Kommentar von Lukas Haslwanter, Mitglied der Internationalen Kommission der Partei der Arbeit Österreichs
Die Einladung von Tal Shoham zum Interview im ORF ist ein weiteres Beispiel für die selektive Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien in Österreich. Shohams Leidensweg in der Geiselhaft der Hamas ist ohne Frage tragisch und verdient Aufmerksamkeit. Doch während ihm eine große Plattform geboten wurde, fehlt nach wie vor jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Situation der Tausenden palästinensischen Gefangenen, die in israelischen Gefängnissen Folter, Misshandlungen und Hunger erleiden.
Der ORF bietet mit diesem Interview Shoham eine Bühne, um mehr oder weniger die Propaganda von den grausamen, menschenverachtenden Hamas-Terroristen zu verbreiten. Völlig verschwiegen wird der Einsatz der Hannibal-Direktive am 7. Oktober und darüber hinaus durch die israelische Armee. Die Hannibal-Direktive ist nichts anderes als die Ermordung von israelischen Zivilistinnen und Zivilisten durch die israelische Armee. Es ist durch zahlreiche Beispiele belegt, wie die israelische Armee beispielsweise ein Haus mit mehreren israelischen Zivilistinnen und Zivilisten mit Panzern beschießen ließ, weil sie vermutete, dass sich im Inneren auch Hamas-Kämpfer befanden. Ähnlich verhält es sich mit den komplett zerschossenen Autos auf dem Techno-Festival in der Negevwüste, die auf einen Beschuss der Autos durch israelische Kampfhubschrauber hindeuten.
Unwidersprochen bleibt auch die Behauptung des gezielten Aushungerns der israelischen Geiseln in der Haft der Hamas. Tatsache ist aber, dass Israel den Gazastreifen seit Beginn des Krieges systematisch auszuhungern versuchet, Hilfslieferungen unterbindet und zivile Infrastruktur zerstört. Warnungen von Hilfs- und Gesundheitsorganisationen sowie der Vereinten Nationen vor der Ausbreitung von Seuchen und einer Hungersnot in Gaza werden von Israel ignoriert, und die sogenannte westliche Wertegemeinschaft unterstützt Israel dabei. Dass in einer solchen Situation auch keine ausreichende Versorgung der Gefangenen durch die Hamas mehr gewährleistet werden kann, hat nichts mit der Haltung der Hamas zu tun , sondern mit den von Israel geschaffenen Rahmenbedingungen.
Auch die Zerstörung jeglicher ziviler Infrastruktur sowie die Ermordung von mehr als 50.000 Menschen im Gazastreifen durch die israelische Armee, wovon zwei Drittel Frauen und Kinder sind, rechtfertigt Shoham bewusst oder unbewusst im ORF mit der Behauptung, die Hamas würde gezielt zivile Infrastruktur nutzen, sich unter Zivilistinnen und Zivilisten verstecken und ihr eigenes Volk verachten. Belegt sind diese Behauptungen durch nichts und sie werden auch nicht wahrer, weil sie von einer freigelassenen Geisel erneut wiederholt werden. Belegt ist allerdings der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der israelischen Kriegsführung, die zum gezielten Einsatz gegen Zivilistinnen und Zivilisten genutzt wurde und vermutlich noch immer genutzt wird. Die KI übernimmt dabei nicht nur die Aufgabe des Datensammelns über potentielle Ziele, sondern auch die Freigabe. Der KI werden dabei Luftaufnahmen und andere Überwachungsdaten zur Verfügung gestellt, diese wertet dann aus, wie viel potentielle Zivilistinnen und Zivilisten auf der Aufnahme zusehen sind und spuckt ein Ergebnis in Form eines Ampelsystems von „grün“, „gelb“ und „rot“ aus, ob die Anzahl ziviler Opfer gegenüber dem potentiellen Ziel als legitim erachtet wird. Insbesondere in den ersten Tagen dürften auch gezielt Wohnhäuser angegriffen worden seien, wenn mutmaßliche Hamasmitglieder zu ihren Familien heimkehren. So wurden ganze Familien ausgelöscht.
Der ORF hat bis heute keinen einzigen palästinensischen Ex-Häftling eingeladen, um über seine Erfahrungen in israelischen Haftanstalten zu sprechen. Dabei wären ihre Berichte nicht weniger schockierend als jene Shohams: systematische Folter, Misshandlungen, der Entzug medizinischer Versorgung und willkürliche Inhaftierungen ohne Anklage sind für palästinensische Gefangene Alltag. Besonders erschütternd ist die gezielte Verhaftung und Folter von medizinischem Personal in Gaza, die von Organisationen wie Physicians for Human Rights Israel dokumentiert wurde. Während Shoham 505 Tage in Geiselhaft verbrachte, befinden sich palästinensische Gefangene oft jahrzehntelang in israelischer Haft, ohne dass ihre Geschichten ähnliche mediale Beachtung finden.
Die israelische Praxis der „Administrativhaft“ erlaubt es, Palästinenser ohne Anklage oder Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit einzusperren. Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem zeigen, dass Folter, Einzelhaft und sexualisierte Gewalt gegen palästinensische Gefangene keine Ausnahmen, sondern systematisch angewandte Repressionsmethoden sind.
Die mediale Einseitigkeit des ORF spiegelt die politische Schieflage wider, mit der der Nahostkonflikt im Westen behandelt wird. Israelische Geiseln erhalten Sendezeit, palästinensische Gefangene bleiben unsichtbar. Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der sich zur Objektivität verpflichtet, muss auch diesen Stimmen Gehör verschaffen. Alles andere ist keine Berichterstattung, sondern Propaganda im Sinne der österreichischen Staatsräson.