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Home Feuilleton Geschichte

Friedensbücher des österreichisch jüdischen Kommunisten Bruno Frei in einer erhofften Zeitenwende – Teil 2 und Schluss 

4. März 2023
in Geschichte
Friedensbücher des österreichisch jüdischen Kommunisten Bruno Frei in einer erhofften Zeitenwende – Teil 2 und Schluss 

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck 
Teil 1 verpasst? Kein Problem: Hier geht’s zum ersten Teil von Friedensbücher des österreichisch-jüdischen Kommunisten Bruno Frei in einer erhofften Zeitenwende

Reportagen über die revolutionäre Befreiungsbewegung in China zu Ende der 1950er Jahre

Sein Buch über die Friedensbewegung „Die Stafette“ befand sich vor der Auslieferung, als Bruno Frei Anfang 1959 ein neues Buchtyposkript im Aufbau-Verlag mit dem Titel „Der große Sprung. China heute“ und mit Zeichnungen des 1973 von den Faschisten aus seiner Heimat vertriebenen chilenischen Künstler José Venturelli (1924–1988) einreichte.[1] Es sind 35 verständliche und Empathie weckende Reportagen vereinigt, die Bruno Frei während seines eineinhalbjährigen Chinaaufenthaltes in den Jahren 1957 und 1958 geschrieben und zum Teil schon in deutschen und österreichischen Zeitschriften veröffentlicht hatte. China war auf dem Weg, ein gesellschaftliches System zu beseitigen, das jahrhundertelang über die Menschen geherrscht hat. Anni Seipel, die vom Verlag mit der Begutachtung beauftragt wurde, war von den authentischen Reportagen in ihrer dialektischen Dimension ganz begeistert. In ihrem Gutachten (17. Februar 1959)[2] empfahl sie eine beschleunigte Herausgabe mit hoher Subvention, um den Preis des Buches nieder zu halten, sofortige Übersetzungen, und zwar nicht nur in die Sprachen der volksdemokratischen Länder, sondern auch ins Spanische, Französische und Englische, weiters die Übernahme eines Teiles der Auflage durch einen österreichischen Verlag, um von dort aus Westdeutschland zu erreichen und über die Abteilung Literaturpropaganda die Hinausgabe von differenzierten Annotationen, um die verschiedensten Bevölkerungskreise anzusprechen. Anni Seipel begründet diese ihre Empfehlungen so: 

„Nach dem Lektorat des Manuskripts fühle ich mich verpflichtet, diese Vorschläge zu machen, weil das Buch eine Inspiration ist, eine starke Waffe in unserem Kampf. In mitreißenden Worten schildert Bruno Frei die mitreißenden Taten des großen chinesischen Volkes, das in Jahrzehnten des Volkskrieges gestählt wurde und sich heute anschickt, noch unter schweren Entbehrungen, die Spitzenleistungen des industriellen Westens zu überholen, die schwerindustrielle Produktion des ältesten Industrielandes der Welt zu überflügeln. Um die Reihe der Bücher von [Guido] Kisch [(1889–1985)], [Agnes] Smedley [(1892–1950)], [Fritz] Jensen [(19031955)] und [Wilfred] Burchett [(1911–1983)] (China Geheim, China kämpft, China blutet, China siegt, China verändert sich) fortzusetzen, trägt die Reportagenreihe den schlichten Titel >China springt<. Und in der Tat, China springt! >Wenn man die Massen durch Überzeugung gewinnt, gibt es nichts Unmögliches<. Der wissenschaftliche Sozialismus mit seiner umwälzenden Kraft ergreift Besitz von diesem 650-Millionen-Volk, das wirklich imstande ist, Berge zu versetzen. Und was das für Probleme sind, die das chinesische Volk bewältigen muss! Da war das große Übel der 6 Millionen Ratten von Tschungking, die nach einem großartigen Aufklärungsfeldzug unter der Bevölkerung in einer einzigen Nacht ausgeräuchert wurden, da wurden die Stromschnellen des Jangtse bezwungen, da geht man dem Analphabetentum, dem Hochwasser und den Dürren zu Leibe.

Der Kampf um die Beseitigung der Übel im Staatsapparat, um die Verbesserung des Arbeitsstils, das Aussprechen, Diskutieren, das Abstreifen alter Gewohnheiten, das sich selbst Überprüfen – hat große Bedeutung auch für unseren Kampf in den sozialistischen Betrieben um die Durchsetzung wissenschaftlicher Arbeitsnormen und die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Mao-Tse-tung’s Frage: Wer sagt, dass die Arbeiterklasse keiner Umerziehung bedarf? gilt auch für die Arbeiterklasse in der DDR.

