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„Kobzar“

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck

Deutsche Kommunisten übersetzen das Werk des ukrainischen Poeten und revolutionären Demokraten Taras Schewtschenko und bereichern damit die Kultur der Deutschen Demokratischen Republik.

Volkslieder können in der Zeit ihres Entstehens Ausdrucksformen des künstlerischen Schaffens der unterdrückten Klassen sein. Der kurdische Schriftsteller Mehmed Uzun (1953–2007) schreibt, wie am Abend um ein knisterndes Feuer die müden kurdischen Kämpfer sitzen und die Stimme eines Dengbêj hören, der nach jahrhundertealten Melodien sein Lied vom Aufstand und vom Leid des kurdischen Volkes singt.[1] Ein ukrainischer Volkssänger begleitet auf dem Kobsa genannten, einer Gitarre ähnlichen Instrument Lieder seiner Heimat. „Kobzar“ bezeichnet das Hauptwerk des aus der Ukraine stammenden Dichters, Malers und revolutionären Demokraten Taras Schewtschenko (9. März 1814, Morynzi – 10. März 1861, Petersburg). Die der menschlichen Emanzipation verpflichteten Anschauungen von Schewtschenko sind für die deutschen und ukrainischen Kriegstreiber der Gegenwart nicht zu verwenden und sollen gecancelt werden.

Schewtschenko ist als Sohn eines leibeigenen Bauern im Dorf Morynzi in der Nähe von Kiew geboren und konnte mit dem Wohlwollen des Gutsherrn seine Begabung entwickeln.[2] 1840 wird eine Sammlung seiner Gedichte „Der Kobzar“ publiziert. Seine Dichtung „Die Haidamaken“ beschreibt die Ursachen des ukrainischen Bauernaufstandes gegen die polnischen Feudalherren im Jahre 1768, sein Poem „Katerina“ ist der Befreiung der patriarchalisch und religiös unterdrückten Frau gewidmet. Im März 1847 wurde Schewtschenko wegen seiner Poetik für die Befreiung der Menschen von jeder nationalen, sozialen und geistigen Unterdrückung und wegen Teilnahme an dem kleinen, sich nach den beiden Slawenapostel Kyrill (827–869) und Method (815–885) benennenden, christlich idealistischen „Kyrill-Method-Bruderschaft“ für zehn Jahre als einfacher Soldat in die kirgisischen Steppen verbannt. Der „Kyrill-Method“-Zirkel wollte die Aufhebung der Leibeigenschaft und die soziale Verbrüderung der Menschen auf christlicher Grundlage, was sie von den Linkshegelianern und Marxisten unterscheidet. In der Verbannung ist Schewtschenko von der Welt abgeschnitten, er bleibt ungebrochen. 

Zur ersten Garde der deutschen Übersetzer gehörte der Tiroler Johann Georg Obrist (1843–1901), den es als Schüler des Tirolers Adolf Pichler (1819–1900) in das damals habsburgisch österreichische Czernowitz verschlagen hat. Dort hat Obrist den bürgerlich aufgeklärten Karl Emil Franzos (1848–1904) und den revolutionären Demokraten Ivan Franko (1856–1916) kennengelernt, die sich beide um die Rezeption von Schewtschenko außerordentliche Verdienste erworben haben. Die von deutschen Reaktionären ermordete Rosa Luxemburg (1871–1919) hat als Häftling im Breslauer Gefängnis ihre in Auschwitz ermordete Freundin Luise Kautsky (1864–1944) gebeten, ihr die vor Ausbruch des Weltkrieges erschienenen Schewtschenko-Gedichte in der Übersetzung von Julia Virginia (-Scheuermann) (1878–1942)[3] zu besorgen.[4]

Unter den russischen und ukrainischen Revolutionären genoss Schewtschenko Jahre vor dem Sieg der Oktoberrevolution 1917 und vor der Herausbildung der Sozialistischen Sowjetrepubliken höchstes Ansehen. Georgi Walentinowitsch Plechanow (1856–1918) hat 1890 aus Anlass einer kleinen Ausgabe von Schewtschenko-Gedichten in Genf die Notiz geschrieben: „Über das dichterische Talent Schewtschenkos kann es nur eine Meinung geben: der dahingeschiedene Taras Grigorjewitsch gehört zu den größten Volksdichtern, die die Geschichte der Weltliteratur überhaupt kennt. Und deshalb wird jeder Russe, wenn er nur der Literatur nicht ganz interessenlos gegenübersteht, jenen dankbar sein, die in Genf die in Russland verbotenen oder nur mit großen Zensurlücken zugelassenen Gedichte Schewtschenkos herausgegeben haben“.[5] 

