HomeFeuilletonGeschichteErnst Wimmer gegen die parteirechten „KPÖ-Erneuerer“ (1965–1972)

Ernst Wimmer gegen die parteirechten „KPÖ-Erneuerer“ (1965–1972)

Gastautor Peter Goller, geb. 1961, Univ.-Doz. Dr. und Archivar an der Universität Innsbruck

Inwieweit der von Ernst Wimmer unterstützte Kampf für eine „antimonopolistische Demokratie“ und seine Auffassung zur Bündnispolitik (u.a. Richtung Friedens- Ökologiebewegung, linke Sozialisten wie Josef Hindels) tragfähig waren (Wimmer 1988, dazu Tibor Zenker 2007), inwieweit Ernst Wimmer Mitte der 1980er Jahre in der KPÖ verbreitete, demoralisierende Illusionen über das „neue Denken“ in der Sowjetunion anfänglich geteilt hat, (so Philipp Wimmer 2003) muss hier offenbleiben. Inwieweit Ernst Wimmer intellektuell kleinbürgerliche Tendenzen in einem zunehmend unpolitischen Parteiapparat unterschätzte, bleibt hier gleichfalls offen.

Ernst Wimmer hat aber rechtzeitig den von geschichtsrevisionistischen Debatten begleiteten Weg von „Perestroika“ und „Glasnost“ in einen „Sowjet-Thatcherismus“, in die Restauration eines parasitären „Neokapitalismus“ erkannt. Stellvertretend sei hier auf seinen letzten wichtigen „Weg und Ziel“-Beitrag „Fragen und Bemerkungen zu einem schmählichen Ende“ im Oktober 1991 hingewiesen. Bruno Furch sah in Ernst Wimmer zu Recht einen der wenigen verbliebenen unbestechlichen marxistisch-leninistischen Theoretiker in einer KPÖ, die nach 1968/69 nicht mehr in der Lage war, (ideologische) Kämpfe zu führen, ja diesen scheinaktivistisch auswich, um in administrativem Leerlauf zu versinken. (Furchs Wimmer Porträt 1993) Wimmer hat sich nicht zufällig den Hass all’ der politisch gescheiterten, sich als Liquidatoren erweisenden „Parteierneuerer“ zugezogen, zu Lebzeiten zuletzt auf dem 28. Parteitag im Juni 1991. (Furch 1995, 84f.)

Wimmer in den 1980er Jahren: gegen die „linkssozialistischen“ und „eurokommunistischen“ „dritten Wege“, für ein leninistisches Verständnis Antonio Gramscis

In diesem Zusammenhang ist Ernst Wimmers Auseinandersetzung mit den Vorboten des „neuen Denkens“ innerhalb der westeuropäischen kommunistischen Bewegung, innerhalb der KPÖ beginnend im Vorfeld zum 19. Parteitag 1965 und im Zusammenhang mit den dort verabschiedeten Thesen über den „friedlichen Weg zum Sozialismus“ bedeutsam, so wie seine Auseinandersetzung mit „linkssozialistischen“ und „eurokommunistischen“ „Transformationsstrategien“ um 1980.

Ernst Wimmer hat bestritten, dass ein Antonio Gramsci als Kronzeuge eines „pluralen“, eines „westlichen Marxismus“ herhalten kann. Gramsci ist kein Theoretiker der „langsamen Revolution“, „ohne Bürgerkrieg“, „ohne Sturm auf das Winterpalais“ nach dem austromarxistischen Muster eines Otto Bauer. Gramsci war Leninist, der nicht nur bedauerte, nach 1917/18 zu lange im italienischen sozialistischen Partei-Verband geblieben zu sein, sondern der auch für die Bolschewisierung der KPI eingetreten war, und der gerade mit Blick auf die „süditalienische Frage“ eine Bündnispolitik zwischen den Industriearbeitern des Nordens und den verarmten Bauernmassen des italienischen Südens nach dem Vorbild der Oktoberrevolution einforderte.

Wimmer belegt, dass Gramsci nichts mit der Otto Bauer’schen Vorstellung von der „langsamen Revolution“ zu tun hatte. Gramscis „Stellungskrieg“ hat nichts mit der reformistischen Taktik der österreichischen Sozialdemokratie nach 1918 zu tun, wie Wimmer 1984 festhält: „Hartnäckig behauptet die Legende, weil immer wieder sorgfältig genährt, Gramsci sei Gegner jedes Bewegungskrieges gewesen, habe ein für allemal unter allen Bedingungen den Stellungskrieg für die einzige praktikable Strategie der Arbeiterklasse gehalten. (…) Nicht wenige schließen aus solchen Unterstellungen auf einen angeblichen Gegensatz Gramscis zum Leninismus.“ (Wimmer 1984, 39)

Gramsci hat nichts mit Otto Bauer, dem Denker der historischen „Revolutionspausen“ und des „Gleichgewichts der Klassenkräfte“ zu tun. Selbst ein sozialdemokratischer „Zusammenleser“ von Bauer und Gramsci wie der Bremer Politologe Detlev Albers gesteht 1983 zu, dass sich das Revolutions‑, Diktatur- und Demokratieverständnis beider an entgegen gesetzten Polen orientiert hatte, hier der „zentristische Linkssozialist“ Bauer, dort der leninistische Kommunist Gramsci: „Gramsci vergewissert sich etwa seiner Auffassungen über die Prinzipien des ‚Stellungskrieges’ in der Auseinandersetzung mit Lenin, Trotzki, Bordiga und Rosa Luxemburg; Bauer gelangt zu Präzisierungen seines Staats- und Demokratieverständnisses in der produktiven Konfrontation mit den Positionen [Hans] Kelsens und [Karl] Renners einerseits, mit denen Max Adlers andererseits.“ (Albers 1983, 16)

Gramsci hat nie gleich Otto Bauer auf die Gewinnung einer proletarischen Hegemonie durch den bürgerlich demokratischen Wahlzettel, also 50% und eine Stimme gesetzt. Gramsci hat nie wie die in den 1970er Jahren „wiederentdeckten“ Austromarxisten Scheinhoffnungen vom „demokratischen Weg zum Sozialismus“, von der „allmählichen Demokratisierung“ im Weg „zivilgesellschaftlich“ kultureller, politischer „Überbau“-Strukturen geweckt. Im Gegensatz zu den Adepten der „dritten Wege“ hat Gramsci die „konsensualen“ Elemente der „Zivilgesellschaft“ nie überschätzt. Ohne Bruch mit den bürgerlichen Eigentumsverhältnissen, ohne Rückgriff auf die Diktatur der Arbeiterklasse galt Gramsci jede kulturell politische „Hegemonie“ als brüchig, wie Wimmer mit Blick auf den Sturz der chilenischen Allende-Regierung am 11. September 1973 festhält. (Wimmer 1984, 45)

Wimmer erklärte die „Otto Bauer-Renaissance“ und die Adaptierung Antonio Gramscis im Sinn eines „westlich pluralen Marxismus“ im Jänner 1980 in „Weg und Ziel“ als Ausdruck einer ideologischen Krisenerscheinung in den „symbiotisch mit dem Kapital“ verwachsenen westeuropäischen Sozialdemokratien, als Symptom dafür, dass mit dem Ende „fordistischer“ Kapitalismus-Illusionen seit der Wirtschaftskrise 1974/75 und dem damit in die defensive geratenen sozialdemokratischen „Wohlfahrtsstaat“ nicht mehr ausschließlich mit Rückgriffen auf Keynes oder auf Popper’schen „Kritischen Rationalismus“ das Auslangen gefunden werden konnte.

