Start Feuilleton Wissenschaft US-Militär entfesselt „Cyber-Dogs of War“

US-Militär entfesselt „Cyber-Dogs of War“

Die Armee der Vereinigten Staaten experimentiert mit „erweiterter Realität“, um ihre Hundestaffeln technologisch upgraden zu lassen.

Seattle. Das Unternehmen „Command Sight“ aus dem US-Bundesstaat Washington entwickelt im Auftrag der US-Armee „Augmented Reality“-Brillen, also visuelle Vorrichtungen zur Nutzung der „erweiterten Realität“. Mit der AR-Technologie ist es möglich, reale Sinneswahrnehmungen mit computergestützten Zusatzinformationen zu verbinden – ein Beispiel: Wenn Arnold Schwarzenegger als Terminator T‑800 das Los Angeles des Jahres 1984 nach Sarah Connor durchsucht und dabei Menschen in seinen Blick kommen, dann bietet ihm sein CPU-Prozessor (allerdings auch ohne Verbindung zum Skynet-Netzwerk) zu jeder Person blitzschnell virtuell ein paar Daten an, z.B. Gewicht, Größe, Gefahrenpotenzial, Handlungsoptionen. Dies wurde von James Cameron auch filmtechnisch umgesetzt, denn in einigen Szenen ist die Kameraposition eben jene des Terminator-POVs – dann erscheinen vor seinem geistigen, nein, technischen Auge schriftliche Einblendungen und Diagramme, die dem Cyborg-Killer als Analyse- und Entscheidungshilfen in Bezug auf die jeweilige Begegnung dienen.

Klingt futuristisch – der Terminator kommt aus dem inzwischen zwar nicht mehr so fernen, aber seinerzeit 45 Jahre in der Zukunft liegenden Jahr 2029 –, daher ein einfacheres Beispiel: Wenn eine Abseitsentscheidung beim Fußball besonders eng ist, dann wird beim Replay im Fernsehbild manchmal eine computergenerierte Linie eingeblendet, die natürlich nicht wirklich auf dem Feld ist – aber sie macht zumindest für die TV-Zuseher sichtbar, wie die Spielsituation tatsächlich war und dass der Schiedsrichter ggf. ein Trottel ist. Ähnlich ist es mit der „to beat“-Weite bei Skisprung-Übertragungen oder mit den grafischen Zusatzanzeigen einer Einparkhilfekamera am Display eines modernen Kfz-Bordcomputers. Aber auch, wenn man mit seinem Handy die Umgebung scannt und einem unvermittelt ein Pokémon direkt vor dem Kirchenaltar angezeigt wird, handelt es sich letztlich um eine AR-Anwendung, ob nun nützlich oder nicht. Insbesondere am Beispiel des Terminators ist jedenfalls schon zu erahnen, dass die AR-Technologie für militärische Zwecke einsetzbar ist. Und so etwas ruft selbstverständlich schnell das Pentagon auf den Plan.

Vom Terminator zum Militärhund-Upgrade

Mit entsprechenden Brillen ausgestattet, könnten die US-amerikanischen GIs im Kampfeinsatz immer Informationen erhalten, die ihre persönliche Wahrnehmung erweitern, also eine Entscheidungshilfe oder auch konkrete Befehle optisch einspeisen. Handelt es sich bei der erblickten Menschengruppe um gefährliche Terroristen oder bloß um eine muslimische Hochzeit? Soll ich gleich schießen oder zuerst nach einem Ausweis fragen? Ist das Gebäude vor mir wirklich das Zielobjekt oder stehe ich irrtümlich vor einem Krankenhaus? Kurz gesagt: Man kann also die Kommunikation mit dem Einsatzkommando verbessern – und dies lautlos, ohne verbalen Funkkontakt –, aber natürlich auch automatisiert Datenbänke mit der gesehenen Realität verknüpfen. Daher auch der Arbeitstitel „Command Sight“ für das gegenwärtige Projekt des US-Militärs in Seattle. Dieses jedoch – und deswegen überspringt die Meldung die redaktionellen Relevanzkriterien – zielt keineswegs auf menschliche Soldaten ab, sondern auf Hunde. Ja, ganz recht: Die Einsatzhunde des US-Militärs sind es, die mit den in Entwicklung befindlichen AR-Brillen ausgestattet werden sollen, ein Prototyp ist bereits in der Testphase.

Das Projekt ist durchaus ein bissel folgerichtig, weil auch wenn man den Großteil der Bevölkerung noch so sehr ohne Perspektiven zurücklässt, so ist der Anteil Freiwilliger für den Kriegseinsatz dennoch limitiert. Ein Hund hingegen hinterfragt nicht, ob sein Training und seine Aufgaben nicht vielleicht nur den Profitinteressen der Ölkonzerne dienen und er als Kanonenfutter imperialistischer Aggressionen losgeschickt wird. Dort, wo menschliche Präsenz zu gefährlich oder zumindest als unzweckmäßig erscheint, will das US-Militär daher seine Kriegshunde losschicken. Neben Sprengstoffspürnasen und Nahkampfausbildung sollen diese in ein paar Jahren – so lange braucht die Entwicklungsphase schon noch – dann eben auch mit AR-Technologie optimiert werden, um jederzeit und überall aus der Kriegsherrchenzentrale Kommandos und Anweisungen übertragen zu können – eine ferngesteuerte Bewaffnung ist da auch nur noch eine Frage der Zeit. Diese Tatsache zeigt zweierlei: Jede fortschrittliche Technologie, die allerlei nützliche zivile Anwendung ermöglichen würde, wird unter den Bedingungen des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus als Mittel der militärischen Gewalt und Zerstörung missbraucht. Dass man aber auch ohne Zögern bereit ist, gutgläubige und vom Menschen abhängige Haustiere an die Front und hinter diese zu schicken, wo sie als lebende und AR-bebrillte Kriegsdrohnen eingesetzt werden, rundet das Bild des US-Imperialismus im Cäsarenwahn treffend ab: Man ist technologisch zwar im 21. Jahrhundert, die zynische Moral befindet sich jedoch endgültig unterm Hund.

Quelle: Der Standard

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