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Antisemitismus in der Geschichte als ideologisches Werkzeug der Gegenwart

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck

Der aus Woloschin (Weißrussland) stammende Haim Hillel Ben-Sasson (1914–1977) lehrte seit 1949 an der Hebräischen Universität in Jerusalem und gilt als einer der einflussreichsten Historiker der jüdischen Geschichte. In dem von ihm herausgegebenen und 1978 erstmals in deutscher Sprache publizierten Standardwerk „Geschichte des jüdischen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ schreibt er in einem von ihm selbst verfassten Abschnitt, dass Benedikt Spinoza (1632–1677) „Meinungen und Formulierungen des Judenhetzers Tacitus auf seltsame Weise mit den Anschuldigungen der frühen Kirchenväter“ verbinde. Nach Meinung von Spinoza, so Ben-Sasson, „haßten die Juden alle anderen Völker. Dieser Haß sei ihnen, da sie ihn täglich in ihrem Gottesdienst aufs neue schürten, zur zweiten Natur geworden“. Und weiter: „Spinoza machte kein Hehl daraus, daß er gerade jene religiösen und sozialen Aspekte des jüdischen Lebens in mittelalterlicher und früher Zeit mißbilligte, denen das Judentum seine ungeheure Stärke verdankte“.[1] In der Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) vom 26. Mai 2016 wird festgehalten: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen“.[2] Die IHRA definiert elf „Beispiele“ für Antisemitismus, von denen sich sieben direkt auf den Staat Israel als angeblich jüdisches Kollektiv beziehen. Das offizielle Österreich, das im Mai 2021 die von frischem Palästinenserblut befleckte Israel Fahne auf dem Bundeskanzleramt hisste, hat die IHRA-Definition als moralischen Vorhang für seine durch und durch reaktionäre Politik ausgerollt (21. April 2017).[3] Es gibt in der Diskussion über die Verhältnisse in Palästina in Österreich nur noch ein „Für Israel“. Die Formulierungen der IHRA sind Ausdruck des Strebens, mit „weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen“[4] historisch jüdische Erfahrungen für den Staat Israel nutzbar zu machen. Gegen diese Legitimationsfassade richtet sich die von 200 WissenschaftlerInnen unterzeichnete „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ vom 26. März 2021 mit seiner Präambel: „Im Geiste der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, des Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung von 1969, der Erklärung des Stockholmer Internationalen Forums über den Holocaust aus dem Jahr 2000 und des Beschlusses der Vereinten Nationen zum Gedenken an den Holocaust aus dem Jahr 2005 vertreten wir die Auffassung, dass Antisemitismus einige spezifische Besonderheiten aufweist, der Kampf gegen ihn jedoch untrennbar mit dem allgemeinen Kampf gegen alle Formen rassistischer, ethnischer, kultureller, religiöser und geschlechtsspezifischer Diskriminierung verbunden ist“.[5] 

