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Zum 150. Geburtstag Rosa Luxemburgs

Text nach einem Online-Vortrag von Tibor Zenker, Vorsitzender der Partei der Arbeit Österreichs (PdA), 5. März 2021

Rosa Luxemburg wurde, vermutlich am 5. März 1871, in Zamość geboren, heute im Südosten Polens gelegen, in der Nähe von Lublin. Die Familien ihrer Eltern, v.a. mütterlicherseits, hatten einen gläubigen jüdischen Background, Elias Edward Luxenburg (hier noch mit n) und Lina Löwenstein – die Eltern – waren selbst aber nicht religiös. Rosalia war das fünfte und jüngste Kind des Paares. Auf Basis einer sicheren sozialen Existenz der Familie kam Rosa eine recht umfassende, humanistische Bildung zu, inklusive Mehrsprachigkeit. Nach dem Umzug nach Warschau besuchte sie ab 1884 das dortige russische Mädchengymnasium. Hier kam sie auch erstmals in Kontakt mit der revolutionären Arbeiterbewegung, in Form der illegalen marxistischen Gruppierung „Proletariat“. Nach der Matura im Jahr 1888 verließ Rosa den zaristischen Machtbereich, einerseits, um der politischen Verfolgung zu entgehen, andererseits, um an einer Universität zu studieren – das war damals für Frauen freilich noch nicht überall möglich, und die Wahl fiel auf Zürich.

In der Schweiz versammelten sich damals eine ganze Reihe exilierter Revolutionäre und Marxisten, nicht nur aus Polen, sondern insbesondere auch aus Russland, aber auch Deutschland. Rosa kam mit einigen davon in Kontakt, u.a. mit Georgi Plechanow, zu nennen ist natürlich auch ihr damaliger Lebensabschnittspartner Leo Jogiches. An der Universität widmete sich Luxemburg einer bereiteren Palette von Fächern, schlussendlich schloss sie mit einer Arbeit über die industrielle Entwicklung Polens ab – durchaus mit einem politischen Hintergedanken, wie wir sehen werden.

Denn in politischer Hinsicht taten sich bald die ersten Kontroversen auf: Mit den Vertretern der 1892 gegründeten Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) überwarf sich Luxemburg, was 1893 unter ihrer Beteiligung zur Schaffung der konkurrierenden „Sozialdemokratie des Königreichs Polen“ (SDKP) führte. Inhaltlich ging es dabei um die nationale Frage: Während die PPS auf die Konstituierung eines unabhängigen polnischen Staates orientierte, vertrat Luxemburg die Meinung, dass es keine Grundlage mehr für eine Eigenständigkeit Polens gebe. Die polnische Arbeiterbewegung solle sich, je nach staatlicher Zugehörigkeit, in die russische, deutsche oder österreichische Partei einfügen und in einem zukünftigen, sozialistischen Staatswesen solle Polen lediglich Autonomie erhalten. Sie versuchte durchaus, dies materialistisch zu begründen: Vor allem die wirtschaftliche Verquickung mit Russland sei so eng, dass sie nicht mehr aufzulösen sei, lautete ein zentrale Argument. Damit war aber freilich nur ein Teil der marxistischen Nationsauffassung erfasst und man muss Luxemburgs Position nicht nur als problematisch, sondern letztlich als falsch benennen, zumal die russisch-polnische Einheit ja auch deutlich ein Unterdrückungsverhältnis implizierte. In dieser Hinsicht sind nationale Befreiung und soziale Revolution freilich kein Widerspruch – im Gegenteil: ersteres eher eine Voraussetzung –, und was Luxemburg für „konsequent internationalistisch“ hielt war vielmehr antinational und kosmopolitisch beeinflusst. Aber: Die Warnung vor nationalistischen Tendenzen in der Sozialdemokratie hatte sehr wohl auch seine Berechtigung.

