Start Feuilleton Maxim Gorki – Der schonungslose Realist

Maxim Gorki – Der schonungslose Realist

Vor nunmehr 84 Jahren verließ uns der revolutionäre Schriftsteller Maxim Gorki. Sein Leben spiegelt die stürmische Zeitenwende der Oktoberrevolution wider.

Eine Trilogie von einem Leben

Aleksej Maksimovič Peškov wird am 28. März 1868 in Nižnij Novgorod unter ärmlichen Verhältnissen geboren. Seine Kindheit und Jugend zeigen sehr deutlich, wie unbarmherzig ungerecht und zäh das Leben im zaristischen Russland war. Aleksej verwaist sehr früh und kommt bei seinen Großeltern unter. Dort kommt er bald mit familiärer körperlicher Gewalt in Berührung. Nach nur drei Jahren nimmt ihn der Großvater von der Schule und Aleksej muss für sich selbst sorgen. Seine berufliche Laufbahn ist von häufigen Wechseln und brutalen Auftraggebern gekennzeichnet. Bevor er seine schriftstellerische Laufbahn antritt, ist er Laufbursche in einem Schuhgeschäft, Putzer bei einem Ikonenmaler, Bauaufseher, Tellerwäscher auf einem Wolgadampfer für Sträflingstransporte, Verladearbeiter, Gärtner, Lumpensammler, Bäcker, Nachtwächter, Vogelsteller und Hafenarbeiter. Um sein ganzes Leben erzählen zu können, brauchte Gorki eine ganze Trilogie: Meine Kindheit, Unter fremden Menschen und Meine Universitäten bilden in dieser Reihenfolge seine Autobiographie. Lev Tolstoj sagte ihm deshalb einmal in nüchtern väterlicher Manier: „Sie wissen ziemlich viel vom Leben; mehr brauchen Sie nicht zu wissen.“ Tatsache ist, dass Gorki schon damals einen Erfahrungsschatz besaß, der den vieler seiner Literatenkollegen bei Weitem übertraf.

Politischer Aktivismus

Gorki war in seiner literarischen Bildung und seiner politischen Bewusstwerdung vor allem Autodidakt. In seiner geringen freien Zeit bildet er sich weiter und verschlingt alle Bücher, die er in die Hände bekommt. Dennoch versteht er, dass sich zwischen ihm, dem lernenden Arbeiter, und der restlichen studierenden Jugend, zu der er Anschluss sucht, eine weite, unüberwindbare Kluft auftut, die ihn zur Verzweiflung bringt. Mit 19 Jahren scheitert sein Selbstmordversuch mithilfe eines Revolvers, woraus aber chronische Lungenbeschwerden resultieren. In Kasan wird er nach seiner Heilung zunehmend politisch aktiv, er lernt politisch Verfolgte kennen und schließt sich studentischen Geheimzirkeln an. Es dauert nicht lange, bis auch er in das Fadenkreuz der russischen Repressionsorgane gerät. Wegen der Mitarbeit an einer Geheimdruckerei wird er 1889 zum ersten Mal verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Daraufhin durchwandert er auf Arbeitssuche und auch um der Polizeibeaufsichtigung zu entgehen, zwei Jahre lang Mittelrussland zu Fuß vom Don durch die Ukraine bis zur Donau und zurück über die Krim zum Kaukasus. In Tiflis lässt er sich wiederum eine Zeit lang unter Arbeitern und Studenten nieder. Seine politische Schulung und das Verständnis der Notwendigkeit einer tiefen, revolutionären Veränderung entspringt unweigerlich aus den ihn umgebenden materiellen Verhältnissen: „Ihr sagt: ein Marxist! Ohne Zweifel! Allerdings nicht nach Marx, sondern weil meine Haut so gegerbt war. Mehr und besser als aus Büchern habe ich den Marxismus bei Semjonow, dem Bäcker in Kasanj, gelernt. “ 

Der Schriftsteller

Unter seinem Pseudonym Maksim Gorkij (der Bittere), erscheint in Tiflis 1892 in einer Provinzzeitung seine erste Erzählung. Doch es war ein weiter Weg dahin. Stefan Zweigs Formulierung zum sechzigsten Geburtstag Gorkis erscheint im Wissen um das Leben Gorkis noch vielsagender: „Das Schicksal hat ihn lange zum Lehrling und Knecht alles Leidens gemacht, ehe er Herr werden durfte des Wortes und Meister der Gestaltung.“

1898 erscheinen seine gesammelten Novellen in Buchform, 1902 sein berühmtes Werk Nachtasyl, das internationale Bekanntheit erlangt. 1903 führt es Max Reinhardt in Berlin mit großem Erfolg auf. In Westeuropa wird er wegen seines lauten Protests in Gegensatz zum fein ziselierten Čechov (mit dem man inzwischen die sog. russische Seele verbindet) gestellt und teilweise sehr positiv aufgenommen. Die Neuheit im Werk Gorkis entspringt der Echtheit seiner Erzählungen. Er gibt den aus der Gesellschaft Verstoßenen das Wort: Totschläger, Diebe, Falschspieler, Trinker, Prostituierte, Zuhälter. Bekannter aber wird er für seine Darstellungen des Proletariats. Auch in Russland findet Gorki prominente Fürsprecher: Korolenko, Čechov und Tolstoj sorgen mehr als einmal dafür, dass Gorki aus der Haft entlassen wird. Nach der bürgerlichen Revolution von 1905 setzt sich Gorki zunächst in Frankreich, dann in die USA ab, wo er versucht, Parteispenden zu sammeln. In den Adirondacks-Bergen schreibt er seinen großen Erfolgsroman Die Mutter, der später in der Sowjetunion den wohlverdienten Status von Schullektüre bekommen sollte. Sein Weg führt ihn daraufhin auf die Insel Capri, wo er bis 1913 verweilt und eine rege politische Aktivität entwickelt: Er gründet eine Schule für Revolutionäre und Propagandisten und beantwortet unzählige an ihn gerichtete Briefe von einfachen Leuten und revolutionärer Prominenz.

