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150 Jahre Internationale – Tradition und Auftrag

Gastautor: Dr. Wolfgang Häusler, geboren 1946 in St. Pölten. Studium der Geschichte und Kunstgeschichte. Professor für Österreichische Geschichte an der Universität Wien. Zahlreiche Bücher zu Themen der historischen Landeskunde, Geschichte des österreichischen Judentums und des 19. Jahrhunderts. Zuletzt: Ideen können nicht erschossen werden. Revolution und Demokratie in der österreichischen Geschichte 1789–1848–1918 (Molden 2017). Er forscht und publiziert im (Un)Ruhestand weiterhin zu dieser Thematik.

Hymne des Weltproletariats?

Von 1912 bis zum Ausbruch des Weltkriegs organisierte Lenin seine bolschewistische Partei vom damals österreichischen Krakau aus. In der Prawda vom 3. Jänner 1913 würdigte er den Dichter der Internationale Eugène Pottier, 25 Jahre nach dessen Tod am 6. November 1887: „Die Arbeiter aller Länder haben den Gesang ihres Vorkämpfers adoptiert, des proletarischen Dichters, und haben ihn zum weltweiten Gesang des Proletariats gemacht. (…) Die Internationale hat die Idee des Kommunismus in die ganze Welt getragen.“

1922 wählte die Sowjetunion bei ihrer Gründung die Internationale als Hymne. 1943/44, am Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs, kippte diese Verbindung. Der 1937 in die USA emigrierte große Dirigent Arturo Toscanini gab, an Verdis Inno delle Nazioni (1862) anknüpfend, in New York ein Konzert des NBC Symphony Orchestra und des Westminster Choir, in dem er die Internationale zu Ehren der Sowjetunion an die Hymnen der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Italiens anschloss. Diese Ergänzung fiel in der Folge der Zensur zum Opfer. Die antikommunistische Invektive hätte man sich sparen können: 1943 stellte die III. Internationale/Komintern ihre Tätigkeit ein. Mit Jahresbeginn 1944 führte die Sowjetunion eine neue Hymne ein (Text Sergei Michalkow, Melodie Alexander Alexandrow – nach dem Barockkomponisten Johann Pachelbel!): „Die unzerbrechliche Union der freien Republiken, vereinigte für die Ewigkeit die große Rus (…) die eine, mächtige Sowjetunion!“ Die Entstalinisierung wurde überbrückt, indem die Hymne 1955–1977 ohne Text gespielt wurde. Ein Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion half Michael Glinkas Patriotisches Lied aus der Verlegenheit (1991–2000), dann kam Michalkow noch einmal zu Wort, für die Russische Föderation unter dem zaristischen Doppeladler: „Russland, unser heiliger Staat, Russland, unser geliebtes Land, von Gott beschützte heimatliche Erde.“

Sonderfall Wien

Für das Weiterleben der Internationale als politisches Kampflied der Arbeiterbewegung wurde Österreich mit den Kundgebungen am 1. Mai zum Sonderfall. Der „staatsfeierliche Tag der Arbeit“ (Peter Filzmaier) wurde im Roten Wien seit der ersten Maifeier 1890 der wichtigste Termin politischer Bewusstseinsbildung und Zukunftsprogrammatik. Am 25. April 1919 erklärte der Nationalrat den 1. Mai zum Staatsfeiertag der Republik Deutschösterreich. Am 1. Mai 1921 fand wieder eine sozialistische Maikundgebung statt, deren Umfang und Gewichtung rasch zunahmen.1933 wurde der Maiaufmarsch untersagt; im Folgejahr wurde der 1. Mai vom Ständestaat zum „Tag der Verfassung“ umfunktioniert, abgelöst 1938 vom „Tag der deutschen Arbeit“. Die Sonderentwicklung des Austromarxismus wirkte in der II. Republik mit der Beibehaltung der Internationale gemeinsam mit dem Lied der Arbeit nach, signifikant zuletzt als Livestream im Corona-Jahr 2021, eine virtuelle Feier mit Ansprachen und Kindheitserinnerungen der „höchstrangigsten Vertreterinnen“ der SPÖ zu „Zusammenhalt“ und „Verteilungsgerechtigkeit“, mit eingeblendeter historischer Dokumentation. „Freundschaft“- und „Hoch der 1. Mai“-Rufe fehlten nicht. Das Schwenken roter Fahnen durch ausgewählte Manifestanten wurde akustisch bekrönt durch das Abspielen von Internationale und Lied der Arbeit durch das Kammerorchester Valsassina am gespenstisch leeren Rathausplatz.

