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Über das katholische Verbot der Abtreibung – Menschliche Realität und Papst Franziskus

Gastautor Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck

Zur Erinnerung an Walter Hollitscher (1911–1986)

Vorbemerkung

Die Abtreibung (Schwangerschaftsabbruch, abortio, abruptio) war in der griechischen und römischen Antike praktizierter Alltag. Der griechische Philosoph Platon (427–347 v. u. Z.) lässt Sokrates (463–399 v. u. Z.) im Dialog mit Theaitetos sagen: „Ja, es können auch die Hebammen durch Arzneimittel und Zaubersprüche die Wehen erregen, und wenn sie wollen, sie auch wieder lindern, und den Schwergebärenden zur Geburt helfen, oder auch das Kind, wenn diese beschlossen haben, sich dessen zu entledigen, solange es noch ganz klein ist, können sie abtreiben. Theaitetos: So ist es. Sokrates: Hast du auch das schon von ihnen vernommen, dass sie ebenfalls die geschicktesten Freiwerberinnen sind, indem sie gründlich zu unterscheiden verstehen, was für eine Frau sich mit was für einem Manne verbinden muss, um die vollkommensten Kinder zu erzielen?“.[1] Platon ist der herausragendste Vertreter der Ideologie der Sklavenhalteraristokratie und befürwortete eine elitäre Gesellschaftsordnung.

Der Universalhistoriker Eric Hobsbawm (1917–2012) hat beobachtet, dass in der Menschheitsgeschichte sehr oft „lediglich die Fortsetzung oder Wiederbelebung alter und häufig bis in die Antike zurückgehender Debatten in zeitgenössischen Kategorien“ zu beobachten sind.[2] Eine dieser „zeitgenössischen Kategorien“ ist der Faschismus, der Abtreibung ebenso verbietet wie planmäßig betreibt. Karl Marx (1818–1883) hat als Abiturient eines humanistischen Gymnasiums 1835 Platon als den „größten Weisen des Altertums“ bezeichnet, der „in mehr als einer Stelle eine tiefe Sehnsucht nach einem höheren Wesen aus[spricht], dessen Erscheinung das unbefriedigte Streben nach Wahrheit und Licht erfüllte“.[3] Der an einem humanistischen Gymnasium ausgebildete Heinrich Himmler (1900–1945) hat mit vielen seiner humanistisch gebildeten „Volksgenossen“ die antike Philosophie in sein teuflisches Denken transformiert und von verbrecherischen Korps umsetzen lassen. Zum Beispiel Polen 1943: „Die Deutschen schnappten sich Heugabeln und gingen in den Rinderstall. […] Die Mutter wurde von den Hunden aufgespürt. Ich erinnere mich daran, dass sie lange schwarze Zöpfe hatte. Die Deutschen zogen sie an den Haaren über das Stoppelfeld. Sie zogen sie wie eine Tote aus der Gaskammer, warfen sie auf die Leichen der anderen. Mama war schwanger. Die Familie und die Nachbarn sagten mindestens im sechsten Monat oder sogar im siebten. Sie nahmen eine Heugabel, keinen Beilrücken, kein Stück Holz, sondern eine Heugabel. Das Metall bohrte sich in ihren Bauch. In ihren Bauch, der ihr so schmerzte vor Angst um uns. Da verstummte sie. Niemand sagte etwas.“[4]

In Wien am Mariahilfer Gürtel zeigt das 2003 errichtete, weltweit einzigartige „Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch“ (MUVS) den unglaublich langen, immer wieder in Frage gestellten Weg hin zu einer humanen Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.[5] Initiator war Christian Fiala (*1959), Arzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit Berufserfahrung in Frankreich, Asien (Thailand), Afrika (Uganda, Tansania, Malawi) und Österreich. Über seine Beweggründe meint er: „Als Arzt kann ich nur eine begrenzte Anzahl von Menschen über ihre Fruchtbarkeit aufklären und wie sie damit bestmöglich umgehen. Als Wissenschaftler und Vortragender sind es schon mehr Menschen. Aber erst mit einem Museum gelingt es, das Wissen über verlässliche Verhütung und über einen medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbruch in die ganze Welt hinauszutragen.“[6] Das Wien der katholischen, habsburgischen Räuberdynastie bietet sich für ein solches Museum geradezu an, hat doch hier Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) mit der nach ihr benannten, vom kirchlichen Recht beeinflussten Constitutio Criminalis (1768) für Abtreibung die Todesstrafe angedroht.[7]

In China, wo es Aufzeichnungen gibt, die mehrere Jahrtausende zurückreichen, hat die „christlich-abendländische Kultur“ nie eine hegemoniale Ausstrahlung entfalten können. Seit 1949 hat das chinesische Volk mit der Beseitigung der kolonialen und halbfeudalen Zustände die Fragen von Verhütung und Schwangerschaftsabbruch mit seinem revolutionären Weg verbunden, um den Lebensstandard der Massen des Volkes anzuheben. Eine solche Bewegung fordert im dialektischen Sinne die Bewegung der an das Diesseits ausgerichteten Bewusstseinsbildung des chinesischen Menschen.[8] 

Judentum, Christentum und Islam über Abtreibung

Der talmudische Dichter Seder Jezirat Hawlad erzählt „Von der Gestaltung des Kindes“: „So liegt das Kind im Eingeweid seiner Mutter neun Monate; die ersten drei Monate wohnt es in der unteren Wohnung, die drei mittleren in der mittleren Wohnung, die drei letzten in der oberen Wohnung“.[9] Die Abtreibung wird im Judentum grundsätzlich abgelehnt, weil potentielles Leben zu schützen ist. Wie es bei Interpretationen des aus mündlicher Überlieferung etwa im 5./6. Jahrhundert abgeschlossenen Talmuds ist, erlaubt die Mehrheit der rabbinischen Entscheider (Dezisoren), die Schwangerschaft unter bestimmten Voraussetzungen abzubrechen.[10] Das talmudische Narrativ über den Schwangerschaftsabbruch findet sich auch in dem um 650 n. u. Z. aufgezeichneten Koran. Eine Abtreibung des Embryos ist bis zur zeitlich bestimmten „Beseelung“ erlaubt. „Wir erschufen den Menschen aus einer Substanz aus Lehm; dann setzten Wir ihn als Samentropfen an eine sichere Ruhestätte; dann bildeten Wir den Tropfen zu einem Blutklumpen; dann bildeten Wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen; dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch; dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung.“ [11] Die soziale Indikation ist untersagt: „Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Verarmung. […] Sie zu töten ist eine große Sünde.“[12] Die Grundlage dafür ist die islamische Auffassung, dass der Glaube an den Schöpfer für den gläubigen Menschen, auch wenn er in Armut lebt, Verwirklichung genug ist.[13]