Wimmer erklärte die „Wiederentdeckung“ Otto Bauers, des „Austromarxismus“ in den 1970er Jahren damit, dass in linkssozialistischen Gruppen und im „undogmatisch“ kommunistischen Lager Italiens, Frankreichs oder Spaniens, in denen mit der Oktoberrevolution von 1917 auch die „Diktatur des Proletariats“ verpönt war, nach zum Schein marxistischen Theorien einer bürgerlich legal sozialistischen Machtübernahme gesucht wurde. Solche Modelle des „sanften, risikolosen Hinübergleitens in eine neue Ordnung über Sechzehntel, Achtel, Viertel der Macht“ konnte man in Bauers „Weg zum Sozialismus“ finden: „Wer wäre reicher an solchen Theorien als der Austromarxismus, der sich unter Bedingungen entwickelte, wo zuweilen die große Mehrheit der Sozialisten die Machtergreifung für das Vordringlichste hielt, ja die Sozialdemokratische Partei sogar im bürgerlichen Staat über einen bewaffneten Arm verfügte: den Republikanischen Schutzbund? Kaum eine Frage, welche auf dem Weg zur Macht auftauchen kann, die nicht im Austromarxismus theoretisch angerissen wurde. Freilich meist nur, um zu ‚beweisen’, dass die Verhältnisse ‚noch nicht reif’ seien, dass ein ‚Abwarten des Reifeprozesses’, dass der Rückzug in Permanenz, die Flucht vor Entscheidungen das Ratsamste seien.“

In der philosophischen Neutralität des Bauer’schen Austromarxismus – er verpflichtet nicht zum dialektischen Materialismus, Bauer selbst sympathisierte etwa mit Ernst Machs Empiriokritizismus, in Bauers Flucht zu den Notwendigkeiten der Geschichte sieht Wimmer den Grund, warum der Austromarxismus nach Jahrzehnten des Vergessenseins für eine diffuse „Eurolinke“ wieder aktuell scheint: „So kann man bei seinem ‚historischen Fatalismus’ anknüpfen, bei der Vorstellung eines automatischen Zusammenbruchs, eines ‚Weltgerichts’, wo nicht die Arbeiterklasse mit dem Gegner abzurechnen habe, sondern zuvorkommend die Geschichte das höchst persönlich besorgen werde. (Etwa beim späten Viktor Adler.) Ebensogut kann man andere Fäden herauszupfen: diverse Theorien des ’Gradualismus’, des sanften Hineinwachsens in den Sozialismus ohne qualitativen Sprung, ohne erbitterten Klassenkampf bis zur Revolution.“ (Ernst Wimmer 1980, ähnlich Bruno Frei 1980)

Im nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 um sich greifenden „Neuen Denken“ wurde die Frage nach der Geschlossenheit des Marxismus für „dogmatisch“ erklärt. Unter den Schlagworten vom „weltanschaulichem Pluralismus“, von der „Neutralität zur Philosophie in der Partei der Arbeiterklasse“ liefen die Angriffe auf die materialistische Dialektik, gedieh die Auffassung vom Marxismus als bloßer „Sozialwissenschaft“. Auch hiefür schien Bauer und manchen sogar Gramsci geeignet, so Wimmer: „Schon die vielen Wandlungen, die Bauer selbst hinsichtlich seiner philosophischen ‚Färbung’ durchmachte (vom Neokantianismus, Neohegelianismus bis zum Positivismus), beweisen: auch er ist keine Ausnahme von der Regel. Auch für ihn schrumpft Marxismus zur Gesellschaftswissenschaft, zur Soziologie, ist diese folglich mit jeder beliebigen Philosophie und Weltanschauung vereinbar. Unmissverständlich hat er dies selber festgehalten: ‚Wir haben nun hier selbstverständlich nicht zu prüfen, wessen Weltanschauung die richtige ist (!): ob die der Materialisten (Plechanow, Lenin), der Positivisten (Friedrich Adler), der Kantianer (Max Adler). Uns handelt es sich vielmehr nur darum, an diesen Beispielen zu zeigen, dass wir unter den Theoretikern des wissenschaftlichen Sozialismus Anhänger der verschiedensten Weltanschauungen finden.’“ (Wimmer 1984, 42–44 – nach Otto Bauer 1927/1976, 494)

Ernst Wimmer hat gezeigt, dass sich dieser „Agnostizismus“ so genannter „liberaler Kommunisten“ nicht auf Gramsci stützen konnte: „Wenn Gramsci Bauers Haltung zur Philosophie nicht als marxistisch, sondern als ‚Agnostizismus’ charakterisiert, trifft das den Kern der Sache.“ Gramsci trat für die Selbständigkeit der „Philosophie der Praxis“ ein und lehnte deshalb alle idealistischen Marx-Kant- [Mach‑, …]-Synthesen, wie er sie in Otto Bauers „sozialwissenschaftlicher“ Materialismus-Interpretation oder in Max Adlers zur religiösen Spekulation führendem „Sozialapriori“ vorfand, ab. Gegen Bauer, der erklärt, „dass der Marxismus von einer beliebigen Philosophie ‚getragen’ oder ‚integriert’ werden kann“, also sich sogar mit dem „Thomismus“ verbünden kann, polemisierte Gramsci in den „Gefängnisheften“: „In Otto Bauers Broschüre über die Religion lassen sich einige Hinweise auf die Kombinationen finden, zu denen dieses fehlerhafte Konzept Anlass gegeben hat, wonach die Philosophie der Praxis nicht autonom und unabhängig, sondern darauf angewiesen sei, sich auf eine andere, bald materialistische, bald idealistische Philosophie zu stützen. Als politische These vertritt Bauer den Agnostizismus der Parteien und das Zugeständnis an die Mitglieder, sich in idealistischen, materialistischen, atheistischen, katholischen usw. Gruppen zu organisieren, was abwegigster und übelster Opportunismus ist.“ Otto Bauers „Religion ist Privatsache!“-Losung und sein Bemühen, den religiös gesinnten Bauern‑, Handwerker- und (Land-) Arbeitermassen einen neutralen historischen Materialismus anzubieten, führen nach Gramsci zu einer opportunistischen Haltung in Bündnisfragen, zur Entwaffnung des Proletariats, zur revisionistischen These, die Marx’sche Theorie kann und will keine „Philosophie“ bieten. (jetzt in Gramsci: Gefängnishefte, 1991–2002, 1428, 1492. Gramsci bezog sich auf Otto Bauer 1927/1976)