Kommentarlos wurde im historischen Rückblick die Tribüne der Maikundgebung 1971 eingeblendet. Viktor Matejka, der bedeutende Anreger der Wiener Kulturpolitik nach 1945, verglich in diesem Jahr die Kundgebungen der SPÖ, KPÖ und der marxistisch-leninistischen Vereinigung Revolutionärer Arbeiter. Treffend beschrieb er den Hintergrund der merkwürdigen Szene. „Otto Probst: ‚Die Kundgebung ist mit dem Lied der Arbeit geschlossen!‘ Statt des nun erwarteten Beifalls stimmten einige ältere Genossen ein Lied an, das in der heutigen Zeit nur als Kundgebungsabschluß bei SPÖ-Feiern geduldet wird: ‚Völker, hört die Signale!‘“ Die Reaktionen waren bezeichnend: Probst verlegen bis ärgerlich, Kreisky amüsiert, Androsch grinsend. Der Dokumentation von 2021 ist eine Soundcloud Playlist mit Arbeiter*innenliedern beigegeben, eine nützliche Zusammenstellung – jedoch ohne Internationale.

National – international

Google fördert im Mai 2021 zur Anfrage national 3,56 Milliarden Ergebnisse zutage, mehr noch, 5,51 Milliarden, zu international, in weniger als einer Sekunde. Im Entstehungsprozess der modernen Nationen im Komplex der bürgerlichen und demokratischen Revolutionen entfaltete sich diese Dialektik im Geist der Aufklärung: Benjamin Franklin, Thomas Paine, Jeremy Bentham (von ihm erstmals das Wort „international jurisprudence“, 1789!), Danton und Robespierre, Anacharsis Cloots, ja auch Napoleon sind Zeugen dieses Prozesses, die Marseillaise das Banner, von der befreiten französischen Nation erobernd zu den Völkern Europas getragen.

Das Manifest der Kommunistischen Partei fasste am Vorabend der Revolution von 1848 die Widersprüche zusammen. Die „höchst revolutionäre Rolle“ des Kapitalismus in der industriellen Revolution sprengte sichtbar den Rahmen der Volkswirtschaften: „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. (…) An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“ Mit dem Schlussappell „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wurde der Internationalismus zentraler Programmpunkt der revolutionären Arbeiterbewegung. Der Satz steht erstmals 1847 im Probeblatt der Kommunistischen Zeitschrift, die der Berufsrevolutionär Karl Schapper herausgab – dieser Ursprung wurde verdrängt, da Schapper als ‚Linksabweichler’ 1850 gegen Marx auf eine neue revolutionäre Erhebung setzte. Der alte Friedrich Engels überspielte diesen Konflikt in seiner Rückschau Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten: „Siebzehn Jahre später durchhallte dieser Schlachtruf die Welt als Feldgeschrei der Internationalen Arbeiter-Assoziation, und heute hat ihn das streitbare Proletariat aller Länder auf seine Fahnen geschrieben.“ Handwerker- und Arbeitermigration in den Metropolen London und Paris hatte vorgearbeitet.

Der abgekürzte Name der am 28. September 1864 in der Londoner St. Martin’s Hall gegründeten Organisation wurde zur herausfordernden Parole. Die Namenskürzung galt auch ihrem die II. und III. Internationale begleitenden Lied, das alle Höhe- und Wendepunkte, wie auch die Widersprüche in der Entwicklung von Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus markieren sollte.

Karl Marx – Kapellmeister der Internationale?

Im Internet bietet fridolin​-shop​.de eine Spieldose an, um wohlfeile 7,95 €. Sie ist mit den Porträts von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg geschmückt und zeigt den jungen bartlosen Marx als Dirigenten. Marx hat die mit der Pariser Commune – und ihrer Niederlage – verbundene Internationale niemals kennengelernt. Diese Tatsache focht die Kommunistische Partei Chinas nicht an, als sie ihre Gedenkfeier zum 200. Geburtstag von Marx in der Großen Halle des Volkes am 4. Mai 2018 vor einem überdimensionalen Marx-Porträt beging. Präsident Xi Jinping, mit ungewöhnlicher weiß-blau karierter Krawatte, war Festredner und Vorsänger. Marxismus sei „auf die Fahne der Chinesischen KP geschrieben“, Marx’ Ideen „Lebensstil und geistiges Streben“, Marx, „größter Denker der Neuzeit, hat Recht“. Neuerdings setzt die politische Erziehung der Volksrepublik in Comics auf einen bartlosen jungen Marx, nachdem in Trier und Wuppertal mit traditionellen Denkmälern der Verpflichtung zu den 200. Geburtstagen der Klassiker Genüge getan ist. Nachsatz: Ein auf dem Langen Marsch entstandenes Gedicht Mao Zedongs schließt mit dem Wort: „Die Internationale – tragischer Gesang.“ 1989 stimmten protestierende Studenten auf dem Tien’anmen die Internationale zum Protest gegen erstarrte Parteiherrschaft an.

