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Home Feuilleton Sport

Diego Armando Maradona Franco

27. November 2020
in Sport
Diego Armando Maradona Franco

Am 25. November 2020 verstarb mit dem Argentinier Diego Maradona der vermutlich beste Fußballspieler aller Zeiten, der nicht nur sportliche, sondern auch politische Spuren hinterlassen hat.

Buenos Aires. Diego Armando Maradona Franco wurde am 30. Oktober 1960 geboren, im „Policlínico Evita“ der Industriestadt Lanús, südlich von Buenos Aires. Das Krankenhaus wurde nach Eva Perón benannt, der Neugeborene nach seinem Vater, dem Arbeiter Diego Maradona (1927-2015). Er und seine Ehefrau Dalma Salvadora Franco (1930-2011) hatten nach vier Töchtern erstmals einen Sohn großzuziehen, es sollten insgesamt acht Kinder werden. Die Familie lebte in tiefster Armut, in einem Slum mit dem einigermaßen zynischen Namen „Villa Fiorito“, von der teilweise durchaus blühenden argentinischen Hauptstadt durch den Fluss Riachuelo getrennt, dessen Ufer, schwer belastet durch Industrieabwässer und -abfälle, zu den am stärksten verseuchten Gebieten der Welt zählen. Hier verbachte Diego Maradona seine Kindheit und Jugend, in einer Umgebung, in der der Kapitalismus den Menschen keinerlei Perspektive bot: Tagelöhner und Subproletariat, Arbeitslosigkeit und Kriminalität prägten die nähere Umgebung, in der neben spanischstämmigen vornehmlich italienische und jugoslawische, aber auch indigene Familien um ihre bloße Existenz kämpften. Dieser gesellschaftliche Hintergrund sollte ganz massiv auf das Leben Maradonas Einfluss nehmen, im Positiven wie im Negativen. Und in der Slumsiedlung lernte Maradona auch das Fußballspielen.

Wer sich auf den Straßen einer lateinamerikanischen Favela durchsetzen will, muss trickreich und zugleich robust sein, flink und beweglich, immer aufmerksam gegenüber der Umgebung und kommenden Ereignissen. Dies sind Eigenschaften, die Maradona auch als Fußballer auszeichneten, neben einem natürlich unerreichten technischen Können bei der Ballbehandlung. Das große Talent des damals erst Neunjährigen wurde also beim „Street-Soccer“ entdeckt, nämlich von Scouts des (kleineren) Hauptstadtklubs Argentinos Juniors: Er nahm den Burschen in seine Knabenmannschaft auf, wo er bald ebenso glänzte wie auf den holprigen Straßen von Villa Fiorito. Und die Argentinos Juniors wussten schon, was sie tun: Ebenso wie in Brasilien waren die Elendsquartiere der Stadtränder immer wieder ein Reservoir für künftige Profispieler, da sie ohnedies keinerlei andere Lebensperspektive boten und sich viele Kinder, wie Maradona, früh auf den Fußball konzentrierten – in der Hoffnung, entdeckt zu werden und Karriere zu machen. Doch natürlich gelingt das nur einem minimalen Bruchteil. Die Argentinos sind auch kein normaler Verein, er ist eng mit der radikalen Arbeiterbewegung verbunden: Bei seiner Gründung im Jahr 1904 nannte er sich „Mártires de Chicago“, die Märtyrer von Chicago, in Erinnerung an die Opfer des Haymarket-Massakers von Illinois 1886. Das andere, etwas globalere Resultat dieses mörderischen Angriffs der US-Staatsmacht auf eine Chicagoer Versammlung für den Achtstundentag war die Erhebung des fraglichen Datums – der Ausstand begann am 1. Mai – zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse. – Seit 2003 tragen die Argentinos Juniors ihre Heimspiele im damals eröffneten „Estadio Diego Armando Maradona“ aus – berechtigt: In 168 Ligaspielen für den Klub schoss der Namensgeber 136 Tore, wohlgemerkt: als Mittelfeldspieler.

