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Raiffeisen sticht Uniprofessoren bei Nationalbank aus

Der Chef-Posten der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Österreichischen Nationalbank geht nicht an die Bewerber aus der universitären Wirtschaftswissenschaft, sondern an eine Raiffeisen-Analystin.

Wien. In der Österreichischen Nationalbank (OeNB) kommt es zu einer überraschenden Postenbesetzung. Die bisherige leitende Direktorin der Hauptabteilung Volkswirtschaft, Doris Ritzberger-Grünwald, geht mit 60 Jahren in Pension, es brauchte also eine Nachfolge. Es handelt sich um den Posten der „Chefökonomin“/des „Chefökonomen“ der OeNB, unter deren/dessen Leitung volkswirtschaftliche Analysen erstellt und statistische Daten gesammelt und ausgewertet werden – also im Wesentlichen Wissenschaft betrieben wird, sofern man den trüben bürgerlichen Blick auf die kapitalistische Ökonomie so bezeichnen kann. Wie dem auch sei – jedenfalls bewarben sich um den Job honorige Personen mit entsprechendem CV und ausgiebiger Forschungstätigkeit. Auf der Shortlist standen schließlich ein Bewerber aus der OeNB selbst sowie zwei renommierte Universitätsprofessoren. So weit, so klar, doch dann begannen die Überraschungen.

Am Vorabend des Hearings zog der hausinterne Kandidat seine Bewerbung aus „persönlichen Gründen“ zurück, blieben also die beiden Uni-Professoren. Bei der OeNB – deren Präsident ist der türkise Postensammler, Kurz-Freund und Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer (ÖVP) – wünschte man sich aber ein Hearing mit drei Kandidaten, weswegen die vom beauftragten Personalberater Deloitte eigentlich nur viertgereihte Birgit Niessner doch noch auf die Shortlist kam und sich beim verschobenen Hearing präsentieren konnte – und hier die nächste Überraschung, denn dies geschah mit bestechendem Erfolg: Niessner stach die beiden professoralen Ökonomen aus und bekam den Job zugesprochen. Der OeNB-Generalrat (unter Leitung von Mahrer) muss noch zustimmen, aber das dürfte eine Formalität sein. Amtsantritt ist im September 2021.

Raiffeisen- statt Universitätskarriere führt in OeNB-Forschung

Erstaunlich ist halt schon, dass für den Posten des wissenschaftlichen Direktors nicht etwa einer der beiden weithin anerkannten Wirtschaftswissenschaftler ausgesucht wurde, sondern eine Person, deren wissenschaftliche und Forschungskarriere sich auf die Dissertation an der Wiener WU beschränkt. Birgit Niessner kommt aber dafür aus der Raiffeisenbank, genauer gesagt ist sie bislang Leiterin der Abteilung „Analysis Financial Institutions and Countries“ der Raiffeisen Bank International (RBI) – also „Länder-Risiko-Chefin“ – sowie Aufsichtsrätin der kärntner-slowenischen Raiffeisensparte „Posojilnica Bank“.

Nun ist es nicht so, dass dies nicht auf finanzkapitalistische Fähigkeiten Niessners verweist, doch die Leitung der volkswirtschaftlich-wissenschaftlichen Abteilung der OeNB hätte man naiver Weise doch eher einem Uni-Professor für Volkswirtschaft zugetraut. Selbstverständlich ist bei dieser Postenbesetzung in der OeNB, die als staatliche Zentralbank der Republik Österreich gehört, alles mit rechten Dingen zugegangen: Die gewählte Kandidatin hat beim Hearing einfach mehr überzeugt. Mit Raiffeisen und deren politischem Arm, der ÖVP, hat das alles natürlich absolut nichts zu tun. Aber die Optik ist halt ein bissel irritierend.

Quelle: Der Standard

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