Ernst Wimmer gegen die „austro-eurokommunistischen Erneuerer“ (1965–1972)

Ernst Wimmer hat 1987 als Parteihistoriker die Auseinandersetzung mit den Revisionisten, die sich selbst als „progressive Kommunisten“ (J. Meisel), „undogmatische Linke“, „Austro-Eurokommunisten“ (Th. Prager, L. Spira) in der Linie des „Togliatti-Testaments“, der Rede vom „Polyzentrismus“, vom „vielfältigen Marxismus“ sahen, beschrieben: Die Diktatur des Proletariats schien diesen im Vorfeld zum 19. Parteitag der KPÖ 1965 hinfällig, die führende Rolle der Partei fragwürdig. Der demokratische Zentralismus, das „Fraktionsverbot“ erschien als autoritär „stalinistisch“. Die kommunistische Partei als Kaderpartei sei in Richtung „linker Bündnisse“ und „offener Plattformen“ aufzulösen.

Wimmer analysiert 1987 die Schwierigkeiten der Parteiführung um den 1965 aus dem Vorsitz scheidenden Johann Koplenig, um den 1964 verstorbenen Franz Honner oder um Friedl Fürnberg, ständigen Versuchen, die KPÖ in Richtung eines Sozialdemokratismus (z.B. „Frischauer-Thesen“ 1961) zu orientieren, gezielt entgegen zu treten. Nach Wimmer gab es in der KPÖ überdies Tendenzen, sich auf den antifaschistischen Verdiensten der Partei auszuruhen. Die Reaktion auf die internationalen Bedingungen (20. KPdSU-Parteitag, sowjetisch-chinesischer Konflikt, „Tauwetter“, „Koexistenz“) war schwankend unsicher. Die Wandlungen im österreichischen Kapitalismus („Sozialpartnerschaft“) wurden zögerlich bewertet. Insgesamt neigte man in der Beurteilung des kapitalistischen Krisenzyklus von einem Extrem zum anderen: erst permanente, sich steigernde Krisenanfälligkeit des Kapitalismus verbunden mit fortschreitender Verelendung der Arbeiterschaft – dann Einschätzung der bürgerlichen Gesellschaft als zunehmend krisenfest, dabei mögliche „Humanisierung“ und „Mitbestimmung“ in der Arbeitswelt überschätzend.

Angesichts einer im Mai 1964 eröffneten Diskussion über „die Orientierung auf den friedlichen Weg zum Sozialismus“, der in den Beschlüssen des 19. Parteitages Ende Mai 1965 festgeschrieben wurde, fühlten sich die rechten „Parteierneuerer“ um Ernst Fischer und Franz Marek zu weiteren Aktionen, die auf eine Liquidierung der Partei in Richtung einer (nach „links gedrängten“) Sozialdemokratie, einer „neuen Linken“ hinausliefen, ermutigt.

An Hand von fünf ausgewählten „Weg und Ziel“ Texten soll die marxistische und leninistische Haltung Ernst Wimmers in den Konflikten nach dem 19. Parteitag 1965 nachgezeichnet werden:

  • seine Reaktion auf Ernst Fischers „Marxismus und Ideologie“ (1965),
  • seine Reaktion auf Ernst Fischers und Franz Mareks „Was Lenin wirklich sagte“ (1969),
  • seine Einschätzung von Ernst Fischers „Erinnerungen“ als einem Dokument des „wahren“ kleinbürgerlichen Sozialismus (1970),
  • über Franz Mareks „Tagebuchgruppe“ und ihre „linke Plattform“ als eine ohne politische Perspektive (1970),
  • seine Reaktion auf Theodor Pragers „Konkurrenz und Konvergenz“ als einem „Rosa Faden zur Sozialpartnerschaft“ (1972).

„Marxismus und Ideologie“-Debatte 1965

Wimmer tritt 1965 gegen Ernst Fischer auf, indem er dessen in der italienischen „Rinascità“ verfochtener Ansicht, der Marxismus müsse sich – vom ideologischen Anstrich des proletarischen Klassenstandpunkts befreit – in Richtung einer reinen Sozialwissenschaft entwickeln, widersprach. Nicht zufällig erschien Fischers „Marxismus und Ideologie“ in deutscher Übersetzung dann noch einmal zeitgleich zum 19. Parteitag im Mai 1965 in „Weg und Ziel“.

Fischer, der in der ihm eigenen Gefälligkeit am Parteitag davon sprach, dass Kommunisten selbstverständlich „keine Diktatur, am wenigsten die Diktatur einer Partei“ wollen, erklärte den Marxismus zur „Philosophie und Wissenschaft“ im Sinn eines bürgerlich wertfrei neutralen, „kritisch rationalistischen“ Verständnisses von Wissenschaft. Und dann folgten die inhaltsleeren Schlagworte Fischers von einem Marxismus, der durch „Aufrichtigkeit“, „Intelligenz“ „Kultur“, durch „den Geist der Demokratie“, durch „Humanität“ in „ideologischer Koexistenz“ als einem „allseitigen Wettbewerb der Ideen“ neu gewonnen wird. Träger dieses „neuen“ Marxismus „jenseits der Mystifikation der Weltrevolution“ sollte eine von Fischer mehr oder weniger freischwebend über den Klassen gedachte Intelligenz sein: Vor allem müssen wir „uns davor hüten, Verdammungsurteile, wie ‚bürgerlich, dekadent, antimarxistisch, revisionistisch, dogmatisch’ usw. für Wahrheitsbeweise zu halten. Kehren wir zu den einfachen Kategorien ‚richtig’ und ‚falsch’ zurück, denn es gibt keine ‚bürgerlichen’ oder ‚proletarischen’, ‚kapitalistischen’ oder ‚sozialistischen’, sondern nur richtige und falsche (oder halbrichtige, zweifelhafte usw.) Ergebnisse der Wissenschaften.“

