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Home Feuilleton

150 Jahre Lenin – Sein Leben

22. April 2020
in Feuilleton, Geschichte, Kultur
150 Jahre Lenin – Sein Leben

Von Tobia Carfora, Mitglied der Partei der Arbeit Österreichs (PdA) und Student der Slawistik.

Der Begründer des Bolschewismus und des ersten sozialistischen Staates der Welt wurde heute vor rund 150 Jahren geboren. Wir wollen die Gelegenheit ergreifen, abseits bürgerlicher Interpretationen sein unsterbliches Werk zu ehren!

Jugend unter dem Zaren

Vladimir Il´ič Ul´janov, besser bekannt unter seinem Decknamen Lenin, wurde 1870 in der Stadt Simbirsk (Uljanowsk) an der Wolga geboren. Gleich zwei einschneidende Erlebnisse prägten den noch jungen Vladimir, beide hingen direkt mit seinem älteren Bruder Alexander zusammen. An der physikalisch-mathematischen Fakultät in Petersburg inskribiert, brachte Alexander im Sommer 1886 das Kapital von Karl Marx mit nach Hause. Für Lenin begann damit ein Studium, das sein ganzes Leben lang anhalten und dem er Leib und Seele verschreiben würde: Das Studium der Klassiker des Marxismus.

Das zweite einschneidende Erlebnis trat ein Jahr später ein. Alexander war Mitglied der terroristischen Organisation Narodnaja volja und wurde am 8. Mai 1887 wegen Teilnahme an der Vorbereitung eines Anschlags auf den Zaren hingerichtet. Der große Bruder hatte einen starken Einfluss auf Vladimir ausgeübt, auch verband sie ein inniges Gefühl geschwisterlicher Liebe. Trotz der Trauer und des Zorns aber hielt Vladimir den terroristischen Weg zur Bekämpfung des grausamen Zarenregimes für falsch. Er wollte einen anderen Weg gehen.

Die ersten Schritte als Theoretiker und Stratege

1895 gründete er den Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse mit. Aus diesem ging die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands hervor. Lenin musste sich Zeit seines Lebens im Kampf gegen verschiedene Richtungen, die in die Arbeiterbewegung einzudringen trachteten, behaupten: Volkstümler, Legale Marxisten, Ökonomisten, Otsowisten, Menschewisten, Sozialrevolutionäre und schließlich auch Trotzkisten. Zwischen legaler und illegaler Agitation wurde die bolschewistische Partei auch in diesem immer wieder akut auftretenden Richtungskampf gestärkt.

Hand in Hand musste der demokratische Kampf (Kampf gegen den Zarismus, Kampf um bürgerlich demokratische Rechte) und der sozialistische Kampf (Kampf um die Befreiung der Arbeiterkasse und Diktatur des Proletariats) geschlagen werden. Im Zarismus mussten beide Kampfformen angewendet werden – Lenin gibt in vielen Schriften konkrete Handlungsanweisungen, so beispielsweise im 1898 veröffentlichten Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten. In Was tun? wird er den konkurrierenden Fraktionen weitere harte Schläge versetzen und für die Erschaffung einer einheitlich marxistischen Zeitschrift kämpfen. Auch begründet er in diesem 1902 erschienenen Werk die Notwendigkeit der Avantgarde-Funktion der Partei, die sich direkt gegen die damals grassierende Idee der Spontaneität der Massen wendet, damit zusammenhängend auch gegen jedwede Form der Nachtrabpolitik.

I. Weltkrieg: Gegen Chauvinismus und Pazifismus

Lenins Genialität wurde auch in der verzwickten Situation des I. Weltkriegs offenkundig: Er bot die einzig gültige Antwort auf den Krieg, die jenseits von Chauvinismus (auf die Parteien der II. Internationale umgemünzt: Sozialchauvinismus) und Pazifismus war – beides Äußerungen und Erscheinungen genuin bürgerlicher Denkungsart. Weder konnte er zusehen, wie die Welt zum Massengrab gegeneinander aufgehetzter Arbeiterinnen und Arbeiter wurde, noch konnte man den Menschen vorgaukeln, die Revolution ließe sich so mir nichts dir nichts mit friedlichen Mitteln erschleichen. Pazifismus war für Lenin gleichbedeutend mit „Volksbetrug“, der „nur der Geheimdiplomatie der kriegführenden Regierungen und ihren konterrevolutionären Plänen“ zugutekomme. Außerdem sei er utopisch: „Marxismus ist nicht Pazifismus. Für die schnellste Beendigung des Krieges zu kämpfen ist notwendig. Aber nur wenn gleichzeitig zu revolutionärem Kampf aufgerufen wird, erhält die „Friedens“Forderung proletarischen Sinn.“