In der aus dem Urchristentum mit seiner jüdischen Messiashoffnung hervorgegangenen römisch-katholischen Kirche beginnt das menschliche Leben mit der Empfängnis und ist von diesem Zeitpunkt an bedingungslos zu schützen. Die Interpretation, dass der Schwangerschaftsabbruch einem Mord gleichkomme, setzte sich mit der Verschmelzung von staatlicher und kirchlicher Herrschaft und der autokratisch-bürokratischen Ordnung unter Kaiser Konstantin I. (um 280–337 n. u. Z.) durch. Hieronymus (ca. 347–420), der das Alte Testament aus dem Hebräischen übersetzt hat, hat die Beseelung des ungeborenen Kindes später beginnen lassen, womit die Fristenlösung durch ihn Akzeptanz finden hätte können. Der 2018 von Papst Franziskus neu herausgegebene Weltkatechismus schreibt fest: „Das menschliche Leben ist vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen. Schon im ersten Augenblick seines Daseins sind dem menschlichen Wesen die Rechte der Person zuzuerkennen, darunter das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Wesens auf das Leben“.[14] Es ist das die Ausübung einer Pastoralmacht, wie sie Michel Foucault (1926–1984) beschrieben hat. Diese Haltung hat aber nie mit der menschlichen Wirklichkeit übereingestimmt und stützt sich vornehmlich auf den Propheten Jeremias (1,5): „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt“.[15] Derselbe Katechismus bringt zum Ausdruck, dass die Todesstrafe im Gegensatz zum Evangelium steht, unzulässig ist und die Kirche ungeachtet ihrer Vergangenheit sich für deren Abschaffung einsetzt. Die Kirche dürfe, so Papst Franziskus, nicht mehr Gesetze sakralisieren, „denen es an Menschlichkeit und Barmherzigkeit mangelt“.[16] Der Weg zu solchen Entscheidungen war ziemlich lang, ein Meilenstein war das Heft der Internationalen Zeitschrift für Theologie Concilium über die Todesstrafe im Jahre 1978. Der spanische Bischof Alberto Iniesta (1923–2016) schreibt, dass alle Christen sich zusammentun sollten, um zu erklären, „dass wir diese Strafe in unserem gegenwärtigen geschichtlichen und kulturellen Kontext für unchristlich halten“. Die Christen könnten dazu beitragen, „reaktionäre Versuchungen überwinden helfen und statt dessen Wege des Suchens, des Wachsens und der Zukunft eröffnen“.[17]

Aus der menschlichen Realität

Der Schriftsteller und Arzt Friedrich Wolf (1888–1953) hat 1929 das Bühnenstück “Cyankali § 218“ geschrieben.[18] In einem Berliner Arbeiterbezirk haben Hete und Paul, die beide in derselben Fabrik arbeiten, eine Beziehung und freuen sich trotz ärmlichster Verhältnisse auf ihr werdendes Kind. Infolge einer Aussperrung werden beide arbeitslos, was nicht weniger Komfort, sondern Hunger bedeutet. Ein von Hete aufgesuchter Arzt will mit Verweis auf die Gesetzeslage nicht helfen, von einer Frau erhält sie ein Fläschchen Cyankali, das die Schwangerschaft auf die üblich praktizierte grausame Weise beenden soll. Hete geht zu ihrer Mutter, die ihr das Mittel verabreicht. Das Cyankali wirkt, Hete windet sich sterbenskrank, die Mutter holt einen Arzt, der die Situation zur Anzeige bringt. Am Bett der totkranken Tochter wird die Mutter verhaftet. Das „Happyend“ bleibt aus. Das entsprach der kapitalistischen Ordnung. Ilja Ehrenburg (1891–1967) lässt einen in dieser Ordnung lebenden deutschen Soldaten Julio Jurenito erzählen, „dass seine Frau in den Monaten der Schwangerschaft so gehungert habe, dass das Kind ohne Haare und Nägel, als ein vollkommener Kretin, zur Welt gekommen sei“.[19] Das Bühnenstück von Wolf wurde 1930 in den Münchener Kammerspielen aufgeführt, wozu der katholische „Bayerische Kurier“ kommentiert (9. April 1930): „Achthunderttausend Frauen im Jahr werden zu Mörderinnen, zehntausend davon sterben. Und für die zehntausend soll das Stück geschrieben sein, auf daß sie leben? Besser sagt an: daß sie sich ausleben!“[20] Albert Ehrenstein (1886–1950) beklagte das „zweierlei Recht“: „Die Frauen der Wohlhabenden oder wenigstens beziehungsreichen Kasten müssen nicht entbinden, das mittellose proletarische Weib hat Vierlinge zu werfen“.[21] Ehrenstein hatte das Glück, vor seiner „Abtreibung“ durch die deutschen Faschisten in das Exil fliehen zu können. Das Stück von Friedrich Wolf ist aktuell wie eh und je, weltweit.

Im erzkatholischen Land El Salvador, in dem Bischof Oscar Romero (1917–1980) wegen seiner Liebe für die ungeborenen und geborenen Kinder und wegen seines Einsatzes zur Befreiung des Volkes, damit es ein menschenwürdiges Leben führen kann, ermordet wurde,[22] wird das absolute Abtreibungsverbotes zum unsagbaren Leid vieler Frauen mit einer erbarmungslosen Justiz durchgesetzt. Wie so oft in den imperialistischen Ländern ist die Justiz Henkerapparat der Unterdrückung und handelt gegen den Menschen. Im Dunklen durchgeführte heimliche Abtreibungen bedingen eine hohe Müttersterblichkeit und selbst dann, wenn die Schwangerschaft durch Gewalt entstanden ist oder aufgrund von Krankheiten das Leben der werdenden Mutter gefährdet, ist eine Abtreibung verboten. Fehl- und Totgeburten werden zur Abschreckung als Kindsmord gewertet und mit bis zu 50 Jahren Haft bestraft.[23] Nach befreiungstheologischer Auffassung ist bei diesen gekreuzigten Frauen Jesus erkennbar. Deshalb bemerkt Karl Rahner (1904–1984) zur Ermordung von Oscar Romero: „Aber wenn Oscar Romero so predigt, dass er am Schluss umgebracht wird, dann dürfte man einen solchen Bischof etwas mehr ehren und loben, als es faktisch getan worden ist. Wenn er wegen einer Predigt gegen die Abtreibung umgebracht worden wäre: Die Lobeshymnen, die dann für ihn gesungen worden wären, die möchte ich mal hören! Wenn er aber gegen soziale Mißstände predigte, wo vielleicht viel mehr Kinder verelenden und verhungern als abgetrieben werden – mindestens in Südamerika, wo das ja nicht das Übliche ist –, dann wird er als unbequemer ‚Stänkerer‘ im besten Fall mit Schweigen übergangen“.[24]