Wurden in einer sich bis 1966 erstreckenden Diskussion für Fischer Leopold Spira oder Theodor Prager mobilisiert, traten gegen ihn Friedl Fürnberg oder Hermann Mitteräcker auf. Fürnberg reagierte mit der Frage: „Hat nicht gerade Marx bewiesen, dass das, was für die eine Klasse richtig, für die andere falsch ist?“ (Weg und Ziel 1965, 425) Hermann Mitteräcker, Kärntner Parteisekretär, erst 1963 mit einer Darstellung des österreichischen Arbeiterwiderstandes gegen den NS-Faschismus hervorgetreten, sah Fischer auf dem Weg der von Friedrich Engels im „Anti-Dühring“ verspotteten „ewigen Gerechtigkeit“, „ewigen Wahrheiten“: „In einer Welt, in der es imperialistische und sozialistische Staaten gibt und in der es eine Bourgeoisie und eine Arbeiterklasse gibt, kann ‚richtig’ und ‚falsch’ nur vom Klassenstandpunkt bestimmt werden, der sich auch in der ‚Ideologie’ ausdrückt. Würden wir dafür andere Kategorien einführen, kämen wir nicht vorwärts sondern weit hinter den Marxismus zurück, zu der von Marx, Engels und Lenin zu Recht verspotteten ‚Ewigen Gerechtigkeit’, deren Prinzipien für eine Welt der Klassengegensätze ungreifbar, irgendwo über den Wolken schweben.“ (Weg und Ziel 1965, 500)

Ernst Wimmer, der Fischers Rede von einer zu überwindenden „Festungsmentalität“ angesichts des vom imperialistischen Block belagerten jungen Sowjetstaats der Bürgerkriegsjahre 1917 bis 1921 für oberflächlich hält (so Wimmer 1987, 430), merkt gegen Fischer an: „Lenin betont in seinem Artikel ‚Marxismus und Revisionismus’: ‚Würden geometrische Axiome an menschlichen Interessen rühren, so würde man sie sicherlich zu widerlegen suchen. Naturgeschichtliche Theorien, die an alte theologische Vorurteile rührten, wurden und werden … aufs erbitterste bekämpft.’ [Lenin Werke Band 15, 19] Genosse Fischer verlangt die Befreiung von Erstarrung im Denken, von leblosen Formeln, vergisst jedoch den wesentlichen Bestandteil des Marxismus: die Einsicht in die klassenmäßige Bedingtheit aller gesellschaftlichen Ideen.“ (Wimmer in Weg und Ziel 1965, 426f.)

Lenin: 1969 gedeutet von Ernst Fischer und Franz Marek

Unter den Bedingungen der Parteikrise von 1968/69, von Fischer über Interviews im westdeutschen Fernsehen, im ORF, in diversen bürgerlichen Zeitungen eskaliert, gaben Franz Marek und Ernst Fischer Anfang 1969 im „Verlag Fritz Molden“ ein Büchlein „Was Lenin wirklich sagte“ heraus. Marek und Fischer bereiteten einen Lenin für „antidogmatische Revisionisten“ auf, gleichsam einen vom „Marxismus-Leninismus“ befreiten, „nicht-kanonisierten“ Lenin.

Vom „undemokratischen“, sprich für die „progressiven Kommunisten“ nicht brauchbaren Lenin grenzten sich Fischer und Marek strikt ab, indem sie die Frage aufwarfen, ob der Lenin des Oktoberaufstandes 1917 nicht möglicherweise geirrt hat, indem sie ihm vorwarfen, an entscheidenden Schnittstellen die Prinzipien der bolschewistischen Parteidemokratie missachtet und autoritär majorisierend gehandelt zu haben, so nach der Rückkehr nach Russland im April 1917, „als er den Übergang von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution proklamierte, so vor dem bewaffneten Aufstand im Oktober 1917, so bei den Beratungen über den Frieden von Brest-Litowsk im Februar 1918“. (Fischer-Marek 1969, 15)

Fragwürdig schien Marek und Fischer Lenin in seiner Verteidigung des dialektischen Materialismus wider die Mach-Avenarius-Anhänger in der russischen Sozialdemokratie, ein Lenin also, der 1908 philosophische Strömungen wie den „Empiriokritizismus“ vom Klassenstandpunkt aus beurteilte. Die beiden Autoren glaubten, dass der spätere Lenin der „Konspekte zur Hegelschen Philosophie“ das Prinzip der philosophischen „Parteilichkeit“ aufgegeben habe: „Die philosophischen Systeme werden auch nicht mehr klassenmäßig klassifiziert.“ (Fischer-Marek 1969, 172)

Fischer und Marek überzeichneten ihren „progressiv kommunistischen“ Absichten gemäß einen Lenin, der auf den „Kompromiss“, auf die Option des „friedlichen Weges“ zum Sozialismus, ohne bewaffneten Aufstand, ohne Diktatur der Arbeiterklasse, ohne Bürgerkrieg zu orientieren schien. (Fischer-Marek 1969, 69–72) Unter dem Titel „Radikalismus und Sektierertum“ beschrieben sie einen Lenin, der sich eigentlich nur gegen den „kleinbürgerlichen Revolutionarismus“, gegen den „linken Radikalismus“ der Verweigerer der Arbeit in „reaktionären Organisationen“ (in bürgerlichen Parlamenten, Wahlboykott) oder in reformistischen Gewerkschaften wandte. Lenins Kampf gegen den rechten Opportunismus erschien Marek und Fischer wenig relevant. (Fischer-Marek, 98–116)

Friedl Fürnberg rückte 1969 in „Weg und Ziel“ das Bild von Lenin, der die „April-Thesen“ über „die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution“ (Lenin Werke 24, 3–8) autoritär durchgesetzt habe, ebenso zurecht, wie die Auffassung von Fischer/Marek, „dass die Haltung Lenins vor dem Oktober-Aufstand angeblich in Widerspruch zur Mehrheit des ZK und der Partei stand“. Desgleichen konnte sich Lenins Haltung, ein revolutionärer Krieg gegen das imperialistische Deutschland entspreche phrasenhaften Revolutionsvorstellungen, auf eine breite Parteimehrheit stützen.