Die beiden Strömungen der polnischen Arbeiterbewegung befassten in weiterer Folge natürlich auch die II. Internationale, an deren folgenden Kongressen Luxemburg teilnahm. Mit ihrer Forderung, dass nationale Unabhängigkeit kein Bestandteil eines sozialistischen Programms sein könne, konnte sie sich jedoch nicht durchsetzen. Die II. Internationale bekannte sich stattdessen zum Selbstbestimmungsrecht der Nationen und vermied im Konkreten eine Festlegung bezüglich Polens. Die meisten damaligen führenden Persönlichkeiten der internationalen Arbeiterbewegung, darunter Karl Kautsky, Wilhelm Liebknecht, Plechanow oder Victor Adler – und später auch Lenin – wandten sich gegen Luxemburgs Ansichten, wobei sie diese in Bezug auf das Osmanische Reich in weiterer Folge selbst konterkarierte.

1897 übersiedelte Rosa Luxemburg nach Deutschland und ging hierfür eine Scheinehe ein, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Damit wurde sie auch in der SPD aktiv, zunächst in Berlin, dann in Sachsen. Große Aufmerksamkeit erhielt sie in dieser Zeit nicht nur als Expertin zum Thema Polen, sondern in der bereits begonnenen Revisionismusdebatte. 1898 und 1899 profilierte sie sich als entschiedene Gegnerin der Thesen von Eduard Bernstein, der die SPD auf den Reformismus einschwören wollte. Luxemburgs Artikel aus dieser Zeit bildeten die Grundlage der Schrift „Sozialreform oder Revolution?“. Hier liegt also ein überaus bedeutendes und, wie sich zeigen sollte, folgenreiches Verdienst Luxemburgs vor, wenngleich sich die in der sozialdemokratischen Praxis, den offiziellen Positionen der Parteiführung und der II. Internationale zum Trotz, schlussendlich die Linie Bernsteins durchsetzen sollte, wie wir wissen.

1905, im Zuge der ersten Russischen Revolution, ging sie mit Jogiches nach Warschau, mit der Zielsetzung einer Beteiligung der polnischen Arbeiterklasse an der Revolution. Während dieser Zeit traf sie in Petersburg auch mit Lenin zusammen. Allerdings wurde sie von den zaristischen Behörden im Frühjahr 1906 verhaftet und nur unter Hinterlegung einer hohen Kaution freigelassen.

Nach der Rückkehr nach Deutschland legte sie besonderes Augenmerk auf den Kampf gegen den Militarismus und die bereits drohenden imperialistische Kriege, aber auch gegen den Kolonialismus, sie sprach auf Massenkundgebungen und publizierte aufrüttelnde Artikel. Unter anderem wegen Majestätsbeleidigung, Aufwiegelung zum Klassenhass und Aufforderung zum Ungehorsam gegenüber der Staatsmacht wurde sie mehrmals verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt. In der II. Internationale wirkte sie am Beschluss der, letztlich zahnlosen, antimilitaristischen und antiimperialistischen Resolutionen für den Kriegsfall mit. Wie bekannt ist, kam im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg als Folge einer österreichisch-deutschen Aggression – und damit der Zusammenbruch der II. Internationale, der Verrat der meisten sozialdemokratischen Parteien. Am 4. August stimmte die SPD-Reichstagfraktion geschlossen für die ersten Kriegskredite, was für Luxemburg den Sieg des Opportunismus markierte.

Die sozialdemokratischen Kriegsgegner, die die Burgfriedenspolitik ablehnten, sammelten sich schon am nächsten Tag in der „Gruppe Internationale“, der neben Luxemburg u.a. Franz Mehring, Wilhelm Pieck oder Hermann Duncker angehörten. Karl Liebknecht stieß etwas später zu dieser Vereinigung, aus der 1916 die Spartakusgruppe hervorgehen sollte.