Anfang der 1920er Jahre hat Bertolt Brecht (1898–1956) seine „Kindesmörderin Marie Farrar“ an Maria, die im Glauben der Katholiken jungfräuliche Mutter von Jesus von Nazareth ist und als „Himmelskönigin“ für Hilfe angerufen werden kann, beten und viel erhoffen lassen. Vergeblich, ohne jede Hilfe musste die junge Frau die Schwangerschaft in elendiglichen Bedingungen heimlich austragen und ihr auf dem Abort geborenes Kind in Verzweiflung töten. „Marie Farrar, geboren im April Gestorben im Gefängnishaus zu Meißen Ledige Kindesmutter, abgeurteilt, will Euch die Gebrechen aller Kreatur erweisen. Ihr, die ihr gut gebärt in saubern Wochenbetten Und nennt >gesegnet< euren schwangeren Schoß Wollt nicht verdammen die verworfnen Schwachen Denn ihre Sünd war schwer, doch ihr Leid groß. Darum, ich bitte euch, wollt nicht in Zorn verfallen Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen.“[25] Die allerärmsten Opfer der militärischen und wirtschaftlichen Kriege bis herauf in die Gegenwart sind Frauen mit ihren geborenen und ungeborenen Kindern.

Zu Kriegsende 1945 kam es an allen Fronten zu Vergewaltigungen. Es lässt sich mit Antonio Gramsci (1891–1937) dazu bemerken, dass der Krieg die Sexualinstinkte entfesselt.[26] In der idyllischen Schwarzwaldgemeinde Freudenstadt oberhalb von Freiburg i. Br. wurden nach der Einnahme durch vorrückende französische Truppen, die mehrheitlich Katholiken oder Muslime waren, am 17. April 1945 während dreier Tage hunderte deutsche katholische Frauen vergewaltigt. Ärzte mussten hernach ihr Mögliches tun, um die oft mehrfach vergewaltigten römisch-katholischen Frauen vor den potenziellen Folgen einer Schwangerschaft zu bewahren. Im Osten Deutschlands war die Situation durch vorrückende sowjetische Truppen mit ihren verschiedenen Bekenntnissen häufig nicht anders.[27] Über die Verbrechen im Gefolge der völkerrechtswidrigen Kriege der Gegenwart wird in Europa nur dann berichtet, wenn es den politisch ideologischen Interessen des Imperialismus entspricht. Zu den Opfern des völkerrechtswidrigen Irakkrieges (1999) gehören die Jesidinnen im Irak und Syrien, von denen Hunderte vergewaltigt und mit ihren hernach geborenen Kindern allein gelassen wurden.[28] Niemand spricht von den Frauen und Kindern des von Krieg und unsagbarem Elend gepeinigten Jemen. Im Kongo, dessen Bodenschätze zum Reichtum der Weißen durch Kindersklaven ausgebeutet werden, wurden im Krieg um die Jahrtausendwende Hundertausende Menschen ermordet und das Drama der vergewaltigten Frauen und Mädchen ist vergessen. Der Befreiungstheologe Jon Sobrino SJ (*1938) spricht vom Auschwitz der Gegenwart.[29]

Der weitgereiste schweizerische Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen Jean Ziegler (*1934) klagt an, dass ein Drittel aller in Indien geborenen Kinder untergewichtig sind, jedes Jahr erleiden „Millionen Säuglinge infolge von Unterernährung irreparable Hirnschäden, und weitere Millionen Kinder unter zwei Jahren verhungern“.[30] Weltweit ist den Frauen der Zugang zu der vom in Wien geborenen bulgarischen Juden Carl Djerassi (1923–2015) entwickelten Antibabypille und zu der vom französischen Biochemiker Étienne-Émile Beaulieu (*1926) erfundenen Abtreibungspille aufgrund der Kosten erschwert. Der österreichische Mediziner Hermann Knaus (1892–1970), der mit seiner weltberühmten, gleichwohl fehlerhaften Methode, ungewollte Schwangerschaften durch Abzählen der fruchtbaren Tage der Frau zu verhindern, weltberühmt war, hatte im Vatikan viel Einfluss. Es ist gut möglich, dass Knaus den Beraterstab um Papst Paul VI. (1897–1978) veranlasst hat, dass dieser in seiner 1968 veröffentlichten Enzyklika Humanae vitae die Pille als zeitgemäßes Verhütungsmittel ablehnte. Zur Argumentationslinie von Knaus wie des Vatikans gehörten neben medizinischen Vorhaltungen die moralisierende Auffassung, dass durch die Pille die Moral der gesellschaftlichen Ordnung leide.[31] Beaulieu ist davon ausgegangen, dass weltweit jährlich über 50 Millionen Abtreibungen durchgeführt werden, davon ungefähr die Hälfte im Dunklen. Jährlich sterben ca 200.000 Frauen wegen unsachgemäß durchgeführter Abtreibungen. Der aus seinem geliebten Wien vertriebene, römisch-katholisch erzogene Nobelpreisträger Max Perutz (1914–2002) bedauert, dass in Österreich der berüchtigte § 144 die Abtreibung mit Gefängnis strafbar machte.

Im sozialistischen Polen war die Abtreibung legal, heute ist sie im „freien“ katholischen Polen wieder illegal. Im Rumänien des Autokraten Nicolae Ceauşescu (1918–1989) war zur Steigerung des mit Kindergärten, Schulen und finanziellen Anreizen begleiteten Bevölkerungswachstums die Abtreibung strikt verboten. Ohne solche begleitenden Maßnahmen wie im Rumänien Ceauşescus haben 2019 in den USA mehrere Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die Schwangerschaftsabbrüche verbieten, und andere haben Maßnahmen ergriffen, um den Zugang zu Abtreibungen drastisch einzuschränken. In Alabama gibt es zudem ein Gesetz, das Ärztinnen und Ärzten mit lebenslanger Haft bedroht, die Abtreibungen vornehmen.[32] Die katholische Hierarchie applaudiert in den USA seit jeher den Kriegskurs nach innen und außen. Einer ihrer Repräsentanten war der mit dem antikommunistischen Papst Pius XII. (1876–1958) verbundene Francis Joseph Kardinal Spellmann (1889–1967), der ein Wegbereiter des kindermordenden US-Krieges mit seinen Splitter- und Napalmbomben in Vietnam war: „Um den Radargeräten, den Raketen und der Luftabwehr auszuweichen, sind die Bomber im Tiefflug gekommen. […] von Geschossen umgepflügte Gemüsebeete; Strohhütten die wie Kartenhäuser zusammengestützt sind; die sechs Kinder von Herrn Luy, allesamt getötet, liegen auf dem Fußboden nebeneinander gebettet, Fleisch und Kleider von fast unsichtbaren Löchern durchsiebt, als wären sie nur von Dornen zerkratzt“.[33] Nur weniger Priester der katholischen Kirche wie der Befreiungstheologe Daniel Berrigan SJ (1921–2016) protestierten gegen diese Kriegsverbrechen und wurden deshalb in den USA inhaftiert.[34] Djerassi hat Ende der 1980er Jahre festgestellt, dass in Japan die Pille vom Markt ferngehalten wurde, weil ein Teil der japanischen Ärzteschaft an den zugelassenen Abtreibungen gut verdiente, weil sie diese privat abrechnen konnte.[35] Mit dem als „Amalgam von Josef Stalin und Adolf Hitler“ denunzierten Menschenfreund Beaulieu war Perutz der Meinung, dass solche Gesetze die Abtreibung nicht verhinderten, „sondern machten sie nur für betroffene Frauen gefährlicher, besonders wenn sie arm waren“.[36] Perutz fordert Aufklärungskampagnen über Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und Empfängnisverhütung, das wäre „der effektivste Weg zur Herabsetzung ungewollter Schwangerschaften unter Jugendlichen auf der ganzen Welt“.[37] Die von Djerassi und Beaulieu entwickelten Medikamente werden abgelehnt, weil sie der „liebenden Vereinigung und Fortpflanzung“ widersprechen, dagegen wird die natürliche Empfängnisregelung befürwortet.[38]

