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Weshalb sind Kurden in Österreich?

Gastautor: Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., ist Universitätsprofessor i.R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.

Tradition, Sehnsucht und Widerstand des kurdischen Volkes spiegeln sich in vielen Liedern kurdischer Barden wider. Mit Şivan Perwer so:

„Kurdistanem ka? Wo ist mein Kurdistan?
Wo ist mein Land? Wo sind meine Weingärten?
Wo sind meine Äcker?
Die Feinde haben alles besetzt!
Wo ist mein Land, mein Kurdistan, meine rote Rose?
Ich suche mein Kurdistan, aber ich finde es nicht!
Kurdistan hat uns geboren
Unsere Heimat hat uns zu Menschen gemacht.
Die Nacht geht schnell vorüber, der Tag bricht wieder an!
Ich werde Dich nicht vergessen.
Nein! Nein! Mein Land Kurdistan,
Dich vergesse ich nicht!“

Die Kurden, heute etwa 35 Millionen Menschen, sind eines der ältesten Völker des Mittleren Ostens. Hinweise auf die Kurden finden sich auf sumerischen Steintafeln (2000 v. u. Z.). Ihre staatliche Zugehörigkeit ist auf mehrere Staaten verteilt, auf die Türkei, Irak, Syrien und auf die transkaukasischen Staaten. Der geographisch und bevölkerungsmäßig größte Teil Kurdistans mit etwa 15 Millionen Menschen liegt im rohstoffreichen türkischen Ostanatolien. Das Völkerrechtsprinzip, dass alle Völker das Recht der Selbstbestimmung und auf selbständige staatliche Existenz haben, ist dem kurdischen Volk verwehrt. In Türkisch-Kurdistan betreibt die türkische Regierung seit jeher eine massive Politik der Versklavung des kurdischen Volkes. Noch 1991 sagte der damalige türkische Staatspräsident: „Kurdisch ist eine Nomadensprache, es gibt keine Literatur in kurdischer Sprache“. Kurdische Sprachstudien gibt es in Europa seit Ende des 18. Jahrhunderts, begonnen vom italienischen Dominikaner Maurizio Garzoni. Es ist auch eine reiche kurdische Literatur in Türkisch-Kurdistan überliefert, die sich mündlich und bar jeder Freiheit entfaltet hat. Einer der bekanntesten kurdischen Poeten ist der in Siverek geborene und viel zu früh (2007) verstorbene Mehmed Uzun.

Die ursprüngliche Religion der Kurden ist die alevitische, sie ist für Europäer schwer zu definieren. Ein Wesenszug ist Gewaltlosigkeit und die Verbundenheit mit der Natur. Die Frage nach Gott stellt sich für Aleviten nicht, weil die Welt eine Einheit ist, die keine nichtweltlichen Elemente kennt. Die Mehrheit der Kurden hat, um Verfolgungen auszuweichen, den Islam („Ergebung in den Willen Gottes“) angenommen, so wie z. B. in Lateinamerika die indigenen Völker sich der sich christlich nennenden Religion ihrer Herrenklasse unterworfen haben. Im realen Leben der kurdischen Clans ist der „Großvater“ Patriarch und Führer. Zu vielen Ritualen und Festen der Clans ruft er zusammen. Seine Frau ist zuständig für die Clan-internen Kontakte. In kurdischen Erzählungen spielt der Vogel Pepug als Seelenvogel eine große Rolle. „Vergiss nicht: Jeder ist in seinem Nest glücklich, auch die Vögel“, schreibt Mehmet Uzun. 

Die Unterdrückung der Kurden und die österreichische Politik 

1984 hat in Wien der langjährige österreichische Justizminister Christian Broda für ein Symposium über die geopolitische Situation Kurdistans den Ehrenschutz übernommen. Das war kein Zufall, es war Ausdruck der Verknüpfung von Geschichte und Biografie. Broda war in dem von Deutschland besetzten Österreich, dessen Name nach 1938 ausgelöscht worden war, an Aktionen des österreichischen Widerstands gegen die faschistische deutsche Fremdherrschaft beteiligt gewesen. Das ist ein der Kurdischen Arbeiterpartei PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê) vergleichbarer Widerstand gegen die türkische Herrschaft über Kurdistan. So wie viele hunderte PKK-Mitglieder von den Türken gefoltert und hingerichtet werden, sind von den deutschen Besetzern Kämpfer für Österreichs Freiheit gefoltert und hingerichtet worden. Allein am 8. Februar 1944 wurden in einer halbtägigen Verhandlung im Wiener Justizpalast fünf Todesurteile gegen Mitglieder des Soldatenrates ausgesprochen. Broda war Mitglied des weitverzweigten Soldatenrates und hat nur überlebt, weil verhaftete Mitglieder trotz Folter seinen Namen nicht genannt haben. Eduard Rabofsky hat darüber Erinnerungen geschrieben.

