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Russland: Wehrdienstvertrag nach der Matura

Die Partei Einiges Russland hat eine Gesetzesänderung vorgeschlagen, wonach Schulabgänger sofort einen Militärdienstvertrag abschließen können.

Moskau. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrej Kartapolow (Einiges Russland), hat eine Gesetzesänderung vorgeschlagen, die die Unterzeichnung von Verträgen mit dem Militär für junge Männer leichter und effizienter gestalten soll. Die Unterzeichnung von Militärverträgen soll damit auch Schulabgängern ermöglicht werden. Derzeit können Schulabgänger erst nach drei Monaten Wehrdienst einen Vertrag mit der Armee abschließen. Diese dreimonatige Frist soll abgeschafft werden.

Die Umstellung soll auch für Absolventen von Hochschulen und berufsbildenden höheren Schulen gelten. Nach vier Monaten Dienstzeit sollen sie außerdem an Brennpunkten des Krieges eingesetzt werden können. Die Änderungsanträge liegen der Staatsduma bereits vor.

Das Kanonenfutter wird jünger …

Als klar wurde, dass kein schneller Erfolg in der russischen Invasion der Ukraine zu erwarten war, begann die Russische Föderation gesetzliche Beschränkungen zu beseitigen, die die Ausweitung des Wehrdiensts behinderten. So wurde im Mai die Altersobergrenze für den Abschluss eines ersten Militärvertrags abgeschafft. Vorher konnte man seinen ersten Vertrag nämlich nur bis zum 40. Lebensjahr abschließen. Jetzt ist dieses Alter unbegrenzt.

Außerdem wurde in vielen Städten eine Propagandakampagne für die Einberufung zum Wehrdienst gestartet. Ende Mai wurde beispielsweise am Palastplatz in St. Petersburg eine mobile Vermittlungsstelle für den Wehrdienst eingerichtet. Den angehenden Soldaten werden ein großzügiges Gehalt und eine Lösung für die Probleme des Lebens in Form von Hypotheken und Darlehen versprochen.

… und ärmer

Der Einschätzung der kommunistischen Organisation ROTFront zufolge wird damit der Dienst im Heer attraktiver für die ärmsten Teile der russischen Bevölkerung, „für jene ‚überflüssigen‘ Menschen, die durch ihre Existenz soziale Spannungen in den deprimierenden russischen Provinzen verursachen.“ Für den Staat potenziell gefährliche Personen und missliebige Bevölkerungsgruppen könnten so früh abgefangen und im Ukraine-Konflikt verheizt werden. Die ersten Opfer dieser verfrühten Einberufung werden somit „die Schulkinder von gestern aus der Provinz sein, die keine angemessene Ausbildung erhalten haben und zu einer hoffnungslosen Existenz unter Bedingungen der Zerstörung und Arbeitslosigkeit verdammt sind.“

Die Meldungen über die sofortige Einberufung aller mehr oder minder wehrfähigen Ukrainerinnen und Ukrainer hat viel Empörung hervorgerufen – Probleme sind vorprogrammiert, wenn man jedem x‑beliebigen Menschen auf der Straße ein Sturmgewehr in die Hand drückt und ihn damit ein paar Runden zwischen Hindernissen herumlaufen lässt, als Training gewissermaßen. Die russische Armee zeigt aber mit diesem Schritt auch, dass man auf die menschliche Reserve des Landes zurückgreifen muss, um diesen Krieg zu gewinnen. Rein dem Gesetz nach könnten sich nun achtzehnjährige Schulabgänger und Sechzigjährige nach vier Monaten Dienstzeit in einem Gefecht auf ukrainischem Boden Seite an Seite kämpfend wiederfinden. Und gemeinsam sterben. Denn eine Armee, die aus Rekruten besteht, die allein eine viermonatige Ausbildung hinter sich haben, wird sich kaum gegen die üppig gelieferten NATO-Waffen zur Wehr setzen können. Sie ist nichts anderes als Kanonenfutter. 

Quellen:

Rotfront / Kommersant

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