Start Feuilleton Geschichte Zur einhundertjährigen Geschichte des parteiförmigen Kommunismus in Italien

Zur einhundertjährigen Geschichte des parteiförmigen Kommunismus in Italien

Vor 100 Jahren wurde die KP Italiens gegründet. Ihre weitere Geschichte bis zur Liquidierung war wechselhaft, die Gegenwart ist organisatorisch und ideologisch divergent.

Rom/Livorno. Wie wir zum gestrigen Jahrestag bereits beleuchtet haben, wurde am 21. Jänner 1921 in der toskanischen Hafenstadt Livorno die Kommunistische Partei Italiens (Partito Comunista d’Italia) gegründet. Die Delegierten sammelten sich an diesem Tag im Teatro San Marco, nachdem sie zuvor den 17. Kongress der Sozialistischen Partei (PSI) im Teatro Goldoni verlassen hatten. Somit war auch in Italien die Geburtsstunde der eigenständigen kommunistischen Bewegung im Bruch mit der alten Sozialdemokratie angelegt. In dieser hatte sich – später als in anderen Ländern Europas – endgültig der reformistische Flügel durchgesetzt, weswegen nicht ganz ein Drittel der PSI-Mitglieder, das sich als konsequent revolutionär verstand, den Kern der neuen Kommunistischen Partei bildete. Unter Führung von Amadeo Bordiga (1889–1970) und Antonio Gramsci (1891–1937) setzte die PCd’I auf ein klares klassenkämpferisches Programm mit dem Ziel des Sturzes des Kapitalismus durch die sozialistische Diktatur des Proletariats. Die neue Partei bekannte sich zu den berühmten 21 Punkten der Leninschen Leitsätze der Kommunistischen Internationale (Komintern) und definierte sich als deren italienische Sektion. Gramsci als führender Theoretiker der PCd’I ließ keine Zweifel an der Unterstützung der Russischen Oktoberevolution aufkommen und orientierte sich an bolschewistischen Prinzipien.

Faschismus und Widerstand

Nach der Machtergreifung der Faschisten unter Benito Mussolini – eines ehemaligen Mitglieds der PSI – im Jahr 1922 wurde die Tätigkeit der PCd’I erschwert, wenngleich die formelle Illegalisierung erst 1926 erfolgte. Nach der Verhaftung Bordigas 1923 rückte Palmiro Togliatti (1893–1964) in die Parteiführung auf, dessen Bedeutung sich durch die Einkerkerung Gramscis 1926 weiter vergrößerte. Togliatti hielt die PCd’I auf Kurs der Komintern und des Marxismus-Leninismus sowie an der Seite der UdSSR. Am VII. Weltkongress der Komintern 1935 war Togliatti neben Georgi Dimitroff einer der Wegbereiter einer umfassenden marxistisch-leninistischen Faschismusanalyse und der Entwicklung der Volksfrontpolitik. In deren Sinn suchte die PCd’I zunächst die Aktionseinheit mit Sozialisten und Sozialdemokraten, um den Widerstand gegen die Mussolini-Diktatur sowie den deutschen Faschismus zu organisieren. Die KP wurde zur führenden Kraft der antifaschistischen Resistenza im Untergrund sowie des bewaffneten Partisanenkampfes. In diese Zeit fällt mit der Auflösung der Komintern auch die Umbenennung der Partei von KP Italiens in Italienische Kommunistische Partei (Partito Comunista Italiano, PCI) im Jahr 1943.