Der deutsche Kommunist Alfred Kurella organisiert in Moskau die deutsche Nachdichtung und Übersetzung von „Kobzar“

1939 wurde vom sowjetischen Verlag für deutschsprachige LIteratur in Moskau dem deutschen Kommunisten Alfred Kurella (1895–1975) der Auftrag erteilt, „Kobzar“ als Hauptwerk von Schewtschenko nachzudichten. Kurella war ein ungemein vielfältig sich einsetzender und von der Kommunistischen Internationale einsetzbarer Schriftsteller, Übersetzer und Internationalist. Zuletzt in Moskau lebend hat er 1954 nicht zuletzt auf Wunsch von Walter Ulbricht (1893–1973) Aufgaben im sozialistischen Deutschland übernommen.[6] Kurella setzte sich für das „Kobzar“-Unternehmen mit dem Lyriker Erich Weinert (1890–1953) ins Einvernehmen. Günther Jarosch (1914–1995) hat die Geschichte dieser nicht nur literarisch, sondern ideologisch und politisch bedeutsamen antifaschistischen Nachdichtung mit überlieferten Briefen von Kurella und Weinert beschrieben.[7] Kurella und Weinert kannten sich seit ihrem gemeinsamen Engagement im 1928 in Berlin gegründeten Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) und trafen sich in Moskau bis zum Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion fast täglich. Beide erhofften sich, mit Schewtschenko die Gefühls- und Gedankenwelt des deutschen Volkes nachhaltig zu erweitern. Nach den ersten deutschen Bombenangriffen auf Moskau (seit 21. Juli 1941) konnte nur der Durchschlag eines bis dahin entstandenen und fast druckfertigen Manuskripte nach Mittelasien evakuiert werden. Kurella, Weinert, auch Hugo Huppert (1902–1982) und Hedda Zinner (1905–1994) trafen nach dem Krieg in Moskau letzte Vorbereitungen für die Herausgabe des „Kobzar“. Huppert war ab 1939 Seminarleiter am Moskauer Maxim-Gorki-Institut, das junge Schriftsteller mit dem heroischen Aufbau und der Wirklichkeit der neuen Sowjetgesellschaft verbinden sollte. Huppert hat vor allem Wladimir Majakowski (1893–1930) in das Deutsche übersetzt und nachgedichtet. Mit ihm war er in den letzten beiden Lebensjahren freundschaftlich verbunden.[8] 1951 konnte die erste deutsche Gesamtausgabe „Der Kobzar“ in Moskau publiziert werden (Band 1, 539 S., Band 2, 462 S.; Verlag für fremdsprachige Literatur Moskau 1951).[9]

Eduard Winter beschäftigt sich an der Humboldt-Universität in Berlin / DDR mit Ivan Franko und Schewtschenko

1963 hat der seit 1951 an der Berliner Humboldtuniversität wirkende altösterreichische Historiker Eduard Winter (1896–1982) mit Peter Kirchner ausgewählte deutsche Schriften des revolutionären Demokraten Ivan Franko mit dessen Übertragung von einigen Gedichten von Taras Schewtschenko herausgegeben.[10] Unter diesen findet sich das von Schewtschenko dem Slowaken Pavel Jozef Šafárik (1795–1861) mit einer Erinnerung an den von der römisch-katholischen Herrschaftskirche in Konstanz verbrannten Jan Hus (1370–1415) gewidmete Gedicht[11]:

[…]

So zündeten die deutschen Fürsten

Das große Haus des Slawentums,

So waren sie den Brand der Zwietracht

Hinein in das Geschlecht des Ruhms.

Es floss das Blut in Strömen, löschend

Den Brand, und ruhig teilten dann

Die Deutschen unter sich die Stätte

Samt Waisen. Und so wuchs heran

Das Slawentum in schweren Ketten,

Unwissend in der Sklaverei,

Von wem es ist gekettet worden

Und was es soll und wer es sei.

