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Das Ungeheuer von Loch Unstrut

An einem Fluss im Osten der BRD herrscht Aufregung: Ein Krokodil soll sich an seinen Ufern angesiedelt haben.

Sachsen-Anhalt/Thüringen. Die Unstrut ist ein – durchaus relevanter – linker Nebenfluss der Saale. Bislang in größerer Entfernung des Thüringer Beckens eher wenig bekannt, schaffte es der immerhin 190 Kilometer lange Fluss nun in die Medien: Ein Krokodil soll sich in bzw. an dem Gewässer angesiedelt haben, was doch ein wenig verwundert. Denn das Thüringer Becken zählt seit ein paar Millionen Jahren eher nicht mehr zum natürlichen Verbreitungsgebiet dieser Reptilienart, die gewöhnlich tropische oder zumindest subtropische Lebensräume bevorzugt. Nichtsdestotrotz: Es gab Ende August und Anfang September zwei Sichtungen des mutmaßlichen Ungeheuers von der Unstrut, zunächst bei Laucha (Sachsen-Anhalt), sodann auch bei Schönewerda (Thüringen). Polizei, Feuerwehr, abenteuerlustige Zivilpersonen sowie gewiss auch der eine oder andere begeisterte Kryptozoologe sind seither an den Flussufern auf der Suche nach dem reptiloiden Schrecken. Zur Sicherheit der Bevölkerung wurde vorübergehend ein behördliches Badeverbot verhängt. Klingt nach einer hübschen Sommerloch-Story oder Urban Legend, hat aber ernste Hintergründe.

Tatsächlich führt der Klimawandel dazu, dass sich im erwärmten Mitteleuropa wieder Reptilien und Amphibien ansiedeln (bzw. ansiedeln lassen), die hier eigentlich nicht oder nicht mehr heimisch sind – das betrifft real aber eher kleinere Echsen, Schlangen und Schildkröten. Eine Rückkehr der Krokodile nach Europa ist hingegen auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Insofern würde der Neuankömmling an der Unstrut, falls er wirklich existiert, den deutschen Winter nicht überleben, weswegen es auch für das Tier selbst wichtig wäre, sich einfangen zu lassen und in einem Zoo oder Terrarium ein geeigneteres, beheiztes Zuhause zu finden. Womit wir auch bei der vermutlichen Herkunft des Krokodils sind, denn es ist freilich nicht von alleine nach Deutschland umgezogen: Der Handel mit exotischen Tieren boomt, wenngleich streng reglementiert, aber auch auf illegale Weise. Dass hin und wieder ein Python aus der Gefangenschaft entfleucht, ist bekannt. Bisweilen wachsen Reptilien den privaten Terrarienbesitzern aber auch über den Kopf bzw. will das Herrchen die Badewanne dann doch wieder für sich haben: In diesen Fällen werden gerade Krokodile mitunter rücksichtslos in der „freien Natur“ ausgesetzt. Von daher wäre es vielleicht besser, die Gesetzeslagen und die Kontrollen für die private Haltung und den Import exotischer Tiere noch nachzuschärfen. Zwar mag eine gefährliche Panzerechse dem Freundeskreis einigermaßen spektakulärer präsentierbar sein als eine Katze, doch es hat schon seinen Grund, was als Haustier klassifiziert wird – und was eben nicht: Schlussendlich gehören Krokodile nicht nur nicht in die Unstrut, sondern auch nicht in Privathaushalte.

Quelle: Focus

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