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Bachmannpreis: „Kunst verträgt sich nicht mit Ansicht“?

Der diesjährige Bachmannpreis geht an Helga Schubert, der Deutschlandfunkpreis an Lisa Krusche, der KELAG-Preis an Egon Christian Leitner. Laura Freudenthaler errang den 3sat-Preis, den Publikumspreis gewann mit großem Vorsprung Lydia Haider. Damit wurden fünf Preise beim ersten digitalen Bachmann-Preislesen vergeben. Mehr als manche Texte erscheinen die teils sehr kontroversiell geführten Jurydiskussionen interessant. Besonders um den Text des steirischen Autors und KELAG-Preisträgers Egon Christian Leitner entspann sich eine heftige Diskussion über Sinn und Zweck von Literatur.

Klagenfurt. Ohne die Eitelkeiten und Selbstbespiegelungen der Jurymitglieder wäre so ein Lesewettbewerb ja etwas überaus Fades. Etwas eigenartig wirkt das dann, wenn sie sich im Disput nicht direkt gegenüber sitzen, sondern Corona-bedingt über Bildschirme zugeschaltet werden. Bei den diesjährigen Diskussionen ist man sich jedoch nicht sicher, ob alle über dieselben Texte diskutierten. So beginnt das bei der Gewinnerin, der 80-jährigen DDR-Autorin Helga Schubert, die, als ausgebildete und jahrzehntelang praktizierende Psychotherapeutin sehr diffizil und doppeldeutig in ihrer Erzählung Vom Aufstehen, möglicherweise von einigen Jurymitgliedern gar nicht verstanden wurde.

Popliteratur in der DDR

Sie blieben bei der Mutter-Tochter-Beziehung hängen, die zwar den formalen Handlungsrahmen für den Roman, aus dem sie einen Ausschnitt vortrug, bildet, jedoch von der Autorin gleichzeitig als Kleinbühne der Zeitenwenden verwendet wird. Gar zu starker und deshalb gleich ausgeblendeter Tobak dürfte die sehr frühe biographische Episode vom Nazi-Großvater sein, der das Ende seines „tausendjährigen Reichs“ mit einer Zyankali-Kapsel zu zelebrieren gedenkt, und von seiner Tochter dasselbe einfordert, inklusive der Ermordung ihres Kindes, was diese allerdings verweigert. Die Vorzüge, Eigenheiten und Schwierigkeiten des Lebens in der DDR, die paar Pfennige, die man für eine Straßenbahnfahrt bezahlen musste, und die vom Kind mit dem Flaschenpfand verdient wurden, bleiben, so scheint es, vollkommen unverstanden. „Es könnte doch so etwas geben wie Popliteratur in der DDR, in einer gebrochenen Form“ meinte der Juror Klaus Kastberger dazu, und sprach damit – ob gewollt oder ungewollt – auch an, dass dieser zweite deutsche Staat auch literarisch seine Eigenständigkeit entwickelte. Indirekt bestätigen sich damit auch die Vorbehalte der DDR gegenüber dem Begriff „deutsche Literatur“, denn in Wahrheit gibt es eine Literatur deutscher Sprache, mehr nicht.

Intelligenztest und Weltdeutung

Besonders um den Text des steirischen Autors und KELAG-Preisträgers Egon Christian Leitner entspann sich eine heftige Diskussion über Sinn und Zweck von Literatur. Der Schweizer Neo-Juror Philipp Tingler, selbst studierter Ökonom und Philosoph, stieß sich an dem Text. Die vom Autor zur Lesung ausgewählte Textprobe handelt von sogenannter Intelligenz und stammt aus der dreibändigen Trilogie Des Menschen Herz. Sozialstaatsroman, dessen vierter Band im Herbst erscheint. Da ist die Rede von einem Vortragenden auf einem Seminar für Führungskräfte, der ein Stundenhonorar von 60.000 Euro bekommt. Und von einem jungen Burschen, den man schon in der Kindheit mittels „Intelligenztest“ für blöd erklärt hatte, und nun vor dem Rätsel steht, dass er als junger Erwachsener gar nicht so blöd erscheint. Da sich die Intelligenz nach der Meinung ihrer professionellen Vermesser ja nicht ändern kann, gibt es nur eine Erklärung: „Und dass er jetzt aber so stabil ist und sozial, spreche für das System von Schulen, Einrichtungen und Werkstätten, die er falloptimal durchwandert hat. Ihm sei offensichtlich bestmöglich geholfen worden und das Leben stehe ihm daher jetzt offen. Und der merkt das aber nicht. Er ist jetzt auch nicht mehr so ruhig und glücklich wie vor dem Test, sondern plötzlich weiß er nimmer, was aus ihm wird. So ist das jetzt und der. Arbeit sucht er halt und freundliche Menschen.“

Der Text sei eine Weltdeutung, die unfreiwillig das Problem widerspiegelt, dass es kategorische Positionen gebe – es sei klar, wo die Bösen oder Guten sitzen. „Diese Diskussion sollten wir hinter uns haben“ war der Einwand des Ökonomiephilosophen Philipp Tingler , und „Kunst verträgt sich nicht mit Ansicht.“ Womit wir wieder beim Ideal der schönen, von der gesellschaftlichen Wirklichkeit vollkommen losgelösten Kunst wären, die nur ja keine gesellschaftlichen Widersprüche aufzeigt oder gar in Frage stellt. Dass die meisten anderen Jurymitglieder diese Ansicht nicht teilten, und Leitner sogar zu einem der Preisträger wurde, gibt Hoffnung, dass der Neoliberalismus in seinem allumfassenden Hegemonieanspruch nicht die ganze Literaturwelt beherrscht.

Vulgäre Sprachbilder und Jugendsprache

Nicht wenige der anderen vorgetragenen Texte erfüllten denn auch den Anspruch, im Vagen, Versponnenen, teils auch Mystischen zu verbleiben. Mit dem Reiz brutaler und ekelerregender Sprachbilder kommt zum Beispiel der Text Der große Gruß von Publikumspreisträgerin Lydia Haider daher. Ebenso wie ihre literarische Reisegefährtin Stefanie Sargnagel, die 2016 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, macht sie den Eindruck, das biedere Bürgertum mit möglichst vulgären Sprachbildern schockieren zu wollen. Das war allerdings vor mehr als 50 Jahren, zu Zeiten der 68-er-Bewegung noch möglich, wo Otto Mühl und Co. das Audimax der Uni-Wien mit derartigem Klamauk zu füllen verstanden, und das Bürgertum damit in helle Aufregung versetzten. 2020 wirkt es eher putzig.

Im Text der Deutschlandfunk-Preisträgerin Lisa Krusche Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere findet die Jugendsprache von heute Eingang in die Literatur, Dinge, Handlungen und Zustände sind „nice“ und „tough“ und „crazy“.

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