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„Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet“

Das Jüdische Museum in Wien als Rothschild-Memorial

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck

Herkunft und Aufstieg der Rothschilds

Die Genialität des Agierens von Angehörigen der berühmten Privatbankiersdynastie Rothschild in der freien Wirtschaft, die, wie das Papst Franziskus (*1936) öfters beklagt, Massenarmut, Hunger, erdrückende Ausgrenzung, Flucht und Tötung als Kollateralschaden bewusst in Kauf nimmt,[1] ist unbestritten.[2] Das Jüdische Museum in Wien vermittelt in seiner von einer wissenschaftlichen Buchpublikation begleiteten Ausstellung (Dezember 2021 bis Juni 2022), dass die Geschichte der Rothschilds mit ihrem Privateigentum sich wie ein „Krimi“ lese.[3] Lässt sich aber ein Narrativ, dem das Anhäufen von enormen Reichtum durch eine jüdischen Familie zugrunde liegt, wie ein unterhaltsamer „Krimi“ lesen? Eine „gangsterhistorie“, in der Bank und Zeitung die Fundamente der Macht sind, hat Bertolt Brecht (1898–1956) als Theaterstück geschrieben.

Das Stammhaus der Rothschilds „Zum roten Schild“ wurde 1567 in Frankfurt erbaut, Mayer Amschel Rothschild (1743–1812) gründete 1760 das Frankfurter Bankhaus, seine fünf Söhne („Die Fünf Frankfurter“) erweiterten das Unternehmen, das sich aufgliederte und seine Geschäftspolitik in seinen Residenzen an den Nationen in London (1809), Paris (1810), Wien (1821) und Neapel (1821) orientierte. „Niemand weiß, wie die Geburt des fünften Kindes verläuft in einem kleinen Zimmer zwischen Geruch, Gerümpel, Schweiß und Stille. Der Name, der ihm gegeben wird – denn er heißt nicht Hiob, das ist zu verstehen -, der Name ist gleichgültig, die Armseligkeit, die schon dieses Kind zwingt, sich mit einem Fetzen Tuch zu begnügen, in den es eingeschlagen wird, die Armut wird ihm zuletzt wie vielen andern allein den Namen Hiob lassen, der ächzt und knarrt wie vom Wind geschüttelt“. Diese „Stimme aus dem Leunawerk“ von Walter Bauer (1904–1976) blieb den Rothschilds generationsübergreifend fremd.[4] 

Der deutsche Dichter Heinrich Heine (1797–1856) war ein Vertreter der revolutionären Demokratie und mit dem erheblich jüngeren Karl Marx (1818–1883), der seinen Wunsch Dichter zu werden hinter sich gelassen hat und auf dem Weg zum wissenschaftlichen Kommunismus war, befreundet. Beiden ist der Name Rothschild, die sich nach 1793 wegen des enormen Kapitalbedarfs der napoleonischen Kriegszeit unter den europäischen Großfinanziers etabliert haben, immer wieder begegnet und sie unterscheiden sich in ihrer Einschätzung von der mit diesem Namen verknüpften Funktion nicht wesentlich. Heinrich Heine kannte mit Jakob (James) Mayer von Rothschild (1792–1868) einen aus der Familie Rothschild in Paris persönlich und beschreibt in Paris 1841 (31. März) mit dem ihm eigenen Spott die Realität von Geschäft und politischer Repräsentanz:

„Herr von Rothschild ist in der That der beste politische Thermometer; ich will nicht sagen Wetterfrosch, weil das Wort nicht hinlänglich respektvoll klänge. Und man muß doch Respekt vor diesem Manne haben, sey es auch nur wegen des Respektes, den er den meisten Leuten einflößt. Ich besuche ihn am liebsten in den Büreaux seines Comptoirs, wo ich als Philosoph beobachten kann, wie sich das Volk, und nicht bloß das Volk Gottes, sondern auch alle andren Völker vor ihm beugen und bücken. Das ist ein Krümmen und Winden des Rückgrads, wie es selbst den besten Akrobaten schwer fiele. […] Jenes Privatkabinet ist in der That ein merkwürdiger Ort, welcher erhabene Gedanken und Gefühle erregt, wie der Anblick des Weltmeers oder des gestirnten Himmels: wir sehen hier, wie klein der Mensch und wie groß Gott ist! Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit, und Rothschild ist sein Prophet. […] Das Comptoir des Herrn von Rotschild ist sehr weitläufig, ein Labyrinth von Sälen, eine Kaserne des Reichthums; das Zimmer, wo der Baron von Morgen bis Abend arbeitet – er hat ja nichts anderes zu thun als zu arbeiten – ist jüngst sehr verschönt worden. Auf dem Kamin steht jetzt die Marmorbüste der Kaisers Franz von Oesterreich[5], mit welchem das Haus Rothschild die meisten Geschäfte gemacht hat. Der Herr Baron will überhaupt aus Pietät die Büsten von allen europäischen Fürsten anfertigen lassen, die durch sein Haus ihre Anleihen gemacht, und diese Sammlung von Marmorbüsten wird eine Walhalla bilden, die weit großartiger seyn dürfte, als die Regensburger“.[6] Geschäftsführende Repräsentanten der europäischen Fürstenherrschaft wie den in Komplizenschaft den Rothschilds verbundene Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich (1773–1859) dachte Heine mit. Besucht hat Heine den Pariser Rothschild in dessen Palais, das ihm den Eindruck gemacht hat, es sei „das Versailles der absoluten Geldherrschaft“.[7]

Für Friedrich Engels (1820–1895) sind 1846 die Pariser Großbankiers mit Rothschild die wirklichen Minister und Beherrscher der Regierung.[8] Die blutige Niederschlagung der Wiener Volkserhebung im Oktober 1848 durch die k. u. k. Truppen und das Wüten der Standgerichte begrüßten die Rothschilds ausdrücklich. Anselm von Rothschild bejubelt die Hinrichtung des Frankfurter Abgeordneten Robert Blum (1807- 9. November 1848): „Er hat nun seinen Lohn. Ein Erzschuft weniger in der Welt“.[9]

Marx qualifiziert 1853 den Chef des Bankhauses in London Lionel Nathan Baron de Rothschild (1808–1879) als „einen jüdischen Wucherer“, „der notorisch einer der Komplizen des bonapartistischen Staatstreichs war“.[10] Sowohl Engels wie Marx argumentieren nicht ad hominem, sondern der Name Rothschild steht ihnen für die Funktion der Finanzaristokratie. 1850 schreibt Marx: „Indem die Finanzaristokratie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete, über sämtliche organisierte öffentliche Gewalten verfügte, die öffentliche Meinung durch die Tatsachen und durch die Presse beherrschte […], brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum naturgemäß seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux wird, wo Geld, Schmutz und Blut zusammenfließen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft“.[11] Der Berliner Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski (1904–1997) analysiert in seinem Werk „Zur Frühgeschichte des deutschen Monopolkapitals und des staatsmonopolistischen Kapitalismus“ die mit dem wachsenden Unternehmergeschäft anstehenden Adaptionen der Rothschildgruppe.[12] 1913 sind die Reichsten in Deutschland die Monopolisten Bertha Krupp von Bohlen (1886–1957) als Tochter und Nachfolgerin von Friedrich Krupp (1854–1902), der Großgrundbesitzer und Kohlen-Eisen- und Stahlmonopolist Fürst Guido Henckel von Donnersmarck (1830–1916) und der Bankmonopolist Freiherr Maximilian von Goldschmidt-Rothschild (1843–1940).[13] Die zum Krieg hintreibenden Kräfte in Deutschland konzentrierten sich in den Händen des Reichtums.