Von den Argentinos zu den Boca Juniors

Bei diesem Verein also durchlief der jugendliche Maradona eine sodann gezieltere Ausbildung, nun auch auf richtigem Rasen. Zehn Tage vor seinem 16. Geburtstag debütierte er, bereits als „Pibe de Oro“ (Goldjunge) bekannt, für die Argentinos in der Kampfmannschaft und somit in der ersten Liga des Landes – es war der 20. Oktober 1976, sieben Monate zuvor war es zum Militärputsch gegen Isabel Perón und zur Errichtung der Junta-Diktatur Jorge Videlas gekommen. Im Schatten dieser Ereignisse etablierte sich der junge Maradona im argentinischen Fußball, 1978 galt er bereits als bemerkenswertester Spieler der Liga. Doch obwohl er schon im Februar 1977 erstmals für das Nationalteam aufgelaufen war, wurde er für die Weltmeisterschaft im eigenen Land nicht berücksichtigt. Trainer Menotti war der Meinung, Maradona sei noch nicht reif für ein großes Turnier. Nun, Argentinien wurde 1978 trotzdem erstmals Weltmeister, unter Führung von Torschützenkönig Mario Kempes. In Österreich, wo Kempes später, 1986-1992, seine Karriere bei der Vienna, bei St. Pölten und Krems ausklingen ließ, weiß man aber ohnedies, dass es bei der WM 1978 sowieso nur ein wichtiges Match gab, nämlich am 21. Juni in Córdoba: Hans Krankl schickt die BRD nach Hause.

Maradona wurde im folgenden Jahr trotzdem ebenfalls erstmals Weltmeister: 1979 führte er Argentiniens U-20-Auswahl bei der Junioren-WM in Japan zum Titel. Danach war er auch aus dem A-Team nicht mehr wegzudenken, beim Gastspiel in Glasgow am 2. Juni 1979 erzielte er sein erstes Länderspieltor für die „Albicelestes“. Auf der Klubebene erreichte Maradona mit den Argentinos Juniors 1980 einen für den Verein historischen Vizemeistertitel. Dies alles weckte freilich Begehrlichkeiten größerer Klubs, v.a. natürlich der beiden Hauptstadtrivalen River Plate und Boca Juniors. Obwohl das Angebot des Rekordmeisters River Plate finanziell besser war, entschied sich Maradona bewusst gegen die „Millonarios“, die die Mittel- und Oberschicht von Buenos Aires repräsentierten – und für die andere Option, den Verein aus dem Arbeiter-, Migranten- und Armenviertel „La Boca“, der 1905 von genuesischen und irischen Hafenarbeitern gegründet worden war. Im Frühjahr 1981 wurde der Wechsel vollzogen und Maradona trug prompt zum Meistertitel bei – in 40 Spielen erzielte er 28 Tore. Es folgte die WM 1982 in Spanien, bei der Titelverteidiger Argentinien und der nunmehrige Star Maradona die Erwartungen nicht erfüllen konnten: Nach insgesamt zwei Siegen und drei Niederlagen kam in der Zwischenrunde gegenüber dem späteren Weltmeister Italien das Aus. Maradona, der zwei WM-Treffer (gegen Ungarn) erzielte und im Match gegen Erzfeind Brasilien vom Platz gestellt wurde, kannte nun jedoch seine neue Spielstätte: Er wechselte zur neuen Saison 1982/83 zum FC Barcelona.

Barcelona oder Neapel – Hauptsache Italien

Die beiden Saisonen in der katalanischen Hauptstadt verliefen jedoch nicht nach Wunsch. Barça hatte die damalige Rekordsumme von 7,3 Millionen US-Dollar in die Hand genommen und – damals gab es noch strikte Limitierungen – die Legionärsliste (u.a. um Krankl) zuletzt reduziert, um Maradona zu verpflichten, doch stand das Engagement unter keinem guten Stern. Nach einer Hepatitiserkrankung in der ersten und einer schweren Verletzung infolge eines Fouls eines Athletic Bilbao-Spielers in der zweiten Saison absolvierte Maradona nur 36 Ligaspiele, in denen er aber immerhin 22 Tore erzielte. Für den Titel reichte es zweimal nicht, nur im ersten Jahr gewann Barcelona das Pokalfinale. Einen Eklat gab es im zweiten Endspiel um die Copa del Rey (und vor dessen Augen): Nach der Niederlage, ausgerechnet gegen Athletic Bilbao, zettelte Maradona auf dem Spielfeld eine Massenschlägerei an. Auch in der Öffentlichkeit und in den Medien war man mit Maradona unzufrieden, er soll sich zu sehr ins Nachleben vertieft haben. Daher wurde ein Transfer nach Italien organisiert, wo Maradona seine erfolgreichste Zeit erleben sollte.

