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Für wen schreibt Gregor Gysi?

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., ist Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.

Es ist gewiss schwierig festzustellen, welchen Raum die Sozialgeschichte der biographischen Geschichte gibt und wie sich Personen in Kommunikation mit anderen ihre eigene personale Biographie gestalten und ihr im Alter nachreden. Gregor Gysi gehört zu den Ikonen des von der Europäischen Union mitfinanzierten „transform!europe“, dessen Netzwerk von Wien aus operiert. Jetzt hat er ein Büchlein über „Marx & wir“ im Aufbau Taschenbuch-Verlag Berlin publiziert (2020, 160 S.). Gysi will mit biographischen Anekdoten begründen „Warum wir eine neue Gesellschaftsidee brauchen“.

Gregor Gysi gibt eingangs vor, ein persönliches Verhältnis zu Karl Marx zu haben, weil er in der DDR gelebt und gearbeitet hat. Das erklärt er zum Einstieg damit, dass er sich mit seinen pubertierenden Kommilitonen an einer Berliner Oberschule längere Haare wie Marx wachsen hat lassen. Geboren in Berlin 1948 legt Gysi als praktizierender Rechtsanwalt Wert auf die Feststellung, dass er nach den „Nürnberger Rassegesetzen“, „nur“ zu 37,5 Prozent jüdisch sei, nach den jüdischen Gesetzen aber überhaupt kein Jude ist (2013). Wie seltsam ist ein solcher anwaltlicher Rückgriff auf menschenmordende Gesetze! Er, Gysi, selbst sei aber überhaupt kein religiöser Mensch. Das hat ihn freilich nicht daran gehindert, 2005 vor entsprechendem Publikum die applaudierte Meinung zu vertreten, dass nach dem Scheitern der politischen Linken nur die Religion der Gesellschaft Sinn stiften könne.

Transformation oder Revolution?

Gysi dokumentiert in seinem Büchlein, dass er da und dort Lesefrüchte aus den gesammelten Werken von Marx nachschlagen und diese mit geistreich scheinenden Bonmots umranken kann. Zwischendurch formuliert er sehr deutlich, was ihm als Politiker Europas, insbesondere der Bundesrepublik Deutschland wichtig ist: „Wer aus dieser Gesellschaft herauswill, muss in sie hineingehen und mehr darüber wissen, wohin er will.“ Gysi weiß, wohin er will, und erklärt, dass die „Rede von einer sozialen Revolution, also einer anderen Organisation der gesellschaftlichen Arbeit“ derzeit „nur eine metaphorische Dimension“ habe. „Wir“, der pluralis majestastis ist ihm wichtig, müssten Reformen anstreben, die „Einstiegspunkte für mögliche gesellschaftliche Transformation sein könnten“. Als Beispiel nennt Gysi die Notwendigkeit einer radikalen Reform des bundesrepublikanischen Wohnungsmarktes, weil es immer mehr Wohnungslose und Obdachlose gebe. Gysi, der sonst keine Gelegenheit auslässt, auf die Strukturen der DDR nachzutreten, hätte dazu den bekannten DDR-Dissidenten Jürgen Kuczynski zitieren können, der über ein paar reale Elemente des Sozialismus in der DDR folgendes ausgesagt hat (1994): „Absolute soziale Sicherheit: Keiner brauchte auch nur einen Tag zu hungern oder war – bei wahrlich nicht guten Wohnungsverhältnissen – obdachlos. Keiner war arbeitslos“.

Mit keinem Wort spricht Gysi an, dass seine Bundesrepublik Deutschland seit 1999 wieder offensiv völkerrechtswidrige Aggressionskriege führt und gigantisch gegen den Osten aufrüstet. Er, Gysi, müsse als demokratischer Politiker solche Verhältnisse eben akzeptieren, denn „du darfst einzig und allein mit den Mitteln der demokratischen Kultur um Gehör und Stimmen kämpfen“. Zu dieser demokratischen Kultur hat er öfters initiativ beigetragen, beispielsweise 1998, als er der PDS-Bundestagsgruppe die Zustimmung zum großen Lauschangriff abgepresst hat. Das findet er aber doch nicht passend hier anzumerken, zumal es dann ein dickes Buch geworden wäre. Marx vorgebend zu kennen vermeidet Gysi rigoros, der marxistischen Theorie jene Methoden zu entnehmen, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart helfen zu analysieren und dadurch eine Anleitung zum Handeln geben. Gysi ist nicht nur ein parasitärer Vorzeigeintellektueller, er ist ein rhetorisch gewandter „Anwalt“ des herrschenden Systems, er ist mit seiner Transformationsideologie einer ihrer Ideologen. Gysi optiert für die Unterdrücker und Reichen, er leistet ihnen bewusst Tribut. Er liest mit den Lippen Karl Marx und handelt gegen die Armen und Opfer in Europa und in der Welt. Die sich aus den Eigentumsverhältnissen ergebende Dialektik von Reichtum und Armut wird von Gysi verschleiert, ihr Erkennen würde nämlich Taten einfordern. „Feste Gesinnung nützt wenig“, so erteilt Gysi sich und seinen Anhängern die Absolution. 

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