Der bedeutende römische Historiker Cornelius Tacitus (um 55 bis um 120 n. u. Z.), mit dessen beiden Hauptwerken „Historiae“ und „Annales“ Schülerinnen und Schülern an den österreichischen und deutschen Gymnasien ihren obligatorischen Lateinunterricht erhalten haben, hat die Aufgabe der Geschichtsschreibung darin gesehen, edle Persönlichkeiten mit ihren rühmlichen Taten und Lebensweisen zu überliefern, aber ebenso die Täter übler Machenschaften zu benennen, um ihnen die Schande bei den ihnen nachfolgenden Generationen deutlich werden zu lassen.[6] Im ersten Jahr nach der nationalsozialistischen Machtergreifung (30. Jänner 1933) und nach der Bücherverbrennung (10. Mai 1933) in Berlin wurde vom Philo Verlag und der Buchhandlung G. m. b. H. in Berlin das „Philo-Lexikon. Handbuch des jüdischen Wissens“ herausgegeben, das bis 1938 vier Auflagen erlebte. Redigiert ist es von Emanuel bin Gorion (1903–1987) und Hans Oppenheimer, d. i. John F. Oppenheimer (1903–1985), Alfred Loewenberg (1902–1949) und Otto Neuburger (1890–1956).[7] Der Rabbiner Leon Baeck (1873–1956) hat zum Geleit geschrieben: „Jüdisches Wissen bezeichnet zunächst Wissen vom Judentum, von seinem Gehalt und seiner Geschichte. Aber das Wort darf auch ein anderes noch bedeuten. Denn alles wahre Wissen, das einem zukommt, ist zwiefach gelenkt: durch einen Standort, denn ein bestimmter Mensch sucht es [sic!], und durch eine Erstreckung, denn es weist zum Denken der ganzen Menschheit hin. Darum gibt es innerhalb des allgemeinen Wissens ein Besonderes als jüdisches Wissen auch; es ist das Erkennen, dem ein Jude von seiner geschichtlichen Stelle aus zustrebt, und das ihm dann wieder das Eigene dieses jüdischen Platzes zeigt. Alles Wissen, nicht zum mindesten das jüdische in diesem seinem doppelten Sinn, bedarf der führenden Hilfe; denn es hat seine Welt der Sachen, sein weites Gebiet des Einzelnen. Das, was schon gewonnen worden ist, soll erreicht und aufgenommen werden. Ein sicherer Weg soll gewiesen und bereitet sein. Solchen Beistand will dieses Buch gewähren“. Über „Tacitus △“ ist zu lesen (Sp. 711): „röm. Historiker, 54 – 120; unkritischer Abriß jüd. Geschichte u. Religion findet sich in seinen >Historiae< (V, 1–13)“. Das kleine geometrische Dreieck nach dem Namen Tacitus ist im Abkürzungsverzeichnis so aufgelöst: „=Nichtjude“. Weshalb diese Klassifikation angewendet wird, ist vorerst noch offen, sie ist vielleicht das vom griechischen Großbuchstaben Delta abgeleitete mathematische Symbol der Differenz zum sechszackigen Davidstern der Juden und signalisiert die fehlende Verbindung dieser Nichtjuden zu jenem „Gott“, der die Juden „auserwählt“ (Am niwchar) hat. In diesem Philo-Lexikon wird das Kreuz auf der Weltkugel jenen genannten Personen nachgesetzt, die „jüdischer Abstammung“ sind, aber keine jüdische Mutter haben, wie z. B. Sp. 621 bei „Salvador ♁ Joseph (1796–1873)“, einem bedeutenden Historiker des Judentums, dessen Mutter Christin „(Mutter △)“ war. Die Ähnlichkeit mit dem Prinzip der „Blutreinheit“ in den Nürnberger Gesetzen (1935) ist frappant. Die Abkürzung „↑=Antisemit (-ismus, – isch)“ findet sich z. B. im Text zu „Voltaire △, François Marie Arouet, 1694–1778, führender frz. Denker, durch private Mißhelligkeiten (1750 mit dem Berliner j. Finanzmann Abraham Hirschel) ↑ gestimmt (schmähende Artikel im >Dictionaire philosophique>, 1756)“. (Sp. 759). 

Das 1967 in deutscher Sprache publizierte „Lexikon des Judentums“[8], welches „Den Opfern zum Gedächtnis, den Lebenden zur Lehre“ gewidmet ist, kennzeichnet Tacitus mit einem vorangestellten, kleinen sechsstrahligen Sternchen, welches im Verzeichnis der Abkürzungen so aufgelöst wird: „⁎ = Nichtjude (sofern sich diese Tatsache nicht klar aus dem Text ergibt)“. Der Text über Tacitus ist derselbe geblieben, es war ja derselbe Kreis, der das Philo-Lexikon in Berlin bearbeitet hat. Chefredakteur ist Hans Oppenheimer, der nach seiner Flucht über Holland (1938) nach New York den Namen John F. Oppenheimer angenommen hat, Mitherausgeber sind Emanuel Bin Gorion, der jetzt in Tel Aviv lebte, Ernst G. Lowenthal (1904–1994) in London / Frankfurt a. M. und Hanns G. Reissner (1902–1977) in New York. Alle sind der Ermordung durch die Nazis entkommen. Vieles ist erweitert und verbessert. Voltaire wird mit Sternchen wissenschaftshistorisch wahrgenommen, er „war in seiner Jugend ein Bewunderer der Bibel, wandte sich gegen Judenverfolgungen u. begrüßte die Emanzipation der holl. Juden. Seine Stellung zu seiner Zeit in Schriften u. Gegenschriften heftig diskutiert“. (Sp. 841).