Österreichische Couleur

Dass Juden im Bankwesen des katholischen Habsburgerreiches in der ersten Reihe standen, ist auf das bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts geltende „kanonische Zinsverbot“ zurückzuführen. Von diesem waren die Juden ausgenommen. In Wien hat der Rabbinersohn Bernhard Freiherr von Eskeles (1753–1839) 1773 die Bank Arnstein & Eskeles gegründet, war Mitbegründer und Direktor der Österreichischen Nationalbank und als solcher Berater der habsburgischen Räuberdynastie. Die Rothschilds waren tüchtig und überlebten viele Banken. Der ungarische, in Österreich wenig bekannte, von französischen Poeten wie Charles Baudelaire (1821–1867) inspirierte Literat Endre Ady (1877–1919) hat am 1. Oktober 1907 im Budapester Tagebuch die Glosse „Wie die Rothschilds lumpen“ veröffentlicht:

„Die Wiener Rothschilds besitzen angeblich ein Vermögen von 12 Milliarden. Nach unseren ungarischen Maßstäben müssen so reiche Menschen reichlich lumpen. Aber die Rothschilds sitzen nicht in Kaffeehäusern herum, lassen sich auch nicht musizieren. Sie spielen keine Karten und auch die Liebe hat aus einem Rothschild noch keinen Verschwender gemacht. Wie aber vergnügen sich die Rothschilds? Dem Bericht einer tief konservativen, klerikalen ungarischen Zeitung zufolge, unterstützen sie aus den Zinsen ihres riesigen Vermögens die Sozialdemokraten. Entweder ist die Zeitung naiv, wenn sie so etwas behauptet, oder diese Rothschilds sind wirklich die größten Lumpen von Europa. Man kann auf viele Art und Weise Unsinn treiben, aber zu so etwas wären selbst die leichtsinnigsten Lumpen nicht fähig – wie diese Rothschilds.“[14]

In der Nachfolge von Nathaniel Mayer Anselm Freiherr von Rothschild (1836–1905) nahm die Interessen des Rothschild-Bankhauses für die Habsburgermonarchie Louis Nathaniel Rothschild (1882–1955) wahr, wobei seine Tätigkeit als Herrenhausmitglied oder Generalrat der Nationalbank mit seinen Privatinteressen als kompatibel galt. Irgendein Austausch mit dem Wiener Völkerrechtler und katholischen Friedensaktivisten Heinrich Lammasch (1853–1920), der Herrenhausmitglied war, ist nicht überliefert, auch hat kein Rothschild an der im Dezember 1910 von „ganz“ Wien für Lammasch veranstalteten Festfeier aus Anlass seiner Rückkehr als Vorsitzender des Haager Internationalen Schiedsgerichts nach Wien teilgenommen.[15] Aber für wen haltet ihr mich, fragt sich der Jude Rothschild?

In der Theresianumgasse 16–18 (4. Bezirk, Wieden/Rothschildviertel) wurde zwischen 1871 und 1884 im Auftrag von Nathaniel Mayer Anselm Freiherr von Rothschild ein Palais im Stil der Neorenaissance gebaut. Der Katalog will Bewunderung wecken, wenn er über die Innenausstattung der Räume schreibt: „brokatverhangene Wände, monumentale Spiegel, viel vergoldetes und versilbertes Dekor, schweres Mobilar, reich verzierte Holtäfelung und Steinverkleidungen, an den Wänden neben teuren Gobelins dicht gehängt die Werke holländischer und französischer Meister des 17. und 18. Jahrhunderts“.[16] Zu beschreiben, wie die Arbeiter der Rothschild-Werke in Witkowitz im Vergleich dazu gelebt haben, wird die Ausstellungsleitung nicht für passend gehalten haben.

Zu Anfang der 1880er Jahre ließ sich Albert Salomon Anselm Freiherr von Rothschild (1844–1911) eine Wiener Residenz in der Prinz-Eugen-Straße 20–22 und 26 (4. Gemeindebezirk) errichten. Diese glich einem im Stil der vorrevolutionären Periode des Ludwig XV. (1710–1774) erbauten Pariser „Renaissance-Hôtel entre cour et jardin“[17]. Das kann als eine politische Manifestation verstanden werden, denn Ludwig XV. hat dem Parlament 1766 vermittelt: „Die öffentliche Ordnung geht samt und sonders von Mir allein aus; die Rechte und Interessen der Nation sind notwendigerweise mit den Meinigen vereint und ruhen nur in Meinen Händen“.[18] Die noble Kunstsammlung der Rothschilds gehörte zum Ambiente dieses mit Deckengemälden ausgeschmückten Palastes. Der Kunstsinn war, wie sollte es anders sein, von den Finanzen reguliert, was der Tradition des Kunsthandels seit dem Mittelalter entspricht.

