Start Schwerpunkt Gesellschaftsrelevante Berufe „Mittlerweile ist deutlich geworden, dass ein Hinunterfahren der Mobilen Dienste zu Kollateralschäden…

„Mittlerweile ist deutlich geworden, dass ein Hinunterfahren der Mobilen Dienste zu Kollateralschäden führt.“

Die Mobile Pflege und Betreuung sind in Österreich ein elementarer Bereich in der Altenpflege und im Gesundheitssystem. Durch die Arbeit im Privaten wird diese aber vielfach kaum wahrgenommen, so auch im Rahmen der aktuellen Pandemie. Adele Trübsinn, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und Einsatzleitung eines Mobilen Dienstes, hat mit einem Redaktionsmitglied über die Arbeitssituation in diesem Bereich gesprochen.

Beschreibe doch einmal kurz die Mobile Pflege und deine Position.

Die „Mobile Pflege und Betreuung“ bietet in der Regel Leistungen dreier Berufsgruppen an – HeimhelferInnen, Fachsozialbetreuer/Pflege Altenarbeit (FSBA/PA) und (derzeit noch) diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und ‑pfleger (DGKP) – die bedürfnisorientiert so eingesetzt werden, dass eine bestmögliche und umfassende Betreuung und Pflege der Klientinnen und Klienten in Zusammenarbeit mit Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten, diversen Therapeutinnen und Therapeuten sowie die Arbeit nach Pflegeprozess gewährleistet ist.

Ich bin in der Einsatzleitung eines Teams von knapp 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zu meinen Aufgaben zählen die Dienstplanerstellung, Fortbildungsplanung, Mitarbeitergespräche, Stundenabrechnung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie die Klientinnen und Klienten zu überprüfen und freizugeben zur Weiterbearbeitung, Tourenplanung (= wöchentlich: wer fährt wohin), Abhaltung von Dienstbesprechungen, Angehörigenkontakt, Pflegeberatungen, Erstgespräche mit Klientinnen und Klienten und Nahtstellenmanagement. Seit drei Wochen nun das wöchentliche Abstreichen und Auswerten der Antigentests bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie relativ häufig Kompensation von Personalausfällen.

Was macht deine Arbeit für dich besonders?

Zuallererst und immer wieder: Dass die Klientinnen und Klienten (länger) in ihrem eigenen Wohnumfeld bleiben können. Und die Tatsache, dass die Pflegepersonen von einer Klientin oder einem Klienten zum/zur nächsten fahren und sich so (im Idealfall, wenn nicht das Telefon läutet) jeweils einer Person – beziehungsweise einer Person und ihren Zugehörigen – widmen können. Zudem ist zumindest meine persönliche Erfahrung, dass es im extramuralen Bereich (Anm. Redaktion: nicht in einer Einrichtung des Gesundheitswesens) leichter fällt, Selbstbestimmung zu leben beziehungsweise leben zu lassen. Die Vielfalt der Begegnungen, die Möglichkeit, im kleinen Rahmen zu gestalten und mein Wissen und meine Erfahrung einzusetzen.

Was bereitet dir beim Nachhausegehen das meiste Kopfzerbrechen?

Häufig Menschen, denen ich – aufgrund mangelnder personeller Ressourcen, nicht funktionierenden Nahtstellenmanagements, bis über die Grenzen hinaus geforderter Angehöriger, mangelnder Spitalskapazitäten, kurz: weil das System am Rande des Kollaps‘ schlingert – nicht schnell genug Unterstützung bieten kann. Somit häufig die Frage, ob dieser Mensch die Nacht gut übersteht. Und 2020 natürlich CoVid-19 in hunderterlei Gestalt.

Du hast schon jahrelange Erfahrung im Bereich und bist inzwischen als Führungskraft tätig. Wie hat sich deine Arbeit in den letzten Jahren verändert und welche Probleme gibt es „noch immer“?

Was sich verändert hat:

  • Bessere gesetzliche Grundlage, wesentlich höhere Ausbildungs- und Qualitätsstandards (!!!)
  • Bessere „Ausrüstung“: Dienstkleidung, Handys, Autos, etc.
  • Die Pflegedokumentation wurde verpflichtend eingeführt.
  • Die Umstellung auf elektronische Zeiterfassung – einhergehend mit Tourenplan und Infos über Klientinnen und Klienten am Smartphone – brachte neben Arbeitserleichterung und verbessertem Kommunikationsfluss auch deutlich mehr Zeitdruck. 
  • Wie insgesamt der Zeitdruck/die Anzahl der im gleichen Zeitraum zu versorgenden Klientinnen und Klienten über die Jahre sich stetig erhöht.

Was gleich geblieben (oder mehr geworden) ist:

Neben den oben beschriebenen Besonderheiten der Mobilen Dienste:

  • Die hohen Anforderungen hinsichtlich Flexibilität, Improvisationstalent und Eigenständigkeit an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  • Das Lippenbekenntnis „Mobil vor stationär“ von Entscheidungsträgerinnen und ‑träger jeglicher Couleur ohne darauf folgende Taten.
  • Das Ansehen der Pflege, insbesondere der geriatrischen Fachpflege.
  • Eine verhältnismäßig schlechte Bezahlung.
  • Der Personalmangel.
  • Dass die „Mobilen Dienste“ immer mit den Alten– und Pflegeheimen „mitgemeint“ werden.