In beiden Lexika wird die inspirierende Philosophie von Spinoza, der spanisch-jüdischer Herkunft und einer der Väter der materialistisch-pantheistischen Philosophie ist, wegen seiner moralisch politischen Anliegen mit großer Hochachtung beschrieben. Wegen seiner öffentlichen Ablehnung des jüdischen Ritualgesetzes ist Spinoza in Amsterdam 1656 mit dem bis heute nicht aufgehobenen Synagogenbann aus seiner jüdischen Gemeinde ausgestoßen worden. Spinoza war mit dem 1670 von ihm anonym publizierten „Theologisch-politischen Traktat“ Pionier der historischen Bibelkritik. Schön fasst das „Lexikon des Judentums“ (1967) zusammen: „Der Hauptbegriff seiner Ethik ist >Amor Dei< (die Liebe zu Gott), die wir in der Liebe zum Menschen verwirklichen sollen. – Sein Werk u. fast noch mehr die Kunde seines reinen, ganz der Wahrheit gewidmeten Lebens machten (nach langer Verlästerung) Ende des 18. Jh. tiefen Eindruck vor allem auf das freiheitl. Denken in Dtschl.“ (Sp. 766 f.). Albert Einstein (1879–1955) charakterisiert Spinoza als eine Persönlichkeit mit „heroischen Illusionen“ und der marxistische Berliner Rechtsphilosoph Hermann Klenner (*1926) hat den Politischen Traktat von Spinoza als „realistische Utopie“ herausgegeben.[9] 

Es ist mehr als eine Überinterpretation, Tacitus, der, unter Nero (37–68 n. u. Z.) geboren und Zeitgenosse von zehn Cäsaren, die Kultur der römischen Antike repräsentiert, als Ahnherrn des mörderischen Antisemitismus zu benennen. Im historischen Kontext ist Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zur Meinung gelangt, dass die römische Welt „die lebendige Individualität der Völker in sich ertötete“, für deren dogmatischen Geist seien aber gute Advokaten und die „Moral des Tacitus“ kennzeichnend.[10] Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) haben Tacitus studiert. Engels hat Tacitus für seine viele Jahre anhaltenden Studien zu den Anfängen der Geschichte Deutschlands in seinem Handapparat gehabt,[11] der junge Marx übersetzte, wie er seinem Vater nach Trier aus Berlin schreibt, dessen „Germania“.[12] Rosa Luxemburg (1871–1919) hebt in ihrer Einführung zur Nationalökonomie hervor, dass Feldherren wie Cäsar (100–44 v. u. Z.) und Historiker wie Tacitus „äußerst wertvolle Einblicke und Beschreibungen der ihnen wildfremden wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der germanischen Barbaren überliefert haben“.[13] Allen gemeinsam ist, dass sie Tacitus im Kontext der Antik gelesen haben.

Alfred Rosenberg (1892–1946), der im Nürnberger Prozess als Hauptkriegsverbrecher verurteilt wurde, hat Tacitus am Beginn der als antisemitische Referenz für die nationalsozialistische Bewegung missbraucht.[14] Deutsche Althistoriker der Gegenwart glauben betonen zu müssen, dass Tacitus „aus politischem Kalkül“ seinen Antijudaismus zum Ausdruck gebracht hat.[15] Der Petersburger Historiker Iwan M. Grews (1860–1941), dessen Tacitus Biografie auch in der DDR erschienen ist (1952)[16], schreibt von einer „schwerwiegenden Voreingenommenheit“, die sich „im Bewusstsein von Tacitus festgesetzt“ habe. Seine Antipathie gegen das jüdische Volk „war freilich nicht durch blinden Rassenantagonismus bedingt (wie er sich in späterer Zeit zum Antisemitismus auswuchs), sondern eher der Widerhall einer vorübergehenden Konstellation, eine Folge des kaum beendeten Kampfes in Judäa und der hartnäckigen Aufstände der Juden gegen Rom. Das alles verschärfte die feindselige Einstellung der Juden und Römer gegeneinander, und das blieb auch auf Tacitus nicht ohne Einfluss“.[17] 

Tacitus hat in Rom die sich dort ausbreitende jüdische Gemeinde unmittelbar mit ihrer Exklusivität beobachten können. Er erzählt vom Sabbat, vom Fasten oder vom Nichtessen von Schweinefleisch und von der Rolle des Esels im 5. Buch seiner Historien (V, 2–5)[18] und interpretiert: „Dort ist alles unheilig, was bei uns heilig ist; andererseits ist bei ihnen erlaubt, was bei uns ein Frevel ist“ (Historiae V, 4). Auch den Christen unterstellte Tacitus einen „Hass auf die Menschheit“ (Annales 15, 44, 4). Der Monotheismus von Juden findet bei Tacitus Sympathien. 