Am 1. Juli 2021 wurde der Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Chinas vor hundert Jahren mit 70.000 Teilnehmern straff organisiert auf dem Platz des Himmlischen Friedens gefeiert. Hundert Kanonenschüsse eröffneten die Kundgebung, deren Zentrum die einstündige Rede Xi Jinpings war – der Staats- und Parteivorsitzende trug als einziger den traditionellen Anzug des „großen Steuermanns“ Mao Zedong, geradezu ein Reenactment auf dem historischen Balkon der Proklamation der Volksrepublik China 1949. Niemals werde das chinesische Volk ausländischen Kräften erlauben, es zu unterdrücken und zu unterjochen. Aggressoren würden sich „an einer großen Mauer aus Stahl (…) den Kopf blutig stoßen.“ Mit Internationale und chinesischer Nationalhymne wurde der Führungsanspruch der Kommunistischen Partei, als Einheit von Partei, Nation und Volk, bekräftigt. Das qī lai war der Marsch der Freiwilligen gegen die japanische Aggression (1935, Text Tian Han, Melodie Nie Er): „Steht auf! Wir wollen keine Sklaven sein. Die lange Mauer baut aus Fleisch und Blut!“ Xi Jinping steht mit seiner Grundsatzrede in zweifacher Tradition. Widerspruch bleibt: Tian Hans Text war in der Kulturrevolution wegen Rechtsabweichung verfemt. Nur 1978 bis 1982 bekannte sich der Text der Nationalhymne zum „heldenmütigen Volk aller Nationalitäten“ Chinas.

Was für ein Narr ist das? Leben und Werk Eugène Pottiers

„Quel est le fou?“ So lautet der Titel der von Gustave Nadaud, seinem Freund seit 1848, gesammelten und 1884 herausgegebenen Chansons Pottiers. Die Sammlung wurde mit den Chants révolutionnaires in seinem Todesjahr 1887 ergänzt, einschließlich Internationale, mit Vorwort des radikalen Publizisten Henri Rochefort und der Widmung an den Communard Gustave Lefrançais. Pottier war wie ein großer Teil der Communards Proudhonist; Lefrançais schloss sich dann der anarchistischen Juraföderation Bakunins an. Nicht zuletzt am Gegensatz von Marx und Bakunin zerbrach 1872 die Internationale, ideologisch und organisatorisch.

Mit 13 Jahren musste Pottier die Schule verlassen, um seinem Vater im Transportgeschäft zu helfen, später wurde er Textildesigner. In der Julirevolution 1830 fand der Vierzehnjährige zur Dichtung: „Vive la liberté!“ Er war Teilnehmer der Revolution 1848, als Mitglied der Internationale protestierte er 1870 gegen den Krieg. In der Commune wurde er Maire des 2. Arrondissements und nahm an den Kämpfen der Blutigen Woche teil. Vor dem Wüten der Gegenrevolution im Untergrund versteckt, schrieb er Ende Juni 1871 die Internationale nieder. In den Revolutionsgedichten klagte er das „Pack der feisten Henker“ des Massenmords mit Chassepots und Mitrailleusen an. Es gelang ihm ins britische Exil zu entkommen, nach dem Todesurteil in absentia (1873) ging er in die USA, um erst nach der Amnestie von 1880 nach Paris zurückzukehren. Eine nach vielen Tausenden zählende Menschenmenge begleitete den Toten zum Friedhof Père Lachaise, rote Fahnen wurden beschlagnahmt. Ein aufgeschlagenes Buch mit der Internationale auf dem Grab erinnert an ihn seit 1905, nicht weit von der Mauer der Föderierten mit der Erinnerung an das blutige Ende der Commune.

Pottiers Chansons stehen in der Tradition der Goguette, ein humoristisch-satirisches Volkssängertum, wo das Publikum bei Speis und Trank einstimmen konnte – goguette bedeutet auch Schwips. Ein solcher Goguettier war Pottier, wie auch Nadaud: 1848 hatte Pottier dem Freund das Gedicht Propagande des chansons gewidmet, das seinen bildhaften Stil erkennen lässt. Erste Zeile: „Die Welt wechselt ihre Haut.“ Mit einschlägiger Berufserfahrung – Sack auf den Rücken! – wird ein Kastenwagen vollgepackt und zu einem Feldzug in Fahrt gebracht: „Chansons! Entrez vite en campagne!“ So geht es holterdipolter durch die sozialen Probleme der Zeit: die Mansarden, deren Kälte die Bewohner tötet, die Strohhütten („chaumettes“), wo die Ernte von Wucherern gestohlen wird, die Butiken, das Schneckenhaus („coquille“) von Eigentum und Familie und schließlich gegen den Militarismus: „Entrez dans la caserne!“