Fischer und Marek hatten den Eindruck erweckt, dass Lenin bei aller Polemik gegen Otto Bauer 1920 gleich diesem im Staat nicht nur ein Mittel der Klassen-Repression, sondern auch eines der gesellschaftlichen Vermittlung gesehen hat, und so Otto Bauers 1919 im „Weg zum Sozialismus“ (Otto Bauer: Werke 2, Wien 1976, 124–128) entwickelte Sicht von einer friedlich „geregelten, geordneten“ „Expropriation der Expropriateure“ – durch „Überzeugung“, durch „Steuergesetzgebung“ – als denkbare Alternative anerkannt habe. Fürnberg hat gezeigt, dass Marek und Fischer Lenin selektiv lesen, dass sie die Ironie in Lenins Polemik gegen den Reformisten Bauer ignorieren, um den Eindruck einer Übereinstimmung zwischen Lenin und den Austromarxisten zu erwecken. Lenin hatte Bauers Sicht von der „friedlichen“ Sozialisierung nämlich als eine „pedantische“ Spekulation wider alle Realität klassifiziert. (Lenin, Werke, 30, 350–354)

Auch Bruno Frei warf Fischer und Marek vor, aus Lenin über gezielte Halbzitate einen Vordenker sozialfriedlicher Wege machen zu wollen: „Die Verfasser bemühen sich um den Nachweis, dass Lenin die Möglichkeit einer friedlichen Ablösung angenommen und diese angestrebt habe. Einer ihrer Beweise ist der Artikel ‚Eine der Kernfragen der Revolution’ vom 27. September 1917. Lenin schreibt: ‚Die Macht der Sowjets – das allein könnte die weitere Entwicklung stetig, friedlich und ruhig gestalten.’ [Lenin Werke 25, 386] Das Zitat ist richtig – nur ist weggelassen, was im Absatz davor steht: ‚Nur die Diktatur der Proletarier und der armen Bauern ist imstande, den Widerstand der Kapitalisten zu brechen, mit wahrhaft großartiger Kühnheit und Entschlossenheit die Macht auszuüben und sich die begeisterte, rückhaltlose, wahrhaft heroische Unterstützung der Massen sowohl in der Armee wie in der Bauernschaft zu sichern.’“ Lenins im September 1917 nach der Niederschlagung des Kornilow-Putsches gemachte Andeutung, die Revolution könne unter Umständen ohne Aufstand im Weg einer von den Menschewiki und den Sozialrevolutionären geführten, von den Sowjets und den frei agitierenden Bolschewiki unterstützten Arbeiterregierung fortgeführt werden, wurde von Marek und Fischer überbewertet. (Lenin, „Die Aufgaben der Revolution“, Werke 26, 50f. oder zuvor Lenin, Werke 25, 386)

Fischer und Marek wollen – so Bruno Frei – Lenin die Tendenz unterstellen, er habe die Diktatur des Proletariats auch im Sinn einer konsensual, organisatorisch, kulturell moralischen Hegemonie unter möglichster Ausblendung revolutionärer Gewalt verstanden: „Die Autoren wollen beweisen, dass Lenin über die Diktatur des Proletariats mit sich reden ließ. Sie (Fischer-Marek 1969, 86) zitieren aus Lenins Brief an die ungarischen Arbeiter [vom 27. Mai 1919] (Lenin Werke 29, 376) die Stelle: ‚Aber nicht in der Gewalt allein und nicht hauptsächlich in der Gewalt besteht das Wesen der proletarischen Diktatur. Ihr Hauptwesen besteht in der Organisation und Disziplin der fortschrittlichsten Abteilung der Werktätigen, ihrer Avantgarde, ihres einzigen Führers, des Proletariats.’ Hätten die Autoren bestrebt, einen ganzen Lenin zu präsentieren und nicht einen verstümmelten, den Absatz davor mitzitiert, dann wären sie dem Titel ihres Buches nähergekommen. Da steht nämlich: ‚Diese Diktatur setzt die schonungslos harte, schnelle und entschiedene Gewaltanwendung voraus, um den Widerstand der Ausbeuter, der Kapitalisten, Gutsbesitzer und ihrer Handlanger zu brechen. Wer das nicht verstanden hat, der ist kein Revolutionär, den muss man seines Postens als Führer oder Ratgeber des Proletariats entheben.“ (Bruno Frei, Weg und Ziel 1969, 405–407)

Fürnberg oder Frei folgend hob Wimmer hervor, dass Fischer und Marek den von Lenin zentral verfochtenen Kampf gegen den Rechtsopportunismus für erledigt erklären – ganz im Sinn ihrer versöhnlichen Position gegenüber der Sozialdemokratie, ihrer angestrebten „Renaissance“ von Otto Bauers „integralem Sozialismus“: Lenin hingegen „wurde nicht müde, festzuhalten, immer wieder ins Bewusstsein zu bringen, dass die kommunistische Bewegung sich im Kampf mit dem Opportunismus entwickelt und gekräftigt hat.“ (Wimmer in „Weg und Ziel“ 1969, 584)

Nur Monate später konnte Wimmer im Juni 1970 in einer Glosse „Lenin und die Renegaten“ feststellen, dass dies nur eine erste Stufe der Lenin-Kritik war. Im Lenin-Erinnerungsjahr 1970 gingen Fischer und Marek schon weiter. Fischer sieht in Lenin nun den allenfalls halb legitimen Schüler von Karl Marx, den Schöpfer einer „dogmatischen und dem Wesen von Marx nicht entsprechenden Ideologie“. Marek äußerte im April 1970 in der westdeutschen „Zeit“, dass Lenin wohl nicht auf den roten Oktober 1917 orientiert hätte, „wenn er nicht von der Unvermeidlichkeit der nahen Weltrevolution überzeugt gewesen wäre“. Lenin hätte es wohl bei der „bürgerlich-demokratischen Revolution“, deren Aufgabe die kapitalistische Industrialisierung des „rückständigen“ Landes gewesen wäre, belassen, so Marek frei spekulierend. So wie die Zentristen Otto Bauer oder Karl Kautsky unmittelbar nach 1917 sprachen nun 1970 die „Austro-Eurokommunisten“ vom roten Oktober 1917 als einem „Fehler“. Wimmer fasst den Marek’schen Standpunkt so zusammen: „Man hätte über die bürgerlich-demokratische Revolution nicht hinausgehen, über die Bourgeoisie nicht hinweggehen dürfen.“ (Ernst Wimmer 6/1970) Nicht zufällig erklärte Marek im Sommer 1970 die KPÖ für funktionslos. Wimmer beschreibt im September 1970 in „Weg und Ziel“, wie die Träger des „Geistes der Erneuerung“, des „Geistes des 19. Parteitages“ von 1965 nun der Illusion von einer „offenen“, „undogmatischen“, „pluralen“ „Linkspartei“ nachhängen. (Wimmer 1970/9)