Ein schicksalshaftes Zusammentreffen

Im Zuge einer Sitzung des Zentralkomitees der SDAPR im Dezember 1905 treffen Gorki und Lenin zum ersten Mal aufeinander. 1907 lernen sie sich auf dem Londoner Parteitag besser kennen. Lenin begrüßte ihn mit folgenden Worten: „Schön, dass Sie gekommen sind. Sie haben doch Raufereien gern? Hier wird es eine ordentliche Rauferei geben“, und nutzte auch die Gelegenheit, einige Augenblicke später, um Gorki über die Schwächen seines Romans Die Mutter aufzuklären. Da viele Arbeiterinnen und Arbeiter noch in halbbewusstem, spontanem Zustand an der revolutionären Bewegung teilgenommen hätten, sei das Buch aber notwendig und „sehr zeitgemäß“.

Lenin versetzte Gorki in tiefe Bewunderung und er zeichnete ihn nach, wie nur ein Schriftsteller einen Redebeitrag auf einem Parteitag nachzeichnen kann: „Sein vorgestreckter Arm mit der aufwärtsweisenden Handfläche, die die Worte zu wägen schien, während er die Behauptungen der Gegner wegfegte und ihnen seine gewichtigen Thesen und Beweise entgegensetzte, Beweise dafür, dass die Arbeiterklasse das Recht und die Pflicht habe, ihren eigenen Weg zu gehen, nicht hinter und auch nicht neben der liberalen Bourgeoisie – das alles mutete außergewöhnlich an. Lenin sprach gewissermaßen nicht im eigenen Namen, sondern durch seinen Mund sprach die Geschichte ihren Willen aus.“

Gorkis Vermächtnis

Gorki hinterlässt eine Vielzahl an Romanen und Novellen, die in der Sowjetunion zu Recht Kultstatus errangen. Nach ihm wurden viele Straßen, Theater, Universitäten, zeitweise die ganze Stadt Nižnij Novgorod sowie ein Gebirgskamm in der Antarktis benannt. Er leistete aber nicht nur sehr viel auf dem Gebiet der Literatur, sondern auch für die Literaturproduktion: Zahlreiche junge sowjetische Schriftsteller wurden nicht nur von ihm inspiriert, sondern sogar aktiv gefördert. Als Vorsitzender des Sowjetischen Schriftstellerverbands hatte er nun auch die Möglichkeiten dazu.

Sein schonungsloser Realismus war vorbildhaft und trotzdem zielgerichtet. Sein Verständnis für die Notwendigkeit einer Revolution lässt sich in seinen Protagonisten nachlesen und nachempfinden, denn sie künden gleichsam von einer besseren Zukunft. Damit erneuerte Gorki die russische Literatur maßgeblich, die sich nach Čechov in einer Sackgasse befunden hatte. Mit der Kategorie des „überflüssigen Menschen“, die sich das gelangweilte russische Bürgertum ausgedacht hatte, war sie schon längst an ihre Grenzen gestoßen. Es brauchte einen durchwegs proletarischen Schriftsteller, um einen neuen Menschen, eine literarische Entsprechung der sowjetischen Wirklichkeit, die aus dem Elend des Zarismus geboren war, zu erschaffen. Sein umfassendstes und gleichzeitig von der Kritik am meisten vernachlässigte Werk Klim Samgin blieb, trotz seiner 2000 Seiten, unvollendet. Als gleichzeitig historischer Roman und objektive Coming-of-Age-Story bleibt es aber ein wichtiges Zeugnis vorrevolutionärer Zeit und festigt Gorkis Avantgarde-Status.

Sein Glück hatte er zweifelsohne im Sozialismus gefunden: „Genossen, man hat mich heute einen glücklichen Menschen genannt. Das ist richtig, vor euch steht wirklich ein glücklicher Mensch – ein Mensch, in dessen Leben sich seine schönsten Träume, seine schönsten Hoffnungen erfüllt haben. […] Wenn ich ein Kritiker wäre und ein Buch über Maxim Gorki schriebe, so würde ich darin sagen, dass die Kraft, die Gorki zu dem gemacht, als der er vor euch steht, zu dem Schriftsteller, den ihr so übertrieben ehrt, den ihr so liebt, darin besteht, dass er als erster in der russischen Literatur und, vielleicht, als erster im Leben, so für sich persönlich, die ungeheure Bedeutung der Arbeit erkannt hat, der Arbeit, die alles Wertvolle, alles Schöne, alles Große in dieser Welt schafft.“

Quellen:

Anne Bock im Nachwort zu: Gorki, M. (1959): Meisternovellen. Manesse Verlag, Zürich.
August Scholz im Nachwort zu: Gorki, M. (1998): Nachtasyl. Reclam Verlag, Stuttgart.
Maxim Gorki in: Lenin – Erzählt von vielen. Progress, Moskau.
Gourfinkel, N. (1981): Gorki. Rowohlt, Hamburg.

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