Die Internationale nimmt ihren Weg

Die Publikation der Chansons erfolgte am Vorabend der Gründung der II. Internationale in Paris, sie fiel mit dem hundertjährigen Gedenken der Französischen Revolution zusammen, 14. Juli 1889, mit dem bleibenden Denkmal des Eiffelturms. Von hier ging der Impuls zu den Maidemonstrationen für den Achtstundentag aus, stärkstes Symbol auch für die von Victor Adler soeben vollzogene österreichische Parteieinigung von Hainfeld. In diese Situation der sich zu Massenparteien formierenden Arbeiterbewegung, namentlich in Deutschland, fielen Kenntnisnahme und Verbreitung der so lange verborgenen Internationale als Nachhall der unterdrückten Commune. Prosper Lissagaray wurde ihr Historiker, er fand im Hause von Marx Aufnahme. Marx’ jüngste Tochter Eleanor, in Lissagaray verliebt, übersetzte später die Internationale, mit der eigenwilligen Schlusszeile „The Internationale unites the human race“, anstelle der Menschheit („genre humain“) des Originals. Die deutschen Übersetzungen haben hier zumeist die Erkämpfung des „Menschenrechts“. Die Formulierung ist wohl dem problematischen Partner Eleanors geschuldet, Edward Aveling, der überzeugter Darwinist war.

Noch dominierte die identitätsstiftende Marseillaise, die nach schweren Anlaufkrisen der III. Republik 1879 wieder französische Nationalhymne wurde. Sie war ja am 28. März 1871 bei der Proklamation der Commune vor dem Hôtel de Ville angestimmt worden. Das Vordringen der Internationale verzögerte sich. Engels’ letzter öffentlicher Auftritt war die bejubelte Schlussrede am 12. August 1893 vor dem Internationalen Arbeiterkongress in Zürich: „Die Anwesenden erheben sich und singen stehend die Marseillaise.“

Der marxistische Gründer des Parti ouvrier (1882) Jules Guesde entwickelte die wachsende Organisation zur Sozialistischen Partei Frankreichs weiter. 1890 sangen die Arbeiter beim Parteikongress in Lille die Internationale gegen klerikal-nationalistische Störungen. Mit dem reformistischen Flügel gab es Streit um den Kurs gegenüber der bürgerlichen Regierung: 1899 endete der Pariser Sozialistenkongress im Streit um eine Regierungsbeteiligung mit dem Singen der Internationale.1905 entstand als Zusammenschluss der Parteiflügel die Section française de l’Internationale; im Jahr zuvor hatte sich der Amsterdamer Sozialistenkongress im Zeichen der Internationale versammelt. 1910 nahm der Kopenhagener Kongress die Internationale formell ins Protokoll.

Es war der industrialisierte belgisch-französische Grenzraum, in dem die geniale Melodie gefunden wurde, durch den bescheidenen Textilarbeiter, dann Modelltischler in einer Eisengießerei Pierre Degeyter (1848–1932). Die Vertonung entstand bald nach Veröffentlichung für den Arbeiterchor von Lille. Degeyter wurde im Alter Kommunist. 1928 reiste er zusammen mit Käthe Kollwitz nach Moskau, und erhielt eine kleine Pension. Am Friedhof von Saint-Denis ist er begraben; außer seinem Porträtmedaillon und dem aufgeschlagenen Buch des Liedes zeigt das kleine Grabmal am Sockel Hammer und Sichel namens der KPF.

Seit der Jahrhundertwende setzte sich die Internationale vor allem in deutschen Übersetzungen durch. Rudolf Lavant (Richard Carl Cramer) aus Leipzig, verwundet in der Schlacht von Königgrätz 1866, sozialdemokratischer Publizist (Der Wahre Jakob) und Alpinist, brachte eine wortgetreue Übersetzung 1902 den Arbeitersängervereinen nahe. Es folgte der Sammler sozialistischen Liedguts Franz Diederich 1908. Doch erst Emil Luckhardts Übersetzung von drei der sechs Strophen brachte den Durchbruch, von Deutschland her nahm die Internationale ihren Siegeslauf durch die Arbeiterbewegung. Über Luckhardts Leben ist wenig bekannt. Geboren in Engels’ Vaterstadt Barmen, wurde er Bierbrauer und Gewerkschafter, war im Arbeitersängerbund und im Schwimmverein aktiv. Am 5. November 1914 wurde der 26-jährige im Nirgendwo Flanderns durch einen Artillerieangriff verschüttet: Im Westen nichts Neues. Seine Leiche wurde nicht geborgen, es gibt kein Grab und kein Porträt. Die in der Familie aufbewahrte Bleistiftniederschrift, vermutlich 1905, wurde von den Enkelinnen 2007 an das Engels-Haus (Museum für Industriekultur Wuppertal) übergeben. Luckhardts anonymer Tod war tragisches Symbol für das Zerbrechen der II. Internationale 1914, deren Vertreter mit ganz wenigen Ausnahmen in die nationalistische Kriegsbegeisterung einlenkten.