Ernst Fischer 1969:„Erinnerungen“ für ein bürgerliches Publikum

Fischer steht nach Wimmer für jenen Typ des linken Intellektuellen, der in Zeiten, in denen sozialistische und kommunistische Bewegungen stagnieren und sich krisenhaft entwickeln, also in Zeiten so genannter „revolutionärer Flaute“ in die Welt des schönen bürgerlichen Scheins zurückkehrt. Wimmer beobachtet: „Doch [Fischers] Wandlung von damals [in den Jugendjahren nach 1918] war symptomatisch: für Schichten, die, um bürgerliche Werte vor der verkommenen Bourgeoisie zu retten, zum Proletariat fanden; zugleich aber für jene, die nie ganz die Fäden zu durchtrennen vermochten, die sie mit der bürgerlichen Welt verbanden. In Perioden ohne revolutionäre Kämpfe, der Rückschläge und fernen Perspektiven, des zähen, mühseligen Kleinkrieges, des Regierens mit Methoden der parlamentarischen Demokratie entsteht unter ihnen spontan immer wieder die Illusion, dass eigentlich diese Demokratie schon fast vollkommen wäre, wenn es nur irgendwie gelänge, die Bourgeoisie und ihre ökonomischen Privilegien zu subtrahieren.“

Nicht zufällig stilisiert sich Fischer als „Intellektueller“, als „Künstler“, und geradezu als „Nicht-Politiker“. Fischer, der – wie Wimmer beobachtet – schon zu Zeiten als KPÖ-Funktionär eine Neigung zur „belletristischen Agitation“ nicht verbergen hatte können, widersteht nicht dem Lob der bürgerlichen Kultur- und Feuilletonspalten, wo er als Ausbrecher „aus dem Geistesghetto der kommunistischen Partei“ gepriesen wird.

Wimmer zeigt, dass Fischer stellvertretend für jene „Linksintelligenz“ steht, der der Weg in die Arbeiterbewegung, erst in die Sozialdemokratie Otto Bauers, dann nach dem Februar 1934 in die KPÖ, zur bloßen dandyhaften „Meuterei“ gegen die kleinbürgerliche Welt des konservativ autoritären Herkunftmilieus gerät. Dieser Sozialismus ist einer von „Rebellen“ und „Aufrührern“, ein Sozialismus, der nicht von „Erkenntnis, Klarheit, Klassenbewusstsein“, sondern von „Gefühl“, „Leidenschaft“, „radikalem Hass und radikaler Liebe“ getragen war. Oder Fischer weiter 1969 in seinen Erinnerungen: „Es war das Paradies der Anarchie, des Eros und der Brüderlichkeit, von dem ich träumte …“ oder ein weiteres von Wimmer ausgewähltes Musterbeispiel: „Noch kennzeichnender sind die Sätze: ‚Was viele meiner Generation, meines Jahrhunderts mitriss, … war die ‚Revolution an sich’. Es war der Traum von einer nie endenden erotischen Vereinigung mit einer Idee und der von ihr ergriffenen Masse, von einer ‚Revolution in Permanenz’ (nicht so sehr als gesellschaftliche Umgestaltung wie als individuelles und gemeinsames Erlebnis)’.“

Der Impressionismus des „sensiblen Humanisten“, die „schöngeistige“ Sentenz, die nur zu oft eine Plattheit ist, tritt an die Stelle der konkreten materialistischen Betrachtung. Statt vom Kampf gegen die Ausbeutung wird von der „Überwindung von Entfremdung und von Verdinglichung“ geschwärmt. An die Stelle der widersprüchlichen Realität des Klassenkampfs tritt bei Fischer der „Traum vom ganzen Menschen“.

Folglich ist nicht mehr die diszipliniert um eine Lohnerhöhung oder um eine kleine tägliche Erleichterung kämpfende Arbeiterschaft Adressatin eines Ernst Fischer, sondern die abstrakt klassenindifferent gefasste „revoltierende Jugend“ von „1968“.

Dem entspricht eine Organisationsfeindlichkeit. Die kleinbürgerliche Boheme will keiner Parteidisziplin „dienen“, sich schon gar nicht dem demokratischen Zentralismus unterordnen. Das ist allenfalls Schnödes für die „breiten Massen“: „Organisation ist für Fischer schon Deformation, (…). Die Theorie darf für ihn nicht die Massen ergreifen, um zur Gewalt zu werden. Denn sie würde zugleich ‚falsches Bewusstsein’, und das wäre völlig verkehrt.“

Kein Zufall, dass in den Fischer-„Reflexionen“ das bürgerlich irrationale Motiv von der „Einsamkeit“, der „Vereinzelung“ des Intellektuellen selbst in der Arbeiterbewegung, die Flucht in „die Erlebnisse“, „die Erfahrungen“, die Hochstilisierung zum „widerspenstigen Individualisten“, „Revolutionär an sich“, zum „geistigen Freischärler des Sozialismus“ nach dem Muster kleinbürgerlicher Radikalität dutzende Male wiederholt wird. Dies erinnert einen Ernst Wimmer an Marx’ und Engels’ Auseinandersetzung mit dem „wahren Sozialismus“: „Vor uns entsteht eine Figur, eine Verkörperung der Charakteristik des ‚wahren’ Sozialismus, wie sie Marx und Engels im ‚Kommunistischen Manifest’ [MEW 4, 487] gaben: ‚Das Gewand, gewirkt aus spekulativem Spinnweb, überstickt mit schöngeistigen Redeblumen, durchtränkt von liebensschwülem Gemütstau.’ (…) Nichts fehlt da, was man vermissen müsste, wenn es nicht da wäre: Die moralisierende Rhetorik, die auffahrende Geste des Rebellen, die Sehnsucht nach der Boheme, nach den Salons, nach der Anerkennung des sozialen Außenseiters durch jene, die ‚drinnen’ sind. (…) Nichts anderes produziert der träumende Kleinbürger [Ernst Fischer].“

Wo Sozialismus nur „Empörung über Ungerechtigkeit“, Klage über den Verrat an den angeblichen bürgerlichen Humanitäts-Idealen durch eine rechte, faschistische Bourgeoisie ist, tritt wie bei Fischer an die Stelle des Klassenkampfs mit seinen Widersprüchen die „konkrete Utopie“, die „moralisierende Kritik“, das „Lob der Phantasie“, die unverbindliche Idee vom „Sozialismus als einer ‚noch nicht verwirklichten Idee’“. Fischer beginnt Ideen mit Dingen zu vertauschen, wie Wimmer mit Blick auf Marx’ Kritik an Proudhons „Philosophie des Elends“ bemerkt: Fischer „verfällt in das Übel Proudhons, das der junge Marx erbarmungslos kritisierte: er verwechselt Ideen und Dinge. Die Fronten in unserer Welt sind für ihn nicht Fronten von Klassen, sondern von Machthabern, von Realpolitikern, die im ‚Irrealen’ leben, gegen ‚Partisanen des Geistes’, gegen ‚Freischärler’ und widerspenstige Individualisten, Visionäre. So wird der politische Kampf zur Angelegenheit einer ‚Elite’, ‚auserlesener Geister’, der ‚Sensibelsten und Qualifiziertesten’, wie er es einmal formulierte.“

