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Schernikau: Die Tage in L.

Eine Beschreibung zweier deutscher Welten, der DDR und der BRD. Der Autor Ronald M. Schernikau verfasst mit die „Tage in L.“ eine Liebes­erklärung an die DDR, die bessere der zwei Welten. Wurde 1990 als letzter Westdeutscher in die DDR eingebürgert und verstarb 1991 an der Immunerkrankung AIDS.

Ronald M. Schernikau ist 1960 in Magdeburg in der DDR geboren und wächst nachdem seine Mutter 1966 in die BRD ging dort auf. Mit 16 Jahren also 1976 tritt Schernikau der Deutschen Kommunistischen Partei bei und veröffentlicht 1980 we­nige Wochen vor seinem Abitur sein erstes Buch „Kleinstadtnovelle“. Anschließend zieht er nach Westberlin, dort wird er Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin und studiert an der FU Germanistik, Philosophie und Psychologie. In dieser Zeit veröffentlicht der homosexuelle Kommunist in allen bedeutenden linken und schwulen Medien während sein Stammverlag Manuskript um Manuskript ablehnt. 1984 nimmt er erstmals Kontakt mit dem Begründer der sozialisti­schen Klassik Peter Hacks auf. Als Schernikau 1986 zur Fort­setzung seines Studiums nach Leipzig geht, vertieft sich dieser Kontakt und führt zu einem pro­duktiven Austausch über Litera­tur, Marxismus und Politik.

„Die Tage in L.“ verfasste Schernikau als essayistische Abschlussarbeit seines Studiums am Johannes R. Becher Institut, es ist eine Beschreibung zweier Welten, der DDR und der BRD. Sein Fazit ist, dass sich die „ddr und die brd niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur“. Vor der Veröffentlichung schickte er das Skript an Hacks, der ihm in zwei Briefen darauf antwortete. Hacks stellte fest, dass es ihn freue, dass Schernikau nicht un­tätig gewesen sei und beschei­nigte ihm eine neue Gattung – das naturalistische Essay – ge­schaffen zu haben. Im zweiten Brief teilte er ihm mit, dass er sich als in die Partei aufgenommen betrachten könne, da er für ihn gebürgt hätte und sein Ansatz zutiefst marxistisch sei.

An die DDR ist es eine Liebeserklärung, an die BRD eine Absage, dabei verfällt er allerdings nicht dem romantisieren oder gar einer moralischen Beurteilung, die BRD sei wegen dieser oder jener Erscheinung schlecht und die DDR wegen dieser oder jener Errungenschaft gut, sondern beurteilt dies einzig ausgehend von den Eigentumsverhältnissen an den Produkti­onsmitteln. „walter benjamin in der ddr ist anregend, unge­wöhnlich, reich. zuhause blättere ich die westausgaben durch und lese nur ratlosigkeit. der sog der verzweiflung vewandelt den text.“ 

Zugleich scheut er jedoch nicht zum Teil beißende Kritik an der Realität die ihn umgibt, zu üben. „in ihrem übergroßen drang, den frieden zu erhalten, läßt die ddr auch ein buch veröffentlichen über die zeitung, die dieser ehemalige kanzler [der BRD, Anmerkung d. Redaktion] herausgibt. in ihm soll nachgewiesen werden, daß die den frieden will. als beweiß ist auf dem umschlag eine titelseite mit der schlagzeile den frieden denkbar werden lassen abgebildet, allerdings ist die seite abgeknickt, weil obendrüber noch eine schlagzeile ist, diesmal plump antikommunistisch. wer die friedensfähigkeit des westens beweisen will, der drückt dann schonmal das eine oder andere auge zu. peinlich wirds, wenn plötzlich beide zu sind und wir blind durch die gegend tapern.“ Doch gerade Kritik wie diese lassen Schernikaus Liebeserklärung an die DDR glaubwürdig erscheinen. Ronald M. Schernikau wurde 1989 als letzter offiziell in die DDR eingebürgert und übersiedelte am 1. September nach Berlin, 1991 stirbt er an den Folgen seiner HIV-Erkrankung.

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