Der SSC Napoli, 1904 von englischen Hafenarbeitern gegründet, war ein klarer Underdog im italienischen Fußball, der näher dem Abstieg aus der Serie A als deren Spitze stand. Die 7,5 Millionen Dollar für Maradonas Verpflichtung wurden mühsam zusammengekratzt, machten sich aber bezahlt. In 188 Ligaspielen traf er 81-mal für die Neapolitaner, als Inbegriff des klassischen Spielmachers auf der 10er-Position führte er sie zu den ersten beiden Meistertiteln (1986/87, 1989/90), zu einem Pokalsieg (1986/87) sowie zum Gewinn des UEFA-Cups (1988/89), wobei man u.a. Juventus Turin, Bayern München und im Finale den VfB Stuttgart überwand. Maradona fügte sich rasch ein in den Verein und die süditalienische Stadt, seine Herkunft erleichterte ihm dies. Bis heute wird er von den Fans in Neapel gottgleich verehrt, denn mit ihm ist eine einzigartige Zeit der Klubgeschichte verbunden, in der man mit den reichen Vereinen aus dem Norden (Juventus, Inter Mailand, AC Milan) erstmals mithalten konnte. Bestrebungen dieser Konkurrenten, Maradona abzuwerben, stießen durchwegs auf taube Ohren. Der Star aus den argentinischen Slums wusste, wo er hingehört – und wohin nicht.

WM-Triumph 1986, Finalniederlage 1990

In dieselbe Zeit fällt auch Maradonas größter Erfolg mit der argentinischen Nationalmannschaft: Bei der WM 1986 in Mexiko war es dem überragenden Mannschaftskapitän Maradona zu verdanken, dass Argentinien den zweiten Titel holte. Im Finale gegen die BRD wurde Lothar Matthäus auf ihn angesetzt, doch auch er konnte nicht verhindern, dass Maradona fünf Minuten vor Schluss den brillanten Steilpass zum 3:2-Siegtreffer spielte. Selbst erzielte Maradona zwei besondere Tore während des Turniers, die ebenfalls im globalen Fußballgedächtnis hängenblieben, nämlich im Viertelfinale gegen England und binnen drei Minuten: Zunächst überhob er den herauseilenden Peter Shilton vermeintlich mit dem Kopf zum 1:0, doch der nur 1,65 Meter große Argentinier hatte hierbei in Wirklichkeit die Hand zu Hilfe genommen, was der Schiedsrichter nicht sah. Der Treffer zählte. Maradona prägte danach den ikonischen Ausspruch, es sei Maradonas Kopf und „die Hand Gottes“ gewesen. Das 2:0 erzielte er nach einem Dribbling über das halbe Spielfeld, wobei er die gesamte englische Hintermannschaft ausspielte – das Tor gilt als bester WM-Treffer des 20. Jahrhunderts. Diese drei Minuten gegen England veranschaulichen Maradonas Bandbreite, zwischen Skandal und Genialität.

Denn obgleich er mit dem WM-Titel und den Erfolgen in Neapel am Höhepunkt seiner Karriere war, hatte der Abstieg bereits begonnen. Es war ein mehr oder minder offenes Geheimnis, dass Maradona Drogen, Prostituierten und Kriminellen zusprach, er leistete sich immer mehr Undiszipliniertheiten, schließlich eine Kokain-bedingte Dopingsperre sowie im Zuge eines Heimaturlaubes eine Verhaftung bei einer Polizeirazzia wegen Drogenbesitzes. Der SSC Napoli zog schließlich die Notbremse und verkaufte Maradona 1992 nach Sevilla. Davor fand freilich noch die WM 1990 in Italien statt. Nach einem 0:1 im Eröffnungsspiel gegen Kamerun – eine der größten Sensationen der WM-Geschichte – kämpfte sich der Titelverteidiger mit einem durch eine Knöchelverletzung angeschlagenen Maradona abermals bis ins Finale. Auf diesem Weg wurden Brasilien und Italien überwunden, im Endspiel wartete neuerlich die BRD. Guido Buchwald hatte den argentinischen Spielmacher diesmal besser im Griff, was mit zu seinem Spitznamen „Diego“ beitrug. Diesmal schlugen die Deutschen in der 85. Minute zu: Andreas Brehme erzielte das einzige Tor aus einem Elfmeter, nach einem fragwürdigen Foul an Rudi Völler.