Metaphern des Klassenkampfs und der Revolution

Die Urfassung der Internationale wurde erst 1990 veröffentlicht. Der zum letzten Gefecht („la lutte finale“) aufrufende Refrain blieb gleich, sonst gibt es etliche bezeichnende Abweichungen. Das wiederholte „debout!“ (auf!) als militärisches Kommando richtet sich in der Anfangszeile an den „prolétaire“. Dieses Wort kommt in der Endfassung nicht vor, Arbeiter werden als „travailleurs“, „ouvriers“ mit Einschluss der Bauern („paysans“) angesprochen. Auch Marx verwendete den Begriff Proletariat in der Adresse des Generalrats der Internationale Der Bürgerkrieg in Frankreich zurückhaltend, vorwiegend zur Kennzeichnung der Opfer. Unter dem unmittelbaren Eindruck der blutigen Niederlage in der letzten Maiwoche 1871 setzte Strophe 4 den Triumph des Kapitals in Parallele zum Ordnungmachen mit der Mitrailleuse, die Frau und Kind zerhackt und spricht von Ermordeten („assassinés“). Strophe 3 fordert im Nachklang der Parole Chamforts aus dem Revolutionskrieg – Friede den Hütten! Krieg den Palästen! – „Paix entre nous! Guerre aux tyrans!“ Der Kampf soll in die Armee getragen werden: Nieder das Gewehr, durchbrechen wir die Reihen – geradezu eine Erinnerung an den Beginn des Kampfes der Pariser im März 1871. In dieser Strophe werden Bandit, Fürst, Ausbeuter und Priester in einem Atemzug angeklagt: Wer vom Menschen lebt, ist ein Verbrecher („qui vit de l’homme est criminel“).

Mit dem Bild reifender Ähren und einem von Raupen befreiten Baum schließt die sechste Strophe der Urfassung. Die Arbeit („travail“) soll wie ein Baum ihre roten Früchte über unsere Familien ausstrecken. Pottier kannte offenbar das in die Commune-Tradition eingegangene volkstümliche Lied von der Kirschenzeit – Le temps des cerises – von dem Barrikadenkämpfer Jean Baptist Clément: „Was haben wir sie geliebt, diese Zeit, die Revolution, die Liebe, den Streit … wenn über den Barrikaden erklingt: Quand nous chanterons le temps de cerises.“ Yves Montand, Juliette Gréco, Franz Josef Degenhardt, Wolf Biermann haben dieses Lied interpretiert.

Auch die Endfassung verwendet in der ersten Strophe eine Naturmetapher: das Recht wie Glut im Kraterherde („La raison tonne en son cratère“). Die Forschungsdebatten des 19. Jahrhunderts kreisten um den Vulkanismus als dynamische Erdgeschichte.
Die Erhebung der Sklavenmassen („Foule esclave, debout! debout!“) steht bevor. Für die Formierung der Internationalen Arbeiter-Assoziation war die Sklavereifrage im Sezessionskrieg der USA von wesentlicher Bedeutung; Marx verwendete häufig den Begriff der modernen Lohnsklaverei. Die zweite Strophe, sie ist in Kombination mit der dritten Strophe in die Übersetzung Luckhardts eingegangen, fasst Pottiers Stellung in den zeitgenössischen sozialistischen Strömungen zusammen. Kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun – diese berühmte Absage lässt an Blanquis Motto und dessen Vorläufer denken: „Ni Dieu ni Maître!“, das Sozialisten und Anarchisten gleichermaßen ansprach. Pottiers Text erinnert mit „le salut commun“ an den Höhepunkt der Französischen Revolution mit dem Wohlfahrtsausschuss („comité du salut public“), ebenso wie an den Mutualismus Proudhons („Producteurs sauvons-nous nous-mêmes“); „le voleur“ spielt auf Proudhons Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ an.

Pottier schließt die zweite Strophe mit der lateinischen, in viele Sprachen übergegangenen Sentenz: Schmieden wir das Eisen, solange es heiß ist. Luckhardt setzte stattdessen den seit Kant und Heine vielberufenen Ausgang aus Unmündigkeit: Unmündig nennt man uns und Knechte, / duldet die Schmach nun länger nicht! Pottiers dritte Strophe bringt ein unmittelbares Zitat aus den Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation: Keine Pflichten ohne Rechte, keine Rechte ohne Pflichten – bei Luckhardt konzentriert zu: „Leeres Wort: des Armen Rechte, / Leeres Wort: des Reichen Pflicht.“

Die vierte Strophe stellt die Selbstbefreiung der Arbeiter der Apotheose der Könige der Minen und der Eisenbahn entgegen; die Profiteure der industriellen Revolution horten den angeeigneten Wert der Arbeit in Panzerschränken.

