Start Schwerpunkt Gesellschaftsrelevante Berufe Kinder sind die Zukunft – Arbeit in der Kinderbetreuung

Kinder sind die Zukunft – Arbeit in der Kinderbetreuung

Institutionelle Kinderbetreuung ist ein Bereich ohne den für viele Mütter Lohnarbeit kaum möglich wäre. Sie wurde in den letzten Jahren stark ausgebaut und inhaltlich umgebaut, die Arbeitsbedingungen haben sich hierdurch jedoch nicht verbessert.

In den vergangenen Jahren hat die Kinderbetreuung im politischen und öffentlichen Diskurs vermehrt an Bedeutung gewonnen. Es findet eine Betonung als erste Bildungseinrichtung statt und es wird versucht, das Image der Kinderverwahranstalt und des Kinderspiels zugunsten eines „professionelleren“ Bildes auf die Arbeit mit Kindern der Altersstufe zwischen 0 und 6 Jahren aufzupolieren. In diesem Zusammenhang ist von Elementarpädagogik die Rede.

Umbau der institutionellen Kinderbetreuung

Der Arbeitsalltag der Pädagoginnen und Pädagogen war und ist wahrlich ein anspruchsvoller. In den vergangenen Jahren hat sich dieser dennoch in Teilen verändert. Ähnlich wie in der Krankenpflege wurden Instrumente des sogenannten New-Public-Managements implementiert, das heißt man behandelt (Klein)Kinderbetreuung wie eine Dienstleistung und versucht, den Output zu messen. Dies geschieht über Bildungsrahmenpläne, Planungen und Reflexionen sowie der Dokumentation der Entwicklung der Kinder. Das Ausmaß der dokumentarischen Tätigkeit variiert je nach Träger aber auch Leitung der Einrichtung. Parallel zu einem inhaltlichen Umbau kam es auch zu einem quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung, es sind mittlerweile über 90 Prozent der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren in Betreuung. Diese Quote wurde unter anderem durch das verpflichtende Kindergartenjahr erreicht. 

All das hört sich nach positiven Entwicklungen an, jedoch wurden die Arbeitsbedingungen weder an die neuen formalen, teilweise bürokratischen Neuerungen angepasst, noch wurde der Personalbedarf beispielsweise an die Diversität der Kinder angepasst. Im Gegenteil, verschiedene Positionen, wie zum Beispiel pflegerisch geschulte Kräfte, die es in der Vergangenheit gab, wurden abgeschafft, aber auch Springerinnen sind keine Selbstverständlichkeit mehr, um Engpässe zu überbrücken. Das nach Sprachstandtests festgelegte Kontingent an Kolleginnen und Kollegen, die Einsatz zur Unterstützung des regulären Personals findet, ist viel zu gering, um die Herausforderung der zunehmenden Vielsprachigkeit der Kinder zu bewältigen. 

Die Eltern

Zu diesen Aspekten kommt weiter, dass durch den politischen und öffentlichen Diskurs, in dem die Kinder als wertvollstes Gut für die Zukunft gehandelt werden gepaart mit einer zunehmende Prekarisierung des Arbeitsmarktes eine Aktivierung der Eltern stattfindet – oder zumindest bestimmter Eltern-Gruppen. Hierdurch kommt es zur Nachfrage beispielsweise nach Englischunterricht, aber auch zunehmender Dokumentation aus einem Informationsbedürfnis heraus, sowie teilweise der Nachfrage nach einem schulischen pädagogischen Anspruch und einer Nicht-Anerkennung der elementarpädagogischen Tätigkeiten. Hier sind die Elementarpädagoginnen und ‑pädagogen als Vermittlungsinstanz gefragt. Die Zukunftsängste von Eltern nehmen in der Regel in den Jahren vor dem Schuleintritt eine besondere Intensität ein, im Besonderen wird befürchtet, dass das eigene Kind vom Bildungsstandard abgehängt werden würde.

Andere Eltern-Gruppen zeigen gleichzeitig kaum Interesse, was ebenfalls zu einer Herausforderung werden kann, wenn hierdurch die Bildungspartnerschaft zwischen Kinderbetreuungseinrichtung und Eltern nicht möglich ist. Es wurden auch verpflichtende Elterngespräche im Rahmen der Reformen implementiert. Im Rahmen dessen wird die Entwicklung des Kindes anhand eines durch die Pädagoginnen und Pädagogen für jedes Kind angefertigten Portfolios geführt.