Fischers „Lebenskurve“ – im bürgerlichen Feuilleton hoch gelobt – ist also der „Reflex des Kleinbürgers“, der die Mühen des täglichen Kampfes scheut, in die Welt der „Verstörtheit“ flüchtet, „um sich zu einem guten Gewissen zu verhelfen“. Noch einmal verweist Wimmer auf Marx’ Proudhon-Kritik: „’Der Kleinbürger’, schrieb Marx in seiner Charakterisierung Proudhons, ‚ist (…) zusammengesetzt aus einerseits und andrerseits. (…) Er ist der lebendige Widerspruch. Ist er dabei, wie Proudhon, ein geistreicher Mann, so wird er bald mit seinen eigenen Widersprüchen spielen lernen und sie je nach Umständen zu auffallenden geräuschvollen, manchmal skandalösen, manchmal brillanten Paradoxen ausarbeiten. Wissenschaftlicher Scharlatanismus und politische Akkomodation sind von solchem Standpunkt unzertrennlich. Es bleibt nur noch ein treibendes Motiv, die Eitelkeit des Subjekts, und es fragt sich, wie bei allen Eitlen, nur noch um den Erfolg des Augenblicks, um das Aufsehen des Tages. So erlischt notwendig der einfache sittliche Takt, der einen Rousseau zum Beispiel selbst jedem Scheinkompromiss mit den bestehenden Gewalten stets fern hielt.’“ (Marx 1865 über Proudhon – MEW 16, Seite 31)

Theodor Prager auf dem Weg zur Sozialdemokratie (1957–1972)

Am Beispiel des Nationalökonomen Theodor Prager zeigt Ernst Wimmer 1972 den Weg eines Kommunisten zum „Reformkommunisten“, weiter zur reformistischen Sozialdemokratie, im vorliegenden Fall zum so genannten „Links-Keynesianismus“ auf. 1971 veröffentlichte Prager einen Sammelband „Konkurrenz und Konvergenz“, der auch Beiträge aus jener Zeit enthielt, als Prager noch Mitglied des ZK der KPÖ war.

So hatte Prager 1957 in „Weg und Ziel“ veränderte Merkmale am kapitalistischen Krisenzyklus beschrieben: Die „Nachkriegskonjunktur“ zeichnet sich durch außerordentliche „Expansionsfreudigkeit, um nicht zu sagen: Dynamik“ aus. Angesichts der sozialistischen „Systemkonkurrenz“ könne sich der Kapitalismus zyklische Überproduktions- und Verwertungskrisen mit ihrem Massenelend „nicht mehr leisten“. Mit Recht hat Prager 1957 beschrieben, dass zumindest der europäische Kapitalismus unter dem Druck der sozialistischen Länder der Arbeiterklasse beschäftigungs‑, lohn- und sozialpolitische Zugeständnisse machen musste. Phänomene, die in der bürgerlichen Pressewelt als „Wirtschaftswunder“, „Sozial‑, Wohlfahrtsstaat“ liefen.

Prager bestreitet zwar 1957, dass der Kapitalismus „krisenfest“ geworden ist, dass Elemente eines staatskapitalistischen Dirigismus auch nur im Ansatz etwas mit sozialistischer Planung zu tun haben. Auch am Grundwiderspruch zwischen Kapital und Lohnarbeit habe sich nichts geändert. Ein Großteil des kapitalistischen Aufschwungs beruht ohnedies nur auf militärischer „Rüstungs-Konjunktur“. Dem „steigenden Massenkonsum“ stehen außerdem verschärfte Arbeitsbedingungen (Akkordhetze, usw.) gegenüber.

Prager hat aber schon 1957 das subjektive Element kapitalistischer „Lernfähigkeit“ zur „Vermeidung“ von Krisen so in den Mittelpunkt gerückt, dass er in den Diskussionsspalten von „Weg und Ziel“ wegen seiner Relativierung zyklisch auftretender kapitalistischer Akkumulationskrisen mit dem „Klassiker des Reformismus“, mit Eduard Bernstein verglichen wurde. In seinen nach dem KPÖ-Austritt 1975 im Europa-Verlag veröffentlichten Erinnerungen, für die Prager den Titel „Bekenntnisse eines Revisionisten“ wählen sollte, überschrieb er deshalb als nun offener „Anti-Orthodoxer“ einen Abschnitt mit „Schon Bernstein…“. (Prager 1975, 146–148)

Nicht zufällig griff Prager 1970 als „konjunkturpolitisch“ orientierter „Links-Keynesianer“ den ungarisch-sowjetischen Nationalökonomen Eugen Varga (1879–1964) wegen dessen Ablehnung einer nach 1929 in den USA einsetzenden Politik staatlicher Arbeitsbeschaffungsprogramme bei gleichzeitig gewerkschaftlich zugesichertem Verzicht auf Lohnbewegungen (Hoovers „Burgfriede“ als „Capital-Labor-Pact“, Roosevelts New Deal) an. (Varga 1969, 105–111) Varga hatte mit Marx erklärt, dass die Idee, den Massenkonsum zu fördern, auf nichts anderes hinauslief, als von den Kapitalisten zu verlangen „einen Teil ihres Mehrwerts freiwillig den Arbeitern“ zu überlassen. Die von Varga 1930 als „erfolglose Versuche der künstlichen Überwindung der [kapitalistischen Überproduktions-] Krise“ qualifizierten „antizyklischen“ Maßnahmen („billiges Geld“, „Kreditexpansion“) sind nach Prager nur deshalb wirkungslos geblieben, weil sie zu unentschieden gesetzt wurden. Die sozialdemokratischen Reformisten, so „Austromarxisten wie Otto Bauer oder die schwedischen Sozialdemokraten“ können nach Prager das Verdienst beanspruchen, mit ihren „Ankurbelungs“-, „Arbeitsbeschaffungs-Programmen“ Keynes sogar vorweggenommen zu haben. Zu kritisieren sind sie nur, weil sie zu spät aus „den alten [marxistischen] Denkschemata“ ausscherten, so Prager: „Den ‚verlotterten Reformisten’ aber wäre nicht vorzuwerfen gewesen, dass sie öffentliche Investitionen zur Krisenbekämpfung propagierten, sondern vielmehr, dass sie es erst reichlich spät und ziemlich halbschlächtig taten.“ (Prager 1970/1972, 262–266)