Oft wurde die fünfte Strophe inkriminiert, in der geraten wird, unsere Kugeln auf die eigenen Generäle zu richten – eine Erinnerung an den Konflikt des Pariser Volks mit den Versailler Truppen. Das Bild des Kampfes, des letzten Gefechts („lutte finale“) beherrscht apokalyptisch den Refrain, verstärkt durch Luckhardts zum geflügelten Wort gewordenen Vers: Völker, hört die Signale! Die Internationale schließt mit der Naturmetapher der Vertreibung der Raben und Geier und künftigen Sonnenscheins als Versöhnung mit der ausgebeuteten Natur.

Vorläufer und Parallelen der Internationale

Die komplexe Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte der Internationale, bedingt durch ihre lange Latenz, bedarf der Ergänzung. 1844 hatte Marx den ersten Vorklang der kommenden sozialen Revolution in der Erhebung der schlesischen Weber vernommen – im aufbegehrenden Protestlied Das Blutgericht und in Heinrich Heines Parteinahme für die ausgebeuteten Leinenweber: „Wir sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne“, mit dem dreifachen Fluch gegen Gott, König und Vaterland, wie er in der Internationale widerhallt.

Der deutschböhmische Literat Alfred Meißner, der als einer der ersten in der deutschsprachigen Literatur die soziale Frage aufgriff und mit Marx und Heine bekannt war, berichtete in seinen Revolutionären Studien aus Paris (1849) über ein „Bankett der roten Republik“, das in der Salle Valentino 4000 Arbeiter anzog. Der Saal war mit roten und trikoloren Fahnen geschmückt, eine schwarze Standarte mahnte in roter Schrift an den Juni 1848, Bilder von Revolutionären wie Robert Blum oder Lajos Kossuth an den Wänden. Proudhon selbst war anwesend, Sprecher aller sozialistischen und kommunistischen Richtungen kamen zu Wort. Meißner solidarisierte sich mit den „Roten“ gegen „die Herrschaft, das Königtum des Kapitals (…), für die Wahrheit der Demokratie, die große und vollständige Reform der Gesellschaft.“ Le chant des ouvriers, 1846 verfasst von Pierre Dupont, den Baudelaire schätzte, erklang. Meißner übersetzte das Lied, das Motive der Internationale vorwegnimmt, ins Deutsche: „Wohin geht unsres Schweißes Flut? / Wir sind nichts andres als Maschinen!“ und bekannte: „Proletarier, euer Lied ist so schön wie das Rouget de l’Isles! Noch einmal vive la république démocratique et sociale!“

1848 blitzte mit dem Schneider Johann Christian Lüchow aus dem Bund der Kommunisten der Marxsche Proletariatsbegriff kurz auf: „Es quillt und keimt von unten auf / Wie frischgesäte Saat. / Es wächst wohl aus der Erd’ hervor / Das Proletariat.“ Auch die Kampflyrik Ferdinand Freiligraths hallte im sozialistischen Liedgut lange nach. Noch fehlte ein gemeinsames Lied der Arbeiterschaft, Arbeitervereine und ‑versammlungen wurden polizeilich unterbunden. Erst die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Ferdinand Lassalle 1863 brachte Wandel. Lassalle forderte von Georg Herwegh, dem prominentesten Vormärzdichter, das berühmt gewordene Bundeslied. Es wird heute noch oft zitiert: „Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still, /Wenn dein starker Arm es will.“  Das Bundeslied fand durch den Komponisten und Kapellmeister Hans von Bülow prominente Vertonung. Just in diesem Jahr erfolgte die Trennung Bülows von Liszts Tochter Cosima, die sich mit Richard Wagner verband.

Dem reformistischen Kurs Lassalles entsprach die Arbeiter-Marseillaise Jacob Audorfs (1864): Die „kühne Bahn, die uns geführt Lassalle“ stand für Bildung gegen den „Unverstand der Massen“, „freies Wahlrecht“, „gleiche Rechte für jedermann“ – „nicht predigen wir Haß den Reichen“. Auf dem Eisenacher Parteitag 1869 setzte sich mit August Bebel, der sich 1871 mutig zur Commune bekannt hatte, eine mit Freiligrath in der revolutionären Tradition von 1848 wurzelnde Richtung durch. Seit 1873 lautete der Refrain: „Die neue Rebellion, / Die ganze Rebellion. / Marsch, marsch! / Marsch, marsch! / Marsch, wär’s zum Tod, / Denn unsre Fahn’ ist rot.“