Das Buch gehört aber auch in die Hand der LPG [Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft] – Bauern, der Einzelbauern, der Handwerker und kleinen Unternehmer und nicht zuletzt unserer Intelligenz, die der unwiderstehliche Elan ihrer chinesischen Kollegen stark beeindrucken wird.“ 

Das China-Buch wurde noch vor dem Sommer 1959 ausgeliefert.[3] Im Vorwort erklärt Bruno Frei, was denn „Sprung vorwärts“ bedeutet: „>Springen< heiße keineswegs unbesonnen zu hasten, es heiße hingegen rascher als gewöhnlich vorwärtsschreiten, mit dem Einsatz aller Kräfte Schwierigkeiten überwinden, objektive Möglichkeiten restlos ausnützen, neue Methoden kühn anwenden“. Erzählt wird beispielsweise von zweiundvierzig Arbeitern, die in zwei Wochen zweitausend Schriftzeichen lernen, von sechs Oberschülern, die ohne Mittel eine Schule gründeten, die sich selbst erhält, vom ehemaligen millionenschweren „König des Tungöls“ Lu Pei-tscho, der in Schanghai Leiter einer Schule für Umerziehung gieriger Kapitalisten wurde, oder davon, dass die Soldaten Mao Tse-tungs keine abstrakten Menschenrechte proklamierten, sondern den Weg zu einem menschenwürdigen Leben öffneten. Für Menschen, die sich in der Gegenwart bemühen, China zu verstehen, ist dieses Buch von Bruno Frei immer noch eine Fundgrube

„Frühling in Vietnam“. Erzählung über eine Reise im Frühjahr 1958

Während seines eineinhalbjährigen Aufenthaltes in China bereiste Bruno Frei im Frühjahr 1958 mehrere Wochen den Norden von Vietnam, wohin er von der chinesischen Grenzstation in Pinsjiang in die erst 1951 fertiggestellte vietnamesische Schmalspurbahn umgestiegen ist. Er folgte dabei den Spuren des österreichischen Kommunisten Fritz Jensen (1903–1955), den er aus Wien gut gekannt hat und dessen Buch „China siegt“ 1950 in Berlin erschienen ist.[4] Am 2. September 1945 war nach dem Sieg der „Augustrevolution“ die freie und unabhängige Demokratische Republik Vietnam von Ho-Tschi-Minh (1890–1969) auf einer Massenkundgebung in Hanoi proklamiert worden. Frankreich überfiel am 19. / 20. Dezember 1945 die Demokratische Republik Vietnam, obschon es diese am 6. März 1946 formal anerkannt hatte. Am 7. Mai 1954 errangen die Vietnamesen bei Dien-bien-phu den entscheiden Sieg über die französischen Kolonialtruppen, am 21. Juli 1954 wurde das Genfer Indochinaabkommen mit viel Hoffnung unterzeichnet, am 19. Mai 1955 sind die letzten Truppen aus Nordvietnam abgezogen. Seit 1950 war die USA mit einer Militärmission in Vietnam tätig.[5] Was das bedeutete, konnte Bruno Frei noch nicht abschätzen, auch wenn er in seiner Reportage schreibt: „Der einzige Maßstab für Völkerfreundschaft sind uneigennützige Taten, mit denen ein Volk dem anderen in schweren Zeiten beisteht, wie ein Bruder dem anderen. Das heißt internationale Solidarität; ihre Voraussetzung ist der Sozialismus. Wo das Motiv in der Wirtschaft der Profit für eine Minderheit ist, kann Freundschaft nur eine Umschreibung sein für Geschäft. Die amerikanische >Hilfe< tritt an Stelle des veralteten Expeditionskorps, und >Freundschaft< ist ein neues Wort für Kolonisation“.[6] Alles in allem waren Bruno Frei, wie er viele Jahre später in seinen Erinnerungen schreibt, diese Monate eine Hoffnung gebende, täuschende Friedenszeit. Er hätte es besser wissen müssen, weil ihm der damaligen Ministerpräsident Pham Van Dong (1906–2000) erklärt hat, weshalb der erfolgreiche Abschluss der Konferenz von Genf zu keinem Frieden hinführe: „Einfach gesagt, weil den Vereinigten Staaten von Amerika der Vertrag von Genf nicht in den Kram passte. Sie haben zwar versprochen, das Friedenswerk nicht zu stören, aber sie haben es nicht unterschrieben, und mit der Störung haben sie bald angefangen“. Und weiter: „Hitlermethoden werden im Süden unseres Vaterlandes angewendet, um die wachsende patriotische Bewegung für Vereinigung und Demokratie zu unterbinden“.[7] Weil der schweizerische Historiker Daniele Ganser (*1972) über die zuerst verdeckte Kriegsführung, dann unter Präsident John F. Kennedy (1917–1963) eskalierende mörderische Aggression der USA in Vietnam publiziert hat, wird er in Europa und in den USA diskriminiert.[8] Noam Chomsky (*1928) erinnert immer wieder an diese US-Verbrechen in Südostasien und daran, dass der hofierte Henry Kissinger (*1923) unverhohlen zum Völkermord aufgerufen hat.[9] Die westdeutsche Bundesrepublik hat mit den USA durch ihre Konzerne wie Bayer-Leverkusen oder Boehringer-Ingelheim, zu dessen Geschäftsführern Richard von Weizsäcker (1920–2015) gezählt hat, bei der systematischen chemischen und biologischen Kriegsführung zur Vernichtung großer Waldflächen durch Industriebetriebe kooperiert.[10] In ihrer Gesamtheit hat die katholische Hierarchie dazu geschwiegen, wenn sie schon diese Barbarei nicht so begrüßt hat wie der US-Kardinal Francis Spellman (1889–1967).[11] 

