HomeFeuilletonWissenschaftGetrübte Laune bei Tiroler Forellen

Getrübte Laune bei Tiroler Forellen

Im Tiroler Leukental dürfte ein Fischparasit für den massiven Rückgang der Forellenbestände verantwortlich sein – der tödliche Krankheitserreger freut sich über steigende Temperaturen.

Kitzbühel/Wien. Im Sommer 2020 hatte eine Untersuchung bei der Messstelle an der Großache bei Kössen (Bezirk Kitzbühel) gezeigt, dass der Forellenbestand deutlich zurückgegangen war. Im Hauptfluss des Leukentals sowie in seinen Kössener Nebenflüssen (Kohlenbach, Weißenbach) ergab sich im vergangenen Jahrzehnt eine Reduzierung um bemerkenswerte 87 Prozent. Diese einigermaßen alarmierende Zahl erschien zunächst rätselhaft: Abgesehen von den recht häufigen Kajakpaddlern und Rafting-Schlauchbooten gilt dieser Flussabschnitt als naturnah, flussaufwärts – etwa bei Kirchdorf – wurde gezielt renaturiert, flussabwärts mündet die Kössener Ache in Bayern sogar in ein Naturschutzgebiet um den Chiemsee. Insofern gelten zumindest in diesem Bereich Umweltbelastung und Verbauung als gering, auch die bisweilen diskutierte Fischreduzierung durch Otter und Wasservögel ist eine (z.T. bewusst propagierte) falsche Fährte.

Daher wurden nun an der Veterinärmedizinischen Universität Wien 210 Regenbogen- und Bachforellen aus der Großache und ihren Zubringern genauer untersucht, wobei sich herausstellte, dass rund 25 Prozent der Fische die Nierenerkrankung „Proliferative kidney disease“ (PKD) aufwiesen. Für diese sind Myxozoa verantwortlich, parasitisch lebende Organismen, die im Genus der Tetracapsuloides bryosalmonae Zellen und Gewebe der Fische befallen. Die Folgen sind eine geschwollene Niere und Milz, blutige Flüssigkeitsansammlungen in der Bauchhöhle, Blutarmut und schließlich Sauerstoffunterversorgung – bei über 90 Prozent der erkrankten Tiere führt PKD zum Tod. Das häufige Auftreten der Krankheit und des Parasiten könnte mit veränderten Gewässertemperaturen in Verbindung stehen: Der PKD-Erreger tritt ausschließlich bei Wassertemperaturen über 15 Grad Celsius auf. Diese Koinzidenz wurde in der Kössener Großache grundsätzlich festgestellt, der mutmaßliche kausale Zusammenhang wird nun weiter untersucht – auch in anderen Tiroler Flüssen.

Was sich generell konstatieren lässt, ist die Tatsache, dass Klimawandel und Erderwärmung ganz unterschiedliche negative Konsequenzen haben. Viel wird über Eisschmelze und den Anstieg des Meeresspiegels, über Verwüstungen oder Wetterextreme gesprochen – doch auch „im Kleinen“ gibt es eben Folgeerscheinungen der globalen Erwärmung, wozu u.a. die vermehrte Ausbreitung von Parasiten und damit verbundenen Krankheiten zählen, die bei höheren Temperaturen bessere Entfaltungsbedingungen vorfinden. Und so kann am Ende eben auch ein massenhaftes Fischsterben stehen, das nicht nur das Ökosystem in funktionierenden Gewässern zerstört, sondern letztlich das Nahrungsangebot für Mensch und Tier verändert. Es gibt wahrlich genug Gründe, um bezüglich des Klimawandels endlich gegenzusteuern – nur einer davon wäre, Wert darauf zu legen, auch weiterhin die launische Forelle im hellen Bächlein vorzufinden.

Quelle: ORF

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