In Österreich nahm das Lied der Arbeit des 21-jährigen Graveurgesellen Josef Zapf, vertont von Josef Scheu, seinen Ursprung vom Gumpendorfer Arbeiterbildungsverein (Uraufführung in Zobels Bierhalle in Fünfhaus, 19. August 1868). Zwischen den noch heute gesungenen ersten und letzten Strophen beinhaltete das „Lied der hohen Braut“ eine gereimte Kulturgeschichte von „schreckensvollem Urgefild“ über „Nomadenstab“, „Bau der ersten Stadt“, „erstes Schiff“, „gedrucktes Wort“, „Bergmann“. Galilei proklamiert das Prinzip der Bewegung in der Gestaltung der Welt durch Wissenschaft und Arbeit. Die einzige einen revolutionären Akzent setzende vorletzte Strophe: „Drum hofft: Des Kapitales Joch, / Die freie Arbeit bricht es noch!“ wurde als polizeiwidrig nicht tradiert; es blieb beim undifferenzierten Ruf des 1. Mai „Die Arbeit hoch!“

Mit der österreichischen Arbeiterbewegung verbunden war der Buchbinder Johann Most aus Augsburg. Er war Mitorganisator der großen Arbeiterdemonstration vor dem Reichsrat im Dezember 1869 und wurde im Hochverratsprozess zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Auch seine wiederholten Parteinahmen für die Commune trugen ihm Verfolgung ein. 1878 emigrierte er nach London, mit seiner Zeitschrift Freiheit wurde er zum Wortführer des Anarchismus. Der Haymarket-Riot von Chicago von 1886, es ging um den Achtstundentag, in dessen Folge vier Arbeiter hingerichtet wurden, brachte auch Most in New York eine Gefängnisstrafe ein, über die er in der Schrift Die Hölle von Blackswells Island berichtete. Mosts Proletarierlied, 1870 aus der Zelle geschmuggelt, fand weite Verbreitung, mit dem Refrain „Das sind die Arbeitsmänner, das Proletariat.“ Die eingängige Melodie war die des Andreas-Hofer-Lieds Zu Mantua in Banden. Diese verwendete auch der Bremer Lehrer Heinrich Eildermann, der wegen seiner sozialistischen Gesinnung aus dem Schuldienst entlassen wurde. Damals, 1907, schrieb er das Lied der Jungen, das 1910 veröffentlicht wurde und 1922 vom sowjetischen Jugendverband Komsomol angenommen wurde. 2004 brachte das Absingen dieses Liedes Dem Morgenrot entgegen Tiroler Jungsozialisten eine Gerichtsklage seitens der Tiroler Schützen ein, die auf den Verfassungsschutz für Text und Melodie der Landeshymne pochten. Die damals noch angedrohte Gefängnisstrafe musste allerdings revidiert werden.

Eine wichtige Beziehung zur Commune stellte Pjotr Lawrow her, mit der Rabotschaja Marseljesa (Arbeiter-Marseillaise) von 1875, die zwischen Februar- und Oktoberrevolution 1917 als russische Nationalhymne fungierte. Lawrow war ein wichtiger Theoretiker des Narodničestwo – den „ins Volk gehenden“ Revolutionären wurde die Commune zum Vorbild. Obwohl Lawrow Pottiers Internationale nicht kennen konnte, sind Inhalt und Sprache vielfach parallel: „Steh auf, erhebe dich, Arbeitervolk! / Steh auf gegen den Feind, hungernder Bruder! / Vorwärts! Vorwärts! Lass den Schrei der Rache des Volkes ertönen!“

Der Auftrag der Internationale

In vielen Sprachen begleitete die Internationale die Arbeiterbewegung, in ihrem Erstarken und mit ihren Erfolgen, doch auch in ihren Niederlagen, und blieb Warnung vor Irrwegen. In der Münchener Räterepublik 1919 gab der Anarchist Erich Mühsam eine Übersetzung von geballter Kraft; der „Straßenmusikant“ Klaus der Geiger (Klaus Christian von Wrochem) hat sie eindrucksvoll begleitet.

Die beste, allerdings sehr freie Übertragung schuf der Kommunist Erich Weinert für die Internationale Brigade im Spanischen Bürgerkrieg, 1937, in der tragischen Dimension des Kampfes der stalinistischen Kommunisten gegen Anarchisten und Trotzkisten, im Brennpunkt Katalonien und Barcelona. In ihrem letzten Lebensjahr 1989 wurde die Pasionaria Dolores Ibárruri zu diesen Konflikten innerhalb der Linken interviewt. Sie stimmte, mit leiser, doch fester Stimme die Internationale an. Frans Masereels Holzschnitte verleihen Weinerts Text Dauer.