Stärkste kommunistische Partei im Westen

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte sich die PCI als bedeutende politische Kraft in Italien etabliert und war an der Ausarbeitung der neuen, teilweise progressiven Verfassung beteiligt. Zunächst gehörte sie auch der Übergangsregierung an, 1947 schied sie unter den Vorzeichen des beginnenden Antikommunismus in Westeuropa aus und verblieb als stärkste Oppositionspartei mit zu dieser Zeit über zwei Millionen Mitgliedern und etwa 20 Prozent der Wählerstimmen. In einigen Großstädten war die PCI sogar stimmenstärkste Partei und stellte die Bürgermeister, so z.B. in Bologna, Turin, Genua, Florenz oder Venedig – und natürlich am Gründungsort Livorno. Keine andere kommunistische Partei in einem bürgerlich-kapitalistischen Land konnte ähnliche Zahlen aufweisen. Bis zum Tod Togliattis 1964 setzte sich der Aufwärtstrend fort, doch von der Regierung blieb man aufgrund der Unterstützung der UdSSR ausgeschlossen (conventio ad excludendum). Dass sich Toglitatti in weiterer Folge im Sinne des „Polyzentrismus“ auf einen eigenen italienischen Weg zum Sozialismus berief, mag damit zu tun gehabt haben. Schließlich kritisierte er aber die sowjetische Führung um Chruschtschow insbesondere für den Bruch mit der KP Chinas, die damals dem modernen Revisionismus widerstand. Allerdings starb Togliatti überraschend und zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt im Zuge eines Aufenthalts in der UdSSR. Mit der teilweisen Abgrenzung zu Moskau hatte er den eigenen Revisionisten leider eine Steilvorlage geliefert, die diese für ihre Zwecke uminterpretierten und missbrauchten.

„Historischer Kompromiss“ und Sozialdemokratisierung

Denn nun setzte die Sozialdemokratisierung der PCI ein. Der neue Generalsekretär Luigi Longo (1900–1980) leistete partielle Vorarbeit, sein Nachfolger Enrico Berlinguer (1922–1984) vollzog ab 1972 die Abkehr vom Marxismus-Leninismus. Im Zuge des so genannten „historischen Kompromisses“ (compromesso storico) arrangierte sich die PCI mit dem bürgerlichen Parlamentarismus und der Westintegration Italiens, nach den Wahlen von 1976 stützte man gar die Minderheitsregierung der konservativen Christdemokraten (Democrazia Cristiana, DC). Dahinter stand das revisionistische Konzept des „Eurokommunismus“, der sich als „dritter Weg“ zwischen Sozialdemokratie und „Sowjetsozialismus“ inszenierte – in Wirklichkeit bedeutete er den Übergang der Partei auf nicht-revolutionäre, faktisch antisozialistische Positionen, womit der weitere ideologisch-politische Verfall vorgezeichnet war. Der eigentliche Zweck – die Stimmenmaximierung zulasten der Sozialdemokratie – wurde jedoch erfüllt: 1976 erreichte man mit 34,4 Prozent das historisch beste Ergebnis bei Parlamentswahlen, bei der Europawahl 1984 wurde man mit 33,3 Prozent sogar stimmenstärkste Partei vor der DC. Außerdem stellte die PCI nun über Jahre auch die Bürgermeister von Rom und Neapel. Diese (Wahl-)Erfolge hatten freilich den Preis, die eigentliche kommunistische Identität der PCI abzulegen. 1983 distanzierte sich die PCI endgültig von der UdSSR und den sozialistischen Staaten, ab 1985 diskutierte man bereits die Aufgabe des Bestandteils „kommunistisch“ im Parteinamen.