Dass die philanthropische Vorzeigewerke der Familie Rothschild wie die Rothschild’sche Stiftung für Nervenkranke in Wien (1907) oder die Orchideenzucht in den Glashäusern auf der Hohen Warte („Zaubergärten“) einen zentralen Platz in der Ausstellung einnehmen, ist richtig, weil diese in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder Präsenz erhalten. Dem 1905 im 20. Wiener Gemeindebezirk eröffneten sechsstöckigen Männerheim, welches für viele verarmte Wiener Juden Anlaufstelle war, gaben die Rothschilds erhebliche Zuschüsse. Adolf Hitler (1889–1945) kannte dieses Männerheim.[19] Philanthropische Institutionen sind allerdings moralisierende Einzelaktionen und geben keine Hoffnung auf die so notwendige Veränderung der Welt. Irgendein Engagement von Rothschilds gegen Aufrüstung und Krieg und für den Frieden ist nicht erkennbar, ihre Neutralität ist Parteinahme für die aggressiven imperialistischen Kräfte.

Antisemitismus in der Republik Österreich

Die von den Rothschilds und dem Finanzkapital ausgehaltene „Neue Freie Presse“ vertrat in ihren Feuilletons schöne Dinge, in ihrem politischen Teil vertrat sie, wie , so erinnert sich der aus Wien vertriebene und 1945 zurückgekehrte Albert Fuchs (1905–1946) erinnert, „energisch die Interessen der Schichten, aus denen sich ihre Abonnenten rekrutierten: der Finanz, Industrie, Kaufmannschaft und der gutsituierten Intelligenz“.[20] Die „Ausbeutung“ bleibt im Sinne der im Katalog zitierten Hannah Arendt (1906–1975), die von Klassenkampf nichts wissen will, ein der menschlichen Natur angemessenes Phänomen.[21] Gegen das Wolfsgesetz des Raubkapitalismus ‚für den auch die bürgerliche Demokratie ein Hemmnis ist, mobilisierte die junge Kommunistische Partei Österreichs, wobei sie diesem mit dem in Wien bekannten „Rothschild“ Namen und Adresse gab. Das tat auch die „Arbeiter-Zeitung“ der österreichischen Sozialdemokratie. Die Inflation der Nachkriegszeit, die Weltwirtschaftskrise ab 1929 mit dem Desaster der von Anselm Salomon von Rothschild (1803–1874) 1855 gegründeten Credit-Anstalt (1931) betraf vor allem die Arbeiterklasse und die kleinbürgerlichen Schichten. Arbeitslosigkeit und Hungersnot in Wien verschärften sich massiv. Die Rothschilds gehörten mit dem Bürgertum in den Krisenjahren der 1920er und 1930er Jahre jedenfalls nicht zu den Verlierern. Die Ausstellung zeigt zwei Plakate der Wiener Kommunisten, die den in Wien bekannten Rothschild in direkten Zusammenhang mit den Problemen der Arbeiterklasse („Schlagt die Parteien der Rothschildfront!“ „Hunger – Rothschild-Sanierung“) brachten (1932). War das Antisemitismus? Die Wiener Textilarbeiterin Anna Strömer (1890–1966), die als junge Frau Mitglied der Zimmerwalder Linken war und nach ihrer Rückkehr aus der Emigration in London das Frauensekretariat der KPÖ leitete, stellte 1925 fest, dass es im Klassenkampf keine „Rassenunterschiede“ gibt: „Ob die Arbeiter von einem Kapitalisten mit krummer Nase und platten Füßen ausgebeutet werden oder von einem blauäugigen, blond gelockten Arier: das ist gehupft wie gesprungen. Beide sind Ausbeuter und beide müssen bekämpft werden. Aber nicht, weil sie beschnitten oder unbeschnitten, haken- oder stumpfnäsig, schwarzhaarig oder blond, ungetauft oder getauft, o- oder x‑beinig sind, sondern weil sie sich auf Kosten der arbeitenden Klasse bereichern, sie ausbeuten“. Am Schluss ihres Artikels appelliert Strömer an die Wiener Arbeiterinnen und Arbeiter: „Denkt daran, daß die völkischen und christlichen Organisationen dieser Judenhetzer unter anderem auch von dem Juden Rothschild, einen der größten Ausbeuter Geld erbetteln, und ermeßt daran die Echtheit ihres Kampfes gegen das ‚jüdische Kapital‘. Diesen Schwindlern […] ist die Parole der Kommunisten entgegenzustellen: ‚Weg mit allen jüdischen und christlichen Ausbeutern, aber auch weg mit allen christlichen und arischen Beschützern der jüdischen und christlichen Geldsäcke!‘“.[22] Ernst Fischer (1899–1972) erinnert sich an Louis Rothschild als einen der Geldgeber der faschistischen Heimwehr.[23]