Das Gestern im Heute

Was von der Geschichte für das konkrete Leben der Menschen in der Gegenwart bleiben und als Zeugnis für die menschliche Entwicklung in den Vordergrund treten soll, hängt ganz von den Interessen der herrschenden Klasse und ihrer Eliten ab. Was bringt’s, ist deren bewährte Herangehensweise an die von der Geschichte aufgeworfenen Fragen. Die den Menschen zu vermittelnden historischen Tatsachen mit ihren Hintergründen werden darauf ausgerichtet, zu dem von der Politik pragmatisch erwünschten Wissensstand zu führen. Sehr viele Historikerinnen und Historiker mögen redlich bemüht sein, nach der Wahrheit im historischen Prozess zu forschen und darüber zu publizieren. Was dann davon zur Aufklärung oder zur Vernebelung gebraucht wird, entscheidet das Herrschaftssystem, zu dem in unserer kapitalistischen Welt die Medien in der Hand der Reichen mit ihrer die Massen vergiftenden Manipulation gehören. Es gibt keine historisch aufgeklärte Öffentlichkeit. Nach der Befreiung Österreichs vom deutschen Faschismus hat der von den Nazis verfolgte Wiener Physiker und Friedensaktivist Hans Thirring (1888–1976) in Anlehnung an Spinoza angeregt, die Weltgeschichte „sub specie aeternitatis“ zu betrachten. In den Vordergrund der Geschichte sollte das Andenken an „die schöpferischen Leistungen zum Segen der Menschheit“ treten und jener großen Pioniere naturwissenschaftlichen Denkens gedacht werden, die „zur Erlangung der geistigen Reife und zur Veredelung der Menschheit beigetragen haben“.[19] Als warnendes Beispiel dafür, was Geschichtsunterricht bei jungen Menschen anrichten kann, verweist Thirring auf Adolf Hitler (1889–1945).[20] In seinem Bestseller „Mein Kampf“ hat Hitler gleich eingangs auf den prägenden Einfluss des historischen Unterrichts und der Lektüre von Geschichtsbüchern auf die Herausbildung seiner Idee von deutscher Größe geschrieben hat.[21]

Thirring hätte die Helden des Widerstands gegen den Faschismus nennen müssen, um sein Ziel, die Jugend zur aktiven Anteilnahme am Aufbau einer neuen Gesellschaft zu erreichen. Aber von einer kämpferischen Geschichtswissenschaft, wie eine solche der aus dem Ostjudentum stammende Historiker und Oberst der Sowjetarmee Leo (Jonas Leib) Stern (1901–1982) in der Deutschen Demokratischen Republik zu verwirklichen suchte,[22] wollten die sehr gebildeten und einflussreichen, an den österreichischen Universitäten lehrenden Historiker nichts wissen. Im Lehrplan für Gymnasium, Realgymnasium und Realschule ab Schuljahr 1945/46 gehörte das österreichische Volk zu den Opfern und die Hauptlinie der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus war, das Geschehene geschehen sein zu lassen.[23] Der Völkermord an den europäischen Juden durch die deutschen Faschisten war ebenso Vergangenheit wie der Judenmord auf der Gänseweide in Wien (seit 1862 Weißgerberlände), wo auf Befehl des geldgierigen Albrecht V. (1397–1439) aus der katholisch-habsburgischen Mörderdynastie am 12. März 1421 etwa 200 jüdische Kinder, Frauen und Männer auf den Scheiterhaufen getrieben und verbrannt worden sind. Albrecht V., der seine Hussitenkriege und seine Ambitionen in Richtung römisch-deutsche Königswürde finanzieren wollte, hatte am 23. Mai 1420 die Gefangennahme der Juden im habsburgischen Herrschaftsbereich, deren Zwangstaufe und die oft mit Folter erzwungene Preisgabe von Besitztümern verordnet. Elie Wiesel (1928–2016) erlebte vor seinem Abtransport nach Auschwitz ähnliches in seiner Heimatstadt Sighet (Rumänien): „Ein Jude hatte nicht mehr das Recht, Gold, Juwelen und Wertsachen zu besitzen; alles musste bei Todesstrafe den Behörden abgeliefert werden“.[24] Das österreichische Judenpogrom von 1420/21 wird in der Literatur als Wiener „Gesera“ genannt[25] und ist ein in der Geschichte verblasster Vorgriff auf die Schoa. 

