HomeInternationalesIsrael/Gaza: Blutige Revolte aus dem Freiluftgefängnis

Israel/Gaza: Blutige Revolte aus dem Freiluftgefängnis

Mehr als tausend Tote Israelis und Palästinenser forderte ein blutiger Aufstand der im palästinensischen Gaza-Streifen regierenden Hamas am Wochenende. Israel wurde von Hamas-Kämpfern überfallen und rief das Kriegsrecht aus.

Tel Aviv/Gaza. In den Morgenstunden des 7. Oktober starteten bewaffnete Einheiten der im von Israel kontrollierten Gazastreifen regierenden Hamas einen Angriff auf grenznahe israelische Siedlungen und Städte „zu Wasser, zu Luft und Land“ wie es in israelischen Berichten heißt. 

Aus der Luft wurde Israel mit einer großen Zahl von Raketen beschossen, im Laufe des Wochenendes angeblich über 2.000. Am Boden drangen hunderte Hamas-Kämpfer in israelisches Staatsgebiet ein und verbreiteten Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung. Zivilisten wurden wahllos erschossen, Geiseln genommen und verschleppt.

Die grenznahen Stützpunkte der israelischen Armee wurden vorher eingenommen und von der Kommunikation abgeschnitten, sodass die israelischen Sicherheitskräfte sehr lange brauchten, um auf die Angriffe überhaupt reagieren zu können.

Besonderes Entsetzen herrschte in Israel über das Totalversagen der angeblich besten Geheimdienste der Welt, denn diese hatten die Vorbereitung und Durchführung der Hamas-Großoffensive offensichtlich komplett verschlafen.

In einem Kommentar in der regierungskritischen israelischen Tageszeitung Haaretz wird Regierungschef Benjamin Netanjahu als Hauptverantwortlicher für das Desaster benannt. Er habe es „völlig versäumt, die Gefahren zu erkennen, in die er Israel bewusst führte, als er eine Regierung der Annexion und Enteignung einrichtete, als er Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir (beides rechtsradikale Minister, Anm.) in Schlüsselpositionen ernannte, während er eine Außenpolitik verfolgte, die die Existenz und die Rechte der Palästinenser offen ignorierte.“

Netanjahu selbst rief bereits am Samstag den Krieg aus und die Luftstreitkräfte der israelischen Armee flogen Dutzende Einsätze über dem Gazastreifen, um Ziele zu bombardieren, die angeblich als Hamas-Stützpunkte identifiziert wurden. In Kauf wurde dabei ganz bewusst genommen, dass die Luftschläge verheerende Auswirkungen auf die palästinensische Zivilbevölkerung haben. So wurden in dem dicht besiedelten Gebiet mehrstöckige Wohnhäuser und Moscheen bombardiert.

Bis zum Sonntagabend wurden auf israelischem Staatsgebiert mehr als 600 Menschen getötet und über 2.000 verletzt. Die Zahl der Geiseln wurde mit mehr als hundert angenommen. Im Gazastreifen wurden nach Angaben der palästinensischen Behörden mehr als 300 Menschen getötet und hunderte verletzt. Die Luftangriffe Israels dauerten unvermindert an.

Freiluftgefängnis Gaza

Der Gazastreifen ist ein verarmter, überfüllter Ort, der hauptsächlich von palästinensischen Flüchtlingen bewohnt wird, die während der „Nakba“ von 1948 aus ihren Häusern vertrieben wurden. Zuvor war es die Geburtsstunde der ersten Intifada und beherbergte in den letzten Jahrzehnten den Großteil des bewaffneten palästinensischen Widerstands.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Gaza-Streifens leiden seit 16 Jahren unter einer Totalblockade seitens Israels. Sie können die von Israel kontrollierten Checkpoints passieren, wenn sie eine israelische Arbeitserlaubnis haben oder in seltenen Fällen, wenn sie von Israel eine Sondergenehmigung erhalten haben, um im besetzten Westjordanland wegen lebensbedrohlicher Bedingungen medizinisch behandelt zu werden.

Heute ist fast die Hälfte der Bevölkerung arbeitslos. Bei den Jungen liegt die Arbeitslosenquote bei über 60 Prozent. Auch die Nahrungsversorgung ist durch die Belagerung eingeschränkt. 

Nach Angaben des Welternährungsprogramms ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen. Im Jahr 2022 hatten 1,84 Millionen Menschen in ganz Palästina – ein Drittel der Bevölkerung – nicht genug zu essen. Von diesen Menschen galten 1,1 Millionen als „schwer ernährungsunsicher“, 90 Prozent von ihnen lebten in Gaza.

Der Streifen leidet auch unter einer Energiekrise. Das israelische Verbot der Einfuhr von Treibstoff nach Gaza bedeutet, dass die Stromproduktion stark eingeschränkt ist. Im Jahr 2023 hatte Gaza nur 13 Stunden Strom pro Tag. In den Jahren 2017 und 2018 waren es nur noch sieben Stunden pro Tag.

Dies wiederum hat zu schwerwiegenden Problemen bei der Wasserversorgung und den sanitären Einrichtungen geführt. Die ständigen Stromausfälle haben dazu geführt, dass die Wasseraufbereitungsanlagen nicht mehr richtig funktionieren. In der Folge fließt ungeklärtes Abwasser einfach ins Mittelmeer.

Politisch regiert die Hamas uneingeschränkt, sie wird in westlichen Medien gerne als „radikalislamisch“ bezeichnet und ist eine Mischung aus Wohlfahrtsorganisation, die zur Organisation der Grundbedürfnisse der Menschen im Gazastreifen beiträgt und bewaffneter Terrororganisation, die sich im permanenten Krieg mit den israelischen Besatzern befindet.

Mit Hilfe der militärischen und politischen Schutzmacht USA führt Israel eine schonungslose Aufstandsbekämpfung durch, die zwar die Hamas wieder in die Schranken weisen, aber die Probleme nicht lösen wird, weder für die Bevölkerung Israels noch Palästinas. Israels Premier Netanjahu forderte die palästinensische Bevölkerung auf, den Gazastreifen zu verlassen, um der Bombardierung durch Israels Luftwaffe zu entgehen. Das klingt wie ein bösartiger, zynischer Witz, denn der Gazastreifen ist eingekeilt zwischen Israel, Ägypten und dem Meer, und nirgendwohin können die Menschen fliehen, weil alles abgeriegelt ist.

Quellen: Haaretz/Al Jazeera

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