Das Katholische hat immer wieder die Tendenz zur reaktionären Ideologie zu werden. Solche Anweisungen nach dem Lehrbuch der Theologie können keine christliche Antwort auf die Fragen der Menschen über ihre Sexualität und Fortpflanzung sein, sie diskriminieren jene armen Frauen, die am augenscheinlichsten betroffen sind. Unter dem schier zynischen Titel „Leben in Fülle“ dozierten die Bischöfe Österreichs im Jahre 2006: „Wenn es bei einer vergewaltigten Frau nach einem geeigneten Testverfahren keinen Beweis dafür gibt, dass die Empfängnis bereits stattgefunden hat, darf sie mit Medikamenten behandelt werden, die den Eisprung, die Spermaaufnahme oder die Befruchtung verhindern. Es ist jedoch nicht zulässig, Behandlungen einzuleiten oder zu empfehlen, die als ihr Ziel oder als direkte Wirkung die Entfernung, Vernichtung oder Störung der Einnistung einer bereits befruchteten Eizelle haben. Ein Verbrechen wie sexuelle Gewalt und Vergewaltigung kann nicht durch ein anderes Unrecht, nämlich Abtreibung, gutgemacht werden. Jeder Mensch besitzt auch dann eine unverletzliche personale Würde und das Recht auf Leben, wenn seine Empfängnis das Resultat sexueller Gewalt war“.[39]

Abtreibung ist für Papst Franziskus ein „technokratisches Paradigma“ der imperialistischen Gesellschaft

Der argentinische Jesuit Kardinal Jorge Mario Bergoglio (*1936) wurde am 13. März 2013 zum Papst gewählt und hat sich als solcher in Erinnerung an Franz von Assisi (1181/82–1226), der das Ideal der Armut predigte und lebte, den Namen Franziskus gegeben. Papst Franziskus gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwart. Er kommt aus Lateinamerika, dessen Geschichte geprägt ist von Diktatoren, die vom US-Imperialismus finanziert an die Macht gelangten. Lateinamerika ist aber auch der Kontinent der nationalen Befreiungsbewegungen, in deren Erinnerungen Fidel Castro (1926–2016) oder Salvador Allende (1898–1973) lebendig sind. Papst Franziskus ist und bleibt ein „Sohn der Kirche“, was er in seinem von Antonio Sparado SJ (*1966) 2013 veröffentlichten ersten Interview als Papst hervorgehoben hat.[40] Es ist eine Kirche, deren Hierarchie bis herauf in die Gegenwart Helfershelfer der „Zivilisation des Reichtums“ mit allen ihren barbarischen Konsequenzen war. Der buddhistische Mönch und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh (*1926) hat gut erläutert, was es bedeutet, „Sohn“ zu sein: „Das Kollektive und das Individuelle durchdringen und bedingen einander. Von daher kann auch Karma als kollektive Manifestation angesehen werden. Reifung ist teilweise individuell, basiert auf ihren Gedanken, Handlungen und Worten. Doch sie vollzieht sich auch kollektiv“.[41] Solches Denken ist nicht spezifisch buddhistisch, sondern findet sich bei herausragenden Gestalten des Jesuitenordens wie dem wegen seines Einsatzes für Gerechtigkeit von den Henkern des US-Imperialismus ermordeten Ignacio Ellacuría (1930–1989), der über konstante Rückwirkungen zwischen Person und Gesellschaft bzw. sozialem Körper nachdachte.[42] Papst Franziskus ist 1958 in den Jesuitenorden eingetreten. Die Befreiung der Frau aus patriarchaler Knechtschaft und Mutterkultus wird von der die beiden ersten Nachkriegsjahrzehnte bestimmenden Generation des Jesuitenordens als kommunistische Heuchelei diskriminiert. Papst Franziskus selbst beklagt, er habe in seiner Kirche die „Dekadenz des Denkens“ erlebt und Philosophie in „Handbüchern des dekadenten Thomismus“ studiert.[43]

Im System der Jesuitenkollegs lernte man in ein und derselben Manier zu denken. Der westdeutsche Jesuitenpater Johannes Leppich (1915–1992), der bei seinen Auftritten als Prediger in den fünfziger Jahren in Westdeutschland und Österreich Massenzulauf hatte, vermittelte die für das Spanien des mörderischen Putschisten Francisco Franco (1892–1975) und des klerikalfaschistischen Gründers von Opus Dei Josemaría Escrivá (1902–1975) geltenden heuchlerischen Normen für Begegnung und Zusammenleben von Mann und Frau: „Daher muss ich Euch, Ihr jungen Männer, einen dringenden Rat geben: wenn Ihr vorhabt zu heiraten, dann schaut Euch das Mädel einmal genau an, prüft einmal, was sie eigentlich zu Hause macht. Wenn sie zu dumm zum Kochen ist, dann laßt sie laufen. Wenn ihr daheim die Decke auf den Kopf fällt, wenn sie nichts anzufangen weiß mit sich selbst und mit ihrer freien Zeit, wenn sie unbedingt heraus muss, weil sie meint sonst würde sie verrückt, dann lass die Finger davon. Das wird nie zu einer echten Ehe“.[44] Dass es überhaupt zu hunderttausenden Abtreibungen komme, ist für Leppich SJ die Folge des profitmachenden „Sexualismus“, der alles und alle in eine falsche Richtung führe. Vor allem gelte es die Frauen zu „schützen vor jedem Bolschewismus, der sich in den westlichen Ehegesetzen breitzumachen versucht“.[45] 