Im Februar 1915 wurde Luxemburg abermals in Haft genommen, später in so genannte „Sicherheitsverwahrung“. Insgesamt verbrachte sie den Großteil des Krieges, nämlich drei Jahre und vier Monate davon, im Gefängnis. Währenddessen wurde sie freilich nicht nur mit den nötigen Informationen versorgt, sondern verfasste auch Schriften, die hinausgeschmuggelt und unter Pseudonym veröffentlich wurden. Am bekanntesten ist hierbei „Die Krise der Sozialdemokratie“ vom Juni 1916, die eine regelrechte Abrechnung mit der SPD ist – auch Lenin bezog sich positiv auf diese „Junius-Broschüre“, ohne die Verfasserin mit Sicherheit zu kennen.

Nach der Februarrevolution in Russland, die den Zarismus stürzte, gründete sich in Deutschland die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei“ (USPD) – diese umfasste durchaus heterogene Kriegsgegner, darunter die Spartakusgruppe, aber im wesentlich unterstand sie einer zentristischen Leitung, teilweise reformistischen Einflüssen – der USPD gehörten u.a. auch Kautsky und origineller Weise Bernstein an. Die Spartakusgruppe unter Führung Luxemburgs und Liebknechts verfolgte trotz der Teilnahme an der USPD ihre eigene Agenda und orientierte nach der bolschewistischen Oktoberrevolution auf eine deutsche Revolution nach russischem Vorbild und auf die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Der Bezug Luxemburgs auf die Russische Sowjetrepublik war natürlich positiv, wenngleich gewisse Kritikpunkte an den Bolschewiki bzw. Lenin bis heute gerne überbewertet werden – natürlich einerseits aus antikommunistischen Gründen von entsprechenden Kräften, andererseits muss man Luxemburg auch zugestehen, dass manch eine Einschätzung über die tatsächliche Situation und die Möglichkeiten in Russland aus der Entfernung etwas unpräzise sein mussten. Eine Gegenüberstellung und Entgegenstellung von Lenin und Luxemburg lässt sich daraus nicht ableiten, aber dazu später.

Umfassende Aktivität konnten Luxemburg und Liebknecht erst im November 1918 wieder entfalten, nachdem sie beide aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Der reorganisierte Spartakusbund und seine Zeitung, „Die Rote Fahne“, orientierten angesichts der Gründung der demokratischen Republik im Zuge der Novemberrevolution weiterhin auf die sozialistische Revolution. Nun hatte allerdings die Mehrheits-SPD mit Friedrich Ebert die politische Macht in Abstimmung mit der Heeresleitung übernommen und die Führung im „Rat der Volksbeauftragten“ – dieser war die Übergangsregierung zur Weimarer Republik, aus der die USPD mit Ende Dezember ausschieden. Dies war auch der Moment für die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die am 1. Jänner 1919 erfolgte, maßgeblich durch den Spartakusbund und linkssozialistische Gruppen. Während Luxemburg erfolglos für eine Teilnahme an der Wahl zur Weimarer Versammlung warb, begann in Berlin der zweite Revolutionsversuch im Gefolge des 5. Jänners. Dieser wird gemeinhin als „Spartakusaufstand“ bezeichnet, obgleich die KPD diesen keineswegs auslöste. Wohl aber unterstützte v.a. Liebknecht den hierdurch angestrebten Sturz der Regierung über den bewaffneten Kampf, der jedoch von der Armee unter Führung des „Sozialdemokraten“ Gustav Noske bis 12. Jänner blutig niedergeschlagen wurde. Die Spartakisten bzw. die KPD-Aktivisten wurden nun massiv verfolgt, viele ermordet.

Luxemburg und Liebknecht tauchten in Berlin unter, wurden aber am 15. Jänner von weißgardistischen Einheiten aufgegriffen. Nach mehrstündigen Misshandlungen wurden sie von Freikorps-Angehörigen im Auftrag Noskes erschossen. Im Gegensatz zu Liebknecht wurde Luxemburgs Leichnam in den Landwehrkanal geworfen und erst am 31. Mai gefunden. Nach einer kurzfristigen Nachrichtensperre der sozialdemokratischen Regierung, die einen neuerlichen Aufstand verhindern wollte, wurde Rosa Luxemburg am 13. Juni am Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt – unter Anteilnahme von zehntausenden Trauergästen. Dorthin kommt jedes Jahr Mitte Jänner die große Berliner Luxemburg-Liebknecht-Kundgebung.