Wenn in den Medien Probleme im Gesundheitswesen diskutiert werden, ist von der Mobilen Pflege nur selten die Rede. Liegt das daran, dass sie im Vergleich besser aufgestellt ist als die Spitäler und Pflegeheime?

Eine interessante Interpretation… Nein, leider! Wie bereits erwähnt, werden die Mobilen Dienste – zumindest auf Nachfrage – meist „mitgemeint“. Ein Grund ist vermutlich, dass mit relativ wenig Personal viele Klientinnen und Klienten betreut werden, wir also quasi systemimmanent eine relativ kleine Gruppe innerhalb der Pflege sind.

Durch die Arbeit vor Ort bei den Klientinnen und Klienten gibt es keinen „sichtbaren Arbeitsplatz“ wie ein Krankenhaus oder Seniorenheim.

Bedauerlicherweise wird – und dies ist gerade im Zuge der CoVid – Pandemie wieder deutlich geworden – tatsächlich oft auf diesen Bereich vergessen.
Nicht nur von den Medien, sondern auch vom Gesetzgeber, Behörden, etc.
Daher: Danke für diese Plattform, es ist höchste Zeit, laut und sichtbar zu werden.

Wie haben sich deine Arbeitsbedingungen mit Beginn der Pandemie verändert? Welche Maßnahmen wurden seither gesetzt? Wie werden Personal und Klienten geschützt? Gibt es eine Gefahrenzulage.

Die Planungssicherheit ist noch deutlich geringer geworden. Dass plötzlich ein großer Teil des Personals ausfallen kann, ist ein sehr viel wahrscheinlicheres Szenario geworden.

Von Beginn an wurde das Personal mit MNS sowie zusätzlich zur Standardausrüstung mit Flächendesinfektionsmittel ausgestattet (Die MNS wurden von einer Mitarbeiterin genäht, da bereits Mitte Februar eine Bestellung nicht mehr möglich war).
Fieberthermometer wurden ausgegeben, täglich vor Dienstbeginn kontrollieren sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf erhöhte Temperatur und sonstige Symptome.
Im April wurden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Roten Kreuz getestet, seit Anfang Oktober wird wöchentlich vor Ort getestet. In beiden Fällen haben meine Vorgesetzten entschieden, das Personal der Mobilen Dienste dem des ortsansässigen Heimes gleichzustellen – vom Land war das nicht so vorgesehen.

Von der Trägerorganisation wurde ein umfassendes Präventionskonzept erstellt, welches zu erwartende Situationen abdeckt sowie beispielsweise Schulungsvideos zum Thema Schutzkleidung etc. umfasst.

Im ersten Lockdown wurden die Betreuungen zum Schutz der Klientinnen und Klienten auf Verordnung des Landes stark heruntergefahren. Sehr viel umfassender waren die Angaben jedoch nicht – Triagekriterien mussten erstellt beziehungsweise die Entscheidung nach eigenem Ermessen getroffen werden.
Mittlerweile ist deutlich geworden, dass ein Hinunterfahren der Mobilen Dienste zu Kollateralschäden führt. Unter Einhaltung der gebotenen Hygienestandards findet derzeit weitgehend „normale“ Betreuung statt, im Falle CoVid-positiver Klientinnen oder Klienten erfordert dies halt einen erhöhten Planungs- und Schutzkleidungsaufwand.

Nebenbei fallen Schulung/Edukation/Begleitung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser speziellen Situation und eine komplexere Planungsarbeit vor Besprechungen durchaus als zusätzliche Aufgaben an. 

Viele Organisationen haben einen einmaligen Corona-Bonus von 500 Euro ausbezahlt. Gefahrenzulage gibt es keine.

Was bräuchte es, um eine umfangreiche und qualitative mobile Betreuung und Pflege generell, aber auch während der CoVid-Krise zu gewährleisten?

Die folgenden Maßnahmen gelten meines Erachtens im Wesentlichen für die gesamte Pflege:

  • Grundlegende Umverteilung. Mehr Gehalt. 
  • 30-Stunden-Woche in der Pflege.
  • Erhöhung des Pflegegeldes. Pflegegeldeinstufungen weg von den Ärztinnen und Ärzten, zum Pflegepersonal.
  • Funktionierende Sozialberatung in den Gemeinden, funktionierendes Nahtstellenmanagement.
  • Erhöhung der Personalschlüssel.
  • Bezüglich Ausbildung: Wir brauchen KEINE Pflegelehre!
    Die letzte Ausbildungsreform hat leider nicht nur die längst ausständige Akademisierung der Pflege leider zuungunsten des Theorie – Praxis – Transfers umgesetzt, sondern de facto auch eine Verlagerung diverser Tätigkeiten auf jeweils kürzer ausgebildete Berufsgruppen mit sich gebracht. Zwar ist es verständlicherweise kaum common sense, nach einer neuerlichen Reform zu rufen, Nachjustierungen sind aber jedenfalls nötig.

Danke, liebe Adele, für das interessante Gespräch und deine Zeit.



- Advertisment -

MEIST GELESEN