Doch auf den alten Brandplatz glomm

Ein Funke noch des Brudersinnes,

Verlöschend, lange Zeit schon wartend

Auf eine starke Hand, ein kühnes

Gemüt. Da kamst du. In der Asche

Entdeckt dein kühner Adlerblick,

Dein liebend Herz den guten Funken,

Gedrückt, erstickt vom Mißgeschick.

[…]

O Gott, wo bleibt denn dein Gericht,

Wo bleibt dein Heil, das uns dein Sohn verhieß?

Dein Wort getreten in den Staub

Von Menschenfressern und von Räubern,

Dein Ruhm verhöhnt und deine Macht …

Willst du zum zweitenmal nicht deinen Tempel säubern? 

[…]

Der letzte Wille von Schewtschenko ist von Ivan Franko übersetzt[12]:

Wenn ich sterbe, so begrabt mich

[…]

Aber bis dahin, o Brüder,

Will von keinem Gott ich wissen.

Ja, begrabt mich und erhebt euch,

Bis die Ketten ihr zerrissen,

Bis vom Feindesblut gerötet

Blinkt der Freiheit Morgenstrahl!

Dann, o dann im frohen Bunde

Denket meiner auch einmal!

Eduard Winter hat 1934 als theologisch ausgebildeter Kirchenhistoriker an der Deutschen Prager Universität begonnen, die klerikal ideologischen Herrschaftsverhältnisse der Ukraine mit ihren Widersprüchen zu erforschen. 1941 stellte er in seinem Buch „Byzanz und Rom im Kampf um die Ukraine. 955‑1939“[13] diese Auseinandersetzungen zwischen der katholischen Kirche (Rom) und der Ostkirche (Byzanz) als geistigen Kampf zwischen dem europäischen Westen und dem Osten dar. Der „Rote Stern“ ist für Eduard Winter in diesen Jahren noch in weiter Ferne, er sieht die ideologischen Konfrontationen ohne ihre dialektisch materialistischen Wurzeln.[14] Die ukrainisch katholische Kirche unterstützte den Vormarsch der Deutschen Wehrmacht. Die massenhafte Tötung der vielen in der Ukraine sesshaften Juden störte sie dabei nicht. Der Metropolit Andreas Graf Scheptycki (1865–1944) war vom antikommunistischen Hass angeleitet, sein Nachfolger, der wie Eduard Winter an der Innsbrucker Jesuitenfakultät ausgebildete Jossyf Slipyi (1892–1984) ist ihm darin nicht nachgestanden.

Das Gedenken zum 150. Geburtstag von Schewtschenko in der DDR

1964 wurden zum 150. Geburtstag von Taras Schewtschenko in der Sowjetunion wie in den meisten anderen Sowjetrepubliken Erinnerungsfeierlichkeiten veranstaltet. Der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Nikita S. Chruschtschow (1894–1971), der gerade vor seiner Ablösung durch Leonid I. Breschnew (1906–1982) stand, erhielt aus Anlass der Jubiläen von der Ukraine der Schewtschenko–Preis. Am 16. und 17. Juni 1964 würdigte die Akademie der Deutschen Demokratischen Republik auf Initiative der von Eduard Winter geleiteten Arbeitsstelle für Geschichte der deutsch-slawischen Wissenschaftsbeziehungen das Schaffen von Schewtschenko. Neben Eduard Winter haben sich vor allem seine Mitarbeiter Günther Jarosch und Peter Kirchner dabei verdient gemacht.[15]