Ernst Wimmer zeigt sich deshalb nicht verwundert, dass Prager politisch im Umfeld von sozialdemokratisch dominierter Arbeiterkammer und Gewerkschaft landet, ganz im Sinn des SPÖ-Wirtschaftsprogramms von „Mitbestimmung“ und von „Humanisierung“ der Arbeitswelt: „Wo man dem Kapitalismus zutraut, seiner inneren Widersprüche Herr zu werden, muss das Vertrauen in die historische Fähigkeit der Arbeiterklasse, diese Herrschaft zu stürzen, schwinden. Dann erscheint folgerichtig eine ‚Humanisierung’ des Systems als das allein Erreichbare. Dann erscheinen Planifizierung, Rationalisierung, Umstrukturierung nicht mehr als den heutigen Verhältnissen angemessene ‚Wirtschaftspolitik des Monopolkapitals’, sondern schon als ‚Strukturreform’, als Fortschritt an sich, als Mittel zur ‚Humanisierung’ und ‚Demokratisierung’ des Kapitalismus. Aus der revolutionären Pflicht, den kleinsten Schritt in Beziehung zu dem fernen, großen Ziel zu bringen, wird die reformistische Praxis des Flickens und Stopfens, die Illusion, durch ‚konstruktive Alternativen’ zu allem und jedem irgendwie ‚mitmischen’ zu können.“

Dementsprechend begnügt sich Prager damit, für die Gewerkschaften einen „Zipfel Macht“ in Form der Teilnahme an irgendwelchen bürgerlichen „wirtschaftsparitätischen“ Planungs- und Prognosekommissionen einzufordern. So wie Prager eine „Arbeit beschaffende Konjunkturpolitik“ im Sinn von Keynes und der Reformisten der Jahre der Krise um 1929 (wie Otto Bauer) verlangte, so reklamierte er im Sinn der reformistischen Auffassungen vom „organisierten Kapitalismus“ eines Rudolf Hilferding etwa eine betriebliche und überbetriebliche „Wirtschaftsdemokratie“. Ernst Wimmer beschreibt, wie Prager (1972, Seite 149) Arbeiter-Mitbestimmung im Sinn eines „Gefühls der Verantwortung für das Schicksal unserer Industrie“, im Sinn eines „Engagements für das gesamtgesellschaftliche Geschehen“ einklagt. Ernst Wimmer resümiert: Der „Reform-Kommunist“ Prager ist damit im „ödesten (…) Sozialdemokratismus, ja der Sozialpartnerschaft“ gelandet. Er verzichtet darauf, die Arbeiterklasse kämpferisch zu schulen, indem er die unüberwindlichen kapitalistischen Klassenwidersprüche verschweigt: „Wo dieses ‚Engagement für das gesamtgesellschaftliche Geschehen’ anfängt, ist es um die Verantwortung gegenüber der Arbeiterklasse geschehen, weil man ihre Interessen im angeblich ‚Gemeinsamen’ untergehen lässt.“ (Wimmer 1972, 357)

Literatur (im Text ist jeweils der Familienname und das Erscheinungsjahr als Kurzzitat ausgewiesen):

  • Detlev Albers: Versuch über Otto Bauer und Antonio Gramsci. Zur politischen Theorie des Marxismus, Berlin 1983.
  • Otto Bauer: Sozialdemokratie, Religion und Kirche. Ein Beitrag zur Erläuterung des Linzer Programms (Mai 1927), in derselbe, Werkausgabe 3, Wien 1976, 447–531.
  • Ernst Fischer: Marxismus und Ideologie, in: Weg und Ziel 1965, 353–358.
  • Ernst Fischer – Franz Marek: Was Lenin wirklich sagte, Wien-München-Zürich 1969.
  • Bruno Frei: Eine Otto-Bauer-Renaissance?, in: Weg und Ziel 1980, 7–9.
  • Bruno Furch: Ernst Wimmer, in derselbe, Allen Gewalten zum Trotz. 35 Erzählungen über Genossen, Kameraden und Freunde aus acht Jahrzehnten, Wien 1993, 291–295.
  • Bruno Furch: Das schwache Immunsystem. Historisch-kritischer Essay über den Niedergang der Kommunistischen Partei Österreichs und seine politischen Hauptursachen, Wien 1995.
  • Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe, 10 Bände, Hamburg 1991–2002.
  • Hans Kalt: Was Ernst Fischer wirklich sagt …, in: Weg und Ziel 1/1970, 18f.
  • Theodor Prager: Konkurrenz und Konvergenz, Wien 1972.
  • Theodor Prager: Zwischen London und Moskau. Bekenntnisse eines Revisionisten, Wien 1975.
  • Erwin Scharf: Ich hab’s gewagt mit Sinnen … Entscheidungen im antifaschistischen Widerstand. Erlebnisse in der politischen Konfrontation, Wien 1988.
  • Eugen Varga: Die Krise des Kapitalismus und ihre politischen Folgen, hrg. von Elmar Altvater, Frankfurt 1969.
  • Ernst Wimmer: Behördlich konzessionierter Utopismus. Zu Ernst Fischers „Erinnerungen und Reflexionen“, in: Weg und Ziel 3/1970, 14–17.
  • E[rnst] W[immer]: Lenin und die Renegaten, in: Weg und Ziel 6/1970, 9.
  • Ernst Wimmer: Eine Plattform gegen links ohne Perspektive, in: Weg und Ziel 9/1970, 13f.
  • Ernst Wimmer: Rosa Faden zur Sozialpartnerschaft. Zu der Artikelsammlung „Konkurrenz und Konvergenz“ von Theodor Prager, in: Weg und Ziel 1972, 356f.
  • Ernst Wimmer: Rückgriffe auf den Austromarxismus, in: Weg und Ziel 1980, 71–74, jetzt auch in Ernst Wimmer: Staat und Demokratie, Wien 1982, 169–177.
  • Ernst Wimmer: Antonio Gramsci und die Revolution, Wien 1984.
  • Ernst Wimmer, 1955–1984: Neue Kampfbedingungen – Ursachen, Verlauf und Überwindung der Parteikrise – Die KPÖ in den siebziger und achtziger Jahren, in: KPÖ. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik, Wien 1987, 405–545.
  • Ernst Wimmer: Überlegungen zum antimonopolistischen Kurs, in: Weg und Ziel 6/1988, 246–249.

Philipp Wimmer: Die Rezeption der Ideologie der Perestroika durch die KPÖ von 1985 bis 1990. Anhand „Weg und Ziel“, der „Monatsschrift für Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus“, phil.Diss., Wien 2003.WimmerErnst

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