Das jüdische Museum verfälscht die Geschichte, wenn es zu diesen beiden kommunistischen Plakaten ohne weitere Erklärung ein antisemitisches Plakat der Wiener Nazipartei NSDAP (1931, „Hunderte Millionen für die Rotschild-Sanierung“) dazustellt.[24] So wird der Antikapitalismus der Kommunisten dem mörderischen Antisemitismus der Nazis gleichgestellt!

Im „neuen“ Österreich nach 1945

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht und der Okkupation Österreichs durch das Deutsche Reich verloren die Rothschilds ihr ganzes österreichisches Privateigentum.[25] Louis Nathaniel Rothschild konnte sich nach seiner Inhaftierung freikaufen, andere Rothschilds waren schon vor dem Einmarsch geflüchtet. Das Rothschildpalais in der Theresianumgasse wurde durch alliierte Bombenangriffe im November 1944 erheblich zerstört, jenes in der Prinz Eugen Straße blieb trotz einiger Granattreffer zu Kriegsende weitgehend gut erhalten. Von einer initiativen Beteiligung der Rothschilds an den Aktivitäten von nach Großbritannien und in die USA geflüchteten Österreichern ist nichts bekannt. Sobald es möglich war, wurden die Rothschilds in Wien wegen Rückerstattung ihres von den deutschen Nationalsozialisten geraubten Privateigentums vorstellig. Zurück nach Österreich kamen nach 1945 von den Nazis zur Flucht gezwungene Männer und Frauen, denen es nicht um „Wiedergutmachung“ ging, sondern die sich am Aufbau des am Boden liegenden Österreich beteiligen wollten. Kommunistinnen und Kommunisten wie Leopold Hornik (1900–1976), Georg Knepler (1906–2003), Georg Fuchs (1908–1986), Engelbert Broda (1910–1983), Eva Priester (1910–1982), Samuel Mitja Rapoport (1912- 2004), Mia Förster-Schönfeld (1922–2012) oder Thomas Schönfeld (1923–2008) und andere haben sich im Exil organisiert und aktiv Partei für das österreichische Volk genommen habe.[26] Mit ihren Erfahrungen und mit ihrem Optimismus sollte aus den Trümmern Österreichs etwas Neues entstehen. Die Rothschilds wollten in den Trümmern aber ihre Geschäfte machen und konnten sich dabei auf die an Hörigkeit gewohnte Kleinbourgeoisie verlassen, zumal wenn sie sozialdemokratisch war. Während die Wiener Arbeiter um einen Hungerlohn mit ihren Frauen und Kindern ums Überleben kämpften, kaufte die 1945 wieder errichtete, auf Marshallplangelder zugreifende Arbeiterkammer Wien die Ruine des Palais Nathaniel Rothschild mit Areal 1951 um drei Millionen Schilling von der in Großbritannien lebenden, inzwischen englischen Staatsbürgerin Clarice Rothschild (1894–1967) und 1954 das Areal samt Gebäude in der Prinz-Eugen-Straße vom inzwischen US-amerikanischen Staatsbürger Louis Rothschild um vier Millionen. Verkäuferin und Verkäufer dachten nicht an eine Rückkehr in das zerstörte Wien. Über solche Vorgänge empörte sich die „Österreichische Volksstimme“, der schon wegen der Zusammensetzung ihrer Redaktion kein Antisemitismus vorgeworfen werden kann. Die „Österreichische Volksstimme“ titelt am 12. Jänner 1947 „Beginnt die Wiedergutmachung bei Rothschild? Finanzmagnaten von gestern wollen wieder die Wirtschaftsdiktatoren Oesterreichs werden“. Das österreichische Volk müsse verhindern, „daß unser Land unter dem Vorwand der Wiedergutmachung zur Domäne dieser einstigen Finanzgrößen wird“. Die Vereinszeitung der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich „Der Freiheitskämpfer“ zeigt völliges Unverständnis. Niemand könne eine Wiedergutmachung für solche begreifen, „die gar nicht mehr Sehnsucht nach Österreich haben und nur in der internationalen, ihnen hörigen Presse hetzen“.[27]

