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Tödlicher türkischer Rassismus

Gastkommentar von Mamo Mirzani, Menschenrechtsaktivist in Wien.

Am 30. Juli sind sieben Mitglieder einer kurdischen Familie in der Türkei bei einem rassistischen Angriff getötet worden. In letzter Zeit häufen sich Lynchmorde gegenüber Kurden und Kurdinnen im Westen der Türkei. Erst wenige Tage davor wurde bei einem Angriff eines rassistischen Mobs auf eine kurdische Familie in der gleichen Provinz (Konya) ein junger Mann getötet. Immer wieder gibt es derartige, leider oft tödlich endende, Angriffe auf Saisonarbeiterinnen und Saisonarbeiter, kurdische Oppositionelle und Menschen die in der Öffentlichkeit zum Beispiel Kurdisch sprechen. 

Der Vorfall in Konya ist aber eine neue Dimension des gewaltbereiten antikurdischen Rassismus. Mehrere Frauen und Männer einer Familie wurden mit Kopfschüssen hingerichtet. Ähnlich wurde auch die HDP-Aktivistin Deniz Poyraz vorigen Monat in Izmir getötet. Die Stimmung in der Türkei gegen Kurdinnen und Kurden, besonders jene, die für gleiche Rechte eintreten und/oder ihre Herkunft nicht verstecken (können), wird seit der Staatsgründung vor ca. 100 Jahren immer gefährlicher.

Erdogans nationalistisch-islamistische AKP und der rechtsextreme Partner MHP (Graue Wölfe) wettern gemeinsam mit gleichgeschalteten Medien und dem rechten Sumpf gegen alle Kurdinnen und Kurden, die vor ihnen nicht auf die Knie fallen. Täglich werden Kurdinnen, Kurden und Oppositionelle in den Medien dämonisiert. Ja sogar die Waldbrände die die Türkei dieses Jahr hart treffen, sollen Anhänger der PKK gelegt haben, behaupten viele in Medien und Social Media Kanälen. Und die HDP (bis zu 6 Millionen Wählerinnen und Wähler und mit Familien bis zu 20 Millionen Anhängerinnen und Anhänger) sei damit auch Schuld an den Waldbränden. 

Das führt dazu, dass in den letzten Tagen Jagd auf Kurdinnen und Kurden und alle, die für solche gehalten werden, gemacht wird. Büros der HDP werden angegriffen. Nun behaupten vom Innenminister abwärts Millionen Türkinnen und Türken, dass die letzten Angriffe keine rassistischen Hintergründe hätten. Es wäre ein Streit zwischen zwei Familien. Sehr, sehr viele wollen wissen, dass auch die Angreifer Kurden wären. Das ist der perfide Rassismus des türkischen Regimes gegen Kurdinnen und Kurden – aufgebaut auf Verleugnung und Lügen. Diese Familie wurde erst vor kurzem nach einem Angriff eines Mobs auf ihr Haus krankenhausreif geschlagen. Der Vater berichtete in einem TV-Interview, dass sie seit Jahren rassistisch beleidigt und bedroht werden. Schutz haben sie keinen bekommen. Der Anwalt der Familie berichtet von einem rassistischen Gewaltakt. Die Ärztekammer und namhafte Menschenrechtsgruppen berichten von einem rassistischen Akt. Doch das kommt in den gleichgeschalteten Medien nicht vor oder wird geleugnet. 

Der türkische Rassismus ist meiner Meinung nach der krankhafteste, den es gibt. Viele Menschen in der Türkei behaupten, dass es in ihrer Gegenwart und Geschichte keinen Rassismus oder etwa Genozide wie gegen Armenierinnen und Armenier gibt. Das wird auf Biegen und Brechen geleugnet. Wenn es um antikurdischen Rassismus geht, wird zur Verteidigung dieser Niedertracht eine kurdische Person vorgestellt, die behauptet, es gäbe keinen Rassismus gegen Kurdinnen und Kurden – sie sei selbst kurdischer Herkunft. Diese Personen beziehen sich im nächsten Satz aber fast immer gleich auf die „Herrlichkeit“ der Türkei, Atatürks, Erdogans, der türkischen Fahne oder des Islam. Zeitgleich werden im Sprech des Regimes alle Kurdinnen und Kurden, die gleiche Rechte und Selbstbestimmung fordern, als Terroristen bezeichnet. Erwähnt man das Wort Kurdistan in Anwesenheit eines Türken, so merkt man, wie tief der Rassismus gegen Kurdinnen und Kurden bei vielen sitzt. Auch bei den vermeintlich netten türkischen Nachbarn, Kebab-Verkäufern oder Friseuren. Darf jeder, der glaubt, ich übertreibe, gerne ausprobieren.

Es gibt natürlich Ausnahmen – aber diese sind verschwindend gering. Sagt man das K‑Wort in der Türkei, kann man dafür gelyncht werden – zumindest wird man verhaftet. Wie ich am eigenen Leib gespürt habe, traut man sich in der Türkei nicht Kurdisch zu sprechen. Gibt es so einen Rassismus woanders? Mir ist keiner bekannt. Der türkische Staat ist meines Wissens nach einer der rassistischsten der Welt – er leugnet Genozide, erkennt mit Stand heute indigene Bevölkerungsgruppen wie Kurdinnen und Kurden, Alevitinnen und Aleviten, Jesidinnen und Jesiden rechtlich nicht an, und gesteht ihnen keine Rechte zu. Er greift Genozid-Überlebende im In- und Ausland an und erstickt alle Kurdinnen und Kurden, die nicht nach seiner Pfeife tanzen, auch wenn sie nicht in der Türkei leben. So ein System bringt eben Missgeburten auf die Welt, die solche Taten verüben und dann mit grinsender Niedertracht von Brüderlichkeit sprechen. Rassismus ist ein Virus, den man nicht walten lassen darf und bekämpfen muss.

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