Die Arbeit mit (zu) vielen Kindern

Kindergartenpädagoginnen und ‑pädagogen müssen also vielen Ansprüchen gerecht werden und nicht nur denen der Kinder und von sich selbst. All die bis zu diesem Punkt beschriebenen Aufgaben laufen quasi nebenher, die kinderfreie Zeit wurde in den meisten Bundesländern und Trägerinstitutionen nicht adäquat erhöht. Die Hauptzeit verbringen die Kolleginnen und Kollegen, gemeinsam mit Assistenzkräften in den Gruppen mit den Kindern und vermitteln hier überlebenswichtiges Wissen, verhindern viele Verletzungen, und wenn es zu emotionalen oder physischen Wunden kommt, nehmen sie sich dieser an. Sie bilden, sorgen und erziehen. 

Eltern wissen, wie aufwändig dies schon ohne einen professionellen pädagogischen Anspruch ist, und nun mag man sich vorstellen, dass die Pädagoginnen und Pädagogen je nach Bundesland verschieden, aber bei den 3- bis 6‑Jährigen ist zum Beispiel in Wien eine pädagogische Kraft mit einer Assistenzkraft für bis zu 25 Kinder zuständig. Bei den zwischen 0 und 3 Jahre alten Kindern ist diese Personalausstattung für bis zu 15 Kinder zuständig. Neben den oben beschriebenen Aufgaben führt dies vielfach zu einer ständigen Anspannung, alles im Blick zu haben, sodass nicht alles aus dem Ruder läuft. Bei den Kleinkindern kommt zusätzlich Wickeln und Füttern hinzu. Den Lärmpegel kann man sich vorstellen, in Deutschland gab es Belastungsstudien, hier wurde ein Lärmpegel festgestellt, der einem Flughafen entsprechen kann. Es kommt auch zu einer starken physischen Belastung aufgrund von Hebetätigkeiten sowie teilweise zu wenig Ausstattung, die der Ergonomie von Erwachsenen entspricht. 

Kinder kommen außerdem mit Erkältungen und Krankheiten in die Betreuung, da deren Eltern auch unter Druck stehen, Lohnarbeiten verrichten zu müssen. Dieses Thema wurde ja aktuell auch im Rahmen der Corona-Pandemie vielfach thematisiert. Dies führt dazu, dass Pädagoginnen insbesondere in den ersten Besuchsjahren häufig krank werden.

Mangelnde Anerkennung und Bezahlung

Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass es sich bei der Kinderbetreuung um eine äußerst anspruchsvolle und vielschichtige Tätigkeit handelt, was sich jedoch weder in der Bezahlung, noch in der gesellschaftlichen Debatte in dieser Form wiederfindet. Viele Tätigkeiten werden gar nicht erst sichtbar. Die Betreuungsschlüssel sind illusorisch und weit weg von jedweden pädagogischen Empfehlungen, ein Thema, das viel diskutiert wird. Es herrscht Personalmangel, permanenter Notstand! Die herrschenden Arbeitsbedingungen, die Überausbeutung, die schlechte Bezahlung und die psychische Belastung führen dazu, dass viele der BAfEP-Absolventinnen und Absolventen gar nicht erst in diesem Bereich arbeiten, aber auch zu einer hohen Personalfluktuation.

Das es Kolleginnen und Kollegen gibt, die sich hier täglich für das Wohl der Kinder einsetzen, ist vor allem durch eine große intrinsische Motivation zu erklären. Man arbeitet gerne mit Kindern und bekommt hier viel zurück, und deswegen tut man täglich sein Bestes diese zu fördern, sie zu unterstützen und für sie zu sorgen. Der niedrige Lohn wird hier sicherlich kaum ein Argument sein. Anstatt die Beschäftigungsbedingungen jedoch zu verbessern und den Lohn zu erhöhen, werden „Lösungen“ wie zuletzt in der Steiermark gefunden, die zu einer weiteren Abwertung des Bereichs führen können.

Corona und Kinderbetreuung

Wie in vielen Bereichen hat sich die Situation der Kolleginnen und Kollegen in der institutionellen Kinderbetreuung sicherlich nicht verbessert. Einerseits ist ganz offenkundig, dass sich das Gesundheitsrisiko erhöht hat, da man Kindern unter 6 Jahren kaum plausibel machen kann oder auch sollte, dass ständig Sicherheitsabstände einzuhalten sind. Andererseits wurde Planungssicherheit genommen, da Unklarheit herrscht, ob und wann Gruppen oder Häuser geschlossen werden. Ausflüge sind teilweise je nach Schutzverordnung möglich oder nicht, und alles kann sich von heute auf morgen ändern. Weiters müssen gewisse Hygienekompetenzen an die Kinder vermittelt werden, für die aber Elementarpädagoginnen und ‑pädagogen keinerlei Ausbildung haben.

Quelle: Industrielle Beziehungen/ÖIF

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