in der BRD. Dietz Verlag Berlin 1972. 

[11] Papst Franziskus: Das Evangelium der Einheit und Freiheit heute verkünden. L’Osservatore Romano vom 24. September 2021.

[12] Georg Lukács: Der russische Realismus in der Weltliteratur. Aufbau Verlag Berlin 1952, S. 131–147 (Dostojewski) 

[13] Sigmund Freud: Gesammelte Werke 14 (1963), S. 399–418; vgl. Andreas Guski: Dostojewskij. Eine Biographie. C. H. Beck. Durchgesehene Sonderausgabe 2021.

[14] Gustavo Gutiérrez: Nachfolge Jesu und Option für die Armen. Beiträge zur Theologie der Befreiung im Zeitalter der Globalisierung. Academic Press Fribourg / W. Kohlhammer Verlag GmbH. Stuttgart 2009, S.151.

[15] J. Stalin: Werke 2. Dietz Verlag Berlin, S. 266–333, hier S. 300 und 333; derselbe: Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage. Berlin 1950.

[16] MEW 2 (1972), S. 614; vgl. Grigorij E. Gleserman: Klassen und Nation. Dietz Verlag Berlin 1975.

[17] Lenin Werke 13 /1974), S. 66–73 (Der Internationale Sozialistenkongreß in Stuttgart).

[18] Jürgen Kuczynski: Die Kolonialisierung Westdeutschlands. Zweite, ergänzte Auflage von >Kolonie Westdeutschland<. Tribüne. Verlag und Druckereien des FDGB Berlin 1951.

[19] Eva Priester: Die Palästinenser. Weg und Ziel 1973, S. 225–227. 

[20] Bundesarchiv Berlin, Archiv des Dietz Verlages.

[21] Benannt nach Karl Lueger (1844–1910).

[22] Faschistischer Putsch der französischen Ultras in Algerien am 15. Mai 1958.

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