Bruno Frei hat in seinem kleinen vietnamesischen Reisebericht, der mit seinen selbst gemachten Fotografien im Aufbau-Verlag 1959 ohne weiteres angenommen und als Octavformat hinausgegeben wurde, vom Willen des Volkes zum Aufbau ihres vielfältigen Landes geschrieben, vom heldenhaften Kampf der Partisanen und von den Grausamkeiten, die in Südvietnam noch Alltag waren. Überall kann Bruno Frei die Sehnsucht des vietnamesischen Volkes nach Frieden und Einheit spüren. Die vom Verlag beauftragte Gutachterin Hanna Baum (1932–2012) aus Naumburg (Saale) war Bibliothekarin und zuletzt Leiterin der Erwerbungsabteilung an der Humboldt-Universität Berlin[12] und hat die Drucklegung im Juni 1959 „stark“ befürwortet: „Der Band vermittelt dem Leser einen guten Überblick über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Nordvietnamesischen Volksrepublik. Er berichtet von der Hilfe, die die anderen Länder des sozialistischen Lagers dem jungen Staat gegeben haben und weiter geben und fordert die dem Land von der kapitalistischen Welt bisher verweigerte Wiedervereinigung des Landes. Die klare parteiliche Stellungnahme des Autors tritt in sämtlichen Abschnitten des Buches klar zu Tage und macht den Band für unsere Leser besonders wertvoll“.[13]


[1] Der grosse Sprung. China heute. Mit Zeichnungen von José Venturelli. Aufbau-Verlag Berlin 1959. 

[2] Bundesarchiv Berlin.

[3] Aufbau Verlag Berlin 1959. 263 S. Ill.

[4] Dietz Verlag Berlin. Mit 12 chinesischen Originalholzschnitten, 28 Tiefdruckbildern nach Aufnahmen des Verfassers und einer mehrfarbigen Landkarte.

[5] Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte. Band 2. Herausgeber Walter Markov, Alfred Anderle, Ernst Werner, Herbert Wurche. VEB Bibliographisches Institut Leipzig 2., durchgesehene A. 1981, S. 458–466 (G. Schwirtz). 

[6] Frühling in Vietnam. Bericht einer Reise (Photographien vom Autor). 83 S. 8°, S. 79.

[7] Bruno Frei, Der Papiersäbel, S. 371 f.

[8] Daniele Ganser: Imperium USA. Die skrupellose Weltmacht. Orell Füssli Verlag Zürich 2020.

[9] Noam Chomsky: Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik. Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr, Norbert Juraschitz und Hainer Kober. Ullstein Verlag Berlin 2016, S. 94.

[10] Vgl. z. B. Gerhard Grümmer: Herbizide in Vietnam. Vietnam-Ausschuss beim Afro-Asiatischen Solidaritätskomitee der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1969.

[10] Bundesarchiv Berlin.

[11] Gerhard Oberkofler: Friedensbewegung und Befreiungstheologie. Marxistische Fragmente zum Gedenken an den Friedenskämpfer Daniel Berrigan SJ (1921–2016). trafo Verl​.ag Berlin 2016.

[12] Frdl. Auskunft von Frau Claudia Hilse aus dem Berliner Universitätsarchiv!

[13] Bundesarchiv Berlin.

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Schlagworte: Anni SeipelBruno FreiChinaFritz JensenMaoOberkoflerVietnam

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