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BRD: Gorillas, der Kampf ist nicht zu Ende

Das deutsche Start-up Gorillas ist ein sehr erfolgreiches Lieferunternehmen, das zusagt mit seinen Fahrradkurieren – oder wie sie sie nennen, Ridern – Lebensmittelbestellungen binnen 10 Minuten zuzustellen. Das Unternehmen macht seit Anfang des Jahres immer wieder Schlagzeilen, weil es aufgrund der Arbeitsbedingungen 2021 bereits zu zwei größeren wilden Streiks und weiteren Auseinandersetzungen kam. Die Auseinandersetzungen sind noch nicht zu Ende.

BRD/Berlin. In dem hippen Start-up Gorillas herrschen wie bei so vielen Start-ups prekäre Arbeitsbedingungen für die Kolleginnen und Kollegen. Diese sollen, weil man bei einem hippen und innovativen Unternehmen arbeitet wie so oft doch bitte still und leise in Kauf genommen. Schließlich entlohnt das Image doch auch, wenn man Teil eines trendigen Newcomers mit vermeintlich flachen Hierarchien ist. Ein Kollege berichtet der jungen Welt gegenüber, dass ihnen das Start-up ganz in Hipstermanier DJs zum Feierabend in die Lager stellt oder Yoga-Kurse zu Schichtbeginn anbietet. Was hingegen fehlt, sind Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen, aber wer braucht so etwas Antiquiertes heutzutage schon, wenn man Teil eines coolen Start-ups ist. 

Offensichtlich erkennen die Kolleginnen und Kollegen vor Ort jedoch sehr klar, dass es sich bei den Angeboten um Imagestrategien handelt und dies für sie keinen Vorteil hat. Sie haben sich bereits Anfang des Jahres im sogenannten Gorillas Workers Collective (GWC) organisiert, um sich u.a. für angemessene Arbeitskleidung – gegen die Witterung, aber auch für Helme und anderen Schutz – sowie adäquate Technik – im Sinne von funktionierenden Rädern – einzusetzen. Im Rahmen dessen kam es auch zu einer Betriebsratsgründung, welche konflikthaft ablief, da der Konzern versuchte, leitende Angestellte an der Betriebsversammlung teilnehmen zu lassen, was in Deutschland dem Betriebsverfassungsgesetz widerspricht. Im Februar und Juli kam es wie wir bereits ausführlich berichteten zu wilden Streiks, die nach aktueller Rechtslage in Deutschland illegal sind, die jedoch zu einer Lahmlegung des Geschäftes führten.

„Bei Gorillas geht es das Fahrradfahren, nicht um Politik“ 

Der Gorillas-Gründer und CEO Kagan Sümer kündigte im Rahmen des zweiten Streiks, bei dem es um die Wiedereinstellung eines Kohlegens ging, in einer internen Mitteilung an: „Ich habe mit Public Affairs und PR-Agenturen gesprochen. Sie haben mir gesagt, ich sollte deeskalieren. Ich würde lieber sterben, um die Werte zu verteidigen, als zu deeskalieren.“ In der Realität sah das Unternehmen jedoch davon ab, die wilden Streiks räumen zu lassen, das würde schließlich auch nicht so gut zum Hipster-Image passen und wahrscheinlich einen größeren ökonomischen Schaden mit sich bringen. Stattdessen wird den Kolleginnen und Kollegen gegenüber von der Konzernseite weiterhin betont, dass sie Glück haben, bessere Arbeitsbedingungen als in der Bit-Economy vorzufinden. Dann wird noch ein bisschen was aus dem Leben des Gorillas-Gründers bekannt gegeben, der das Fahrradfahren zu mögen scheint und schon durch China geradelt sei. „Bei Gorillas geht es um das Fahrradfahren, nicht um Politik“, heißt es außerdem.

An den Arbeitsbedingungen hat sich jedoch derweil wenig geändert, weswegen sich der Kreis der Kolleginnen und Kollegen, die für ihre Interessen eintreten, erweitert. Beispielsweise legten auch die Kolleginnen und Kollegen in Pankow nach einem Unfall ihre Arbeit nieder. Sie waren zuvor noch nie Kontakt zum GWC. Auch diese Niederlegung weitete sich schnell auf andere Warenhäuser aus. Die Geschäftsführung sprach im Anschluss davon, dass sie alles gebe, um die Situation zu verbessern, verurteilte aber die Streiks als „illegal“.

Neben Gehaltsabrechnungen, die unklar sind und zu spät kommen, scheinen Fahrräder angeschafft zu werden, bei denen Pedale abfallen und es sind zu wenig Regenkleidung und Schutzkleidung vorhanden. Anfragen bezüglich der Missstände werden kaum rechtzeitig beantwortet, da es keine Möglichkeit gibt, direkten Kontakt zur Personalabteilung aufzunehmen, sondern dies nur per Mail möglich ist. Hier erhält man zwar seit dem Streik im Juli schneller Bescheid, dass das Anliegen bearbeitet würde, während jedoch weitere sachdienliche Informationen auf sich warten lassen. Auch fließendes Wasser in der Personalküche u.a.m. sind Fehlanzeige.

Gorillas setzt bei seiner Einstellungspolitik im Bereich der Fahrerinnen und Fahrer wohl vielfach auf Migrantinnen und Migranten mit prekären Aufenthaltstiteln. Hierdurch befinden sich die Kolleginnen und Kollegen in einer prekären Situation, da ihr Aufenthalt an eine lohnabhängige Beschäftigung gekoppelt ist und sie teilweise keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. Nichtsdestotrotz ist Gorillas ein Beispiel für außergewöhnliche Arbeitskämpfe und Solidarität. Die Streiks werden weder von den Fachgewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftsbunds unterstützt – wenngleich ver.di Kolleginnen und Kollegen vor Ort waren -, noch ruft die anarchosyndikalistische FAU zu den Streiks auf. Die Streikkassa wird aktuell über Spenden an das GWC bestritten.

Quelle: Junge Welt/Zeitung der Arbeit

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