Rückkehr nach Argentinien und Trainerkarriere

Maradona spielte nur eine Saison für den FC Sevilla, ehe er sich mit Trainer Bilardo, Argentiniens WM-Teamchef von 1986, überwarf. Wiederum fiel Maradona durch die eine oder andere Eskapade auf. Durch die monatelange Stehzeit nach dem Abschied aus Neapel war er auch nicht ganz durchtrainiert. In 26 Ligaspielen erzielte er fünf Tore, der Verein verpasste in der Abschlusstabelle die Qualifikation für den UEFA-Cup hauchdünn. 1993 kehrte Maradona nach Argentinien zurück und schloss sich den Newell‘s Old Boys an, dem größten Verein aus Rosario, dem Geburtsort von Ernesto Che Guevara. Eine Muskelverletzung und abermalige Querelen sorgten dafür, dass Maradona nur fünf Spiele bestritt und sein Vertrag 1994 aufgelöst wurde. Dafür kehrte er jedoch, nachdem er sich ohne Klub diszipliniert vorbereitet und privat trainiert hatte, für die WM 1994 in den USA in die argentinische Nationalmannschaft zurück. Und tatsächlich glänzte der inzwischen 33-Jährige nochmals in den ersten beiden Gruppenspielen, was viele nicht mehr erwartet hatten. Nach dem zweiten Match gab er allerdings eine positive Dopingprobe auf den Appetitzügler Ephedrin ab und wurde vom Turnier ausgeschlossen. Ohne ihren Spielmacher schieden die Argentinier im Achtelfinale gegen Rumänien aus, wo der „Karpaten-Maradona“ Gheorghe Hagi die Fäden zog. Später wurde bekannt, dass Maradona ohne sein Wissen das Dopingmittel eingenommen hatte, dennoch fasste er eine Sperre von 15 Monaten aus. Die Nationalteamkarriere war jedenfalls vorbei, er erzielte 34 Tore in 91 Spielen. – Nach Ablauf der Sperre kehrte Maradona zu den Boca Juniors zurück, womit sich ein gewisser Kreis schloss. Von 1995 bis 1997 spielte er noch 30-mal und erzielte sieben Tore für den Arbeiterverein aus Buenos Aires. Als ihm im August 1997 abermals die Einnahme von Kokain nachgewiesen wurde, kam er dem anhängigen Verfahren schließlich zuvor und verkündete an seinem 37. Geburtstag sein Karriereende: Maradonas letztes Pflichtspiel war ein 2:1-Sieg gegen River Plate am 25. Oktober 1997.

Maradonas anschließende Trainerkarriere war von mäßigem Erfolg begleitet: Bei seinen Engagements bei argentinischen Nachzüglern, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Mexiko blieb er glücklos. Trotzdem wurde er 2008 zum argentinischen Teamchef bestellt. Das Nationalteam qualifizierte sich für die WM 2010 in Südafrika und schaffte es immerhin bis ins Viertelfinale – dort war jedoch mit einem 0:4 gegen die BRD Endstation. Maradona erhielt danach vom argentinischen Fußballverband keinen neuen Vertrag mehr. Zuletzt war er Trainer von Gimnasia y Esgrima in der Stadt La Plata, nordwestlich von Buenos Aires. Dort hatte er im September 2019 den Chefposten übernommen, als die Mannschaft Tabellenletzter der ersten Liga Argentiniens war. Als der Ligabetrieb im April 2020 Corona-bedingt eingestellt wurde, hatte er Gimnasia immerhin schon auf den 19. Platz (unter 24 Vereinen) geführt. Sein Vertrag wurde im Juni dieses Jahres bis 2021 verlängert.

