HomeFeuilletonGeschichteUS-Imperialismus: Auf Vogelscheiße gebaut

US-Imperialismus: Auf Vogelscheiße gebaut

Der US-amerikanische „Guano Islands Act“ feiert einen betagten Geburtstag – und stellt für die Vereinigten Staaten nach wie vor geltende Gesetzeslage dar.

Washington D.C. Vor 165 Jahren, am 18. August 1856, verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika ein neues Bundesgesetz: Der „Guano Islands Act“ besagt, dass eine unbewohnte Insel, auf der eine bestimmte Art von Vogelexkrementen vorkommt, zum Staatsgebiet der USA gehört, wenn sie von einem US-Bürger entdeckt und in Besitz genommen wird. Wörtlich heißt es: „Whenever any citizen of the United States discovers a deposit of guano on any island, rock, or key, not within the lawful jurisdiction of any other Government, and not occupied by the citizens of any other Government, and takes preaceable possession thereof, and occupies the same, such island, rock, or key may, at the discretion of the President, be considered as appertaining to the United States.“ Im Jahr 1890 erhob der US Supreme Court das Gesetz sogar in Verfassungsrang, weswegen die internationale Gültigkeit mit allen Mitteln der Staatsmacht durchzusetzen ist. – Diese seltsame Form des mistbasierten Kolonialismus klingt zunächst ein wenig bizarr, doch die US-Annexionsbestrebungen hatten damals einen durchaus ernsthaften Hintergrund.

Guano als Rohstoff für Dünger und Sprengstoff

Das erwähnte Guano ist ein Gemenge, das aus den Exkrementen von bestimmten Seevögeln (Pinguin, Kormoran), aber auch Fledermäusen entsteht: Das von den Tieren ausgeschiedene Guanin und Harnsäure werden durch Verwitterung zu Guano, das Phosphate und Nitrate enthält. Deshalb ergaben sich daraus zweierlei relevante Verwendungsmöglichkeiten in der kapitalistischen Wirtschaft: Einerseits als hochwirksames Düngemittel für intensive Landwirtschaft, andererseits aber auch zur Sprengstoffherstellung und somit für militärische Zwecke. Daher war der Rohstoff Guano spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Nordamerika und Europa überaus begehrt, er wurde in großen Mengen „abgebaut“ und gehandelt. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass hier oder dort ein bisschen Vogelscheiße von einem Stein gekratzt wird, sondern Guanoschichten können über Jahre und Jahrzehnte leicht zehn Meter dick sein und daher Tonnen von Material bieten, das im Tagbergbau mit großem Aufwand gefördert wird.

US-Ansprüche auf über 100 Inseln

Von daher entwickelte sich zwischen den kapitalistischen Großmächten ein regelrechter Wettlauf um ergiebige Guanovorkommen – diese lagen v.a. an der lateinamerikanischen Küste (das Wort Guano stammt aus der Quechua-Sprache) sowie auf den pazifischen Inseln. Und hier kommt der US-amerikanische „Guano Islands Act“ ins Spiel: Mit diesem Gesetz wollten sich die USA den Zugriff auf neue Lagerstätten sichern und gleichzeitig Unternehmer animieren, solche zu suchen. Das gelang auch: Über 100 Inseln wurden auf diese Weise für die USA reklamiert, wobei jedoch nicht alle Ansprüche auch haltbar waren bzw. durchgesetzt werden konnten. Trotzdem ist es so, dass bis heute auf Grundlage des „Guano Islands Act“ einige pazifische Inseln zu den USA gehören, die tausende Seemeilen von der Küste entfernt sind: Baker Island, Howland Island, Jarvis Island, das Kingman-Riff sowie das Johnston-Atoll und das Midway-Atoll sind auf dieser rechtlichen Basis annektiert worden und bis heute Territorien und strategische Stützpunkte der USA.

Grundlage imperialistischer Politik und Expansion

Freilich ist bis zum Jahr 2021 der Guano-Abbau in seiner Bedeutung stark gesunken, denn 1908 gelang dem deutschen Chemiker Fritz Haber die synthetische Herstellung von Ammoniak, wofür dieser 1918 den Nobelpreis erhielt – die Verwendung von Guano ging dadurch erheblich zurück (nichtsdestotrotz markiert etwa für den Inselstaat Nauru der Guano-Abbau bis in die Gegenwart den wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes). Wenngleich es heute für die USA also nicht mehr um den Zugriff auf den wichtigen Rohstoff aus Vogelmist geht, so hatte das seltsame Gesetz natürlich immer schon gleichzeitig das Ziel, die kolonialen, imperialistischen und geopolitischen Bedürfnisse des US-Kapitals und ‑Militärs in grundsätzlicher Hinsicht zu unterfüttern. Insofern ist es auch nicht so, dass der „Guano Islands Act“ nicht nach 165 Jahren immer noch zu Territorialkonflikten führt: Die USA beanspruchen auf seiner Grundlage z.B. Navassa Island und kontrollieren auch faktisch das Gebiet, das eigentlich Haiti zusteht. Die Seranilla Bank und die Bajo Nuevo Bank, die völkerrechtlich zu Kolumbien gehören, fallen ebenfalls unter das US-Gesetz, wobei aber auch Nicaragua, Honduras und Jamaika mitmischen. Und dann ist da noch der besonders groteske Fall von Fox Island, einer Insel im kanadischen Sankt-Lorenz-Golf – auch diese ist gemäß „Guano Island Act“ seit 1899 US-Territorium, doch die Regierung in Washington D.C. verzichtet gegenüber Québec und Kanada gnädiger Weise auf eine Durchsetzung dieses Anspruchs.

Historisch begleitete der „Guano Islands Act“ von 1856 den Aufstieg der USA zur imperialistischen Welt- und schließlich Hegemonialmacht. Diese Position ist heute massiv in Frage gestellt, der US-Imperialismus ist verrottet, parasitär und in Fäulnis begriffen. Wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass er zum Teil auf Vogelscheiße errichtet wurde.

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