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Wildschweinraserei beim Samstagsshopping

In einem Kaufhaus in Nordrhein-Westfalen kam es am Samstag zu tumultartigen Szenen – doch nicht, weil sich die Kunden an den Wühltischen um vermeintliche Schnäppchen stritten, sondern weil ein Waldbewohner randalierte.

Dinslaken. Im Nordwesten des Ruhrgebietes kam es am vergangenen Samstag in einem Kaufhaus in Dinslaken zu einer irritierenden Zusammenkunft. Während eine erhebliche Anzahl an Menschen beim verlängerten Black Friday-Shopping war, mischte sich ein ungebetener Kunde unter das Volk: Ein ausgewachsenes Wildschwein (Sus scrofa) rammte zunächst mehrmals die automatische Eingangstür des Geschäftes – wo es im eigenen Spiegelbild wohl einen Konkurrenten vermutete –, dann drang es in das Gebäude ein und lief randalierend durch die Gänge, wobei erheblicher Sachschaden entstand. Die anwesenden Menschen flüchteten sich panisch auf Tische und Stühle, wobei sie mehrere Notrufe bei der Polizei absetzten. Als diese eintraf, hatte das Tier freilich schon wieder das Weite gesucht. Abgesehen vom psychischen Stress und einer womöglich lädierten Schnauze für das arme Schwein wurde niemand verletzt. Der Eber wurde später in einem Waldstück gesichtet, dürfte also wieder in Sicherheit sein. Tatsächlich können Begegnungen zwischen Wildschweinen und Menschen nicht ungefährlich sein, sollten aber eigentlich in einer Stadt wie Dinslaken nicht unbedingt vorkommen – hier leben fast 70.000 Menschen am Rande des am dichtesten besiedelten Gebietes der BRD. Es stellt sich daher die Frage: Was macht ein Wildtier überhaupt in der Stadt?

Als die Tiere den Wald verließen…

Dass Wildschweine (oder andere Wildtiere wie Füchse oder Waschbären) vermehrt in die Städte kommen, hat verschiedene Ursachen: Einerseits sorgte der Klimawandel für mildere Winter, was die Population der Wildschweine in Mitteleuropa massiv anwachsen ließ – es gibt mehr Frischlinge, die das Erwachsenenalter erreichen. Nahrungsknappheit und vermehrter Jagddruck, um die Zahl geringer zu halten, führen zur Land- bzw. Waldflucht der Tiere. Diese hat aber freilich schon früher eingesetzt: Die Abholzung der Wälder, ihre wirtschaftliche und infrastrukturelle Nutzung mit industriellen Methoden sowie die freizeitorientierte Ausdünnung der Dickichte sorgen dafür, dass der eigentliche Lebensraum der Wildtiere stetig reduziert wird. Daher weichen sie in (sub-)urbane Gebiete aus – zumindest zeitweise –, wo es auf landwirtschaftlichen Monokulturen, in privaten Gärten und öffentlichen Parks, aber auch auf Kompostsammelstellen und Müllhalden ein besseres Nahrungsangebot gibt, in einer zudem vermeintlich ungefährlichen Umgebung – denn Wildschweine unterscheiden sehr genau zwischen todbringenden Jägern im Wald und harmlosen Stadtbewohnern. Die Forderung nach mehr Abschüssen, sogar in Stadt- und Naherholungsgebieten, ist einerseits auch für Menschen problematisch, andererseits befördert dies nur den Teufelskreis der weiteren Urbanisierung der Wildtiere.

Durchbrochen werden kann er nur, indem die Tiere das bekommen, was sie brauchen und ihnen zusteht: Größere, weitgehend unberührte und gesunde Wälder, mit Dickichten und intakten Feuchtgebieten, aber dies wird eben durch die menschlich-kapitalistische Expansion verunmöglicht. Will man der so genannten „Wildschweinplage“ in den Städten und Vorstädten sowie auf den Feldern Herr werden, so muss man den natürlichen Lebensraum der Tiere, den Wald, erhalten und schützen. Dann bleiben sie auch dort, wo sie hingehören. Doch der Mensch muss damit anfangen.

Quelle: WDR

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