Auschwitz – Holocaust

1967 informiert das „Lexikon des Judentums“ zum Stichwort Auschwitz, polnisch Oswiecim: „größtes nat.-soz. Vernichtungslager – das berüchtigte Lager Birkenau unterstand verwaltungsmäßig ebenfalls A. -, in dem mehr als 1 Mill. europ. Juden (etwa die Hälfte hiervon in Gaskammern) ermordet wurden. A. bestand vom 14. 6. 1940 – 27. 1. 1945 (die russ. Befreier fanden 5000 Überlebende). Vernichtung erfolgte zunächst durch Aushungerung, Mißhandlung u. Injektionen. Vergasungen begannen in großem Umfang Anfang 1942 u. endeten im Oktober 1944. Opfer wurden bei Ankunft am Bahnhof ausgewählt u. je nach Körperbefund sofort vergast oder zunächst zur Zwangsarbeit (Bunawerke der I. G. Farben) abkommandiert, um später gleiches Schicksal zu erleiden. Gaskammern waren u. a. von I. A. Topf u. Söhne (Erfurt) erbaut, Zyklon B (ein I. G. Farben Patent) wurde von Tesch u. Stabenow (Hamburg) u. Degesch (Dessau) geliefert. Rudolf Franz *Höß, einer der Lagerkommandanten (im März 1947 in A. als Kriegsverbrecher gehängt) hat über die dortigen Vorgänge kaltblütig in den Nürnberger Prozessen ausgesagt. s. auch Konzentrationslager. – Literar. Niederschlag fand A. u. a. in R. *Hochhuths[26] Drama „Der Stellvertreter“ 1963 u. in Peter Weiss‘[27] Oratorium „Die Ermittlung“ 1965. B. Naumann „A.“ 1966[28]. (Sp. 61 f.).

Einen Artikel „Holocaust“ gibt es im „Lexikon des Judentums“ nicht, wohl aber einen Artikel „Schoah [„Vernichtung“, zum Ausdruck vgl. Jes. 10, 3][29], neuhebr. Bez. für das Nationalunglück der Judenverfolgung u. ‑vernichtung durch den Nat.-Soz. im 2. Weltkrieg. Jährl. s. Opfergedenktag (Jom ha-Schoah); unterirdische Gedächtnishalle (Martef ha-Schoah) im „Jad Wa-Schem“ Museum in Jerusalem; an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan bes. Lehrstuhl für die Geschichte der S.“. (Sp. 705). Die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel bezeichnet mit „Holocaust“ das im Tempel vollständig zu verbrennende Opfertier.[30] Im deutschen Sprachraum blieb der Begriff mit dem jüdischen und frühchristlichen Brauchtum verbunden. Das war dem deutschen Kulturraum angepasst, weil dessen Vergangenheit insgesamt “religiös“ ist. Im englischen Sprachraum erweiterte sich der Begriff von Feueropfer zu den von Menschen verursachten Katastrophen bis hin zum „nuclear holocaust“ in den 50er Jahren. Der 1948 gegründeten Staat Israel spricht in seiner Unabhängigkeitserklärung von den „survivors of the Nazi holocaust in Europe“ und verwendet nach dem Prozess (1961) gegen Adolf Eichmann (1906–1962) den Begriff „Holocaust“ für die von den deutschen Faschisten seit der Konferenz in Berlin-Wannsee (20. Jänner 1942) bewusst betriebene „Endlösung der Judenfrage“ mit ihren ca. sechs Millionen ermordeten Juden. In der Bundesrepublik Deutschland, wo der Judenverfolger Hans Globke (1898–1973) höchstes Ansehen genoss, und in Österreich wurde bis Ende der 1970er Jahre nicht vom „Holocaust“ gesprochen. „Auschwitz“ und die anderen Vernichtungslager blieben museale Gedenkstätten einer Ausnahmezeit, die als überwunden gilt. Durch eine US-amerikanische, im deutschen und österreichischen Fernsehen ausgestrahlte Serie über das der jüdischen Familie Weiss zugefügte Schicksal wurde das Wort „Holocaust“ in breiten Schichten bekannt und mit der erbarmungslosen Austilgung der Juden als „Rasse“ durch den deutschen Faschismus verknüpft. Dass Polen allein über 5 Millionen und die Sowjetunion über 14 Millionen zivile Opfer durch die deutschen Mordtruppen zu beklagen hatte, bleibt aus dem deutschsprachigen Historikerdiskurs weitgehend ausgeklammert. Das gilt auch für den heldenhaften Widerstand, den Juden als Partisanen in der Ukraine oder beim Aufstand des Warschauer Ghettos (1943) geleistet haben. Wenn von „Holocaust“ gesprochen wird, dürfen die grauenhaften Kriege nach 1945 nicht vergessen werden bis herauf zur Gegenwart. Millionen von Tonnen Chemikalien sprühten die USA auf Vietnam, an diesem „Holocaust“ hat Vietnam heute noch zu leiden. 