Die internationale Resonanz auf die Jubiläumsfeierlichkeiten war von einer im Frühjahr 1964 in Kiew publizierten Broschüre (Iudajizm bez prykras / Ungeschminkter Judaismus) von Trofim Kichko (*1905), die sich scharf gegen den nicht nur in der Sowjetukraine sich ausbreitenden Zionismus richtet und als antisemitisch interpretiert werden konnte, überlagert.[16] Der antikommunistische „Der Spiegel“ berichtete darüber.[17] Simone de Beauvoir (1908–1986) schreibt in ihren Erinnerungen, dass sie und Jean-Paul Sartre (1905–1980) wegen der Veröffentlichung dieses Buches zuerst zögerlich gewesen seien, die Einladung zu den Schewtschenko-Feier in Kiew anzunehmen. Nur weil Kichko offiziell gerügt worden sei, seien sie dann in die Sowjetunion gereist. Dort haben sie das Dorf Morynzi bei Kiew, in dem Schewtschenko geboren ist, mit dem ihm gewidmeten Museum besucht.[18] Der von der schweizerischen Bundespolizei abgehörte und wie sein Landsmann Max Frisch (1911–1991) überwachte schweizerische Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) hat zu den Schewtschenko-Feierlichkeiten eine Reise nach Kiew unternommen. Dürrenmatt, der wie der ihm inhaltlich eher unbekannt gebliebene Schewtschenko auch Maler war, hat sich in seinem Essay „Die verhinderte Rede von Kiew“ abwertend über jeden Ikonenkult geäußert. Treffend aber doch seine Aussage: „Auch Schewtschenko wurde in seiner Zeit nicht nur geliebt. Der herrschenden Klasse war er ein Ärgernis, ein negativer Dichter“.[19] 

Die Erzählung „Ich trank aus der Ukraine Brunnen“ von Günther Stein (1983)

1983 veröffentlichte der DDR-Schriftsteller und Übersetzer ukrainischer und russischer Literatur Günther Stein (1922–1982), der nach Ablegung der Matura als junger deutscher Wehrmachtssoldat in der Ukraine eingesetzt war, seine Erzählung „Ich trank aus der Ukraine Brunnen“.[20] Seinen Reiseerlebnissen zwischen Kiew und Jalta vorangestellt hat Günther Stein drei Leitgedanken. Von Johann Gottfried Herder (1744–1803) „Die Ukraine wird ein neues Griechenland werden; der schöne Himmel dieses Volkes, ihr lustiges Wesen, ihre musikalische Natur, ihr fruchtbares Land usw. werden einmal aufwachen“ (1769), vom Internationalen Lenin-Friedenspreisträger James Aldridge (1918–2015) „Ich meine, es nimmt nicht wunder, in jedem Ukrainer ein Stückchen Schewtschenko zu sehen. Es ist in jedem gegenwärtig, wo er auch sein mag, wie [Alexander] Puschkin [1799–1837] gewiß in jedem russischen Menschen lebt. Schewtschenko hat offenkundig auch in mich ein Stückchen Ukraine eingesenkt. Deshalb fühle ich mich gleichsam als geheimer Bruder aller Ukrainer. Kann man von einem Dichter mehr als das sagen?“ und von dem in der DDR hochgeehrten, von den USA verfolgten schwarzen Künstler Paul Robeson (1898–1976) „Ich erhalte viele Schallplatten, und sie erinnern mich stets daran, dass die Volkslieder der Ukraine zu den reichsten gehören, die eine Kultur je hervorgebracht hat. Inbrünstig liebe ich und liebt mein Volk die herrlichen heroischen Dichtungen Schewtschenkos. Dieser große Dichter gehört der ganzen Welt“.

Manche Erlebnisse von Günther Stein erinnern an die „Russische Reise“ von John Steinbeck (1902–1968) und Robert Capa (1913–1954). Beide waren 1947 einige Wochen in die von den Deutschen verwüstete Sowjetunion gereist. Steinbeck und Capa schreiben von ihren Besuchen in ukrainischen, nach Schewtschenko benannten Kolchosen, deren Zusammenhalt durch die deutsche Barbarei nicht gebrochen war: „Schewtschenko 1 war niemals einer der ertragreichsten Landwirtschaftsbetriebe gewesen, denn die Qualität des Bodens ist nicht erstklassig, aber vor dem Krieg war es ein recht wohlhabendes Dorf, ein Dorf mit 362 Häusern, in anderen Worten mit 362 Familien. Es war ein florierendes Unternehmen gewesen. Nachdem die Deutschen dort gewütet hatten, waren acht Häuser übriggeblieben, und selbst bei diesen waren die Dächer abgebrannt. Die Menschen waren in alle Winde zerstreut und viele von ihnen waren getötet worden, und die Männer waren in den Wäldern, kämpften als Partisanen, und Gott weiß, wie viele Kinder für sich selbst sorgen mussten. Aber nach dem Krieg kehrten die Menschen in ihr Dorf zurück“.[21]