In seinen Einleitungsworten zum Kurdistan-Symposion knüpfte Broda an die historischen Erfahrungen von Teilen der österreichischen Bevölkerung an:

„Die Menschenrechtsverletzungen, deren Opfer die Kurden tagtäglich werden, sind eng verflochten mit den Problemen der Welt von heute, sie sind ein Teil unserer Weltprobleme und sie sind deshalb selbst ein Weltproblem. Ihre Probleme sind unsere Probleme. Der Kampf um die Menschenrechte der Kurden ist eng verflochten mit dem Kampf um die Menschenrechte in der ganzen Welt. Es ist ein Kampf im Zeichen und im Namen der unteilbaren Menschenrechte. Ein Österreicher weiß um die Bedeutung der internationalen Solidarität und der weltweiten Anteilnahme an den bedrohten Menschenrechten im eigenen Land. Wir haben ihre Bedeutung erlebt, als vor einem halben Jahrhundert [d. i. 1934] in unserem Land die demokratischen Freiheitsrechte beseitigt, der letzte tapfere Widerstand mit Kanonen und Maschinengewehren niedergeworfen wurde und die Todesurteile von Standgerichten gefällt innerhalb von längstens drei Stunden vollstreckt wurden. Vier Jahre später – im März 1938 – haben wir erfahren, was es bedeutet, allein gelassen zu werden, wenn die Übermacht überlegener fremder Armeen der militärischen Okkupation den Weg bahnt. Damals hat sich gezeigt, wie rasch jene Staaten, die es nicht wagten, der Gewalt gegenüber einem kleinen friedlichen Volk entgegenzutreten, selbst bald darauf zum Opfer überlegener gewaltsamer Aggression und Okkupation geworden sind. […] Ich zweifle nicht daran, dass sich auch das tapfere kurdische Volk seinen Weg in eine bessere Zukunft bahnen wird. Dazu wollen auch wir unseren Beitrag leisten: Im Namen der unteilbaren Menschenrechte“.

Repression und Verfolgung nicht nur in der Türkei

Vom 16. bis 21. Februar 1996 reiste eine Schweizer Frauendelegation in die Türkei und nach Türkisch-Kurdistan. In ihrem zu den Akten gelegten Bericht steht, dass Kurdistan eigentlich ein Paradies sei, doch hätten die Friedhofsverhältnisse, die dort geschaffen würden, psychische Auswirkungen auf das Volk. Die Kinder in Kurdistan sähen nur noch Tod und Zerstörung und nicht mehr die Schönheit des Landes. Der Widerstand wecke Hoffnungen in den Menschen, denn ohne Widerstand sei das Leben hoffnungslos. 

In der Türkei werden politisch aktive Kurden, die ihre kurdische Identität auch als Politiker aktiv öffentlich kundtun, regelmäßig angeklagt, Mitglieder der PKK zu sein. Mitglieder des österreichischen Widerstandes wurden immer zugleich auch als Kommunisten angeklagt. Am 21. April 2010 wurden der Bürgermeister der größten kurdischen Stadt Diyarbakir, Osman Baydemir, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er in einer öffentlichen Rede die PKK-Kämpfer als Guerillas anstatt als Terroristen bezeichnet hatte. 2019 ist die neutrale Republik Österreich den türkischen Vorgaben in seinem Symbolgesetz gefolgt und hat das Symbol der PKK verboten! Österreich schaut mit den Augen der NATO und Israels auf die Türkei. Immer wieder machen Kurden auf das Schicksal ihres Volkes in Europa aufmerksam, durch Hungerstreiks, durch Demonstrationen. Jean Ziegler spricht über die „Schande Europas“, wir müssen in Bezug auf das Verhalten des offiziellen Österreichs zu Flüchtlingen und Opfern von der „Schande Österreichs“ sprechen.

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