Die Antwort, die Lenin bot, war Krieg gegen den Krieg, oder besser: Krieg gegen die Kriegstreiber: „Es ist nicht Sache der Sozialisten dem jüngeren und kräftigeren Räuber (Deutschland) zu helfen, die älteren, sattgefressenen Räuber auszuplündern. Die Sozialisten haben den Kampf zwischen den Räubern auszunutzen, um sie allesamt zu beseitigen.“ (aus: Sozialismus und Krieg)

Während der Weltkrieg noch tobt, schreibt Lenin 1916 sein ökonomisch-politisches Hauptwerk, das auf der Lektüre und dem Studium von rund 148 Büchern basiert. Er stellt seine Imperialismus-Theorie auf, die jede Hoffnung in eine Friedensmöglichkeit im Imperialismus mit der ganzen Größe wissenschaftlicher Analyse fortwischt – ein Schlag ins Gesicht für die bürgerlichen Sozialdemokraten, die mit der Ultraimperialismus-Theorie von Kautsky zurück zu Immanuel Kant gefunden hatten. Zugleich stellte sie eine ernsthafte politische Konsequenz dar, in ihrer Logik der liebknechtschen Losung „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ gleich. Lenin bewies damit, dass der Marxismus sehr wohl schöpferisch weiterentwickelt werden konnte. Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus bleibt ein Werk, das genauester Lektüre bedarf und als allgemeingültig eingestuft werden muss – solange der Imperialismus eben fortbesteht.

Die Oktoberrevolution und ihre ruhmvolle Verteidigung

1917 schreibt Lenin an seinem politischen Magnum opus. Direkt gegen die Vulgarisierung des marxistischen Staatsverständnisses durch Karl Kautsky gerichtet, will Lenin darin alle wichtigen Erkenntnisse von Marx und Engels in Bezug auf den Staat, die Diktatur des Proletariats sowie die Voraussetzungen für das Absterben des Staates sammeln. Diese gesammelten Erkenntnisse und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen sollten als theoretische Waffe gegen den Revisionismus der II. Internationale dienen. Den Staat definiert er in äußerst klarer Übereinstimmung mit Marx und Engels: „Der Staat ist das Produkt und die Äußerung der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze. Der Staat entsteht dort, dann und insofern, wo, wann und inwiefern die Klassengegensätze objektiv nicht versöhnt werden können. Und umgekehrt: Das Bestehen des Staates beweist, daß die Klassengegensätze unversöhnlich sind.“ Woraus ersichtlich wird, warum der bürgerliche Staat unter keinen Umständen jemals zum Wohle der arbeitenden Klassen agiert hat und deshalb auch nicht reformiert werden kann. Der Staat bleibt für Lenin ein Instrument zur Klassenunterdrückung.

Lenin greift weiterhin auf Marx zurück und weist nach, woran frühere Revolutionen gescheitert sind: Diese hätten den Staatsapparat nur übernommen – es komme aber darauf an, den Staatsapparat zu zerschlagen und ihn durch die Organisation des Proletariats zu ersetzen. Eben deshalb sei die Diktatur des Proletariats vonnöten, auf die schon Marx besonderen Wert gelegt hatte. Lenin zeigt sich ungewohnt apodiktisch: „Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt.“

Lenin musste sein epochales Werk Staat und Revolution vorerst beiseite legen, der Vorabend der Oktoberrevolution verhinderte dessen geplante Beendigung. Nonchalant schreibt Lenin am 30. November 1917 im Nachwort: „Über eine solche ‚Verhinderung´ kann man sich nur freuen. […] es ist angenehmer und nützlicher, die ‚Erfahrungen der Revolution´ durchzumachen, als über sie zu schreiben.“

Mit der Oktoberrevolution verewigten sich Lenin und die Bolschewiki mit goldenen Lettern im großen Buch der Weltgeschichte. Gleichzeitig mit ihnen verband sich nun das Geschick der Welt unverbrüchlich mit dem des Proletariats. In jenen Novembertagen wurde der Grundstein für die Befreiung von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gelegt.

