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Resolution der Kommunarden 2021

1934 schrieb Bertolt Brecht das Gedicht „In Erwägung“ („Resolution der Kommunarden“) über die Erhebung der Pariser Kommune von 1871, das von Hanns Eisler vertont wurde. Es behandelt – im Wortlaut fiktiv, aber historisch korrekt – die Beschlüsse des revolutionären Gemeinderats von Paris von März bis Mai 1871. Zum 150. Jahrestag der Kommune sehen wir uns an, wie aktuell diese Resolution ist.

In Erwägung unsrer Schwäche machtet / Ihr Gesetze, die uns knechten soll’n. / Die Gesetze seien künftig nicht beachtet / In Erwägung, dass wir nicht mehr Knecht sein woll’n.

Der moderne Kapitalismus als Ausbeutung- und Unterdrückungssystem hat sich gut abgesichert: Der bürgerliche Staat, ob parlamentarische „Demokratie“ oder offene Diktatur, sichert die Herrschaft der Kapitalistenklasse über die arbeitenden Menschen. Seine Verfassung und seine Gesetze dienen der Aufrechterhaltung dieser „Ordnung“. Sie müssen aufgehoben und überwunden werden, durch die organisierte Macht der Arbeiterklasse und deren Gemeinwesen.

In Erwägung, dass ihr uns dann eben / Mit Gewehren und Kanonen droht / Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben / Mehr zu fürchten als den Tod.

Das Kapital wird seiner Entmachtung nicht tatenlos zusehen, sondern mit jeder denkbaren Repressions- und Gewaltmaßnahme drohen – und viele davon auch einsetzen. Seine letzte Ausflucht ist der Faschismus. Dagegen braucht es den entschlossenen und mutigen Widerstand, den unbeirrbaren, revolutionären Klassenkampf.

In Erwägung, dass wir hungrig bleiben / Wenn wir dulden, dass ihr uns bestehlt / Wollen wir mal feststell’n, dass nur Fensterscheiben / Uns vom guten Brote trennen, das uns fehlt.

Die parasitäre Kapitalistenklasse rafft allen Reichtum und alle Güter an sich, für die arbeitenden Menschen und ihre Angehörigen soll nur das Nötigste bleiben – oder nicht einmal das: In dieser kapitalistischen Welt verhungern jedes Jahr 40 Millionen Menschen, davon drei Millionen Kinder unter fünf Jahren. Fast eine Milliarde Menschen ist von Hunger und Unterernährung betroffen, obwohl es weltweit gesehen ausreichend Lebensmittel gibt. Doch diese werden den Menschen bewusst vorenthalten, um damit maximalen Profit zu machen.

In Erwägung, dass da Häuser stehen / Während ihr uns ohne Bleibe lasst / Haben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen / Weil es uns in unsern Löchern nicht mehr passt.

Die herrschenden Kapitalisten, die Reichen und ihre politischen Lakaien leben in Villen, Penthäusern oder sogar Schlössern. Sie lassen unzählige Wohnungen und Häuser leerstehen, um damit zu spekulieren. Sie kassieren unerhört hohe Mieten von den arbeitenden Menschen, selbst für gänzlich unwürdige Behausungen. Millionen Menschen leben in Elendsquartieren, eine beschämende Zahl ist überhaupt obdachlos.

In Erwägung: es gibt zu viel Kohlen / Während es uns ohne Kohlen friert / Haben wir beschlossen, sie uns jetzt zu holen / In Erwägung, dass es uns dann warm sein wird.

Die Kapitalisten lassen Kriege um Energieressourcen führen. Sie versperren einer umweltfreundlichen und ökologischen Wende aus Profitgründen den Weg. Selbst in Europa können viele Menschen ihre horrenden Strom- und Gasrechnungen nicht bezahlen – und sitzen und dunklen und kalten Wohnungen. Ein Drittel der Menschheit, v.a. in den abhängigen Ländern, ist aber trotz des technischen Fortschritts sowieso nicht ans Stromnetz angeschlossen.

In Erwägung: es will euch nicht glücken / Uns zu schaffen einen guten Lohn / Übernehmen wir jetzt selber die Fabriken / In Erwägung: ohne euch reicht’s für uns schon.

Der innerste Kern der Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten ist die kapitalistische Lohnarbeit. Die Kapitalisten behalten den Mehrwert, d.h. einen Teil des von den Arbeitenden produzierten Reichtums, um ihn sich anzueignen und in Profit zu verwandeln. Dieser Profit ist die Grundlage des Vermögens und des Luxuslebens der Kapitalistenklasse. Und um größtmöglichen Gewinn zu machen, müssen den Arbeiterinnen und Arbeitern natürlich möglichst niedrige Löhne bezahlt werden. Dass dies überhaupt möglich ist, liegt am kapitalistischen Privateigentum an Produktionsmitteln, das diese für das Kapital monopolisiert. Doch die Wahrheit ist: Die Arbeiterklasse braucht keine kapitalistischen Ausbeuter und Eigentümer, um zu arbeiten. Sie kann die Produktion ebenso gut selbst organisieren, wobei sie dann durch ihre Arbeit nicht auch noch die untätigen Kapitalisten mitversorgen müsste. Hierfür ist es notwendig, das kapitalistische Privateigentum in gesellschaftliches Eigentum zu verwandeln. Dann kommt der gesellschaftliche Reichtum allen arbeitenden Menschen gleichermaßen zugute, während die Profite für das Kapital eingespart und für Besseres verwendet werden.

In Erwägung, dass wir der Regierung / Was sie immer auch verspricht, nicht trau’n / Haben wir beschlossen, unter eigner Führung / Uns nunmehr ein gutes Leben aufzubau’n.

Jede Regierung im bürgerlich-kapitalistischen Staat ist eine Regierung des Kapitals, egal ob konservativ, liberal, rechtsextrem oder sozialdemokratisch. Jede Regierung handelt im Auftrag und im Interesse des Kapitals, egal was sie behauptet – immer geht es um Kapitalismusverwaltung, wobei die Reichen gesetzmäßig reicher und die Armen ärmer werden oder zumindest kaum Aussicht auf Besserung haben. Auch die Sozialdemokratie ist mittlerweile vollständig in das bürgerlich-kapitalistische System integriert und betrügt die Arbeiterklasse – auch sie ist prokapitalistisch und konterrevolutionär. Die sozialistische Revolution muss auf eigenen Beinen und auf neuer Grundlage stehen, der demokratischen Selbstverwaltung der Arbeiterklasse, gegen den Widerstand des Kapitals und seiner unterschiedlichen Parteien.

In Erwägung: ihr hört auf Kanonen – / Andre Sprache könnt ihr nicht versteh’n – / Müssen wir dann eben, ja, das wird sich lohnen / Die Kanonen auf euch dreh’n!

Die Revolution ist kein Kaffeekränzchen. In dem Maße, wie das Kapital die Arbeiterklasse unterdrückt und die Revolution bekämpft, wird der proletarische Klassenkampf gegen die Unterdrücker vorgehen. Gegenüber dem Kapital hilft kein gutes Zureden oder Bitten, sondern nur die organisierte Gegenmacht, die man auch einsetzen muss. Eine andere Revolution wird es nicht geben.

Quelle: Brecht/Eisler: Resolution der Kommunarden (YouTube)

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