Der deutsche Historiker Wolfgang Reinhard (*1937) hat in seinem viel diskutierten Artikel „Vergessen, verdrängen oder vergegenwärtigen?“ gemeint, die allein auf die Vernichtung der Juden ausgerichtete Holocaust-Gedächtniskultur sei zu „entemotionalisieren“. Er stellt fest, dass ein solches geschichtliches Erbe nicht singulär ist,[31] was zu einer lebhaften Polemik in Deutschland Anlass gegeben hat.[32] Die deutschen Konzerneigentümern, die den Weg zu Auschwitz geöffnet und mitzuverantworten haben, werden nicht angesprochen.

Der lateinamerikanische Befreiungstheologe Jon Sobrino SJ (*1938) schreibt 2008: „Auschwitz war die Schande der Menschheit seit dem Mittelalter. Zentralamerika, Bosnien, Osttimor, die Region um die großen Seen in Afrika, der Hungertod und jetzt die Ausgrenzung von mehreren zehn Millionen Menschen sind die Schande der Menschheit in unseren Tagen“.[33] Sobrino SJ nimmt für die Opfer der Gegenwart Partei. Das tut auch Papst Franziskus (*1936), der 2014 Yad Vashem und 2016 Auschwitz besucht und betont hat, dass die Erinnerung an Holocaust wichtig ist, es sei nötig, „sich an die Vernichtung von Millionen Juden und Menschen unterschiedlicher Nationalität und religiöser Überzeugungen zu erinnern“.[34] Immer wieder erinnert Papst Franziskus an das menschliche Elend, das die Armen der Welt wegen der Barbarei der Reichen in der Gegenwart erleiden müssen. Zu den Armen der Welt gehören die von Israel unterdrückten, verfolgten und mit gezielten Mordaktionen vertriebenen Palästinenser. Der seit 1936 an der Hebräischen Universität lehrende Zionist Jeschajahu Leibowitz (1903–1994) hat am Tag nach dem Sechstagekrieg (5. Juni 1967-10. Juni 1967) geklagt: „Der historische Tag war der siebte Tag, an dem wir zu entscheiden hatten, was uns dieser Krieg bedeutete. Ein Eroberungskrieg oder ein Verteidigungskrieg? Wir waren plötzlich in Besitz des ganzen Landes, und da entschieden wir: Es war ein Eroberungskrieg. Das hieß, dem palästinensischen Volk das Recht und die Möglichkeit auf nationale Selbständigkeit zu rauben“.[35] 

Amnesty International hat am 1. Februar d. J. in seinem 182 Seiten umfassenden Bericht festgestellt: „Die israelischen Behörden müssen für das Verbrechen der Apartheid gegen die Palästinenser zur Rechenschaft gezogen werden“. Der Bericht von Amnesty wird von Deutschland und Österreich im Einvernehmen mit Israel scharf abgelehnt.[36] Dass Israel tatsächlich ein Apartheidstaat ist, stellen trotz aller Denunziationen NGOs wie Human Rights Watsch in den USA und B’Tselem (The Israeli Information Center for Human Rights in the Occupied Territories) fest, auch die beiden UN-Sonderberichterstatter John Dugard (*1936) aus Südafrika und Richard A. Falk (*1930) aus den USA haben Israel wegen seiner Menschenrechtsverletzung verurteilt. Für 2020 hat B’Tselem die Tötung von 27 unbewaffneten palästinensischen Menschen, darunter sieben Jugendlichen, durch israelische Schützen beklagt.[37] Am 29. Juni 2021 begann unter dem Schutz israelischer Einsatzkräfte die Räumung von Al Bustan /Silwan im besetzten Jerusalem für die propagandistische Errichtung eines „Bibelparks“.[38] Seit Beginn dieses Jahres wurden von Israel erneut Beduinenweiler dem Erdboden gleichgemacht.[39] Der US-amerikanische Wissenschaftler Noam Chomsky (*1928) bezeichnet es als Ziel von Israel, Menschen zu töten, die verdächtigt werden, Israel zu schaden.[40] Die US-Amerikanerin Judith Butler (*1956) analysiert: „Die Diskriminierung der Palästinenser innerhalb des Staates [Israel] ist strukturell verknüpft mit der Vertreibung aus ihren Häusern, und zwar nicht nur als einmaliges Ereignis im Jahr 1948, sondern als kontinuierlicher Prozess, ermöglicht durch einen komplexen gesetzlichen Apparat, mit dem Legitimität der Enteignung und Vertreibung bis heute aufrechterhalten wird. Die Bewegung, die uns dazu aufruft, Boykotte einzuhalten, Desinvestitionsstrategien zu verfolgen[41] und für Sanktionen gegen diesen Staat einzutreten, fußt auf einer Gegnerschaft sowohl gegen staatlichen Rassismus als auch gegen ausgedehnte koloniale Herrschaft.“[42] 

