HomeFeuilletonHugo Portisch – Chronist im Dienst der bürgerlichen Republik

Hugo Portisch – Chronist im Dienst der bürgerlichen Republik

Nach kurzer Krankheit ist Hugo Portisch am 1. April im Alter von 94 Jahren verstorben. Die Liste der offiziellen Honorationen ist lang, darunter auch das Große Goldene Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich. Zu Lebzeiten und in Nachrufen wird Portisch als der Historiker und Chronist der Zweiten Republik bezeichnet, dessen Verdienst es war, der Republik Österreich des 20. Jahrhunderts ein historisches Gedächtnis vermittelt zu haben. Portisch war aber kein Historiker, sondern Journalist und das sollte auch nicht vergessen werden. Portisch selbst verwies auf diese Tatsache des Öfteren, wenn seine Darstellungen kritisch hinterfragt wurden. Gerade aus Sicht der Arbeiterklasse und uns Kommunistinnen und Kommunisten muss sein Lebenswerk sehr kritisch beurteilt werden.

Mit seinen Dokumentationen Österreich I und Österreich II leistete er wahrlich einen wesentlichen Beitrag zum heutigen historischen (Selbst-)Verständnis der bürgerlichen Republik Österreich. Durch sein Bestreben wurde Archivmaterial nicht nur von den Westmächten, sondern auch von der Sowjetunion zusammengekauft. Das Dokumentationsmaterial der Sowjetunion wurde Portisch und der Republik Österreich nur durch diplomatische Beziehungen, viel Geld und der persönlichen Erlaubnis durch den damaligen Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, zur Verfügung gestellt. Die besonders teure Herausgabe der sowjetischen Archivmaterialien hatte seinen Grund: Die Sowjetunion wusste: Sobald die Rechte des Materials und deren Wirkung freigegeben werden, obliegt die Deutungshoheit den Käufern. Genau so ist es passiert. In seinen Dokumentation über das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Zweiten Republik spielen die Rotarmisten und die sowjetischen Funktionäre eine merkwürdige Doppelrolle: Die Befreier und die Bedroher der vermeintlich freien und demokratischen Welt. Die Rote Armee, die bei der Befreiung Europas vom Hitler-Faschismus die Hauptlast stemmt, erfährt bei Portisch nur sehr kritische Würdigung. Auch wenn die Bilder des Krieges Zeugnis ablegen vom erbitterten Kampf der SowjetsoldatInnen zur Befreiung Wiens, beteuert Portisch immer wieder, dass unser Dank den Westallierten und vor allem den US-Amerikanern zu gelten habe. Portisch zelebrierte zu Lebzeiten die Initiative und Wirkungs des Marshallplans und sah das Bestreben der UdSSR, Österreich wahrlich neutral zu halten und auch der sowjetischen Einflusssphäre offenzuhalten, als kommunistische Bedrohung, die er mit Gefahr einer erneuten Diktatur, ähnlich dem Faschismus, gleichsetzte. Der Marshallplan, der Österreich und Europa wirtschaftlich an die kapitalistische Weltmacht USA und dessen imperialistische und kriegstreiberische Interessen band, wurde von Portisch hingegen durchwegs positiv rezipiert. Dies ist nur ein Zeugnis von Portischs Selbstverständnis als Diener der bürgerlichen Vertreter des Kapitalismus und seiner Auffassung der Zeitgeschichte.

Schreckgespenst Heinrich Dürmayer

Portisch hat sich in seinem journalistischem Schaffen auch dadurch hervorgetan, dass er sich am Opfermythos Österreichs abbarbeitete, das erste Opfer Nazideutschlands zu sein. Besonders im Laufe der Waldheim-Affäre machte sich Portisch damit bemerkbar, das Narrativ aufzubrechen, Österreich und dessen Bürger seien am Anschluss 1938 und den nachfolgenden Schrecken des Krieges und den unzähligen Verbrechen unschuldig. Waldheim gewann 1986 trotz seiner Vergangenheit als Mitglied der SA und Involvierung in Kriegsverbrechen gegen jugoslawische Partisanen die Präsidentschaftswahl. Portisch wurde 1991 die Kandidatur zur Präsidentschaft, getragen von ÖVP und SPÖ, angeboten, doch er lehnte dies ab. Dieser Zusammenschluss der vermeintlich konkurrierenden Parteien in der Unterstützung von Portisch offenbart eine Gemeinsamheit der bürgerlichen Parteien des Kapitals: Antifaschismus nur scheinheilig und symbolisch zu leben. Eine Gemeinsamkeit, die wohl auch Portisch teilte, der die Kandidatur nur aus Desinteresse zum Amt und wohl nicht aus ideologischen Gründen ablehnte. Hugo Portischs Einstellung zu wahrem Antifaschismus tritt in einem Interview zutage, das wenige Jahre vor seinem Ableben aufgenommen wurde. Auf die Frage, welches Interview von seinen hunderten Zeitzeugengesprächen des Krieges und der Nachkriegszeit ihn an meisten schockierte, verwies Portisch auf ein Interview mit Heinrich Dürmayer. Dürmayer war Kommunist, nach dem Krieg Leiter der neuen Staatspolizei und sah seine Aufgabe in der Verfolgung faschistischer Kriegsverbrecher. So überführte und verhöhrte er öffentlich den Leiter der politschen Abteilung und Verfolgung in Auschwitz, Maximilian Grabner, der am Morden maßgeblich beteiligt war. Im Interview mit Portisch gab Dürmayer zu, davon zu wissen, dass Grabner den polnischen Gerichten überlassen wurde, was zu dessen Todesurteil führte, welches auch vollstreckt wurde. Dürmayer gab an, dass er fürchtete, das Grabner in Österreich letztendlich nur ein mildes Urteil und eventuell sogar eine Rehabilitierung erfahren hätte. Diese konsequente antifaschistische Haltung Dürmayrs stellte für Portisch also eine der schockierendsten Taten dar, von denen er in seinen zahlreichen Interviews erfuhr. Dies ist beispielhaft für Portischs Verständnis von Antifaschismus und wohl auch für die bürgerliche Geschichtsschreibung, die er vertrat.

Das Werk von Hugo Portisch ist zweifellos prägend für die Geschichtsschreibung der Zweiten Republik. Nicht nur auf seiner Wikipedia-Seite, sondern auch in zahlreichen Berichten wird seine Gabe erwähnt, komplizierte Sachverhalte in einfacher Sprache zu kommunizieren. Diese Gabe verwendete er aber stets, um die kapitalistische Ordnung in Österreich und Europa zu preisen und dessen politische und gesellschaftliche Konsequenzen zu rechterfertigen – und alles was diesem Narrativ entgegentrat, zu diffamieren. So wird von ihm nicht nur Hitlerdeutschland, der Austrofaschismus und später auch der Islamische Staat als Kern des Bösen und Autoritären bezeichnet, sondern auch die im Dienste der weltweiten Arbeiterschaft stehende Sowjetunion und ihre Errungenschaften in der Befreiung Europas vom Faschismus.

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