Start Internationales Ein Lenin-Denkmal in der BRD

Ein Lenin-Denkmal in der BRD

Am kommenden Wochenende wird die erste öffentlich zugängliche Lenin-Statue in der (immer noch alten) Bundesrepublik Deutschland aufgestellt. Trotz medial angeheizter Empörung konnte die SPD-geführte Stadt Gelsenkirchen die Ehrung des kommunistischen Revolutionärs nicht verhindern.

Gelsenkirchen. Ein gewisser Medienrummel wird am Samstag, 20. Juni, vor der Parteizentrale der zwar nicht allzu großen, aber erstaunlich finanzkräftigen maoistischen „Marxistisch-Leninistischen“ Partei Deutschlands (MLPD) in Gelsenkirchen erwartet. Denn in der symbolträchtigen Ruhrgebietsstadt wird eine 2,15 Meter hohe, gusseiserne Statue Wladimir Iljitsch Lenins errichtet.

Dass es überhaupt so weit kommt, war nicht einfach: Zuerst wollte der Verkäufer der Statue weismachen, es handle sich um ein Original aus der Sowjetunion der 1930er-Jahre. Dabei stammt sie in Wirklichkeit offenbar aus der Tschechoslowakei, wo sie von 1957 bis in die 90er-Jahre vor einer Maschinenfabrik stand. Dann empörten sich Medien und Regionalpolitik über das Ansinnen: In trauter antikommunistischer Eintracht und ‑falt wehrten sich SPD, Grüne, CDU und AfD gegen Lenin – im Falle der Sozialdemokratie wieder einmal ein Beispiel ihrer bürgerlichen, arbeiterfeindlichen Verkommenheit. Doch weder eine geschichtsfälschende Resolution der Bezirksvertretung noch ein teurer Gerichtsprozess der Stadt – es wurde erfolglos mit Denkmalschutz für ein Gebäude in der Nähe argumentiert – konnten das Vorhaben stoppen. Denn die Statue soll auf einem zwar öffentlich einsehbaren, aber der MLPD gehörenden Grundstück stehen. Schließlich reiste auch noch ein (genauso erfolgloser) Saboteur an, und die Corona-Pandemie verzögerte die Aufstellung ebenfalls um letztlich zwei Monate.

„Hello again“ statt „Good bye“

Doch nun kann die feierliche Enthüllung stattfinden und die MLPD sich über internationale mediale Berichterstattung freuen, wobei die ZdA nicht außen vor bleiben möchte: Schließlich ist es von widerständigem Wert, wenn in einer proletarischen Stadt wie Gelsenkirchen, in einer industriellen Zentralregion der imperialistischen Hegemonialmacht der EU, nun Lenin eine monumentale Würdigung erfährt – gerade gegen den wütenden, aber erfolglosen Widerstand der Herrschenden und ihrer Lakaien. Für die revolutionäre Arbeiterbewegung mag man dies als symbolische Genugtuung begrüßen. Die Statue wird natürlich nicht stellvertretend den Klassenkampf für den Sozialismus führen, aber beständig in Erinnerung rufen, dass uns neben Marx und Engels eben gerade auch Lenin wichtige Werkzeuge in die Hand gegeben hat, um den Kapitalismus zu besiegen, wie es unter seiner Führung 1917 in Russland der Fall war. Gut 100 Jahre später ist diese Aufgabe mancherorts wieder, andernorts immer noch notwendig und aktuell.

An den ideologischen Leitlinien der denkmalstiftenden MLPD muss man sich im revolutionären Kampf für den Sozialismus jedoch nicht unbedingt orientieren. Es sind mitunter seltsame und irritierende Versatzstücke und Betrachtungsweisen, die bei ihr zum Vorschein kommen, weswegen sie in der europäischen und internationalen Gemeinschaft der kommunistischen und Arbeiterparteien nicht involviert ist. Auch mit der satirisch durchaus wertvollen Überhöhung der heiligen MLPD-Führungsfamilie befinden sich die Erfinder eines angeblich „echten Sozialismus“ auf gewissen Abwegen, um es euphemistisch zu formulieren. Man möchte nur hoffen, dass dem armen Lenin in Gelsenkirchen nicht irgendwann eine Stefan-Engel-Statue zur Seite gestellt wird. Denn das hätten – auf sehr unterschiedliche Weise – wiederum beide nicht verdient.

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