Liquidierung und Neugründung

Die Umsetzung dieses Vorhabens kam sodann Achille Orchetto (*1936) zu, der 1988 Generalsekretär wurde. Die Konterrevolution in Osteuropa war der willkommene Anlass, jeden Bezug zum Kommunismus abschließend aufzugeben: 1990 beschloss der 19. Parteitag die Umbenennung der PCI und den Betritt zur sozialdemokratischen Internationale (SI). Dies vollzog der 20. (und letzte) Parteitag 1991, als die PCI auch formell liquidiert wurde – die neue Partei trug den Namen „Partito Democratico di Sinistra“ (PDS, Demokratische Linkspartei) und wurde 1992 auch Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE). Über den Zwischenschritt „Democratici di Sinistra“ (Linksdemokraten) verwandelte sich die Partei schließlich in die heutige Partito Democratico (Demokratische Partei), die neben sozialdemokratischen auch christlich-soziale und liberale Tendenzen aufweist. Sie ist seither die Kernpartei der verschiedenen „Mitte-Links-Bündnisse“ in Italien, stellte mehrere Ministerpräsidenten und hat mit dem Sozialismus-Kommunismus natürlich nichts mehr zu schaffen. Die italienischen Kommunisten mussten sich neu organisieren. Der erste Schritt hierzu war die Schaffung der „Partei der kommunistischen Wiedergründung“ (Partito della Rifondazione Comunista, PRC) im Dezember 1991 durch jene ehemaligen PCI-Mitglieder, die der PDS ablehnend gegenüberstanden.

Anknüpfen an den Eurokommunismus?

Diese PRC wurde unter der Führung Fausto Bertinottis (*1940) jedoch zu einer eher diffusen Partei der neu entdeckten „Zivilgesellschaft“, ein eigentliches Anknüpfen an den Kommunismus kann ihr nicht leicht unterstellt werden – sie wiederholte gewissermaßen die eurokommunistische Tragödie als „transformistische“, bestenfalls postoperaistische Farce und hat mit der Partei von Togliatti und Gramsci nichts gemein, wenngleich sie letzteren gerne ent- und auf den Kopf stellt, um ihn zu vereinnahmen. Die PRC war mit der deutschen Linkspartei treibende Kraft der Gründung der EU-konformen „Partei der Europäischen Linken“ und schuf wiederholt diverse „Regenbogen-Bündnisse“ in Italien. Rund um die Frage der Unterstützung linksdemokratischer Regierungen spalteten sich von der PRC 1998 die „Regierungskommunisten“ in der von Armando Cossuta (1926–2015) gegründeten Partito dei Comunisti Italiani (PdCI, „Partei der Italienischen Kommunisten“) ab, die sich trotzdem als wahre Erben der PCI geben: Seit 2016 nennt sich die PdCI sogar Partito Comunista Italiano. Das hat insofern seine Richtigkeit, als sich die „neue“ PCI u.a. auch auf den eurokommunistischen Liquidator Berlinguer beruft, womit eine Betitelung analog der 1921 gegründeten PCd’I weniger Stringenz geboten hätte. Die Quadratur des Kreises ist bekanntlich kein leichtes Unterfangen.

PC als marxistisch-leninistische Partei

Mit entsprechender Folgerichtigkeit erfolgte 2009 die Schaffung einer dritten kommunistischen Partei in Italien: Marco Rizzo (*1959), damals EU-Abgeordneter der PdCI, brach mit seiner Partei und gründete die Bewegung „Comunisti Sinstra Populare“ („Kommunisten – Volkslinke“), aus der 2014 die Partito Comunista (PC, „Kommunistische Partei“, ohne nationale oder Landesbezeichnung) hervorging. Die PC vertritt einen konsequent marxistisch-leninistischen Kurs und lehnt den „Eurokommunismus“ als Irrweg ab. Während sowohl PRC als auch PCI-2016 und PC Teilnehmer der Internationalen Treffen der kommunistischen und Arbeiterparteien („Solidnet-Gruppe“) sind, ist natürlich nur die PC auch Mitglied der Europäischen Kommunistischen Initiative (ECI), der auch die Partei der Arbeit Österreichs (PdA) angehört und in der sich auf Anstoß der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) die marxistisch-leninistischen Kräfte sammeln. Ohne sich in inneritalienische Fragen übergebührlich einzumischen, kann man konstatieren, dass die PC jene Partei der Gegenwart ist, die der vor 100 Jahren gegründeten Kommunistischen Partei Italiens ideologisch am nächsten steht.

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