Mit dem II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) streifte die katholische Kirche allmählich ihre traditionalistischen Fesseln ab. Die Aussage, dass das Leben „von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen ist“ war nicht mehr isoliert, weil sie mit dem Auftrag verbunden war, „auf eine menschenwürdige Weise“ für das Leben Sorge zu tragen.[46] Für die Gesellschaft Jesu bedeutete das Generalat von Pedro Arrupe SJ (1907–1991) eine Hinwendung zur Gerechtigkeit.[47] Das Denken, dass die Befreiung der Frauen aus Unterdrückung auch die Befreiung der Männer von ihrer Eigenschaft, Unterdrücker zu sein, bedeutet, war am Horizont der Befreiungstheologie angelangt. Die Forderungen der Frauenbewegung nach dem Recht der Frau, über Schwangerschaftsabbruch selbst zu entscheiden, waren nicht mehr zu ignorieren. Große Resonanz gewann im westlichen Europa die intellektuelle Französin Simone de Beauvoir (1908–1986), die seit Ende der 1940er Jahre den offenen medizinischen Zugang der Frau zum Schwangerschaftsabbruch mit dem Recht der Frauen zur Selbstbestimmung verknüpfte.[48] Weil diese Frauenforderungen innert der bürgerlichen Gesellschaft blieben und die soziale Herrschaft des Kapitals nicht in Frage gestellt wurde, kam es zu guten Ergebnissen bei der Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Die Aktion „Wir haben abgetrieben!“ (1971) von in der bürgerlichen Presse als prominent angebotenen Frauen fand in der Bundesrepublik Deutschland großes Medienecho.[49] Der Grundtenor, dass es sich um einen zeitlosen Klassenkampf zwischen „den“ Männern und „den“ Frauen handle, ignorierte die tatsächliche ökonomische Klassenzugehörigkeit von Mann und Frau.[50] 1976 wurde in der Bundesrepublik Deutschland der Schwangerschaftsabbruch straffrei gestellt, wenn eine verpflichtend vorgeschriebene medizinische Untersuchung der Frau eine medizinisch-soziale, eugenische, kriminologische oder Notlagen-Indikation feststellte. Es ist kein Zufall, dass das fortschrittlichste Gesetz „Über die Unterbrechung der Schwangerschaft“ in Europa in der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik 1972 in Kraft getreten ist. Helga E. Hörz (*1935) hat den langen Weg bis dorthin mit persönlichen Erfahrungen beschrieben. Ausgehend von der Gleichberechtigung der Frau in Ausbildung und Beruf, Ehe und Familie – so wie das August Bebel (1840–1913) mit seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“ niedergeschrieben hat – konnte jede Frau frei bestimmen, ob sie innerhalb von 12 Wochen nach Beginn der Schwangerschaft diese beenden möchte. Eine Begründung dafür zu geben, war nicht notwendig. Kosten für den Unterbruch in einer geburtshilflich-gynäkologischen Einrichtung erwuchsen der Frau keine. Ein umfassendes Beratungssystem gewährleistete, dass Frauen von den möglichen Verhütungsmaßnahmen Kenntnis und schwangerschaftsverhütende Mittel kostenlos über die Sozialversicherung erhielten. Krippen und Kindergärten garantierten alleinstehende Frauen qualifizierte Kinderbetreuung von Anfang an. Diese Gesetzgebung der DDR für Frauen und ihre Kinder war weltweit vorbildhaft,[51] nach der Implosion der sozialistischen Länder in Europa wurde sie zurückgefahren und dem liberal-bürgerlichen Niveau der imperialistischen Bundesrepublik Deutschland angepasst. Nach vielen juristischen Debatten wurde 1995 die Fristenlösung mit Beratungspflicht Bundesgesetz. Die Professorin der Christlichen Ethik in Boston Lisa Sowle Cahill (*1948) schreibt 2009 in der Internationalen Zeitschrift für Theologie Concilium: „Warum sollte man nicht spezifisch Normen entwickeln, bei denen die Anforderungen an einen fairen Lohn, die soziale Pflicht der vorgeburtlichen Betreuung und der Kinderfürsorge […] klar benannt werden?“[52] Die heute als „Unrechtsstaat“ benannte DDR ist dafür ein benennbares historisches Vorbild.

„Die Unterscheidung“ als Anliegen des Gründers der Gesellschaft Jesu (Jesuitenorden) Ignatius von Loyola (1491–1556) hat Papst Franziskus zeitlebens als Eckpfeiler seines Denkens begleitet. Es dürfe, so Papst Franziskus über die Rolle der Priester seiner Kirche, „keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben. […] Gott begleitet die Menschen durch das Leben und wir müssen sie begleiten und ausgehen von ihrer Situation. Wir müssen sie mit Barmherzigkeit begleiten“. In der Frage des Schwangerschaftsunterbruchs hält Papst Franziskus an der kirchlichen Dogmatik der Vergangenheit unverrückbar fest. In seinem Erstinterview (2013) sagte er aber: „Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden. Das geht nicht. Ich habe nicht viel über diese Sachen gesprochen. Das wurde mir vorgeworfen. Aber wenn man davon spricht, muss man den Kontext beachten“.[53] 2013 erklärt Papst Franziskus den Kampf der Kirche gegen die Abtreibung: „Das sehe ich im Zusammenhang mit dem Einsatz zugunsten des Lebens – und zwar von der Empfängnis bis zu einem natürlichen Tod in Würde. Und das beinhaltet auch die Fürsorge für die werdende Mutter. Es bedeutet, dass es Gesetze zum Schutz der Mutter nach der Geburt geben muss; es bedeutet, eine angemessene Ernährung der Kinder zu gewährleisten sowie eine medizinische Versorgung während des ganzen Lebens, aber es schließt auch die Fürsorge für unsere alten Menschen ein, ohne auf die Euthanasie zurückzugreifen. Man darf Menschen auch nicht ‚durch Unterlassen töten‘, weder durch eine ungenügende Ernährung noch durch eine fehlende oder defizitäre Erziehung. Alles das verhindert ein erfülltes Leben. Wenn man die Empfängnis achten muss, muss man auch das Leben schützen“. Katholische Familien müssten sich nach Papst Franziskus nicht unbegrenzt vermehren. Im Jänner 2015 äußerte sich der Papst vor Journalisten mit Blick auf die hohe Geburtenrate und Armut auf den Philippinen, dass es zur „verantworteten Elternschaft“ gehöre, sich nicht wie „Kaninchen“ zu vermehren.[54]

