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Gregor Schlierenzauer fliegt nicht mehr

Am 21. September erklärte Gregor Schlierenzauer sein Karriereende. Er geht als Rekordskispringer in die Geschichte des österreichischen und internationalen Wintersports ein.

Innsbruck. Mit Gregor Schlierenzauer verkündete am vergangenen Montag einer der erfolgreichsten Athleten der Skisprunggeschichte seinen Rücktritt vom aktiven Sport. Der 31-jähriger Tiroler aus Fulpmes kann auf eine in mehrfacher Weise einzigartige Karriere zurückblicken.

Gegen Ende der Saison 2005/06 debütierte der damals erst 16-Jährige im Skisprung-Weltcup – und dies an prominenter Stelle, nämlich am Osloer Holmenkollen – und platzierte sich prompt als 24. in den Punkterängen. Wenige Wochen zuvor war er Juniorenweltmeister geworden, doch die Nachwuchsschiene sollte Schlierenzauer nun rasch hinter sich lassen. Mit Beginn der WC-Saison 2006/07 wurde er fixer Bestandteil des österreichischen Teams von Alexander Pointner, bereits bei seinem zweiten Einsatz, am 3. Dezember 2006 in Lillehammer, holte er sich seinen ersten Einzelsieg. Bis Saisonschluss folgten vier weitere Siege, darunter zwei bei der Vierschanzentournee (Oberstdorf, Bischofshofen), die er als Gesamtzweiter beendete. Bei der Nordischen Weltmeisterschaft in Sapporo im Februar 2007 gewann Schlierenzauer seine erste Goldmedaille, nämlich im Teambewerb mit den ÖSV-Kollegen.

Zwölf WM-Medaillen, 53 Weltcupsiege

Es folgten elf weitere WM-Medaillen, durchgehend bei jeder Nordischen WM von 2007 bis 2017. Insgesamt stehen sechs Goldene, fünfmal Silber und einmal Bronze zu Buche. Während das ÖSV-Quartett in den Mannschaftsbewerben in diesen Jahren ohnedies fast unschlagbar war, markiert der WM-Titel auf der Großschanze in Oslo 2011 Schlierenzauers größten Einzelerfolg bei Weltmeisterschaften im Skispringen. Hinzu kommen die Titel auf den ganz großen Schanzen, somit beim Skifliegen: Hier erreichte er im Einzel einmal Gold (2008) und einmal Silber (2010), im Team gab es dreimal Gold in Serie 2008 bis 2012. Bei zwei Olympischen Winterspielen trug sich Schlierenzauer ebenfalls in die Annalen ein, 2010 in Vancouver holte er Gold mit der Mannschaft sowie jeweils Bronze von der Normal- und der Großschanze. 2014 in Sotschi gewann das ÖSV-Team die Silbermedaille.

Seine geradezu unvorstellbaren Rekorde markierte Schlierenzauer jedoch im Weltcup: Seine 53 Einzelsiege von 2006 bis 2014 sind bis heute unerreicht, womit sich weitere Erfolge von selbst einstellten: Zweimal, 2008/09 (mit Punkterekord) und 2012/13, sicherte er sich die WC-Gesamtwertung, quasi „nebenbei“ dreimal den Skiflug-WC (2008/09, 2010/11, 2012/13) sowie zweimal die Gesamtwertung der Vierschanzentournee (2011/12, 2012/13). Die sechs Siege in Folge und 13 insgesamt in der Saison 2008/09 bedeuteten damals ebenfalls neue Meilensteine unter den Skispringern. Hinzu kommen 17 WC-Siege im Team, der letzte im Februar 2019.

Rekordspringer verliert mit 24 Jahren den Anschluss

Mit Ende der Saison 2012/13 – Schlierenzauer siegte im Finale auf der Flugschanze von Planica zum 50. Mal – hatte er im Skispringen alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, und neue Maßstäbe gesetzt. Und dies im Alter von gerade erst 23 Jahren. Erstaunlicherweise war die ganz große Karriere damit aber auch wieder vorbei: In der Saison 2013/14 holte Schlierenzauer noch zwei Einzelsiege, im Dezember 2014 feierte er seinen letzten WC-Triumph in Lillehammer – wo er acht Jahre zuvor auch erstmals auf der obersten Stufe des Siegertreppchens gestanden war. Danach verlor Schlierenzauer endgültig den Anschluss, der erfolgreichste Siegspringer der Weltcupgeschichte konnte nie wieder vollständig an die Spitze herankommen. Das redliche Bemühen, der Kampf um die Kaderzugehörigkeiten und um die WC-Einsätze zeigten zwar immer wieder Teilerfolge, doch als einstiges Wunderkind und Teenie-Star hatte Schlierenzauer seinen Zenit offenbar recht früh überschritten. 2019/20 konnte er zwar mehrmals in die Top-Ten zurückkehren, doch in der Folgesaison bedeuteten eine Corona-Erkrankung und ein Kreuzbandriss das faktische Aus. Im Mai 2021 wurde bekannt, dass er 2021/22 keinem ÖSV-Kader mehr angehören würde. Dass Gregor Schlierenzauer nun am 21. September 2021 seinen Rücktritt offiziell machte, war keine Überraschung mehr.

Somit geht eine großartige österreichische Wintersportkarriere zu Ende, die ihre Rekorde und Erfolge bereits in der ersten Hälfte verbuchte, insgesamt aber den Vergleich mit Größen anderer Disziplinen wie Marcel Hirscher, Hermann Maier oder Felix Gottwald nicht zu scheuen braucht. Gemeinsam mit Thomas Morgenstern, Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler und Martin Koch bildete Gregor Schlierenzauer das erfolgreichste Team der Skisprunggeschichte. Und bis ein anderer Springer 53 WC-Einzelsiege erreicht, wird noch einige Zeit vergehen, sofern dies überhaupt absehbar möglich wird: Kamil Stoch hat als bester noch aktiver Athlet 39 Siege, Stefan Kraft steht bei 21.

Quelle: ORF

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