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Der Klassencharakter des Herzinfarkts

Eine aktuelle wissenschaftliche Studie zeigt, dass arme Menschen früher in ihrem Leben einen Herzinfarkt erleiden, als es bei den Reichen der Fall ist – ein Ergebnis der kapitalistischen Ungleichheit.

Wien. Ein Forschungsteam der Universität Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), des Wiener Allgemeinen Krankenhauses (AKH) und des Internationalen Instituts für Systemanalyse (IISA) hat eine Untersuchung über den Zusammenhang von Gesundheit und Einkommensniveau vorgenommen. Konkreter Betrachtungsgegenstand war das durchschnittliche Alter von Herzinfarktbetroffenen in den verschiedenen Wiener Gemeindebezirken. Das wenig überraschende Ergebnis gespoilert: Wer arm ist, erleidet früher in seinem Leben einen Herzinfarkt.

Für die Untersuchung wurden die 23 Bezirke der österreichischen Bundeshauptstadt anhand der Lohnsteuerstatistik in drei Kategorien eingeteilt, nämlich in jene mit niedrigem Durchschnitteinkommen der Bevölkerung (5., 10., 11., 12., 15., 16. und 20. Bezirk), jene mit hohem Einkommen (1., 4., 8., 13., 18., 19., 23.) sowie die restlichen Bezirke, die ein mittleres Durchschnittseinkommen aufweisen. Danach wurden die jeweiligen geografisch zugeordneten Herzinfarktpatienten und ‑todesfälle nach dem Alter der Betroffenen betrachtet.

Es zeigte sich, dass jene Männer aus den ärmeren Bezirken, die einen Herzinfarkt erleiden, zu diesem Zeitpunkt durchschnittliche 57,3 Jahre alt sind. Demgegenüber treten Herzinfarkte bei wohlhabenden Männern im statistischen Mittel erst mit 60,2 Jahren auf. Der Unterschied beträgt somit fast drei Jahre. Bei den Frauen ist die Diskrepanz zwischen arm und reich mit 5,6 Jahren sogar noch größer: In Bezirken mit höherem Einkommen wurde ein durchschnittlicher weiblicher Herzinfarktzeitpunkt von 70,2 Jahren ermittelt, während bei geringverdienenden Frauen 64,6 Jahre errechnet wurden. Somit ist erkennbar, dass Armut die frühere Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie eben in deren Gefolge eines akuten Koronarinfarktereignisses erhöht.

Warum das so ist, ist leicht erklärt: Ein gesunder Lebensstil, eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung sowie Erholungsphasen können kardiovaskulären Problemen vorbeugen, während Mangelernährung, Überarbeitung, psychischer Stress oder auch Alkohol- oder Drogenmissbrauch das Risiko natürlich erhöhen. Und in der kapitalistischen Gesellschaft sind nun mal die Arbeiterklasse und die ärmeren Volksschichten sozial und ökonomisch benachteiligt. Sie werden am Arbeitsplatz unter Druck gesetzt, ausgebeutet und ausgelaugt, sie sind von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen, sie haben finanzielle und Existenzsorgen, sie verfügen nicht über genug Geld, um sich anständige oder gar gesunde Lebensmittel zu leisten, ihnen werden zu kurze Regenerationszeiten zugestanden, sie wohnen in beengten Verhältnissen etc. – Hinzu kommt, dass in ärmeren Wohngebieten auch die medizinische Versorgung schlechter und spärlicher ist, während sich die Reichen alle möglichen Privatärzte sowie teure Behandlungen und Medikamente leisten können.

Wenn man also gemäß seiner gesellschaftlichen Position in einer Zinskaserne in Favoriten oder in einem Gemeindebau in Ottakring lebt, dann hat man gegenüber den Bewohnern der Innenstadtpalais, Penthäuser und Villenviertel auch gesundheitlich das Nachsehen. Dies ist freilich nur ein (abhängiger) Aspekt der systematischen Ungleichheit der kapitalistischen Klassengesellschaft, aber einer, bei dem es potenziell um Leben und Tod geht.

Quelle: Der Standard

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