Günther Stein reiste dienstlich oder privat viele Jahre oft mehrmals jährlich auf Einladung des sowjetischen und ukrainischen Schriftstellerverbandes in die Sowjetunion, insbesondere in die Ukraine. 1982 ermöglichte ihm der ukrainische Schriftstellerverband eine vierwöchige Studienreise, deren Erlebnisse er mit seinen Kenntnissen der ukrainischen Geschichte und Literatur bereichert niederschrieb. Stein nimmt die Gelegenheit wahr, die gelebte Realität des Andenkens an Schewtschenko in der Ukraine zu beschreiben. Von den Denkmälern würden die Ukrainer jenes in Charkow von Matwei G. Maniser (1891–1966) und dem in der Ukraine viel beschäftigten Architekten Jossyp Langbard (1882–1951) gestaltete Monument mit seiner „Kateryna“ besonders lieben. Maniser hat auch die Bronzeskulptur des zum 125. Geburtstag von Schewtschenko (1939) errichteten Denkmals in Kiew gegenüber der Schewtschenko-Universität geschaffen, das die ukrainische Inschrift trägt: „Und am Tag, der euch die Freiheit / Und Verbrüderung wird schenken / Möget ihr mit einem stillen / Guten Worte mein gedenken“ (Ivan Franko).

Kiew, die Hauptstadt der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, war 779 Tage von den Deutschen besetzt. Ein Mahnmal erinnert an die im deutschen Konzentrationslager Darniza ermordeten 68.000 sowjetischen Bürger und kriegsgefangenen Rotarmisten, ein anderes Mahnmal soll an die Tragödie von Babij Jar erinnern: „Hier wurden in den Jahren 1941–1943 von den faschistischen deutschen Eroberern über Hunderttausend Bürger der Stadt Kiew und Kriegsgefangene erschossen“. Es ist dem Autor nicht bekannt, wie in der Gegenwart der Ukraine den NATO-Ambitionen angemessen mit solchen Erinnerungsdenkmälern oder mit dem Memorialkomplex „Park des Ewigen Ruhm“ umgegangen wird.[22] Auf seiner Fahrt von Moskau nach Charkow zu dem dort im Dezember 1943 ersten öffentlichen Kriegsverbrecherprozess hat Konstantin Simonow (1915–1979) die von den Deutschen in Schutt und Asche gelegten ukrainischen Städte gesehen. In Charkow erlebte Simonow einen Einblick in das, was ihn später in Auschwitz erwarten sollte und was in den Bänden des Nürnberger Prozesses nachzulesen ist. Im Charkower Musterprozess gegen drei deutsche Soldaten und einen ukrainischen Kollaborateur wurde nicht nur dokumentiert, wie deutsche Soldaten und ihre Kollaborateure ganz „normal“ Mordbefehle gaben und ausführten oder für die Erschießung von Geisteskranken verantwortlich waren. Dokumentiert ist erstmals die deutsche Technik des „Vergasungswagens“, der die russische Bezeichnung „Duschegebuka“ – abgeleitet von „duschegub“(Mörder) – erhielt.[23] Günther Stein wusste von der historischen Schuld der Deutschen und hat sie selbst gesehen. „Aber heute“, so Stein, „bin ich Bürger eines sozialistischen Deutschlands, das in sich gegangen, sich auf sein Bestes besonnen und, allen Nöten zum Trotz, erneuert hat. Stärker als die Scham wegen des faschistischen Deutschlands ist der Stolz auf den sozialistischen deutschen Staat, meine Deutsche Demokratische Republik“.[24] Und weil Stein aus diesem neuen Deutschland gekommen ist, sind ihm in der Sowjetukraine nirgends Vorhaltungen gemacht worden, es begegnete ihm „der Takt des von der Sowjetgesellschaft erzogenen Menschen“.[25] 

