HomeInternationalesAfghanistan: Immer heftigere Taliban-Offensiven und imperialistische Interventionen

Afghanistan: Immer heftigere Taliban-Offensiven und imperialistische Interventionen

Kabul/Lashkar Gah. Wie mehrere bürgerliche Medien berichten, stand die 200.000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt Lashkar Gah am Sonntag kurz vor der Einnahme durch Taliban-Milizen. Die Provinz Helmand im südlichen Afghanistan, die aktuell praktisch vollständig von den Taliban erobert wurde, ist ein strategisch wichtiger Ort für die regionale Ökonomie. In den letzten Wochen haben die Kräfte der Taliban im gesamten Land überfallsartig massive Gebietszugewinne verzeichnen können. Aktuell befindet sich mehr als die Hälfte Afghanistans unter direkter Kontrolle der Taliban, die Hauptstadt Kabul wie auch weitere urbane Zentren, wie die zweitgrößte Stadt Afghanistans, Kandahar, sind von Stellungen der Taliban eingekreist.

Regierungskräfte überfordert, USA und NATO verändern Strategie

Diese neuen Offensiven sind hauptsächlich das Ergebnis des offiziellen und schnell vollzogenen Abzugs von US-Bodentruppen, der bis Ende Sommer abgeschlossen sein sollte. Dennoch betonte Amanda Dory, Untersekretärin des Verteidigungsministeriums, dass das Pentagon neue Pläne entwickeln werde, um Druck auszuüben und regionalübergreifende Möglichkeiten auszuloten, um gegen Bedrohungen aus Afghanistan vorzugehen.

Möglicherweise ist der Vorstoß der Türkei in diesem Lichte zu sehen, die als NATO-Mitglied angeboten hat, den Flughafen Kabuls zu „beschützen“. Was bedeuten könnte, dass mit dem offiziellen Rückzug der USA, die Türkei als neuer Player in der Region interveniert, so wie sie auch in Libyen neuerdings militärisch ihre Ziele durchsetzen möchte. Spannend an diesem Prozess ist, dass eine mögliche Truppenstationierung nicht nur im strategischen Interesse der US-geführten NATO wäre, sondern laut türkischem Präsidenten Erdoğan mit der Taliban-Führung ausverhandelt werden sollte. Er fügte hinzu, dass der türkische Staat „nichts gegen ihre (der Taliban, Anm. d. Verf.) Überzeugungen“ habe. Zurecht entgegnete Kemal Okuyan, Vorsitzender der Türkischen Kommunistischen Partei (TKP), dass Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter der Türkei sehr viel gegen die Überzeugungen der Taliban einzuwenden hätten.

Trotz des offiziellen Endes der US-geführten Besatzung in Afghanistan, bleibt Afghanistan wie auch Libyen, Syrien oder der Irak weiterhin eine Spielwiese verschiedener imperialistischer Kräfte und Bündnisse, während die Lebensbedingungen des afghanischen Volkes völlig kollabieren. In diesem Kontext überrascht es nicht, dass die US-Luftstreitkräfte gemeinsam mit dem afghanischen Militär mehrere Bombardements in Lashkar Gah durchgeführt haben. Etliche Menschen sind dort, wie auch an anderen Kriegsschauplätzen Afghanistans, in sicherere Gebiete geflüchtet. Auch das örtliche Krankenhaus wurde bombardiert. In den letzten Kämpfen haben sich mehrere Einheiten des afghanischen Militärs und der Polizei ergeben, weshalb wenig Vertrauen im afghanischen Volk vorherrscht, dass auch diese neuerliche Offensive der Taliban gegen Lashkar Gah länger abgehalten werden kann.

Keine Perspektiven im Imperialismus

Der russische Staat kritisierte ebenfalls in mehreren öffentlichen Aussendungen indirekt offiziellen Rückzug der USA in Afghanistan, den sie für überstürzt halten. Ein renommierter russischer Redakteur des in Moskau ansässigen Magazins „Russia in Global Affairs“ brachte den Standpunkt des russischen Staates auf den Punkt, als er die Biden-Regierung dafür kritisierte, dass sie keinerlei Interesse aufbringen würden, ihre Präsenz aufrechtzuerhalten um sinngemäß die zukünftige Entwicklung Afghanistans zu überwachen.

Während Russland demgegenüber kritisch steht, hat das chinesische Außenministerium am 28. Juli eine Delegation der Taliban nach Tianjin eingeladen und bilaterale Gespräche geführt. Wang Yi, der chinesische Außenminister, begrüßte den Rückzug der USA und betonte, dass der Rückzug in Wahrheit das Versagen der USA und ihrer Politik des „Nation Buildings“ unterstreicht. China und Afghanistan teilen eine schmale Grenze im Wakhan Tal. Eine Allianz mit den Taliban, die möglicherweise bald die afghanische Regierung liquidieren werden, trägt unter anderem auch dazu bei, Druck auf Indien auszuüben, mit dem sich China seit Jahrzehnten Grenzstreitigkeiten liefert, die Dutzende tote Soldaten gefordert haben.

Wie auch immer die weitere Entwicklung der neuerlichen Taliban-Offensiven sich gestalten, es bleibt klar, dass das afghanische Volk keinen ruhigen Tag erleben wird. Fluchtbewegungen im In- und Ausland, Verelendung, ethnische Konflikte und religiöser Terrorismus werden weiterhin durch die imperialistischen Mächte geschürt werden.

Quelle: Counter Punch/New York Times/Sol International News/AP News

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