Papst Franziskus kennt den schweizerischen Schriftsteller Max Frisch (1911–1991) eher nicht. Dieser hat 1957 in seinem Bericht über den „Homo faber“ den Schwangerschaftsabbruch in privilegierten Schichten der imperialistischen Gesellschaft dargestellt: „Wo kämen wir hin ohne Schwangerschaftsunterbrechungen? Fortschritt in Medizin und Technik nötigen gerade den verantwortungsbewussten Menschen zu neuen Maßnahmen. Verdreifachung der Menschheit in einem Jahrhundert. […] Menschen sind keine Kaninchen, Konsequenz des Fortschritts: wir haben die Sache selbst zu regeln. […]“.[55] Papst Franziskus beruft sich in seiner Argumentation auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse: „Die Wissenschaft sagt uns, dass das neue Wesen vom Augenblick der Empfängnis an den kompletten genetischen Code enthält. Das ist beeindruckend. Und somit ist es keine religiöse, sondern eindeutig eine wissenschaftlich fundierte moralische Frage, weil wir es bereits mit einem menschlichen Wesen zu tun haben“.[56] Für Papst Franziskus ist die Moral eine feststehende, von ihm und seiner Kirche und gegebenenfalls von der herrschenden Klasse bestimmte, endgültige Norm. Das ist eine Illusion, weil jede als ewige Wahrheit überlieferte Moral zunächst einmal zu kritisieren ist. Schon Friedrich Engels (1820–1895) hat gesagt: „Wenn wir nun aber sehn, dass die drei Klassen der modernen Gesellschaft, die Feudalaristokratie, die Bourgeoisie und das Proletariat jede ihre besondre Moral haben, so können wir daraus nur den Schluß ziehn, dass die Menschen, bewusst oder unbewusst, ihre sittlichen Anschauungen in letzter Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage begründet ist – aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie produzieren und austauschen.“[57] Das galt für das 19. Jahrhundert. In den 1960er Jahren hat der Marxismus an seine Klassiker anknüpfend wieder die Frage gestellt, wie der sozialistische Humanismus nicht allein durch Veränderung der gesellschaftlichen Grundverhältnisse erwachsen kann und die Lehre vom Menschen nicht nur eine Theorie vom Menschen als Gattung, sondern auch und besonders eine Theorie vom Menschen als Individuum ist.

Papst Franziskus will mit seiner Moraldogmatik keine „Verurteilung“ der abtreibenden Frauen aussprechen. Er empfindet „viel mehr – ich sage nicht Kummer, sondern Mitleid – im biblischen Verständnis des Wortes, im Sinne des Mit-Leidens und des Begleitens einer Frau, die abtreibt, aus wer weiß welchen Zwängen heraus.“ Für professionelle Kliniken, „die es wegen des Geldes und mit unglaublicher Kälte tun“, habe er kein Verständnis. Papst Franziskus sind Praxen oder Kliniken nicht bekannt, die Frauen in ihrer Not beistehen und nicht, wie er annimmt, Frauen hernach „aus Angst vor einer möglichen Entdeckung und aus Furcht davor, dass die Polizei auftauchen könnte“, nach der Abtreibung nach Hause schicken. „Diese Gefühlskälte steht im krassen Gegensatz zu den Gewissensqualen, die viele Frauen noch Jahre nach einer Abtreibung empfinden. […] weil sie genau wissen, dass sie ein Kind getötet haben“. Um den Schwangerschaftsabbruch vorzubeugen, will Papst Franziskus sich für eine Sexualerziehung einsetzen, „die auf die volle Entfaltung der Person in der Liebe zielt“, er will nicht nur ein Gesetz, „das Sexualität auf das Genitale reduziert“.[58] Er bewertet die Sexualität für seine Kirche neu und versteht sie nicht als einfache und dazu negativ animalische Größe im menschlichen Leben. Er sieht die Sexualität als möglichen „Sozialisationsfaktor“ und als Energie für die Neuinterpretation der Gesellschaft. Papst Franziskus greift die Gedanken der Befreiungstheologie auf, wie sie der brasilianische Moraltheologe Antônio Moser (*1939) in deren Handbuch „Mysterium Liberationis“ niedergeschrieben hat: „Wenn nun aber die Sexualität auf die Gemeinschaft weist, dann werden die Menschen nur zur sexuellen Integration gelangen, im Maße sie Integration auch in anderen Bereichen schaffen. Die Humanisierung der Sexualität ist Teil eines größeren Ganzen. Sexualität findet, genau wie die Menschen, Völker und Kulturen, ihren letzten Sinn, insofern sie ihre Grenzen überschreitet: In gegenseitiger Befruchtung werden sie in die Liebe eintauchen können.“ [59]

2014 (11. April) hat Papst Franziskus in einer Ansprache an die „Bewegung für das Leben“ gefordert, es müsse „der entschiedenste Widerstand gegen jeglichen direkten Angriff auf das Leben, insbesondere auf das unschuldige und wehrlose Leben bekräftigt werden, und das ungeborene Kind im Mutterleib ist unschuldig schlechthin“.[60] In seiner Enzyklika Laudato si‘ (2015)[61] hat er von einem „technokratischen Paradigma“ gesprochen, was zur Abtreibung hinführe: „Da alles in Beziehung steht, ist die Verteidigung der Natur auch nicht mit der Rechtfertigung der Abtreibung vereinbar. Ein erzieherischer Weg, die Schwachen anzunehmen, die uns umgeben und die uns manchmal lästig oder ungelegen sind, scheint nicht machbar, wenn man nicht einen menschlichen Embryo schützt, selbst wenn seine Geburt Grund für Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten sein sollte“.[62] In einer Generalaudienz (10.Oktober 2018) spitzt Papst Franziskus seine Verurteilung der Abtreibung zu. Es sei im Prinzip so, als ob man wegen der Verachtung des Lebens einen „Auftragsmörder“ anheuere.[63] Das „technokratische Paradigma“ sei, so in seinem letzten Buch (2019), eine verzerrte Geisteshaltung, es gehe darum, „füreinander zu sorgen als Mitgeschöpfe eines liebenden Gottes, und um alles, was das einschließt. In anderen Worten: Wenn du denkst, dass Abtreibung, Euthanasie und die Todesstrafe akzeptabel sind, dann wird es dein Herz schwer haben, sich um die Vergiftung von Flüssen und die Zerstörung des Regenwaldes zu sorgen. Und umgekehrt stimmt es genauso. Auch wenn Menschen energisch behaupten, dass dies moralisch gesehen unterschiedliche Dinge sind: Solange sie behaupten, dass Abtreibung gerechtfertigt ist, aber die Versteppung nicht, oder dass Euthanasie falsch ist, aber verschmutzte Flüsse nun einmal der Preis für wirtschaftlichen Fortschritt sind, so lange werden wir in demselben Mangel an Integrität stecken bleiben, der uns dorthin gebracht hat, wo wir jetzt sind.“[64]

