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Schmetterlinge im Sturzflug

Salzburger Entomologen schlagen Alarm: Die Artenvielfalt und die Anzahl der Schmetterlinge nehmen dramatisch ab – verantwortlich ist insbesondere die Intensivlandwirtschaft.

Salzburg. Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Salzburg sowie des Hauses der Natur hat in einer Langzeitstudie die Entwicklung der regionalen Schmetterlingsfauna untersucht. Das Ergebnis ist unerfreulich: In den letzten vier Jahrzehnten ist ein Drittel aller Tagfalterarten aus dem Alpenvorland und dem Salzburger Becken verschwunden. Etwa 50 Prozent aller noch vorhandenen Schmetterlingsarten der Region befinden sich zudem in einem bedrohlichen Erhaltungszustand, die Zahlen haben sich auch hier gravierend reduziert. Somit sind die Entwicklungen und ihre Tendenzen eindeutig: Immer mehr Schmetterlinge können in Salzburg nicht mehr leben und sterben aus, und es dürften weitere folgen, wenn nicht gegengesteuert wird. Doch nicht nur diese hätten damit ausgeflattert. Zudem könnte das Verschwinden der Tagfalter auch einen negativen weiterführenden „Schmetterlingseffekt“ haben, nämlich auf jene Tiere, die Raupen und Falter als Nahrung benötigen, sowie auf die Bestäubung bestimmter Pflanzen.

Dies alles wäre jedoch durchaus zu verhindern – zumindest theoretisch. Denn das Wissenschaftlerteam benennt auch klare Gründe für den Rückgang der Artenvielfalt, die sich aus der Gegenüberstellung mit der Landnutzung ergeben. Hauptverantwortlich dafür, dass viele Schmetterlinge keine sicheren Lebensräume mehr vorfinden, ist die intensive Agrarwirtschaft. Bei dieser geht es um die maximale Ertragssteigerung um jeden Preis, inklusive entsprechender technischer und chemischer Methoden. Obgleich es auch gegenläufige Bemühungen gibt, hat die Intensivlandwirtschaft in den letzten 40 Jahren in Salzburg zugenommen, d.h. sie wird vermehrt angewandt und erfasst größere Flächen. Der Einsatz von Bioziden oder chemischen Düngern ist hierbei ein massives Problem für die Schmetterlinge bzw. deren Raupen. Aber auch große Monokulturen sind nicht unbedingt etwas, das der Schmetterlingspopulation – und anderen Insekten – zugutekommt. 

Insofern bräuchte es einerseits eine extensive und möglichst biologische Landwirtschaft, weniger Mahd und durchlässige Felder, um den Schmetterlingen und Raupen jenen Lebensraum zu geben, den sie benötigen. Letztlich geht es aber freilich auch um das Gesamtausmaß der Nutzflächen. Hinzu kommen natürlich auch noch andere menschliche Eingriffe in die Natur, darunter Zersiedelung, Bodenversiegelung und Verbauung von Grünflächen – letztere müssten nicht nur erhalten, sondern als naturnahe Wiesen belassen werden. Das widerspricht freilich den Profitinteressen der großen Agrarkonzerne, der Großgrundbesitzer sowie anhängender Produktions- und Vertriebsverbände – und eine gewisse Ironie besteht darin, dass auch kleinere Bauern angesichts der monopolistischen Übermacht bisweilen zu einer Intensivierung ihrer Feld- und Viehwirtschaft gezwungen werden, um finanziell über die Runden zu kommen.

Daher braucht es zwar konkrete Maßnahmen, um Schmetterlinge und andere Wildtiere zu schützen, doch unterm Strich benötigt die Menschheit wohl ein anderes Wirtschaftssystem, das mehr Rücksicht auf Mensch, Tier und Umwelt nehmen kann – der Kapitalismus kann und will es nicht.

Quelle: Der Standard

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