Einordnung statt Unterordnung

Das ist die Historie von Diego Armando Maradona, aber noch nicht seine Geschichte. Tatsache ist wohl: Wer den besten Fußballer aller Zeiten benennen will, kann Lionel Messi und Cristiano Ronaldo getrost vergessen, auch wenn diese auf Klubebene mehr Erfolge aufzuweisen haben. Auch Pelé sollte man nicht überbewerten, denn das war eine gänzlich andere Zeit. Wenn man Maradona mit dem Ball am Fuß gesehen hat, dann erübrigen sich alle – freilich ohnedies müßigen – Diskussionen. Einen zweiten Maradona gab es nicht und wird es nicht geben. Im Nachwuchsbetrieb der europäischen Länder wäre jemand wie der junge Maradona vermutlich früh aussortiert worden: Viel zu klein, zu verspielt und bisweilen ein wenig dicklich. In Österreich hätte man so einen Jungen höchstens als Pausenclown engagiert, der in der Halbzeit das Publikum mit ein paar Balltricks unterhält. In Südamerika wusste und weiß man hingegen, was man an den Straßenkickern aus den Favelas hat: potenzielle Jahrhunderttalente. Aber eben auch Problemkinder, die aus ärmlichen oder sogar kleinkriminellen Verhältnissen stammen, die mit dem Ruhm eines Weltstars nicht immer gut umgehen können, die gesellschaftlich und medial überfordert sind, die falsche Entscheidungen treffen und mitunter ein wenig ungehobelt rüberkommen. Denn auch das gehörte zu Maradona: Skandale, provokante Beleidigungen, Partynächte, Drogenmissbrauch, Übergriffe gegen Paparazzi. In den Medien hat man Maradonas Verfehlungen genüsslich ausgebreitet, denn nichts ist interessanter als stürzende Götter. Die BRD-Journaille tat sich bei der überbordenden Diffamierung des argentinischen Proleten immer besonders hervor – denn sie hat ihm die WM 1986 niemals verziehen.

Die Wahrheit ist aber, dass Maradona schon in seiner Kindheit in den Slums gelernt hatte, dass man sich nichts gefallen lassen darf, wenn man sich im System der Ausbeutung und Unterdrückung behaupten muss. Das hat ihn geprägt, auf dem Platz und daneben, mit einer ganzen Reihe von unrühmlichen Episoden, in einer Spirale von Kompensation und Übertreibung. Dazu trugen gewiss auch falsche Freunde das Ihre bei, für die Maradona mitunter empfänglich war. Und so kam Maradona von ganz unten, stieg schnell nach ganz oben, um am Ende wieder von der kapitalistischen Gesellschaft und ihren Inszenierungen ausgestoßen zu werden. Als größter Fußballstar der Welt mag Maradona zwischenzeitlich Millionen verdient haben, doch der proletarischen Herkunft ist er eben nur oberflächlich entkommen. Das ließ man ihn bis zuletzt spüren.

Politische Spuren

Daraus hat Maradona, gewiss kein ideologisch fundierter Intellektueller, auch politische Schlüsse gezogen, befördert durch seine Entzugsaufenthalte in Kuba. Dort hat er auch den möglichen Unterschied gesehen zwischen den südamerikanischen Elendesvierteln, aus denen seine Familie stammt, und dem gerecht verteilten und verfügbaren Wohlstand – im Rahmen der allgemeinen Möglichkeiten – auf der sozialistischen Insel. Er verstand sich als klassenbewusster Antiimperialist, als Gegner des US-Imperialismus in Lateinamerika, als Freund von Fidel Castro, aber auch von Hugo Chávez und Evo Morales. Den Anführer der Kubanischen Revolution trug er als Tätowierung auf dem linken Unterschenkel, auf dem rechten Oberarm das Konterfei von Che Guevara – des zweitwichtigsten Argentiniers des 20. Jahrhunderts. Emir Kusturica, der 2006 einen Dokumentarfilm über Maradona vorlegte, meinte über ihn, dass er, hätte er nicht eine Karriere als Fußballspieler eingeschlagen, mit Sicherheit Revolutionär geworden wäre. Argentinien hätte auch dies zweifellos brauchen können.

Nun hört man, Diego Maradona sei am 25. November 2020 in Tigre, am Rande von Buenos Aires, infolge eines Herzinfarkts gestorben. Das ist natürlich nicht wahr, denn Maradona ist unsterblich. Für immer wird es heißen: Diego Armando Maradona Franco – presente!

 

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Bildquelle: Cadaverexquisito, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons
Schlagworte: ArgentinienBiografieDiego MaradonaFußballKarriereNachrufNapoliWeltmeisterschaft

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