Was bleibt von Rosa Luxemburg? Gewiss ein vorbildhaftes revolutionäres Leben im Dienste der Befreiung der Arbeiterklasse und des Sozialismus. Ihre Tätigkeit ist untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen den Revisionismus, Reformismus und Opportunismus der Sozialdemokratie, die sie treffend als „stinkenden Leichnam“ bezeichnete. Überaus bedeutend sind auch ihre antimilitaristischen und Antikriegsaktivitäten. Man darf Luxemburg auch Beiträge zur Imperialismustheorie anrechnen, wenngleich die Schrift die „Akkumulation des Kapitals“ (1913) nicht gänzlich unproblematisch ist. An erster Stelle steht – und dies ergab sich ja praktisch aus dem Zuvorgenannten – die Schaffung des revolutionären Spartakusbundes und der KPD. Luxemburg wusste um die Notwendigkeit eines klaren Bruchs mit der verkommenen, konterrevolutionären und antimarxistischen Sozialdemokratie und zog die Konsequenzen.

Ein gewisser historischer Treppenwitz ist es, dass Rosa Luxemburgs politisches Erbe bis heute oft missbraucht wird – ironischer Weise auch von der Sozialdemokratie, die sie nicht ohne Grund verlassen hat und die nicht unmaßgeblich in ihre Ermordung involviert war. Es ist geradezu beschämend, heuchlerisch und niederträchtig, wenn bis heute Sozialdemokraten, oft deren naive Jungendorganisationen, glauben, Rosa Luxemburg wäre eine von ihnen. Das war sie nicht – sie war in aller Bewusstheit Revolutionärin und Kommunistin, die für die Sozialdemokratie entschiedenermaßen nichts (mehr) übrig hatte. Doch man zimmert sich seine Lebenslügen eben zurecht, indem man Punktuelles überbewertet, das Wesentliche aber ausblendet: So eignet sich Luxemburg als angebliche Gewährsperson einen „antiautoritären Sozialismus“, womit die Sozialdemokratie oder eine „neue Linke“ identifiziert werden soll, als Vertreterin (und nur als das!) eines reformistischen, gar bürgerlichen Feminismus, über den sie nur gelacht hätte – und am Ende sogar für Antikommunismus, weil sie mit Lenin und Trotzki nicht überall auf Linie war. Solche missbräuchlichen Vereinnahmungen durch die Sozialdemokratie oder eine Pseudo- und Allerweltslinke sind natürlich lächerlich – und eher eine Art posthume Schändung.

Man darf aber auch in der Rezeption im kommunistischen Bereich selbstkritisch sein. Luxemburgs Fehleinschätzungen, die es zweifellos gab, wurden mitunter auch hier überbewertet und bisweilen sogar zu einem, wiederum angeblich antibolschewistischen, antileninschen, „Luxemburgismus“ aufgeblasen, den es in dieser Form nicht wirklich gab und gibt. Man soll die großen Leistungen von Rosa Luxemburg würdigen, denn die kommunistische Bewegung hat ihr viel zu verdanken. Ihre politischen und theoretischen Fehler kann man benennen, aber vor dem Gesamtbild sind sie aus heutiger Sicht von geringer Bedeutung und stehen einer Würdigung bestimmt nicht im Wege. Man muss wissen, woran man bei ihr ist: Bei einer Heldin der revolutionären Arbeiterbewegung für den Sozialismus, bei einer wichtigen Mitbegründerin der kommunistischen Weltbewegung in Überwindung der Sozialdemokratie. In diesem Sinne: Ehre ihrem Andenken – und ihr Werk und Wirken ehrt man am besten, indem man unbeirrbar und organisatorisch an der richtigen Stelle gegen Revisionismus und Reformismus, gegen Militarismus, Nationalismus und Krieg kämpft, für die revolutionäre Macht der organisierten Arbeiterklasse im Sozialismus und den Kommunismus.

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