Überlieferte pädagogische Grundgedanken, die Schewtschenko am Ende seines Lebens in seiner Erzählung „Die Frau des Hauptmanns“ niedergeschrieben hat, zitiert Stein: „Der arbeitsfreudige Mensch ist nach meiner Meinung der glücklichste Mensch auf der Welt, besonders wenn seine Arbeit einem gehobenen, hochherzigen Ziel dient“.[26] Die erzieherischen Grundsätze von Schewtschenko sollten der Herausbildung der besten menschlichen Eigenschaften dienen und sind in die pädagogischen Schriften von Anton Semjonowitsch Makarenko (1888–1939) eingegangen. Schewtschenko ist von der Erkenntnis geleitet, dass die Revolution ein gebildetes Volk brauche. Für Günther Stein gehört in der von ihm gesehenen Sowjetukraine ein verallgemeinerbares Schewtschenko-Bild: „Neben dem Dichten, Denken, Malen mindestens ebenso wesentlich, wenn nicht sogar wesensbestimmend die revolutionäre Tat, sowohl im Zusammenschluss mit den fortschrittlichen Denkern seiner Zeit als auch durch die unmittelbare revolutionäre Agitation in unzähligen Dörfern der ukrainischen Heimat, durch den unermüdlichen, unerschrockenen Aufruf zur bewaffneten Erhebung gegen die Unterdrücker, zur Revolution“.[27]

Der Verlag der Nation war an der Drucklegung des Ukraine-Buches von Günther Stein sehr interessiert.[28] Vorab hat er die Druckvorlage dem stellvertretenden Leiter der Abteilung Sowjetunion im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR Dietrich Jarck (1932–2016) zur Lektüre gegeben, der das geplante Buch als „Beitrag zur Würdigung des 60. Jahrestages der Gründung der UdSSR“ bezeichnete. Lektorin Hannelore Kramer und Cheflektor Bruno Brandl begründeten im Einvernehmen mit dem Verlagsdirektor Hans-Otto Lecht: “Günther Stein, Angehöriger des Jahrgangs 1922, verleugnet seine eigene Vergangenheit, die ihn einst als Angehörigen der Hitlerarmee in der Ukraine gesehen hat, ebensowenig wie die oft belasteten historischen Beziehungen zwischen dem ukrainischen und dem deutschen Volk. Doch er bleibt nicht dabei stehen. Er macht deutlich, wie er und unsere Völker insgesamt die Vergangenheit bewältigen, und neue Beziehungen entstanden, die die Deutsche Demokratische Republik und die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik als Teil der großen Sowjetunion untrennbar miteinander verknüpfen, wie inzwischen andere Dimensionen in den gegenseitigen Verbindungen gewachsen sind. Dieser Grundgedanke zieht sich genauso durch das Manuskript wie die hohe Achtung und Anerkennung, die der Autor den gewaltigen Leistungen des ukrainischen Volkes auf ökonomischem, gesellschaftlichem und kulturellem Gebiet entgegenbringt. Besonders würdigt er die revolutionären Kämpfe der ukrainischen Arbeiterklasse und die Standhaftigkeit des Volkes im Großen Vaterländischen Krieg“. 