Rothschild-Blick auf Palästina

In der Ausstellung werden nette Fotos von jüdischen Jugendlichen gezeigt, die sich mit Leibesübungen in den Wiener Rothschild-Gärten auf das Leben in Palästina vorbereiten. Das entsprach der mit Lord Lionel Walter Rotschild (1868–1937) abgesprochen zionistischen Deklaration des britischen Außenministers von Arthur Balfour (1848–1930) vom 2. November 1917 mit der Absicht, einen jüdischen Nationalstaat („nationale Heimstätte“) zu schaffen.[28] Mit den Rothschilds hat das bis in die Gegenwart anhaltende grausame Schicksal des palästinensischen Volkes seinen „diplomatischen“ Anfang genommen. Der in der Bundesrepublik Deutschland sich wieder betätigende katholischen Nazibankier und Kriegsverbrecher Hermann Abs (1901–1994)[29] traf sich mit Vertretern des Rothschild-Finanzkonsortiums in Europa, Afrika und im Nahen Osten zu Absprachen. Edmond de Rothschild (1926–1997) war Präsident des „Europäischen Komitees für die Entwicklung von Israel“.[30] 2009 kehrten die Rothschilds mit einer Repräsentanz ihrer Bank nach Österreich zurück, am 14. Mai 2021 hisste der inzwischen öffentlich vom demokratiefeindlichen, an der absoluten Herrschaft von Weltmonopolen orientierten US-Reaktionär Peter Thiel[31] angeheuerte Bundeskanzler Sebastian Kurz die Fahne Israel auf dem Bundeskanzleramt der neutralen Republik Österreich.

Besuch am Wiener Zentralfriedhof

Die Rothschilds sind, was die Ausstellung besonders hervorhebt, bewusst gläubige Juden geblieben. Auf der Israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes ist ein Rothschild-Mausoleum aufgestellt.[31] Der theologisch interessierte Nichtjude wird sich daran erinnern, wie der als Jude geborene Jesus von Nazareth sich sorgte, dass die Pharisäer („Abgesonderte“) mit ihrer legalistischen Werkgerechtigkeit zu Hochmut und Heuchelei neigen und mit ihrer Macht die Menschen unterdrücken. „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon“ (Matthäus 6,24).


[1] Z. B. Papst Franziskus: Für eine Wirtschaft, die nicht tötet. Wir brauchen und wir wollen Veränderung. Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH Stuttgart 2015.

[2] Für unsere Bemerkungen war der Artikel „Rothschilds“ (Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig hg. von Dan Diner. Verlag J. B. Metzler. Stuttgart / Weimar, 5.Bd., 2014, S. 267–275) von Klaus Weber als Erstinformation nützlich. Willi Weinert (Wien) danke ich sehr herzlich für Anregungen! 