Beim 2. Internationalen Arbeiterjugendtag in Wien 1929 wurde Fritz Brügels Lied Die Arbeiter von Wien, entstanden in der Krise von 1927, erstmals gesungen. Der Text schließt einen Kompromiss mit der Liedtradition des Wandervogel: „Wir sind der Sämann, die Saat und das Feld“ – voran „du flammende, du rote Fahne“, mit der charakteristischen Konzentration und Reduktion auf das Rote Wien. Brügels Vater Ludwig war der Historiker der österreichischen Sozialdemokratie, er kam 1942 im Ghetto Theresienstadt zu Tode. Das politische Leben von Fritz Brügel, er war Direktor der Wiener Arbeiterkammer-Bibliothek, verlief zwischen Wien und Prag. Nach der Februarerhebung wurde Brügel Kommunist. Den diplomatischen Dienst mit der ČSR quittierte er 1950, er starb 1955 in London.
Die Internationale deckte am 40. Jahrestag der DDR (7. Oktober 1989) die Fehler des Regimes der SED schonungslos auf. Der Militärparade auf der Karl-Marx-Allee folgte die Feier im Palast der Republik. Bei der Internationale hielt die Kamera auf den inbrünstig singenden Erich Honecker; neben ihm erhob sich, überrascht sein Jackett zuknüpfend, Gorbatschow und imitierte Lippenbewegungen – draußen wurden die Hilferufe an Gorbi immer lauter.

Bei den bunten Maikundgebungen 2021 der Wiener Linken mit den Schauplätzen Ottakring, Oper und Sigmund-Freund-Park trugen die Demonstranten der Internationalistischen Kundgebung ein ringstraßenbreites Spruchband von KJÖ/KSV, PdA und KOMintern mit der nostalgischen Anfangszeile des Liedes Brügels: „Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt.“ Die Versammlung im Park wurde, nachdem auch die autonome Mayday-Demo dort eingetroffen war, von der Polizei mit unverhältnismäßigen Gewaltmitteln aufgelöst. Die Internationale wieder ins richtungsweisende kritische Bewusstsein gehoben zu haben, war das Verdienst der Proletenpassion der Gruppe Schmetterlinge (Text Rudolf Unger, Musik Willi Resetarits und Georg Herrnstadt) 1976, erneuert 2015. Demgegenüber erscheinen ‚originelle’ Wortmeldungen wie die Erhard Buseks, das höhnische Absingen der Internationale am 12. Juni 1994 im SPÖ-Zelt anlässlich des EU-Beitritts, entbehrlich.

Den immer noch zahlreichen Arbeitersängervereinen sollte das Liedgut aus der Kampfzeit des 19. Jahrhunderts ein öffentliches Anliegen bleiben. Pfiffig setzte der digitale Parteitag der deutschen Linken das coronabedingt getrennte, doch medial gemeinsame Singen der Internationale in Szene (27. Februar 2021).

Ernsthaft: Den Appell an die „Verdammten dieser Erde“ belebte der karibisch-französische Psychiater Frantz Fanon mit seinem Buch Les damnés de la terre (1961 in seinem Todesjahr erschienen), eine historische Abrechnung mit den Folgen von Imperialismus und Kolonialismus, vor allem am Beispiel Algerien und der auf die ‚Mutterländer’ zurückfallenden sozialpsychologischen Deformationen und Konflikte. Zuletzt 2020 verwendete JJ Amaworo Wilson im Roman Damnificados den Aufruf der Internationale als Titel seines Romans. Symbolisch ragt der Torre de David in Caracas auf, geplant als Bürokomplex einer Großbank, für den Kampf zwischen Arm und Reich in einer von Gier nach Macht und Geld beherrschten, verstörten und zerrütteten Welt. Von diesem Gegensatz handelte und handelt die Internationale. Das alte, solange Zeit verschüttete und verpönte Lied zeigt den Ausweg aus der globalen Krise der Gegenwart in der internationalen Solidarität. Der ihr zugrunde liegende erste Satz der Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation von 1864 verpflichtet weiterhin zur „Erwägung, daß die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss.“

Die traditionelle Montée au mur des fédérés zum Friedhof Père Lachaise, wo der letzte Kampf der Commune am 28. Mai 1871 endete, wurde 2021 zur eindrucksvollen Massenkundgebung der Linken in der gegenwärtigen Krise der französischen Politik. Aus der historischen Niederlage von 1871 sollte aus dem revolutionären Aufbruch der Commune Kraft gesammelt werden: „Musik, Gesang, Fahnen von allen politischen, sozialistischen, syndikalistischen, kommunistischen, anarchistischen, pazifistischen Organisationen. Überall Lächeln, Diskussion, Farben und Lärm. Wie schön – Du beau!“ – so berichtete Libération, ähnlich Humanité und Politis. Dieses freudige Bekenntnis zum Pluralismus der revolutionären und sozialistischen Tradition ist der Auftrag der Internationale. Das Lied des Neubeginns aus der Niederlage erklang an der Mauer der Föderieren und am Grab Pottiers. Hier fanden sich auch die Vertreter der französischen Logen ein – Pottier war in den USA Freimauer geworden. Wie damals geht es gegenwärtig um das große Anliegen des Kampfes gegen Nationalismus und Imperialismus, für die Zukunft des Sozialismus, um Menschenwürde und Menschenrecht.

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