[1] Mehmed Uzun: Im Schatten der verlorenen Liebe. Aus dem Kurdischen von Hüseyin Dozen und Andreas Grenda. Mit einem Vorwort von Yaşar Kemal. Unionsverlag Zürich 1998, S. 139.
[2] Vgl. Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. Verlag C. H. Beck, 3., überarbeitete und aktualisierte A., München 2009, hier S. 117–121.
[3] Xenien Verlag Leipzig 1911, 112 S.
[4] Rosa Luxemburg. Band 5. Gesammelte Briefe. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Dietz Verlag Berlin 1984, S. 367 f.
[5] G. W. Plechanow: Kunst und Literatur. Vorwort M. Rosental. Redaktion und Kommentar N. F. Beltschikow. Dietz Verlag Berlin 1955, S. 693.
[6] Klaus Jarmatz / Simone Barck / Peter Diezel: Exil in der UdSSR. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1979, öfters.
[7] Günther Jarosch: „Die Nachdichtung des >Kobzar< – ein bedeutender Beitrag deutscher antifaschistischer Schriftsteller zu Theorie und Praxis der künstlerischen Übersetzung“. In: Der revolutionäre Demokrat Ševčenko, S. 169–181; dazu A. Pančenko: A. Kurella als Organisator der Übersetzung des „Kobzar“ durch deutsche antifaschistische Autoren. Zeitschrift für Slawistik XII (1977), S 317–324.
[8] Wladimir Majakowski: Hören Sie zu! Auswahl aus dem Gesamtwerk. Hg., mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Leonhard Kossuth. Nachgedichtet und übersetzt von Hugo Huppert. Verlag Volk und Welt, Berlin 1. A. 1976.
[9] Der revolutionäre Demokrat Taras Ševčenko 1814–1861. Beiträge zum Wirken des ukrainischen Dichters und Denkers sowie zur Rezeption seines Werkes im deutschen und im westslawischen Sprachgebiet. Hg. von Eduard Winter und Günther Jarosch (= Quellen und Studien zur Geschichte Osteuropas. Hg. von Eduard Winter und Heinz Lemke. Band XIII). Akademie Verlag Berlin 1976.
[10] Ivan Franko. Beiträge zur Geschichte und Kultur der Ukraine. Ausgewählte deutsche Schriften des revolutionären Demokraten 1882–1915. Unter Mitarbeit von O. I. Bilećkyj + und I. I. Bass hg. und eingeleitet von E. Winter und P. Kirchner (= Quellen und Studien zur Geschichte Osteuropas. Hg. von E. Winter Band XIV). Akademie Verlag Berlin 1963; vgl. auch Eduard Winter: Erinnerungen (1945–1976). Hg. von Gerhard Oberkofler. Peter Lang Verlag Frankfurt a. M. 1994; Ines Luft: Eduard Winter zwischen Gott, Kirche und Karriere. Vom böhmischen katholischen Jugendbundführer zum DDR-Historiker. Leipziger Universitätsverlag 2016. 
[11] Winter / Kirchner, S. 187–190.
[12] Winter / Kirchner, S. 193 f.
[13] Verlag Otto Harrasowitz, Leipzig 1942.
[14] Vgl. Gerhard Oberkofler: Ein ungedruckt gebliebener Vortrag von Eduard Winter über die Gemeinsamkeiten von Christus und Lenin aus dem Jahre 1968. In: Johann J. Hagen u. a. (Hgg): Querela iuris. Gedächtnisschrift für Eduard Rabofsky (1911–1994). Wien 1996, S. 221–233.
[15] Wie A.10.
[16] You searched for Kichko – UJE – Ukrainian Jewish Encounter [1. Februar 2022]
[17] Der Spiegel vom 21. April 1964. 
[18] Simone de Beauvoir: Alles in allem. Deutsch von Eva Rechel-Mertens. Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 1974, S. 307–319.

[19] Friedrich Dürrenmatt: Politik, Essays, Gedichte und Reden. Diogenes Verlag Zürich 1968, S. 26–28, hier S. 28.; vgl. den etwas moralisierenden Artikel Ievgeniia Voloshchuk: Kult-Dichter vs. Kult des Dichters: Das Porträt Taras Schewtschenkos in „Die Verhinderte Rede von Kiew“ von Friedrich Dürrenmatt [internet- Artikel 6. Februar 2022]. 

[20] Günther Stein: Ich trank aus der Ukraine Brunnen. Erlebnisse zwischen Kiew und Jalta. Verlag der Nation, 1. A. Berlin 1983. 350 S. 

[21] John Steinbeck / Robert Capa: Russische Reise. Mit 69 Fotografien von Robert Capa. Aus dem amerikanischen Englisch von Susann Urban. Unionsverlag Zürich 2013, S. 98.

[22] Vgl. den in der DDR verbreitete, schön bebilderte Reiseführer G. Lewizki: Kiew. Kurzer Stadtführer. Verlag Misteztwo Kiew und Verlag Progress Moskau 1980. 

[23] Konstantin Simonow: Kriegstagebücher 1942–1945. Zweiter Band. Aus dem Russischen von Corrinna und Gottfried Wojtek und Günter Löffler. Verlag Volk und Welt Berlin. 2., erweiterte und redaktionell durchgesehene Auflage 1982, S. 375–380. 

[24] Stein, Ich trank aus der Ukraine Brunnen, S. 105.

[25] Ebenda, S. 106.

[26] Ebenda, S. 149.

[27] Stein, Ich trank aus der Ukraine Brunnen, S. 148.

[28] Bundesarchiv Berlin, SAPMO DY 17 / 3663. Frau Ines Zandeck herzlichen Dank!

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