[3] Die Wiener Rothschilds. Ein Krimi. The Vienna Rothschilds. A Thriller. Hg. von Gabriele Kohlbauer-Fritz und Tom Juncker im Auftrag des Jüdischen Museums Wien. Jüdisches Museum Wien. Amalthea 2021 (auch englisch).

[4] Walter Bauer: Stimme aus dem Leunawerk. Verlag Reclam jun. Leipzig 1980, S. 9.

[5] Kaiser Franz II. (I.) (1768–1835)

[6] Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. In Verbindung mit dem Heinrich-Heine-Institut hg. von Manfred Windfuhr. Band 13 / I. Lutezia I Text. Apparat 1.-10 Artikel bearbeitet von Volkmar Hansen. Verlag Hoffmann und Campe Hamburg 1988, S. 122–124. 

[7] Wie A. 6, Band 12 / 1 (1980), S. 296.

[8] Friedrich Engels: Regierung und Opposition in Frankreich. MEW 4 (1972), S. 27–29, hier S. 27.

[9] Katalog, S. 92.

[10] MEW 8 (1973), S. 525.

[11] Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. MEW 7 (1973), S. 9–107, hier S. 14 f.

[12] Die Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus. Band 14, Akademie Verlag Berlin 1962, S. 146 f. und öfters.

[13] Jürgen Kuczynski: Das große Geschäft. Die Verbrechen des deutschen Imperialismus. Verlag Neues Leben Berlin 1967, S. 43. 

[14] Endre Ady: Ausgewählte Gedichte, Novellen und Zeitungsartikel. Aus dem Ungarischen übertragen von Laszlo A. Marosi. Marosi Verlag Mannheim 2012, S. 127. 

[15] Gerhard Oberkofler / Eduard Rabofsky: Heinrich Lammasch (1853–1920). Universitätsverlag Wagner Innsbruck 1993.

[16] Katalog, S. 184.

[17] Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien in 6 Bänden. Buchverlage Kremayr & Scheriau/Orac Wien, Band 4, 2004, S. 706.

[18] Zitiert nach Walter Markov / Albert Soboul: 1789. Die Große Revolution der Franzosen. Akademie Verlag Berlin 1977, S. 41.

[19] Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. Verlag Piper München / Zürich 2. A. 1996, S. 229–242.

[20] Albert Fuchs: Geistige Strömungen in Österreich 1867–1918. Löcker Verlag Wien 1978, S. 21.

[21] Vgl. Domenico Losurdo: Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten? Eine politische und philosophische Geschichte. PapyRossa Verlag 2016, S. 316–323 („Arendt und der >Alptraum< vom Klassenkampf“).

[22] Die Arbeiterin 2. Jg., Nr. 11 (September 1925).

[23] Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen. Rowohlt Verlag Hamburg 1969, S. 214.

[24] Auch Katalog, S. 134. Der vom Jüdischen Museum für die Bereitstellung der Plakate bedankte Manfred Mugrauer vom Parteiarchiv der Wiener KPÖ hat gegen diese vom Antikommunismus und der Totalitarismusdoktrin angeleitete Gleichstellung keinen Einspruch erhoben hat!

[25] Thomas Trenkler: Der Fall Rothschild. Chronik einer Enteignung. Molden Verlag Wien 1999.

[26] Vgl. z. B. Gerhard Oberkofler: Thomas Schönfeld. Österreichischer Naturwissenschaftler und Friedenskämpfer. StudienVerlag Innsbruck 2010.

[27] Doppelnummer 1/2 vom Februar 1954.

[28] Vgl. Margaret Mac Millan: Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte. Ullstein Verlag Berlin 2018, S.542–561 (Palästina).

[29] Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik Berlin 1965, S. 34 f. 

[30] Neue Zürcher Zeitung vom 30. 9. 1964.

[31] Vgl. Armin Thurnher: Sebastian Kurz, der Kohleholer des Medienkillers. Falter​.at 31. 12. 2021.

[32] Katalog, S. 14; Rothschild-Mausoleum, Zentralfriedhof, Wien XI | Baudenkmäler in Österreich (wordpress​.com)

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