Obschon Papst Franziskus zum komplizierten Problem der Abtreibung keinen Dialog zuzulassen scheint, ist seine Haltung für die katholische Welt ein Riesenfortschritt, weil er das persönliche Leben des Menschen mit kirchlichen Gesetzen ideologisch nicht beherrschen will. Armut, Hunger, Leid und Ausgrenzung der weit überwiegenden Mehrheit der Menschen werden von ihm nicht als gottgewolltes Gebot gesehen, sondern als Ergebnis der kapitalistischen Ordnung. Die menschliche Würde hat einen höheren Stellenwert als das menschliche Leben und von dieser Unterscheidung her verbindet Papst Franziskus den Einsatz für das ungeborene Leben mit dem Einsatz für die Menschenwürde des geborenen Lebens. „Zur Wahrheit gehört nicht nur das Resultat, sondern auch der Weg“ [65] – die Katholische Kirche ist mit Papst Franziskus auf dem Weg. 


[1] Platon. Erster Band. Deutsch von Friedrich Schleiermacher. Phaidon Verlag 1925, S. 227.

[2] Eric Hobsbawm: Wieviel Geschichte braucht die Zukunft. Aus dem Englischen von Udo Rennert. Deutscher Taschenbuch Verlag München 2001, S. 83.

[3] MEW, Ergänzungsband 1, Dietz Verlag Berlin 1968, S. 598–601 (Die Vereinigung der Gläubigen mit Christo nach Joh. 15, 1–14, in ihrem Grund und Wesen, in ihrer unbedingten Notwendigkeit und in ihren Wirkungen dargestellt), hier S. 598. 

[4] E. Karpińska-Morek, A. Waś-Turecka, M. Sieradzka, A. Wróblewski, T. Majta, M. Drzonek: Als wäre ich allein auf der Welt. Der nationalsozialistische Kinderraub in Polen. Aus dem Polnischen von Antja Ritter-Miller. Herder Verlag Freiburg / Basel / Wien 2020, S. 29; über die „Auslese“ s. Horst Seidler / Andreas Rett: Das Reichssippenamt entscheidet. Rasenbiologie und Nationalsozialismus. Jugend und Volk Wien / München 1982. 

[5] Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (muvs​.org)

[6] Ebenda.

[7] Historischer Überblick dazu von Günter Jerouschek: Die juristische Konstruktion des Abtreibungsverbots. In: Ute Gerhard (Hg.), Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der Frühen Neuzeit. Verlag C. H. Beck München 1997, S. 248–261; Artikel Schwangerschaftsabbruch. I. Historisch (Sabine Demel); II. Ethisch (Anna Loades). In: Theologische Realenzyklopädie. Band XXXX, Walter de Gruyter Verlag Berlin / New York 1999, S. 630–640. 

[8] Vgl. Julia Ching: Der religiöse Sinn der Chinesen. Concilium 15 (1979), S. 358–361; Topos. Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie hg. von Hans Heinz Holz und Domenico Losurdo. Heft 18. China. Napoli 2001.

[9] Sendung und Schicksal. Aus dem Schrifttum des nachbiblischen Judentums. Mitgeteilt von Nahum Norbert Glatzer und Ludwig Strauss. Schocken Verlag Berlin 1931, S. 217–222, hier S. 220.

[10] „Lehre ich, Ewiger, Deinen Weg“. Ps. 86:11. Ethik im Judentum. Hg. vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. Leipzig 2015, S. 72.

[11] Sura 23: Al-Mu‘minῡn (Die Gläubigen), 12–14.

[12] Sura 17: Sura Al-Isrᾱ (Die Nachtreise), 31.

[13] Vgl. Richard Gramlich: Der eine Gott. Grundzüge der Mystik des islamischen Monotheismus. Harrassowitz Verlag Wiesbaden 1998, S. 195. 

[14] http://​www​.vatican​.va/​a​r​c​h​i​v​e​/​c​c​c​/​i​n​d​e​x​_​g​e​.htm

[15] Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH Stuttgart 12. A. 2015, S. 868. 

[16] Ansprache von Papst Franziskus am 17. Dezember 2019. L’Osservatore de Romano vom 11. Januar 2019.

[17] Alberto Iniesta: Die Todesstrafe in Spanien: Gesetzliche Grundlage und praktische Handhabung. Concilium 1978, S. 647–650.

[18] Internationaler Arbeiter-Verlag Berlin / Wien / Zürich 1929; dazu Cyankali von Friedrich Wolf. Eine Dokumentation. Herausgegeben von Emmi Wolf und Klaus Hammer. Aufbau Verlag Berlin 1978.

[19] Ilja Ehrenburg: Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito. Suhrkamp Verlag 1976, S. 200.

[20] Zitiert von Cyankali 1978, S. 291.

[21] Cyankali, S. 308 f. (Die Welt am Abend, Berlin, 24. März 1931).

[22] Oscar Arnulfo Romero: Die notwendige Revolution. Mit einem Beitrag von Jon Sobrino über den Märtyrer der Befreiung. Kaiser / Grünewald Verlag München / Mainz 1982; Martin Maier: Oscar Romero: Prophet einer Kirche der Armen. Herder Verlag Freiburg / Basel / Wien 2015.

[23] Abtreibungsverbot – Amnesty International – El Salvador-Koordinationsgruppe (ai​-el​-salvador​.de)

[24] Karl Rahner im Gespräch. Bd. 2: 1978–1982. Hg. von Paul Imhof, Hubert Biallowons. Kösel Verlag München 1983, 176 f. Romero wurde 2018 von Papst Franziskus heilig gesprochen.

[25] Die Gedichte von Betolt Brecht in einem Band. Zitiert nach Suhrkamp Frankfurt a. M. 6. A. 1990, S. 176–179, hier S. 179.

[26] Gefängnishefte. Band 1 hg. von Klaus Bochmann mit einem Vorwort von Wolfgang Fritz Haug. Argument Verlag Hamburg 1991, S. 194. 

[27] Silke Satjukow und Rainer Gries: ‚Bankerte!‘ Besatzungskinder in Deutschland nach 1945. Campus Verlag Frankfurt a. M. 2015; Vergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg. Schweigen und schmerzhafte Frage. Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg: Schweigen und schmerzhafte Fragen | ZEIT ONLINE 

[28] Uno klagt Völkermord an den Jesiden an | NZZ

[29] Jon Sobrino: Der Glaube an Jesus Christus. Grünewald Verlag Stuttgart 2008, S. 33.

[30] Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. C. Bertelsmann Verlag München 4. A. 2011, S. 147.