Israel, das mit deutschen U‑Booten sein atomares Waffenarsenal ausbaut und mit seiner Überwachungssoftware Pegasus weltweit antikapitalistische Opposition überprüfen lässt,[43] betreibt eine rassistisch motivierte Säuberung, deren Opfer das palästinensische Volk ist. Israel zieht keine Lehren aus der Geschichte der Verfolgungen der Juden, vielmehr reagieren seine Eliten mit ihren Verbündeten auf die innerstaatlichen und globalen politischen und sozialen Gegensätze mit rücksichtsloser und unmenschlicher Reaktion. 


[1] Geschichte des jüdischen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Unter Mitwirkung von Haim Hillel Ben-Sasson, Shmuel Ettinger, Abraham Malamat, Hayim Tadmor, Menachem Stern, Shmuel Safrai hg. von Haim Hillel Ben-Sasson. Mit einem Nachwort von Michael Brenner. Verlag C. H. Beck. München 6. A. des Gesamtwerks. 2018. Dort Ben-Sasson: Die sozialen Ideale des Judentums im ausgehenden Mittelalter, S. 471–883, hier S. 880 f. 

[2] Arbeitsdefinition von Antisemitismus | Drupal (holocaustremembrance​.com)

[3] Was ist Antisemitismus? Österreich nimmt IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus an—ERINNERN: NATIONALSOZIALISMUS UND HOLOCAUST

[4] MEW 8 (1973), S. 115.

[5] JDA-deutsch-final.ok_.pdf (jerusalemdeclaration​.org)

[6] Tacitus, Annales 3, 61, 1.

[7] Philo-Lexikon. Handbuch des jüdischen Wissens. Philo Verlag G. M. B. H. Berlin, hier zitiert nach der 2. Auflage Berlin 1935, S. VIII. 

[8] C. Bertelsmann Verlag Gütersloh. Chefredakteur John F. Oppenheimer, New York. Mitherausgeber Emanuel Bin Gorion, Tel Aviv / E. G. Lowenthal, London / Frankfurt a. M. / Hanns G. Reissner, New York.

[9] Baruch Spinoza: Politischer Traktat. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1988.

[10] Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Zweiter Band. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1971, S. 283. 

[11] Z. B. „Zur Urgeschichte der Deutschen“. MEW 19 (1973), S. 425–473.

[12] Brief vom 10. November 1837, MEW Ergänzungsband Erster Teil. Berlin 1981, S. 3–2, hier S. 8.

[13] Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke. Band 5. Ökonomische Schriften. Dietz Verlag Berlin 1975, S. 524–778, hier S. 605.

[14] Alfred Rosenberg: Kampf um die Macht. Aufsätze von 1921 ‑1932. Hg. von Thilo von Trotha. 3. A. Zentralverlag der NSDAP, München 1938, S. 58–75 (Antisemitismus), hier S. 59.

[15] Hartmut Leppin: Tacitus und der antike Antijudaismus. Jüdisches Europa. Dezember / Januar / Februar 2022, S. 13 f.,

[16] Iwan Michailowitsch Grews: Tacitus. Koehler & Amelang Leipzig 1952.

[17] Grews, S. 156.

[18] Vgl. Gabriele Gierlich: Der Judenexkurs des Tacitus – Ein antikes Zeugnis für die Kenntnisse über das Judentum (christen​-und​-juden​.de)

[19] Hans Thirring: Die Kunst des menschlichen Zusammenlebens. UNESO-Christentenreihe. Wilhelm Frick-Verlag 1953, S. 112 f.; vgl. Gabriele Kerber – Ulrike Smola – Brigitte Zimmel: Hans Thirring – ein Homo Sapiens. Zitate, Bilder und Dokumente anläßlich der 101. Wiederkehr seines Geburtstages. Fassbaender Wien 1989.

