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Klimawandel am Neusiedler See

Der Wasserstand des Neusiedler Sees ist momentan so niedrig wie lange nicht mehr. Sollte die globale Erwärmung nicht gestoppt werden, droht dem burgenländischen Tourismusmagneten die völlige Austrocknung.

Neusiedl am See/Eisenstadt. Mit einer Fläche von 320 Quadratkilometern ist der Neusiedler See der größte See Österreichs, wenngleich ein kleiner Teil auf ungarischem Staatsgebiet liegt. Diese Fläche entspricht jener Wiens, wenn man, Hausnummer, Liesing weglässt (nichts gegen Liesing). Allerdings handelt es sich um einen Steppensee. Das meiste Wasser, von dem er gespeist wird – über 80 Prozent –, kommt als Regen von oben, es gibt nur unbedeutende Zuflüsse. Damit ist generell eine geringe Wassertiefe verbunden, im Schnitt 115 Zentimeter, maximal zwei Meter. Der Grund ist sandig, seltener sind Schotterbänke. Allerdings gibt es einen breiten Schilfgürtel, der die Hälfte der Gesamtfläche ausmacht. Seit dieser nicht mehr brandgerodet wird, verrotten die überalterten Pflanzen vermehrt, was zu Schlammbildung und Verlandung führt sowie zur Freisetzung von Methangas. Der ungarische Name für den Neusiedler See ist somit treffender: „Fertő tó“ bedeutet so viel wie „Sumpfsee“.

Wasserspiegel sinkt, Temperatur steigt

Da es auch keinen Abfluss gibt, verdunstet der Großteil des Wassers – und dies momentan besonders rasch. Aktuelle Messungen haben ergeben, dass der Wasserstand im Sommer 2020 so niedrig ist wie seit 1965 nicht mehr. Dafür sind die trockenen Winter der vergangenen Jahre verantwortlich, und auch der Regen der letzten Wochen fiel im Nordburgenland mager aus. An jedem heißen Tag sinkt der Pegel um einen weiteren Zentimeter, die Wassertemperatur ist seit 1985 um fast zwei Grad gestiegen. Hinzu kommt die Windfanfälligkeit des Sees am Rande der pannonischen Tiefebene – weht dieser aus Südosten, d.h. vom ungarischen Ufer, so wird Wasser in den Schilfgürtel gedrückt, wo es versickert. Um es kurz zu machen: Eines Tages droht der See gänzlich und nachhaltig auszutrocknen (nicht nur vorübergehend, wie historisch durchaus schon geschehen) – und dies wird durch den Klimawandel natürlich forciert. Freilich sinkt auch der Grundwasserpegel in der gesamten Region, was zu Problemen für die Wasserversorgung, für die Landwirtschaft, aber auch für das Naturschutzgebiet im Seewinkel führt, wo in und an den Lacken eine einzigartige Fauna gegeben ist.

Tourismusindustrie steht Wasser bis zum Hals

Die burgenländische Landesregierung will in Kooperation mit den ungarischen Behörden nun reagieren. Freilich nicht wegen den Wasservögeln, sondern um die Tourismuswirtschaft zu erhalten, die ohnedies schon Corona- und Krisen-geschädigt ist. Schließlich gilt der Neusiedler See als „Meer der Wiener“ und man braucht in der Region dringend zahlende Gäste, die zum Schwimmen, Bootfahren, Segeln, Surfen, Wandern, Weintrinken und Operettenschauen kommen. Ohne See wird das natürlich schwierig, schon jetzt bleiben viele Boote in den Häfen, da sie beim geringen Pegelstand im Schlamm steckenbleiben würden. Auch das Badevergnügen ist einigermaßen getrübt. Nun hat man den Plan entwickelt, dem See künstlich Wasser zuzuführen, etwa über die Umleitung von Nebenarmen der Donau – ein aufwändiges und teures Unterfangen, das zudem nicht gerade den Prinzipien eines verantwortungsvollen Umgangs mit Natur, Landschaft und Umwelt entspricht sowie eine ernste Gefahr für das Funktionieren des Ökosystems im See selbst darstellt. Zweckmäßig wäre es hingegen, den Grundwasserspiegel in der gesamten Umgebung zu heben.

Profite sollen ins Trockene gebracht werden

Aber um Umweltverträglichkeit geht es den Verantwortlichen auch nicht: Man will ja vornehmlich die Tourismuswirtschaft, die Hotellerie, die Gastronomie, die Bootsunternehmen und die Bäder retten, sowie selbstverständlich die Profite der Familie Esterházy, in deren Privateigentum der Großteil des Sees steht. Und damit strebt man eine „Lösung“ an, die in großem Maße gerade eben verantwortlich für das Problem ist: Die Tatsache, dass im Kapitalismus Profit vor Umweltschutz geht, trägt maßgeblich Schuld an Klimawandel und globaler Erwärmung, am Neusiedler See an Verlandung und drohender Austrocknung. Bei der SPÖ-Landesregierung in Eisenstadt ist dieses Wissen offenbar noch immer nicht so recht angekommen. Man müsste das ökonomische System des Profitprimats ändern, um den Klimawandel zu stoppen. Und Esterházy endlich enteignen – das sowieso.

Quelle: ORF

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