[31] Vgl. Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch: 4. Dezember 2018. 50 Jahre katholische Enzyklika Humanae vitae: Hatte der Österreicher Hermann Knaus seine Hand im Spiel? Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (muvs​.org) 

[32] Abtreibungsgesetze in den USA – 10 Dinge, die du wissen musst | Amnesty International Österreich

[33] Madeleine Riffaud: Unsichtbare Brücken. Ein Vietnam-Bericht. Verlag Neues Leben Berlin 1968, S. 111.

[34] Gerhard Oberkofler: Friedensbewegung und Befreiungstheologie. Marxistische Fragmente zum Gedenken an den Friedenskämpfer Daniel Berrigan SJ (1921–2016). trafo Verlag Berlin 2016.

[35] Carl Djerassi: Die Mutter der Pille. Autobiographie. Diana Verlag München Zürich 2001, S. 510.

[36] Max Perutz: Ich hätte sie schon früher ärgern sollen. Aufsätze über Wissenschaft, Wissenschaftler und die Menschheit. Verlag Brüder Hollinek. Purkersdorf 1999 S. 183–190 (Das Recht der freien Entscheidung), hier S. 187.

[37] Perutz, Ich hätte, S. 189.

[38] Die österreichischen Bischöfe 2006, S. 17–19.

[39] Die österreichischen Bischöfe. 6. Leben in Fülle. Leitlinien für katholische Einrichtungen im d‑ienst der Gesundheitsfürsorge. Wien 2006, S. 16.

[40] Antonio Sparado SJ: Das Interview mit Papst Franziskus. Herder Verlag Freiburg / Basel / Wien 2013, S. 51.

[41] Thich Nhat Hanh: Die Heilkraft buddhistischer Psychologie. Aus dem Englischen von Ursula Richard. Goldmann München 8. A. 2018, S. 134. 

[42] Ignacio Ellacuría: Philosophie der geschichtlichen Realität. Eingeleitet und übersetzt von Raúl Fornet-Ponse Verlagsgruppe Mainz in Aachen 2010, S. 442.

[43] Spadaro, Das Interview, S. 73.

[44] Pater Leppich: 3x Satan. Bastion Verlag Düsseldorf 3. A. 1957, S. 40.

[45] Pater Leppich spricht. Journalisten hören den „Arbeiterpater“. Bastion Verlag Düsseldorf. 6. A. 1953, S. 46.

[46] Karl Rahner / Herbert Vorgrimler: Kleines Konzilskompendium. Herder Verlag Freiburg / Basel/ Wien 2008, Pkt. 51.

[47] Vgl. Martin Maier: Pedro Arrupe – Zeuge und Prophet. Ignatianische Impulse. Echter Verlag Würzburg 2007.

[48] Le Deuxième Sexe in zwei Bänden wurde 1951, ins Deutsche übersetzt und im Rowohlt Verlag (einbändig) Hamburg 1951 herausgegeben (als Tb. bei rowohlt Reinbek 1968).

[49] Vgl. Alice Schwarzer: Lebenswerk. Kiepenheuer & Witsch Köln 2. A. 2020.

[50] Vgl. dazu Walter Hollitscher: Der überanstrengte Sexus. Die sogenannte sexuelle Emanzipation im heutigen Kapitalismus (= Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie 56). Akademie Verlag Berlin 1975, bes. S. 109 f. 

[51] Vgl. Die Frau in der DDR. Zum 100. Jahrestag der Herausgabe von August Bebels Buch >Die Frau und der Sozialismus. Verlag Zeit in Bild Berlin 1978; Helga E. Hörz: Der lange Weg zur Gleichberechtigung. Die DDR und ihre Frauen. Trafo Verlag Berlin 2010, S. 102–106; Helga E. Hörz und Herbert Hörz: Die Bedeutung der Menschenrechte für die Lösung der Menschheitsprobleme. In: Gerhard Banse, Brigitte Kahl & Jan Rehmann (Hrsg.), Marxismus und Theologie. Abhandlungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften 55. trafo Verlag Berlin 2019, S. 133–150.

[52] Lisa Sowle Cahill: Christliche Theologie und Ethik. Concilium, März 2009, S. 65–74, hier S. 71.

[53] Sparado, Das Interview, S. 51.

[54] So kam es zum «Kaninchenwort» des Papstes und «3 Kinder sind ideal» – kath​.ch

[55] Max Frisch: Homo faber. Ein Bericht. suhrkamp taschenbuch 1. A. 1977, S. 105.

[56] Papst Franziskus: Mein Leben. Mein Weg. El Jesuita. Die Gesoröche mit Jorge Mario Bergoglio von Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti. Vorwort von Rabbi Abraham Skorka. Herder Verlag Freiburg / Basel / Wien 2013, S. 102–104, hier S. 102.

[57] MEW 20 (1973), S. 87

[58] Papst Franziskus, Mein Leben, S. 103 f.

[59] Vgl. Antônio Moser: Sexualität. In: Ignacio Ellacuría, Jon Sobrino (Hg.): Mysterium Liberationis. Grundbegriffe der Theologie der Befreiung. Band 2. Edition Exodus. Luzern 1996, S. 741–757 (Übersetzung: Michael Lauble), Zitat S. 757. 

[60] http://​www​.vatican​.va/​c​o​n​t​e​n​t​/​f​r​a​n​c​e​s​c​o​/​d​e​/​s​p​e​e​c​h​e​s​/​2​0​1​4​/​a​p​r​i​l​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​p​a​p​a​–​f​r​a​n​c​e​s​c​o​_​2​0​1​4​0​4​1​1​_​m​o​v​i​m​–​p​e​r​–​l​a​–​v​i​t​a​.​html

[61] Die Umwelt-Enzyklika des Papstes. Herder Verlag Freiburg / Basel / Wien 2015.

[62] Laudato si. Die Umwelt-Enzyklika des Papstes. Herder Verlag Freiburg i. Br./ Basel / Wien 2015, Pkt. 120, S.130. 

[63] Papst Franziskus. Generalaudienz. 10. Oktober 2018: http://​www​.vatican​.va/​c​o​n​t​e​n​t​/​f​r​a​n​c​e​s​c​o​/​d​e​/​a​u​d​i​e​n​c​e​s​/​2​0​1​8​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​p​a​p​a​–​f​r​a​n​c​e​s​c​o​_​2​0​1​8​1​0​1​0​_​u​d​i​e​n​z​a​–​g​e​n​e​r​a​l​e​.​html

[64] Papst Franziskus: Wage zu Träumen. Mit Zuversicht aus Krise. Im Gespräch mit Austen Ivereigh. Kösel Verlag München 2019, S. 49 f.

[65] Karl Marx: Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion. MEW 1 (1972), S. 3–25, hier S. 7.

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