Die Revolution musste sogleich verteidigt werden – die soeben gewonnene Freiheit war auf Messers Schneide. Die junge Sowjetunion wurde in einen Interventionskrieg hineingezogen, der mehr Opfer forderte, als der I. Weltkrieg. Es war der erste große Glanzmoment der Roten Armee, die die 14 intervenierenden Invasorenstaaten zurückschlug. Es sollte bis 1923 dauern, ehe Frieden herrschte und die Sowjetunion unter der Führung Lenins endlich darangehen konnte, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen.

Die III. Internationale

Ein vergleichsweise weniger gewürdigtes Verdienst Lenins ist seine unermüdliche Arbeit zur Gründung einer wirklichen, für die Sache der Arbeiterklasse kämpfenden und revolutionär ausgerichteten Internationale. Der Opportunismus und Revisionismus hatten die II. Internationale bis an die Knochen zerfressen und vermodern lassen, bis nichts mehr zurückblieb als eine in der Realität tausendmal widerlegte Theorie des langsamen Hineinwachsens in den Sozialismus. Mit einer Sozialdemokratie, die die Arbeiterbewegung verraten und die Kriegskredite mitunterzeichnet hatte, wollte Lenin nichts mehr zu tun haben.

Die Spaltung war ein gewagter und tief durchlittener Schritt, der aber bitter notwendig geworden war. Sie setzte die nötige Energie frei, um in aller Welt kommunistische Parteien zu gründen. Diese mussten fest auf dem Boden des Marxismus (nach Lenins Tod würde man vom Marxismus-Leninismus sprechen) stehen und Parteien neuen Typs darstellen, als komplette Abkehr vom sozialdemokratischen Parteiverständnis, das in der Figur des am Futtertrog des Kapitals beisitzenden Parteifunktionärs sein trauriges Sinnbild fand.

„Die III. Internationale“, schrieb Lenin am 1. Mai 1919, „übernahm die Früchte der Arbeit der II. Internationale, beseitigte ihren opportunistischen, sozialchauvinistischen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Unrat und begann, die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen.“

Die organisatorische Grundlage für eine Vereinheitlichung der Theorie und Praxis kommunistischer Parteien war somit von Lenin geschaffen worden. In leninschem Geist wurde dieses Werk durch Stalin fortgesetzt.

150 Jahre Lenin

150 Jahre sind eine lange Zeit. Blickt man aber zurück und vergleicht die Situationen im Leben des großen Revolutionärs mit der heutigen Zeit, so wird ersichtlich, wie aktuell sein Denken und Handeln für jeden von uns ist. Gewiss kann man Gefallen daran finden, dieses Leben biographisch in jedem Detail nachzuverfolgen, sein Denken zu analysieren, seine tausenden produzierten Seiten minutiös zu studieren – Fakt aber ist, dass Lenin zugleich eine unmissverständliche Handlungsanweisung bedeutet.

Lenin ist es zu verdanken, dass die marxistische Theorie durch ihre Umsetzung in die Praxis aufgehoben und verwirklicht worden ist. Seit Lenin die Bühne der Welt betreten hat, weiß das arbeitende Volk, dass sein Sieg möglich und notwendig ist. Das Proletariat hat eine leise Ahnung seiner ganzen, über alles Bestehende hinausgreifenden Kraft erhalten und weiß nun um seine glorreiche Bestimmung.

Die Wahrheit von Lenins Denken besteht schlichtweg in ihrer Umsetzung: die Philosophen hatten die Welt nur verschieden interpretiert – Lenin hat sie unwiderruflich verändert. Trotz des Geiferns und Zeterns der Konterrevolution – nichts wird diese Wahrheit ungeschehen machen, nichts vermag das Vermächtnis der Bolschewiki zu trüben.

Es ist unauslöschlich und unsterblich – so wie Lenin selbst.

Quellen:

Lenin, V.I. (1960): Werke Band 21, Dietz Verlag, Berlin.
Lenin, V.I. (1974): Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin
Lenin, V.I. (1984): Werke Band 29, Dietz Verlag, Berlin.

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Schlagworte: BolschewismusEngelsInternationaleKommunismusLeninMarxOtoberrevolutionPraxisRevolutionSowjetunionSozialismusTheorie

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