[20] Hans Thirring: Anti-Nietzsche. Anti-Spengler. Gesammelte Aufsätze und Reden zur demokratischen Erziehung. Verlag der Ringbuchhandlung A. Sexl – Wien 1947, S. 92 f.

[21] Adolf Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe. Erster Band: Eine Abrechnung. Zweiter Band: Die nationalsozialistische Bewegung. Hier 434.–443. Auflage Zentralverlag der NSDSAP München 1939, S. 12.

[22] Vgl. Gerhard Oberkofler / Manfred Stern: Leo (Jonas Leib) Stern. Ein Leben für Solidarität, Freiheit und Frieden. StudienVerlag Innsbruck / Wien / Bozen 2019.

[23] Vgl. Heinz P. Wassermann: Verfälschte Geschichte im Unterricht. Nationalsozialismus und Österreich nach 1945. StudienVerlag Innsbruck u. a 2004, S. 42 f.

[24] Elie Wiesel: Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis. Aus dem Französischen von Curt Meyer-Clason. Mit einer Vorrede von François Mauriac. Herder Verlag Freiburg / Basel / Wien 5. A. 2013, S. 25

[25] Vgl. Petr Elbel – Wolfram Ziegler: Am schwarczen sunt ag mardert man dieselben juden, all die zaigten vill guets an under der erden … Die Wiener Gesera: eine Neubetrachtung. In: Helmut Teufel, Pavecl Kocman und Milan Řepa (Herausgeber), „Avigdor, Benesch, Gitl“. Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien im Mittelalter. Samuel Steinherz zum Gedenken (1857 Güssing – 1942 Theresienstadt). Klartext Verlag Brünn – Prag – Essen 2016, S. 201–267.

[26] Ralf Hochhuth (1931–2020).

[27] Peter Weiss (1916–1982).

[28] Bernd Naumann (1922–1971): Auschwitz. Bericht über die Strafsache gegen Mulka und andere vor dem Schwurgericht Frankfurt. Athenäum Verlag, Frankfurt a. M./Bonn 1965, englische Ausgabe 1966.

[29] Jesaja 10, 3: Was wollt ihr tun, wenn die Strafe naht, / wenn das Unwetter von fern heraufzieht? Zum wem wollt ihr flüchten, um Hilfe zu finden, / wo euren Reichtum verstecken?

[30] Artikel Holocaust in: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig hg. von Dan Diener. Band 3. Verlag J. B. Metzler Stuttgart / Weimar 2012, S. 94–99 (

[31] FAZ vom 14. Jänner 2022; vgl. Hans Joas (Hg.): Die Anthropologie von Macht und Glauben. Das Werk Wolfgang Reinhards in der Diskussion. Wallstein Verlag Göttingen 2008.

[32] Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust. Saul Friedlänger / Norbert Frei / Sybille Steinbacher / Dan Diner und Jürgen Habermas: C. H. Beck München 2022.

[33] Jon Sobrino: Der Glaube an Jesus Christus. Grünewald Verlag Ostfildern 2008, S. 33.

[34] Papst traf Holocaust-Überlebende Edith Bruck – Vatican News

[35] Gott und die Welt – Israel und Palästina (hagalil​.com)

[36] Vgl. Norman Paech: Kritik bleibt folgenlos. Von einem Apartheidstaat Israel soll nicht die Rede sein. Zur Ohnmacht des liberalen Zionismus. jungewelt vom 24. Februar 2022.

[37] www​.btselem​.org

[38] Rundschreiben von Pater Karl Helmreich aus Melk vom 9. Juli 2021, Herzlichen Dank nicht nur dafür!

[39] Israel’s apartheid against Palestinians: a cruel system of domination and a crime against humanity – Amnesty International; Home – EN – Stop The Wall; European Coordination of Committees and Associations for Palestine – (eccpalestine​.org)

[40] Noam Chomsky im Gespräch mit Emran Feroz. Kampf oder Untergang. Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen. Westend Verlag Frankfurt / Main 2018, S. 132. 

[41] Vgl. www​.bds​-info​.ch; auch www​.palaestina​-info​.ch

[42] Judith Butler: Antisemitismus und Rassismus: Für eine Allianz der sozialen Gerechtigkeit. In: Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte. Hg. von Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Nata Sznaider. Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M., Zweite, erweiterte und überarbeitete A. 2019, S. 73–91, hier S. 79 f.

[43] Vgl. Hanspeter Gysin: Das heimtückische Pferd. Palästina-Info Winter 2021/22, S. 16.

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